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Glaeske fehlt das Verständnis

BERLIN (ks). Dass Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt weiterhin zum geltenden Fremd- und Mehrbesitzverbot für Apotheken steht, ist für Professor Gerd Glaeske, Mitglied des Gesundheitssachverständigenrates, nicht nachvollziehbar. Vergangene Woche erklärte der Pharmazeut von der Uni Bremen gegenüber "Spiegel online", Profiteur der bestehenden Regelungen seien einzig die Apotheken, die sich auf ihrem Monopol ausruhten.
Gegner des Fremdbesitzverbots Gerd Glaeske
Foto: DAZ/Sket

"Die Überversorgung ist unnötig und teuer", sagte Glaeske. Sowohl die Gesundheitsweisen als auch die Wirtschaftsweisen unter Bert Rürup hätten der Bundesregierung daher dringend geraten, das Monopol aufzuheben. Dass der Europäische Gerichtshof die Liberalisierung erzwingen wird, wie es sogenannte Marktbeobachter immer wieder behauptet haben, scheint heute nicht mehr sicher. Dennoch sollte man aus Glaeskes Sicht nicht auf ein Urteil aus Luxemburg warten, um tätig zu werden. Dass Ulla Schmidt hier nicht mitzieht, kann er nicht verstehen: "Mit der Liberalisierung würde ein Preis- und Qualitätswettbewerb in Gang gesetzt, der den Krankenkassen und den Patienten dient".

Die Argumentation der Ministerin gegen Apothekenketten ist bekannt. Sie sieht mit ihnen die Arzneimittelsicherheit, die Verlässlichkeit der Versorgung und die kompetente Beratung der Kunden nicht mehr garantiert. Aus Glaeskes Sicht hat hier die Apothekerlobby maßgeblichen Einfluss auf das Ministerium ausgeübt. Die von der ABDA vorgetragene Befürchtung, bei Zulassung des Fremdbesitzes stehe das Gewinninteresse eines Konzerns im Vordergrund, weist Glaeske zurück. Entscheidend sei nicht, ob Fremdkapital in einer Firma steckt, sondern die Unternehmensethik. Ebenso wenig glaubt er, dass eine Liberalisierung Arzneimittelfälschungen begünstigen könne. Auch dann würden die Apotheken vom Großhandel beliefert und intensive Kontrollen stattfinden. Zudem seien gefälschte Medikamente kein Apotheken-Problem, da der illegale Handel nicht über Apotheken oder Versandapotheken stattfinde. Auch das Argument, dass nur studierte Pharmazeuten die nötige Beratungskompetenz aufweisen, lässt Glaeske nicht gelten: Studien belegten, dass die Beratung in Apotheken zu einem Drittel verbesserungsbedürftig sei. Hier könne die Liberalisierung sogar Fortschritte bringen, schließlich bringe Beratung dann einen Wettbewerbsvorteil und somit einen Anreiz für Apotheker, sich von Konkurrenten abzuheben.

BMG-Sprecher Klaus Vater erklärte gegenüber Spiegel online, dass Glaeske eine Einzelmeinung vertrete. Doch das sieht der Bremer Professor anders: "Ich stehe natürlich erst einmal für mich, aber mit den Experten aus dem Sachverständigenrat gemeinsam.”

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