Arzneimittel und Therapie

Neue Strategie setzt auf Neuropeptid-Antagonisten

Die Migränetherapie ist oft noch nicht ausreichend, zumal auch die zugrunde liegenden Ursachen nur mangelhaft verstanden sind. Eine neue Erfolg versprechende Migränebehandlung zielt auf Neuropeptide, die während einer Migräneattacke im Gehirn freigesetzt werden. Der intravenös verabreichte Neuropeptid-Antagonist Olcegepant führte bei zwei Dritteln der Patienten nach zwei Stunden zu einer Besserung der Kopfschmerzen. In einer Phase-III-Studie zeigte Telcagepant, ein oral verabreichter Neuropeptid-Antagonist, eine gute Verträglichkeit bei vergleichbarer Wirksamkeit wie Zolmitriptan.
Telcagepant zielt auf das Calcitonin Gene Related Peptide, einem während einer Migräneattacke im Gehirn freigesetzten Neuropeptid. Der Wirkstoff erwies sich in der akuten Migränebehandlung in Phase-III-Studien als wirksam und gut vertraglich.

Die Migräne Liga Deutschland geht davon aus, dass über zehn Millionen Menschen in Deutschland, überwiegend Frauen, unter Migräne leiden. Damit sind etwa 10 bis 15% der Bevölkerung von der Krankheit betroffen. Die Verbreitung von Migräne und etablierte Therapiemaßnahmen in den USA werden in einer aktuellen Ausgabe des Journals Lancet diskutiert: Während der letzten 15 Jahre ist die Erkrankung unter Frauen (18%) und Männern (6%) offensichtlich konstant geblieben. Migräne mit einer vor der eigentlichen Attacke auftretenden Aura (häufig mit optischen oder sensiblen Wahrnehmungsstörungen) steigert das Risiko einer Herzattacke um fast 100%, das einer Angina pectoris um 71% und erhöht das Sterblichkeitsrisiko bei ischämischer Herz-Kreislauf-Erkrankung auf mehr als das Doppelte [1].

Aura Folge einer Depolarisationswelle der Hirnrinde?

Die Aura einer Migräne ist dabei möglicherweise die Folge einer Depolarisationswelle der Hirnrinde, die während der Attacke durch eine verstärkte neuronale Reizung verursacht wird. Diese Depolarisationswelle kann durch einer Migräne vorbeugende Medikamente bei permanenter statt akuter Verabreichung blockiert werden. Außerdem konnte nachgewiesen werden, dass Migräne nicht – wie bislang vermutet – mit einer verstärkten Durchblutung des Hirns oder der Hirnhaut verknüpft ist.

Zukunftshoffnung CGRP-Rezeptor-Antagonisten

Die Zukunft der Migränebehandlung konzentriert sich gegenwärtig auf Medikamente, die auf das Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) zielen, einem während einer Migräneattacke im Gehirn freigesetzten Neuropeptid. CGRP und seine Rezeptoren finden sich in vielen Bereichen des Gehirns, die eine Rolle bei der Ausbreitung von Migräneschmerzen spielen: Bei einer Migräneattacke bindet CGRP an die CGRP-Rezeptoren und aktiviert diese, wodurch Schmerzimpulse übertragen werden. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse von Studien mit Wirkstoffen, die die gleichen aktiven Rezeptoren wie CGRP besetzten (CGRP-Rezeptor-Antagonisten), sind sehr Erfolg versprechend. Der Einsatz von Olcegepant, einem intravenös verabreichten CGRP-Antagonisten, führte in zwei Drittel der behandelten Fälle nach zwei Stunden zu einer Besserung der Symptome (27% bei Gabe eines Placebos). Die Behandlung mit einem weiteren, oral verabreichten CGRP-Rezeptor-Antagonisten, Telcagepant, zeigte in einer Phase-III-Studie bei einer Dosis von 300 Milligramm eine mit dem herkömmlichen Migränemedikament Zolmitriptan vergleichbare Wirksamkeit. An der internationalen, multizentrischen und placebokontrollierten Studie nahmen über 1200 Patienten mit Migräneattacken teil. Im Vergleich zu Placebo führte Telcagepant zu einer deutlichen Linderung mäßiger bis schwerer Migräneattacken [2]. Die Studie belegte weiterhin, dass Telcagepant "hinsichtlich der akuten Migränebehandlung als wirksam und allgemein gut verträglich" einzustufen ist und dass mit dem CGRP-Rezeptor-Antagonisten "dem Zolmitriptan (5 Milligramm) vergleichbare Ergebnisse, wie auch ein Nebenwirkungsprofil, das dem Placebo gleicht, jedoch schwächer als das des Zolmitriptans ist" erhalten werden [1]. MSD beabsichtigt, im nächsten Jahr einen Zulassungsantrag für CGRP-Rezeptor-Antagonisten Telcagepant zu stellen.


Quelle

[1] Silberstein, SD: Recent developments in migraine. Lancet 2008; 372 (9647): 1369 –1371.

[2] MSD, Presseinformation, Oktober 2008.


Dr. Hans-Peter Hanssen

Universität Hamburg

Institut für Pharmazeutische Biologie und Mikrobiologie

Bundesstr.

20146 Hamburg

hans-peter.hanssen@hamburg.de

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