Management

Das Virus der Unehrlichkeit

Welche Folgen es hat, wenn wir nicht ehrlich kommunizieren

Es gibt Erscheinungen, die zersetzen eine Gesellschaft nachhaltiger als jede noch so gefährliche Krankheit. Ein besonders tückisches Virus hört auf den Namen Unehrlichkeit, etwas abgemildert auch als Unaufrichtigkeit zu betiteln, oder sogar im Gewand der "Political Correctness" daherkommend.

Diese zersetzende Unehrlichkeit begegnet uns auf allen Ebenen. Man mag sie als Kollateralschaden einer komplexen, gleichzeitig immer anspruchsvolleren und empfindlicheren Gesellschaft begreifen. Aber auch als ernstzunehmenden Keim des Niederganges, denn die hässliche Schwester der Unehrlichkeit ist das Misstrauen, verbunden mit immer weiter steigenden Misstrauenskosten. Was ist damit gemeint? Beispielhaft herausgegriffen seien zwei besonders ergiebige Fundgruben, welche die Apotheken tangieren: Das Arbeitsrecht und unser Gesundheitswesen.

Bekannt ist sicher noch der Fall der Verkäuferin im Lebensmitteleinzelhandel, die wegen eines "dringenden Verdachts" auf Unterschlagung von Pfandbons im Wert von 1,30 Euro (sic!) nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit entlassen wurde.

Ein großes Nachrichtenmagazin titelte unlängst: "Gefeuert – das Märchen vom Kündigungsschutz" (stern vom 30. 4. 2009).

Arbeitszeugnisse müssen "wohlwollend" abgefasst werden. Also nicht: "Herr X erwies sich als unfä-hig, diese und jene Aufgaben zu bewältigen", sondern: "Herr X war eifrig bei der Sache und erfasste die Aufgabenstellung stets sehr schnell" (im Klartext: Er löste keine einzige Aufgabe).

Auch nicht: "Frau Y erschien wiederholt betrunken zum Dienst", sondern vielleicht: "Die gesellige Art von Frau Y war eine stete Bereicherung des Betriebsklimas". Wohlwollend ist das natürlich alles nicht, denn es hat sich längst eine "Geheimsprache" herausgebildet. Dumm nur, wenn ein Chef, in Unkenntnis dieser Floskeln, ein aufrichtiges Zeugnis schreibt. Ehrlichkeit als ungewollte Karrierebremse

Niemand kann auch ernsthaft behaupten, dass nach jahrelanger Zusammenarbeit 1,30 Euro plötzlich das gesamte Vertrauen zerstören sollen. Nein, da steckt schon eine längere Geschichte dahinter, über die tunlichst geschwiegen wird (= Unaufrichtigkeit). Ehrlich wäre es, zu sagen: "Frau Z, Sie passen mir einfach nicht mehr, und dummerweise bin ich der Chef, und Sie die Angestellte. Also suchen Sie sich etwas Anderes." Das gibt aber unser Arbeitsrecht nicht her (worauf Gewerkschaften und Politik mächtig stolz sind), eine Entlassung wegen "Peanuts" dagegen schon. Somit ist das Arbeitsrecht mehr und mehr eine Hülle geworden, aber eine sehr teure Hülle, die Anwälte, Arbeitsgerichte, Wirtschaftsverlage und andere mehr bestens beschäftigt. Geheiligt sei, was Arbeitsplätze schafft.

Dieser Spagat schafft natürlich gänzlich neue Märkte, (Arbeits-)Rechtsschutzversicherungen beispielsweise, oder Outplacement-Beratungen. Wer dann meint, sich auf dem Versicherungsschutz ausruhen zu können, irrt nicht selten gewaltig: Ein oder zwei "Schadensfälle", und der Rausschmiss folgt auch hier. Die Arbeitswelt selbst wird gleichfalls tangiert: Mobbing findet unter anderem deshalb einen so reichhaltigen Nährboden, weil eine unkomplizierte Trennung nicht möglich ist. Also geht man "indirekte" Wege. Unter dem Strich wird es jedoch für alle teurer. Vielleicht ist dies ja der tiefere Sinn. Die Kosten des einen sind der Profit eines anderen.

Kameraschwenk zum Gesundheitswesen: Dieses ist inzwischen randvoll mit Unaufrichtigkeiten, des "Spielens über Bande" und der versteckten Grausamkeiten. Die Gesundheitsreformen der letzen fünf Jahre sind ein Musterbeispiel. Sie bewegen sich im Dreieck zwischen (scheinbarer?) Inkompetenz, Unehrlichkeit und (gespielter?) Konzeptionslosigkeit. Vielleicht steckt gar Genialität dahinter. Da rasche, eindeutige Reformen hierzulande nicht möglich sind, werden indirekte und langfristig wirksame Maßnahmen bevorzugt. Wenn nicht gleich – dann eben in zehn Jahren. So erleben wir die Aufweichung des lange gewachsenen Apothekengefüges (OTC-Preisfreigabe, Versandhandel, Filialen, die dezenten, aber unübersehbaren Angriffe auf die Apothekenpflicht u. a. m.). Die ärztliche Versorgung ist heute unter dem Deckmantel flexiblerer Arbeitsmodelle der Beliebigkeit preisgegeben: Zwischen Klinik (Ketten!), Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) und klassischer Praxis mit bzw. ohne "Zweigpraxis" verschwimmen die Grenzen immer mehr. Wir können die immer noch unterschätzten Auswirkungen der Vertragsfreiheiten der Krankenkassen, kombiniert mit einem "Schraubstock" namens Gesundheitsfonds und den Auswirkungen eines noch nicht überall registrierten, morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs nur erahnen: Erst in einigen Jahren wird auch die Basis begreifen, wie eine Politik, die "über Bande" spielt, nachhaltige Veränderungen hervorrufen kann. Wir sind nach wie vor eine reiche Gesellschaft, des-halb können wir uns diese Umwälzungen im Schneckentempo (noch) leisten. Nur langsam dahinplätschernde Fließgewässer gestalten eine Landschaft langfristig ebenfalls um, dafür umso nachdrücklicher und irreversibel.

Nur – so richtig offen redet niemand über die Zukunftsvorstellungen, die bei den Reformen Pate gestanden haben, und deshalb passt dies wieder zum Thema Unehrlichkeit. Oder ist es tatsächlich nur ein naives Herumprobieren, "empirische Gesundheitspolitik" mit 82 Millionen Bürgern als großem Experimentiertisch? Man möchte es nicht so recht glauben.

Unaufrichtigkeit auch in den eigenen Reihen. "Heilberuf" tönt es aus der einen Ecke. Das impliziert, dass man im Wesentlichen seine akademische (Beratungs-)Zeit verkauft, zu einem angemessenen Tarif. Doch Zeit ist nicht beliebig vermehrbar. Arbeitseinkommen können üblicherweise recht eng beschriebene Grenzen nicht überschreiten (die absolut geringe Anzahl überzogener Managergehälter kann nicht als Maßstab dienen). Die Messlatte für einen höheren oder niedrigeren Stundensatz ist in erster Linie die Qualifikation und die Nachfrage der Kunden nach hochdotierten Dienstleistungen.

Auf der anderen Seite erleben wir Rabattgeschacher wie auf einem orientalischen Basar, viele Kooperationen ziehen ihre Existenzberechtigung zu großen Teilen aus besseren Einkaufskonditionen. Die Politik steuert dagegen (siehe die Rabattbeschränkungen des AVWG oder die geplante, neue Großhandelstaxe), aber eben wiederum auf recht indirekte Weise. Man könnte Rabatte auch konsequent unterbinden und im Gegenzug zu einer "ehrlichen", sprich aufwands- und nutzenadäquaten Honorierung kommen.

Filialen werden meist nicht gegründet, um die Versorgung zu optimieren, sondern den Gewinn zu steigern (was oft danebengeht). Ein legitimes Ziel eines jeden Unternehmers? Ja, ohne Frage. Aber eine politisch gesicherte Heilberuflerexistenz mit Honoraranspruch (für was konkret?) geht schlecht zusammen mit skalierbaren Geschäftsmodellen, bei denen mehr Umsatz meist auch mehr Gewinn verspricht. An diesem Gegensatz, der zu einer zunehmenden Spaltung der Apotheken in "groß" und "klein" führt, wird sich der Berufsstand noch eine Weile abarbeiten müssen. Politisch garantierte Sicherheit passt sicher noch zu einem gehobenen Einkommen, aber nicht zu den Einkommensmöglichkeiten eines "echten" Unternehmers, der sich seine Geschäftsbasis gemeinhin erst selbst erschließen muss – ohne Preisgarantien und festgeschriebene Honoraransprüche.

"Jede notwendige Therapie für alle" – so tönt es von Seiten der Politiker. Auch das ist ein prominentes Beispiel für Unaufrichtigkeit, die bisweilen die Grenze zur Lüge überschreitet. Die Realität sieht nämlich bereits heute anders aus. In Zukunft werden sich Gegensätze zwischen "Machbarkeit" und "Finanzierbarkeit" noch weiter verschärfen. Trotzdem werden die Reizthemen Rationierung und Priorisierung (wer bekommt was bevorzugt?) schamhaft verschwiegen. Ärzte müssen in einer Grauzone entscheiden. Ähnlich die Situation bei der Sterbehilfe.

Und was ist die Konsequenz aus allem? Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Wenn es bei einmal Lügen bleiben würde ...

Die praktischen Folgen erleben wir täglich. Die Fronten verhärten sich. Jeder pocht auf seine Ansprüche, solange er noch welche hat. Einer übervorteilt den anderen. Der große Verschiebebahnhof in der Politik, der von der rechten in die linke Tasche umverteilt und alles so kompliziert miteinander verknüpft, dass niemand mehr den Durchblick hat, ist die Blaupause für den "kleinen Mann". Lasten und Risiken werden möglichst weggeschoben, auf Andere verlagert, in Versicherungen "geparkt". Schuld haben grundsätzlich die Anderen, Eigenverantwortung wird klein geschrieben. Auf ihre Art versuchen die Menschen, für sich noch das Beste herauszuholen. Sie erleben das täglich in Ihrer Apotheke an der zunehmenden Verbissenheit der Kunden, die man auch als Anspruchshaltung sehen kann. Dies zieht wieder neue Kontroll- und Kostendämpfungsmaßnahmen nach sich. Nicht selten überschreiten die administrativen und operativen Kosten dafür den Nutzen bei Weitem, wie beispielsweise die Rabattverträge täglich aufs Neue illustrieren.

Doch selbst diesem Reizthema stellen wir uns nicht unvoreingenommen – es gäbe Alternativen, wie immer natürlich mit dem großen "Aber" ... Mehr als uns vielleicht bewusst ist, trägt ein jeder ein klein wenig zur Verbreitung des Virus der "Unehrlichkeit" bei, ähnlich wie bei der Grippe. Wenn dann irgendwann das ganze Volk hustet, dürfen wir uns nicht wundern ...


Dr. Reinhard Herzog, Apotheker, Philosophenweg 81, 72076 Tübingen, E-Mail Heilpharm.andmore@t-online.de

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