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Berufstätige Frauen bleiben "Hinzuverdienerinnen"

Der Anteil der erwerbstätigen Frauen steigt in Deutschland. 2006 betrug er 61,5 Prozent. Doch die durchschnittlich geleistete Wochenarbeitszeit ist seit Beginn des Jahrzehnts gesunken: von 30,2 Stunden im Jahr 2001 auf 29,1 Stunden im Jahr 2006. Damit kommen viele Frauen nicht über eine Rolle als Hinzuverdienerin im Haushalt hinaus und bleiben finanziell abhängig vom Ehemann, so die Autoren einer Studie vom Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen.

In der IAQ-Studie wird Zahlenmaterial aus den bundesweiten Mikrozensus-Erhebungen von 2001 und 2006 verglichen. Danach ist die Zahl der berufstätigen Frauen zwischen 15 und 64 Jahren im Vergleichszeitraum von 58,7 Prozent auf 61,5 Prozent gestiegen und liegt damit über dem EU-Durchschnitt. Doch da die wöchentliche Arbeitszeit pro Person abgenommen hat, stagniert die Beschäftigungsquote, die auf der Umrechnung in Vollzeitstellen basiert. Deutschland liegt hier auf einem der letzten Plätze im EU-Vergleich.

Als ein wichtiger Grund wird der Boom bei den Minijobs genannt. Außerdem würden das Ehegattensplitting und die vom Ehepartner abgeleiteten Sozialversicherungsansprüche negative Arbeitsanreize setzen.

IAQ-Studie

Ergebnisse im Überblick

  • Der Anteil der berufstätigen Frauen in Deutschland nimmt langfristig zu.
  • Auf Vollzeitstellen umgerechnet, stagniert dieser Anteil jedoch seit Beginn des Jahrzehnts.
  • Das liegt daran, dass vor allem durch den Minijob-Boom die Arbeitszeit pro Person abnimmt.
  • Die auf Vollzeitstellen umgerechnete Beschäftigungsquote von Frauen ist unter den EU-Durchschnitt gesunken.
  • Die Arbeitszeiten von Frauen (Vollzeit und Teilzeit) sind die zweitkürzesten in Europa, bei den Teilzeitbeschäftigten sogar die kürzesten.
  • Bei den Durchschnittsarbeitszeiten (Vollzeit und Teilzeit zusammen) nimmt die Schere zwischen Männern und Frauen weiter zu.

Noch kein neues Familienleitbild

Zwischen Männern und Frauen nimmt die Kluft zwischen den Arbeitszeiten weiter zu. Verheiratete Frauen und Mütter arbeiten inzwischen deutlich weniger als 2001. Die Schere zwischen ihren Arbeitszeiten und denen von Männern mit Kindern habe sich weiter geöffnet. Damit sei Deutschland noch weit von einer gleichberechtigten Arbeitsaufteilung zwischen den Geschlechtern entfernt, monieren die Autoren. Das ab Anfang 2007 gezahlte Elterngeld ist allerdings noch nicht in die Auswertung eingegangen.

Alleinerziehende auf dem Arbeitsmarkt

Gerade Alleinerziehende – 95 Prozent von ihnen sind Frauen – sind besonders häufig von unsicherer und unterbezahlter Arbeit in Teilzeit- und Minijobs betroffen. Das ergab eine aktuelle Untersuchung des DGB.

43 Prozent der Alleinerziehenden sind auf Hartz IV angewiesen – mehr als jede andere Bevölkerungsgruppe. Im Europavergleich hat Deutschland bei den Alleinerziehenden die fünfthöchste Armutsquote. Dabei sind sie nicht seltener berufstätig als andere: Für 58 Prozent von ihnen war die Erwerbstätigkeit im Jahr 2007 die wichtigste Einkommensquelle, so der DGB.

Alleinerziehende werden auch häufiger arbeitslos und kommen schlechter wieder in den Arbeitsmarkt zurück. Gegenüber anderen Arbeitslosen werden sie besonders oft in Ein-Euro-Jobs gedrängt, die in der Regel gegenüber anderen Maßnahmen weniger Perspektiven bieten.

Kommentar

Armutszeugnis

Für ein vergleichsweise reiches Land wie Deutschland ist es ein Armutszeugnis, dass Frauen, insbesondere alleinerziehende, auf dem Arbeitsmarkt und beim Einkommen derart benachteiligt sind. Wenn annähernd jede zweite Alleinerziehende von Hartz IV leben muss, dann sollte man sich einmal die Konsequenzen vor Augen führen. Die Altersvorsorge dürfte mehr oder weniger auf der Strecke bleiben. Auch bei geringfügiger Beschäftigung kann an eine private Vorsorge kaum gedacht werden. Die Falle Altersarmut schnappt zu!

Wer über zu geringe finanzielle Mittel verfügt, kann seinen Kindern weniger Förderung zukommen lassen. Kinder aus Familien mit solider finanzieller Ausstattung sind zudem gesünder. Gesundheit, Bildung und ausreichende Versorgung sind aber elementare Bestandteile einer gesicherten Zukunft unserer Gesellschaft.

Die Politik wird diese Probleme also noch tiefgreifender bekämpfen müssen. Die Förderung der Berufstätigkeit von Frauen und eine hinreichende Einkommenssicherung müssen deutlich mehr Beachtung finden!


Tanja Kratt ADEXA, Zweite Vorsitzende

Der Wandel steht noch aus

Fazit: Auch wenn von der Politik schon manches in Richtung Vereinbarkeit von Familie und Beruf und Geschlechtergerechtigkeit angeschoben wurde, hinkt die bundesdeutsche Wirklichkeit doch noch den Forderungen weit hinterher. Das hängt aber auch damit zusammen, dass in den Köpfen der Betroffenen noch vielfach alte Rollenklischees vorherrschen.


Quellen:

IAQ, DGB, dpa, Zeit online u. a.


Sigrid Joachimsthaler

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