Arzneimittel und Therapie

Bagatelle oder Katastrophe?

Im Erwachsenenalter sind etwa 80% aller Harnwegsinfekte Bagatellerkrankungen, die keiner oder lediglich einer unterstützenden Behandlung bedürfen. Bei den anderen 20% kann eine falsch oder nicht behandelte Infektion zum Nierenversagen oder zur lebensbedrohlichen Urosepsis führen. Im Vorfeld gibt es keine sicheren Kriterien zur Einordnung der Krankheitsschwere, jedoch ermöglichen anamnestische Schlüsselinformationen, Basiswissen und Erfahrung in vielen Fällen die richtige Weichenstellung zum weiteren Vorgehen.

Nach der Urinbildung in den Nieren wird der Harn mithilfe peristaltischer Bewegungen durch die Harnleiter in die Blase transportiert und dort gesammelt. Die Entleerung erfolgt durch die Harnröhre und wird durch den inneren und äußeren Blasenschließmuskel unterstützt. Durch eine urethrale Aszension gelangen Bakterien in die Blase. Diese minimale Kolonisierung mit anschließender Keimreplikation ist ein physiologischer Vorgang, der vor allem Frauen betrifft; bei Männern spielt die Keimreplikation aufgrund der kürzeren Harnröhre eine geringere Rolle. Dieser physiologische Prozess wird durch natürliche Abwehrmechanismen in Schach gehalten. Die wichtigste Waffe ist hierbei die Miktion, bei der bereits 95% aller Keime ausgewaschen werden. Weitere Mechanismen sind ein saurer pH-Wert des Harns und Vorgänge der spezifischen Immunabwehr.

Risikofaktoren

Eine Kolonisation der Blase mit Keimen ist nicht mit einer behandlungsbedürftigen Infektion gleichzusetzen. Die Notwendigkeit einer Therapie besteht erst, wenn weitere Faktoren vorliegen, die eine Infektion begünstigen. Zu diesen gehören

  • eine bakterielle Infektion
  • bakterielle Brutstätten (aufgrund einer Harnretention oder durch nicht durchspülte Kompartimente; ferner bedingt durch Nekrosezonen, Harnsteine oder Fremdkörper)
  • urodynamische Faktoren (vesikoureteraler Reflux, bei dem der Harn aufgrund einer physiologischen Ventilstörung mit hohem Druck nach oben steigt und dabei die Niere mit Bakterien "beimpft" oder Blasenentleerungsstörungen aufgrund neurologischer Erkrankungen) und
  • anatomische Faktoren (wie etwa Harnleiterstenosen, Blasen- oder Harnleitersteine, Prostatavergrößerung)

Liegen neben einer Infektion zusätzlich Risikofaktoren vor, handelt es sich um einen komplizierten Harnwegsinfekt, der antibiotisch therapiert werden muss. Des Weiteren sollte der Risikofaktor (Harnstein, anatomischer Defekt etc.) behoben werden.

Diagnose und Therapie

Die typischen Symptome eines Harnweginfekts umfassen Miktionsbeschwerden wie Pollakisurie, Dysurie und Harndrang, Schmerzen in der Blasenregion oder Flankenschmerz sowie eine olfaktorische und optische Veränderung des Urins (Trübung, veränderter Geruch, teilweise sichtbare Blutspuren). Fieber tritt in der Regel erst bei einer Beteiligung des Gewebes auf und erfordert rasches Handeln. Es gibt allerdings auch Harnwegsinfekte, die symptomfrei verlaufen. Zur Sicherung der Diagnose sollte eine Bakterienkultur angelegt werden, ferner ist die Leukozytenausscheidung zu kontrollieren. Die weitergehende Diagnostik umfasst die Sonographie, selten ein MRT, bei Kindern eine Abklärung der Blasenfunktion und bei einer geringen Anzahl der Patienten eine Blasenspiegelung.

Wird der Harnwegsinfekt als Bagatellerkrankung eingeschätzt, ist keine antibiotische Therapie erforderlich. Neben allgemeinen Maßnahmen kann zu einer begleitenden phytotherapeutischen oder homöopathischen Therapie geraten werden. Ist eine antibiotische Behandlung notwendig, richtet sich diese nach den Risikofaktoren und der Schwere der Harnwegsinfektion (siehe Kasten "Antibiotische Therapie").

Quelle

Priv.-Doz. Dr. Alexander Frankenschmidt, Freiburg: "Harnwegsinfektion – Bagatelle oder Katastrophe?" Vortrag auf dem Frühjahrskongress der LAK Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen, 14. bis 15. März 2009.

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr
Begleitende Maßnahmen
bei Harnwegsinfekten
allgemeine Maßnahmen
  • reichliche Flüssigkeitszufuhr
  • geregeltes Miktionsverhalten (fünf- bis sechsmal täglich Wasserlassen)
  • lokale Wärmeapplikation
  • Stärkung der Abwehrkräfte durch vernünftige Lebensweise
  • angemessene Hygiene (keine übertriebenen Maßnahmen)
homöopathische Ansätze
  • Causticum H.
  • Berberis
  • Equisetum
  • Belladonna
Phytotherapie
  • Tees mit diuretischer Wirkung (etwa Goldrute, Birkenblätter, Bärentraubenblätter, Hauhechel und weitere)
  • Cranberries zur Harnansäuerung

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