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Erst wenn er gestört ist, bemerkt man den Geruchssinn

Wie wichtig ein funktionierender Geruchssinn ist, bemerken wir oft erst, wenn durch einen Schnupfen das Riechen eingeschränkt ist. Aber auch mit zunehmendem Alter wird das Riechvermögen immer schlechter. Dabei, so Prof. Dr. Thomas Hummel von der Klinik für HNO-Heilkunde, Dresden, können Riechzellen sich regenerieren. Der Geruchssinn besitzt eine große Plastizität und kann trainiert werden, so dass sich neue Nervenfasern ausbilden.

Mit jedem Atemzug gelangen Duftmoleküle in die Nasenhöhle. In der Nasenschleimhaut beginnt die olfaktorische Wahrnehmung in der Regio olfactoria. In das respiratorische Epithel sind rein zufällig olfaktorische Rezeptorneurone eingebettet, die mit Zilien besetzt sind. Deren Fortsätze ziehen gebündelt als Nervus olfactorius, als Riechnerv, in den Riechkolben – den Bulbus olfactorius.

Die Axone konvergieren auf einen bestimmten Ort im Bulbus olfactorius, den sogenannten Glomeruli. Jeder Rezeptortyp bindet jeweils nur ein komplementäres dazu passendes Duftmolekül. So entsteht ein bestimmtes Aktivitätsmuster, über das Duftstoffe erkannt werden können. Aus dem Bulbus olfactorius gelangt die Geruchsinformation sehr schnell in das mit dem limbischen System verknüpfte Riechzentrum im Gehirn, das den Geruch identifiziert und zuordnet. Nur drei bis vier Synapsen werden dazu benötigt, so dass der Riecheindruck sehr schnell und unvermittelt im Gehirn ankommt. Der Geruchssinn ist entwicklungsgeschichtlich einer der ältesten Sinne, der sehr stark mit Emotionen und weniger mit der rationalen Verarbeitung assoziiert ist.

Wichtig für Emotionen und Erinnerungen

Riechen hat eine große emotionale Komponente. Alles, was wir riechen, wird in angenehm oder unangenehm klassifiziert. Im Gegensatz zum Geschmack, der angeboren ist, erlernen wir das Riechen und die Bewertung von Düften erst im Laufe unseres Lebens. Abhängig von der Situation, in der ein bestimmter Duft zum ersten Mal gerochen wird, oder durch die Erziehung durch Eltern bzw. die sozialen Gegebenheiten in einer Gesellschaft können eigentlich gleiche Düfte ganz individuell in unterschiedlichen Ländern oft sehr verschieden bewertet werden. Die Präferenzen für Lebensmittel, die wir im höheren Lebensalter bevorzugen, werden schon im Uterus erzeugt. Das Ungeborene nimmt offensichtlich neben Nährstoffen über die Plazenta auch Fruchtwasser auf und trainiert seine Geschmacksknospen. So lässt es sich erklären, dass es "zu Hause immer am Besten schmeckt". Auch die Geruchseindrücke, die uns in der Kindheit umgeben haben, prägen sich bleibend ein. Begegnet uns solch ein vertrauter Duft später wieder, so fühlen wir uns plötzlich in die Kindheit zurückversetzt. Lässt der Geruchssinn nach bzw. ist er gestört, so verblassen auch die Geruchserinnerungen.

Den Riechkolben trainieren

Das Riechvermögen ist abhängig vom Geschlecht und vom Alter. Frauen können einfach besser riechen. Und mit zunehmendem Alter lässt das Riechvermögen deutlich nach: Etwa ein Drittel der über 70-Jährigen kann nicht mehr gut Riechen, so Hummel. Daran können wir nichts ändern. Aber das Riechvermögen kann auch trainiert werden. Der Bulbus olfactorius ist etwa 1 cm lang und im Durchschnitt 0,5 cm dünn. Jeder Mensch hat in etwa die gleiche Ausstattung von 400 verschiedenen Rezeptoren und entsprechend vielen Riechsinneszelltypen in der Nase. Um einen Geruch zu erkennen, muss das Aktivierungsmuster zu diesem Duft abgespeichert sein. Je öfter man zum Beispiel an einem Glas Wein oder einem Parfum riecht, desto besser kann man sich das Muster merken und damit den Duft. Je mehr man riecht und schnuppert, je mehr man den Riechkolben nutzt und fordert, umso größer wird er. Die Nase kann geschult werden und auch "normale" Menschen werden durch Üben sensibler für bestimmte Düfte. Hinzu kommt, dass der Geruchssinn eine große Plastizität besitzt. 1% der Neuronen werden ausgetauscht, die Riechzellen regenerieren sich alle vier bis sechs Wochen – was bei keinem anderen Sinnesorgan der Fall ist.

Riechstörung als Hinweis auf Morbus Parkinson?

Ist das Riechvermögen eingeschränkt, so beschreiben die meisten Betroffenen das als eine große Einschränkung ihrer Lebensqualität. Ob wirklich eine Riechstörung vorliegt sollte mithilfe von Verfahren getestet werden, deren Ergebnisse weitestgehend von der Testperson unabhängig sind. Die Erfahrung hat gezeigt, so Hummel, dass eine Selbsteinschätzung der Riechfunktion als ausgesprochen unzuverlässig angesehen werden muss.

Etwa 5% der Gesamtbevölkerung können überhaupt nicht riechen, bei 20% ist das Riechvermögen eingeschränkt. Hauptursachen für Geruchsstörungen sind Entzündungen in den Nebenhöhlen oder Polypen in der Nase: Hier erleben die Patienten einen langsamen, schleichenden Verlust des Riechvermögens. Ursache kann auch eine Infektion in den oberen Atemwegen, ein grippaler Infekt sein, der zu einem kompletten Verlust des Riechvermögens führen kann. Die Riechfähigkeit wird aber auch durch Rauchen eingeschränkt. Nicht selten sind solche Störungen vorrübergehend, da die Riechzellen sich normalerweise nach ein bis zwei Monaten erneuert haben. Geruchsstörungen sollten aber auch als Warnsignal angesehen werden, denn sie können neurologischen Ursprungs sein. So konnte in Studien beobachtet werden, dass dieses Phänomen häufig in einem frühen Stadium eines Morbus Parkinson auftritt, meist vier bis fünf Jahre bevor es zu den typischen motorischen Störungen kommt. 95% der Patienten haben beim Auftreten erster motorischer Störungen auch eine Riechstörung. Das kann zur Festigung der Diagnose mit herangezogen werden: Treten Parkinsonsymptome auf und kann der Patient normal riechen, dann hat er wahrscheinlich keinen Parkinson.


ck



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