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Doping am Arbeitsplatz, ein unterschätztes Phänomen?

BONN (hb). Die Einnahme von Psychopharmaka zu Zwecken der Verbesserung von Kognition, Emotion oder Motivation hat in den letzten Jahren zugenommen und scheint vor allem in den USA bereits verbreitet zu sein. Wie es diesbezüglich hierzulande aussieht, beleuchtet der DAK Gesundheitsreport 2009 mit dem Schwerpunktthema "Doping am Arbeitsplatz", der durch das IGES Institut in Berlin erstellt wurde.

Eine Auswahl an Wirkstoffen, die hinsichtlich ihres "Doping-Potenzials" in der Literatur und im Rahmen einer ebenfalls durchgeführten Expertenbefragung erwähnt werden, ist in Tabelle 1 aufgelistet.

Ergebnisse der Befragung

Im Rahmen einer repräsentativen, online-gestützten Bevölkerungsbefragung wurden 3000 aktiv Erwerbstätige im Alter zwischen 20 und 50 Jahren zur Kompensation von Stressbelastungen am Arbeitsplatz mithilfe von Psycho- und Neuropharmaka, insbesondere ohne medizinisch triftige Gründe befragt.

Hier die wichtigsten Resultate:

  • Nahezu jeder Fünfte (18,5%) kennt mindestens eine Person im Kollegen-, im Freundes- und Bekanntenkreis oder in der Familie, die ohne medizinisch triftige Gründe Arzneimittel zur Steigerung der geistigen Leistungsfähigkeit oder zur Aufhellung der Stimmung eingenommen hat bzw. einnimmt.
  • Diesbezügliche Empfehlungen kommen meist aus dem Kreis der Kollegen, Freunde, Bekannten oder der Familie.
  • Gut jede dritte Frau hat die Empfehlung von einer Ärztin oder einem Arzt erhalten, bei den Männern nur jeder Fünfte.
  • 17% der Befragten (143 Personen) haben selbst schon Arzneimittel zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder der psychischen Befindlichkeiten eingenommen (10% der Männer, mehr als 25% der Frauen).

"Nur" fünf Prozent dopen sich am Arbeitsplatz

Nicht jede Einnahme zur Verbesserung der geistigen Leistungsfähigkeit oder psychischen Befindlichkeit ist jedoch automatisch mit "Doping am Arbeitsplatz" gleichzusetzen. So erfolgte die Einnahme bei nahezu drei Viertel der Befragten auf Rat eines Arztes zur Linderung und Therapie einer spezifischen Erkrankung. Immerhin 28% gaben jedoch eine Einnahme ohne medizinische Notwendigkeit zu, mit einer größeren Häufigkeit bei den Männern.

Die Personen wurden nicht zu den Dopern gezählt, soweit die Arzneimittel über ein ärztliches Rezept bezogen wurden, da hier eine medizinische Begründung per se vorausgesetzt wurde, ebenfalls nicht bei der Einnahme nicht-rezepflichtiger Arzneimittel, da diese als nicht "dopingrelevante" Stoffe eingestuft wurde, und auch nicht, soweit die Arzneimittel ohne Rezept von anderen Versandquellen abseits der geregelten Abgabe von Arzneimitteln bezogen wurden. Bezogen auf die Gesamtzahl der Befragten dopen sich nach diesem Ausschlussverfahren "nur" rund 5% der aktiv Erwerbstätigen im Alter zwischen 20 und 50 Jahren.

Womit wird gedopt?

Hinsichtlich der laut Angaben der Befragten für das Doping bzw. Enhancement verwendeten Therapeutika bzw. den angestrebten Wirkungen lassen sich fünf Wirkrichtungen sowie eine Sammelkategorie "andere" unterscheiden.

Bezugsquellen der Arzneimittel

Als Bezugsquelle für die Arzneimittel dominiert die Standortapotheke. Hierher haben insgesamt 44,5% (Frauen: 48,4%; Männer: 39,3%) die jeweiligen Präparate ohne Rezept (OTC-Arzneimittel) bezogen. Ebenfalls sehr häufig, insbesondere in der Gruppe der Frauen, werden Kollegen, Freunde oder die Familie als Bezugsquelle genannt. 14,1% haben die Präparate über zumeist "normale" Arzt- oder Privatrezepte bezogen. Internetapotheken stehen mit insgesamt 12,2 % der Nennungen an dritter Stelle.

Wie viel wurde off label verordnet?

Außerdem wurden in der Studie anhand von Verordnungsdaten aus dem Jahr 2007 analysiert, in welchem Umfang Psycho- und Neuro-Pharmaka off label verordnet wurden. Zusammenfassend wird festgestellt, dass unter Berücksichtigung bekannter zulassungsüberschreitender Verordnungen die Daten für etwa ein Viertel der Versicherten keine medizinische Begründung liefern. Besonders groß war die "Lücke" der medizinisch nicht nachvollziehbaren Verordnungen bei dem Wirkstoff Piracetam. Für Methylphenidat fehlte bei 27,6% der Versicherten mit mindestens einer Verordnung der Nachweis einer entsprechenden Diagnose, für Modafinil bei 24% der Versicherten. Diese relativ hohen Werte werten die Autoren als indirekte Hinweise für den Missbrauch der beiden Wirkstoffe im Sinne von "Doping am Arbeitsplatz". Immerhin hatten gut 14% der Befragten, die ohne medizinisch triftige Gründe Arzneimittel zu diesem Zweck eingenommen haben, diese über ein Rezept erhalten.

Mit Rechtfertigung schnell bei der Hand

Die Autoren des Reports schließen aus den Ergebnissen, dass sich Mutmaßungen, die von einem bereits beachtlich verbreiteten Phänomen ausgehen, derzeit nicht bestätigen lassen. Gleichwohl gestehen sie zu, dass die Untersuchungsmethode hinsichtlich der Off-label-Verordnungen eher ein "Underreporting" als eine Übererfassung in Bezug auf das "Doping am Arbeitsplatz" bewirkte. Insofern ist eine Bagatellisierung der Befunde trotz der relativ geringen absoluten Zahl von 5% an Dopern wohl fehl am Platze. Dass rund 28% der Frauen und gut 25% der Männer das Bedürfnis, die Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- und Konzentrationsleistungen im Beruf generell steigern zu wollen, als vertretbaren Grund für die Einnahme von Medikamenten ohne medizinische Notwendigkeit erachten, dürfte zusätzlich alarmieren.

Tab. 1: Potenzielle Wirkstoffe für das Doping am Arbeitsplatz
Wirkstoffe zur Verbesserung
der kognitiven Fähigkeiten
Wirkstoffe zur Verbesserung
des psychischen Wohlbefindens
Psychostimulanzien
– Methylphenidat
– Modafinil
Antidementiva
– Piracetam
– Cholinesterasehemmer
(Donepezil, Rivastigmin
Galantamin)
– Memantin
Antidepressiva (Selektive-Serotonin-
Wiederaufnahmehemmer)
– Fluoxetin
Betablocker
– Metoprolol

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