Interpharm 2009

Kleine Kinder, kleine Pillen …

Die Arzneimitteltherapie von Kindern stellt Mediziner vor große Herausforderungen. Denn die Vorstellung, einfach nach dem Motto "kleine Kinder, kleine Pillen" die Dosis eines Wirkstoffs reduzieren zu können und dann eine passende Medikation zu erhalten, geht an der Realität vorbei. Der kindliche Organismus unterscheidet sich grundlegend von dem eines Erwachsenen – und zwar umso mehr, je jünger das Kind ist. Worauf es alles zu achten gilt, zeigte Prof. Dr. Matthias Schwab, Dr. Margarete Fischer-Bosch-Institut für Klinische Pharmakologie, Stuttgart.
Prof. Dr. Matthias Schwab

Kinder und Jugendliche weisen physiologische und pharmakologische Besonderheiten auf, die in erheblichem Maß die Pharmakokinetik und -dynamik von Arzneistoffen beeinflussen können. Vor allem Säuglinge, bei denen viele Reifeprozesse noch nicht abgeschlossen sind, stellen eine sensible Altersgruppe dar.

Für die Dosierung von Arzneimitteln werden bei Kindern häufig wie bei Erwachsenen Körpergewicht und -größe herangezogen. Laut Schwab zu wenig berücksichtigt wird der Umstand, dass sich die Körperzusammensetzung in den ersten Lebensjahren ständig verändert. So können verschiedene Organe bei Neugeborenen einen viel größeren prozentualen Anteil am Gesamtorganismus haben als beim Erwachsenen. Schwab zufolge macht beispielsweise das Gehirn beim Neugeborenen 12% des Gesamtkörpergewichts aus, beim Erwachsenen nur noch 2%. Auch das Verhältnis von Körperfett und Körperwasser unterscheidet sich grundlegend. Bei Frühchen liegt der Körperfettanteil bei nur etwa 1%, bei Säuglingen sind es 15% und bei Kindern und Erwachsenen ca. 30%. Dafür nimmt die prozentuale Menge an Gesamtkörperwasser mit zunehmendem Alter ab. Je nach Hydrophilie eines Arzneistoffs ergeben sich aus diesen Unterschieden bei Frühchen und Neugeborenen deutlich größere Verteilungsvolumina und somit längere Halbwertszeiten (z. B. bei Aminoglycosidantibiotika).

Abweichungen bei der Resorption

Für die Abschätzung der Arzneistoffresorption muss bei Frühchen und Neugeborenen bedacht werden, dass sie zwar eine etwas höhere basale Magensäureproduktion als ältere Kinder haben, diese jedoch darüber hinaus kaum stimuliert werden kann. Hieraus können sich Änderungen der Resorptionsgeschwindigkeit ergeben (z. B. für Penicillin). Außerdem fehlen bei Neugeborenen ATP-abhängige Transportmechanismen in der Darmmucosa, was sich hemmend auf die Arzneistoffresorption auswirken kann (z. B. bei Phenobarbital). Eine verstärkte Resorption findet bei Frühchen und Neugeborenen über die Haut statt, da diese noch sehr durchlässig ist. Dieser Umstand kann therapeutisch genutzt werden. So wurden in einer Studie mit Frühchen nach perkutaner Gabe von Theophyllingel in elf von 13 Fällen therapeutische Wirkspiegel erzielt. Auf der anderen Seite können Desinfektionsmittel oder Detergenzien aufgrund der Hautdurchlässigkeit Probleme machen.

Bezüglich der Arzneimittelausscheidung müssen Unterschiede in der Nierenfunktion beachtet werden: Bei Säuglingen ist die glomeruläre Filtrationsrate verglichen mit Erwachsenen erniedrigt.

Unausgereiftes CYP-System

Für die Metabolisierung vieler Arzneistoffe spielen die Enzyme des Cytochrom-P450-Systems in der Leber eine wichtige Rolle. Dieses System ist bei Neugeborenen noch nicht ausreichend entwickelt. Abgesehen vom Subtyp 3A7, der fast ausschließlich beim Fötus vorkommt, ist das Gros der CYP-Enzyme nur in geringer Menge verfügbar. Auch weitere Enzyme wie die UDP-Glucuronosyltransferase sind bei Neugeborenen noch zu wenig vorhanden. Die Enzymmängel können zu teilweise schwerwiegenden unerwünschten Arzneimittelwirkungen führen. Als Beispiel nannte Schwab das Gasping-Syndrom, das durch den Hilfsstoff Benzylalkohol ausgelöst wird, sowie das Gray-Syndrom nach Chloramphenicolgabe.

Wir brauchen mehr Studien

Wie Schwab betonte, kann eine adäquate Arzneimitteltherapie bei Kindern – insbesondere bei Frühchen und Säuglingen – nur auf der Basis aussagekräftiger Daten zur Pharmakokinetik und -dynamik erfolgen. Um diese Daten zu erhalten, müssen mehr Studien mit Kindern durchgeführt werden. Derzeit werden bis zu 70% der Arzneimittel bei Kindern als Off-label-Use verabreicht. Dieser hohe prozentuale Anteil muss dringend verringert werden, meinte Schwab.


ral

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