Wirtschaft

DAX: Vorwärts immer, rückwärts nimmer?

Hoffnung bei den Finanzwerten trägt den Aufschwung –
Aufwärtsdynamik lässt nach

(hps). Vormals herrschte Panik vor weiteren Kursverlusten. Jetzt haben viele Profis Angst, bei der vermeintlichen Wende zum Besseren nur als Zuschauer zurückzubleiben. Viele springen auf den fahrenden Zug auf – auch auf die Gefahr hin, dass sich die Lokomotive als führerlos erweist. Man kauft, weil die anderen kaufen – und scheint dabei die Fundamentaldaten aus den Augen verloren zu haben.

Die aktuelle Marktlage

Bislang rechnen Experten bei den börsennotierten US-Unternehmen mit einem Gewinnrückgang von durchschnittlich 38 Prozent. Doch auf derart magere Ergebnisse seien die Anleger vorbereitet, die Rallye könnte sich fortsetzen, so ist es aus Analystenkreisen zu vernehmen. Verantwortlich für den wieder erstarkten Optimismus ist die Rückkehr der Bankhäuser Wells Fargo und Goldman Sachs und zuletzt JP Morgan Chase in die Gewinnzone. Der DAX konnte sich unter der Führung der Finanztitel weiter nach vorne arbeiten. Damit verbunden ist die Hoffnung auf ein baldiges Ende der Bankenkrise sowie der Wirtschaftskrise schlechthin. Unterdessen bleibt Hightech-Unternehmen Intel im aktuellen Quartalsbericht den Ausblick schuldig. Bei Nokia brach der Gewinn ein. Schlechte Nachrichten auch von der Schweizer UBS: Ein Milliardenverlust im ersten Quartal verpasste der Bankenphantasie zunächst einen Dämpfer. Doch nach wie vor ziehen die Optimisten ihre Kraft aus dem "gebremsten" Abschwung der Weltwirtschaft, worin die Mehrheit das Licht am Ende des Tunnels erkennen will. Bei 4600 Punkten scheinen den DAX die Kräfte allerdings zu verlassen.

Aus der Perspektive der Analysten

Potenzial bis 5000 Punkte, sagen jetzt die Charttechniker, nachdem der DAX die 4500er Marke gemeistert hat. Ähnlich optimistisch äußern sich die Analysten der Commerzbank und aus dem Hause Ellwanger und Geiger. Auch die Chefanalystin der Bank of America ist sich sicher, dass die Börse die Talsohle durchschritten hat. Die alten Tiefstände vom März werde man wohl nicht mehr sehen.

Pessimisten blicken dagegen besorgt auf das Enttäuschungspotenzial der aktuellen US-Berichtssaison. Dazu gehört auch die Postbank und die Allianz Global Investors, die beide von einer "Rutschgefahr" sprechen. Hinsichtlich des Rückschlagpotenzials sehen die meisten indes bereits bei 4150 DAX-Punkten schon wieder einen soliden Boden. Die Gefahr eines Durchbruchs durch das alte Tief bei 3600 Punkten zieht aktuell praktisch niemand mehr in Betracht.

Musterdepot und Strategie

Der DWS Investmentfonds wird trotz guter Performance noch im Depot belassen. Beim Öl ist demnächst wohl mit Gewinnmitnahmen zu rechnen. Die Put-Optionsscheine werden um einen weiteren Metro-Schein erweitert, diesmal mit Laufzeit Juni und Basis 28 Euro. Der Schein der Commerzbank trägt die WKN CN2JUG. Es ist augenfällig, dass der Elan der Optimisten langsam ermattet. Den bereits weitgehend veröffentlichten Bankergebnissen werden äußerst ernüchternde Zahlen aus den restlichen Branchen folgen, was die gesamte Aufwärtsbewegung dann in Frage stellen dürfte.

DAX am 17. April (9.30 h): 4618 Punkte.

Aus der Sicht des Querdenkers


"Basiseffekt" – so heißt das neue Zauberwort, mit dem derzeit die Wende zum Besseren herbeigeredet wird. Soll heißen: Die Wirtschaftslage war vorher schon schlecht. Jetzt ist sie noch schlechter, aber prozentual sieht der Abschwung eben nicht mehr ganz so schlimm aus. Für die Mehrzahl der Analysten bedeutet dies somit: Die Talsohle an der Börse ist erreicht, die alten Tiefstände vom März bei 3600 Punkten gehören der Vergangenheit an. Wenn sich die Herrschaften da mal nur nicht täuschen.

Dabei muss man sich nur einmal die Schönfärberei der amerikanischen Notenbank (FED) ansehen: Laut ihrem jüngsten "Beige Book"-Bericht kommt die FED zu dem Schluss, dass die niedrigen Lagerbestände der Unternehmen die Hoffnung auf eine anstehende Erholung der Wirtschaft nähre. Das wars. Das soll den Aufschwung einleiten. Die Wahrheit dürfte indes anders aussehen: Die Wirtschaft läuft derart schlecht, dass die Unternehmen nur noch mit niedrigen Lagerbeständen arbeiten und dann natürlich an einem gewissen Punkt ankommen, an dem sie nachbestellen müssen. Aber man darf sich sicher sein: Die Bestellungen werden sich in einem sehr übersichtlichen Rahmen halten. Dies ist nicht die Wende, sondern ein kleiner Hügel, der die Schussfahrt nach unten vorübergehend ein wenig abgebremst hat. Oder wie ist es sonst zu interpretieren, dass die US-Verbraucherpreise erstmals seit 50 Jahren auf breiter Front gefallen sind? Und die viel zitierte Erholung bei den Banken blickt großzügig über die Tatsache hinweg, dass das Problem nicht mehr länger in dem schlechten Liquiditätsfluss der Institute untereinander liegt, sondern in der rückläufigen Nachfrage nach Investitionskrediten. Warum sollte man auch großartig investieren, wenn dies- und jenseits des Atlantiks immer mehr Menschen um Arbeitslosenunterstützung anstehen? An der Börse hat sich unterdessen die vorsichtige Haltung vieler Anleger in weit verbreiteten Optimismus verwandelt. Man springt dem fahrenden Zug hinterher. Wird demnächst dann die rosa Brille abgenommen, trifft man auf ein prall gefülltes Lager an potenziellen Verkäufern. Das macht die Situation so gefährlich.

Peter Spermann

Peter Spermann ist Dozent für Wirtschaftslehre und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Börse. In der AZ-Rubrik "Querdenker" vertritt er konsequent den Standpunkt des Antizyklikers.

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