Feuilleton

Von der "Magenmedizin" zum "Aromatique"

In Neudietendorf stellte erstmals ein Apotheker homöopathische Arzneimittel her. Ferdinand Sauerbruch praktizierte hier kurze Zeit als Landarzt. In der Gemeinde vor den Toren Erfurts steht aber auch die Wiege eines Gewürzbitters, den vor 180 Jahren der Apotheker Christian Theodor Lappe kreierte. Heute noch wird die hochprozentige "Magenmedizin" unter dem Namen "Aromatique" hergestellt. Darüber erzählen Archivmaterial und einige Objekte aus der Neudietendorfer Apotheke im Heimatmuseum der Nachbargemeinde Ingersleben. Zum Jubiläum wurde hier auch eine kleine Sonderausstellung inszeniert, die noch bis zum Frühling 2009 zu sehen ist.
Werbung der Firma Th. Lappe in Neudietendorf für Aromatique und zwei weitere Spirituosen, um 1900.
Fotos: Wylegalla

Obwohl die Epidemie längst abgeklungen war, blieb die Nachfrage nach "Tinctura aromatica composita" immens. Apotheker Daniel Thraen hatte der Neudietendorfer Bevölkerung seine Mixtur ausdrücklich zum Kurieren der Krankheit empfohlen. Doch gab es offenbar noch andere Gründe, die Arznei einzunehmen. Sie enthielt nämlich nicht nur "für Darm und Magen heilsame Drogen", sondern auch 40 Prozent Alkohol. Das Originalrezept hatte einst ein Mitglied der Herrnhuter Brüdergemeine aus seiner Schweizer Heimat mitgebracht.

Herrnhuter Apotheker als Anhänger Hahnemanns

1743 hatten sich Angehörige der evangelischen Freikirche in Neudietendorf angesiedelt. Dank der Gründung von Manufakturen und Handwerksbetrieben nahm die Einwohnerzahl zu. Deshalb erteilte Herzog Ernst von Sachsen-Coburg-Gotha 1772 dem Rittergutsbesitzer Günther Anton Urban Freiherrn von Lüdecke die Konzession, ein "Corpus Pharmaceuticum von guten und frischen Materialien" anzulegen.

Zuerst verwaltete Gottlieb List die Apotheke, die Eigentum der Brüdergemeine Neudietendorf war. Nach zehn Jahren folgte ihm Daniel Thraen. Er stellte neben Arzneien auch die oben erwähnte "aromatische Tinktur" her: mit Kalmuswurzel, Römischer Kamille, Kubeben, Kardamom, Nelken, Zimtblüte und -rinde sowie Ingwer, Enzianwurzel, Zitrusschalen und anderen natürlichen Ingredienzien.

Daniel Thraen war einer der ersten Pharmazeuten, die sich intensiv mit der Lehre Samuel Hahnemanns auseinandersetzten und homöopathische Heilmittel herstellten. Er nutzte die Kontakte zur Brüdergemeine und vertrieb seine Präparate bald in ganz Deutschland und mehreren europäischen Ländern sowie in den Herrnhuter Missionsstationen in der Neuen Welt. Thraen war ein Anhänger der Homöopathie geworden, nachdem sein lebensgefährlich erkrankter Sohn Heinrich Gottlieb, den die Ärzte bereits aufgegeben hatten, erfolgreich nach der Hahnemannschen Methode behandelt worden war.

Heinrich Gottlieb Thraen (1788–1827) wurde ebenfalls Apotheker und ein eifriger Anhänger der Homöopathie und setzte die Aktivitäten seines Vaters fort. Ein Jahr nach seinem Tod folgte Christian Theodor Lappe (1802–1882) als Administrator der Neudietendorfer Offizin. Er war in der Herrnhuter Brüdergemeine Neusalz an der Oder als Sohn des Inhabers der dortigen Adler-Apotheke zur Welt gekommen, hatte nach der Ausbildung bei Hofapotheker Meißner in Groß-Glogau botanisch-mineralogische Exkursionen in Schlesien, Böhmen und Österreich unternommen und anschließend in Berlin Pharmazie studiert. Nach dem Staatsexamen 1827 hatte er noch ein Jahr in der Apotheke der Herrnhuter im thüringischen Ebersdorf gearbeitet.

Lappe setzte die Herstellung homöopathischer Präparate fort und steigerte ihren Vertrieb im In- und Ausland, so im Baltikum und in Südamerika. Er fertigte auch serienmäßig eine homöopathische Haus- und Reiseapotheke, die bei Ärzten und Laien beliebt war. Sogar der Mitbegründer der modernen Pharmazie, Johann Bartholomäus Trommsdorff in Erfurt, bezog homöopathische Arzneimittel aus Neudietendorf. Lappe genoss das besondere Vertrauen Samuel Hahnemanns, sodass dieser ihn beauftragte, neue homöopathische Arzneien zu entwickeln und zu prüfen. Der homöopathische Arzt Constantin Hering regte ihn an, aus dem Schlangengift Lachesis das noch heute bekannte Homöopathikum zu entwickeln. Lappe war einer der wenigen Pharmazeuten, die dem "Centralverein homöopathischer Aerzte Deutschlands" angehörten.

In seiner Freizeit beschäftigte sich Lappe u. a. mit der Paläontologie. 1859 wurde er in die "Königliche Akademie der gemeinnützigen Wissenschaften zu Erfurt" aufgenommen. Seine Entdeckung des Schädels eines Mastodonsaurus – es handelt sich um einen "Riesenlurch", also nicht um einen Saurier – hatte unter Wissenschaftlern ebenso Furore gemacht wie die Fossilien eines Reptils, die er im Muschelkalk bei Neudietendorf gefunden hatte. Heute befinden sich seine Funde teils in Berlin (Museum für Naturkunde, Geologische Landesanstalt), teils im Naturkundemuseum Gotha, so seine Conchyliensammlung mit 25.000 Exemplaren von 3500 Spezies. Weiteres wissenschaftliches Material aus seinem Nachlass verwahrt die Universität Jena.

Likörfabrik muss aus der Apotheke ausziehen

Nebenbei profilierte sich Christian Theodor Lappe auch als Unternehmer: Er verfeinerte die "aromatische Tinktur" seiner Vorgänger zum "Aromatique" und verlagerte die Produktion in ein separates Gebäude; damit entsprach er einer Forderung der Behörde, die die Herstellung des Likörs in der Apotheke untersagt hatte.

"Lappes aechter Aromatique" wurde – dank weltweiter Beziehungen der Brüdergemeine – weit über die Grenzen Deutschlands hinaus vertrieben, um Magengrimmen und andere Wehwehchen oder aber Stimmungstiefs zu kurieren. Doch die Konkurrenz schlief nicht:

Ab 1857 gab es in den Orten Dietendorf und Neudietendorf zeitweise bis zu zehn Unternehmen, die ebenfalls "Aromatique" herstellten. Zwar variierten die Rezepturen, doch jeder Fabrikant bürgte auf dem Etikett mit seinem Namen dafür, einzig und allein den "aechten" Gewürzbitter zu produzieren.

Nach dem Tod Christian Theodor Lappes führten dessen Nachkommen die Likörfabrik weiter. Ein Pharmaziestudium war dazu nicht erforderlich, wohl aber unternehmerische Kompetenz.

Auch für die Mitbewerber war der Bestand über Generationen gesichert, wenngleich die meisten Betriebe weniger stark expandierten. Auf Gewerbeausstellungen wurden Kräuterliköre aus dem "grünen Herz Deutschlands" mehrfach ausgezeichnet, und noch lange nach Gründung der DDR trank man nicht nur nach einer opulenten Mahlzeit gern einen "Aro".

Seit den 60er Jahren wurde es stiller um die hochprozentige "Magenmedizin". Einige enteignete Unternehmer versuchten, in der Bundesrepublik die Tradition fortzusetzen – leider ohne Erfolg.

In Neudietendorf hat allein die 1876 durch Reinhold Schmidt gegründete Fabrik die Sozialisierung zum "VEB Aromatique Neudietendorf" und auch die Reprivatisierung 1990 überlebt; sie firmiert heute unter dem Namen "Aromatique GmbH Spirituosenfabrik".


Reinhard Wylegalla

Museum

Heimatmuseum Ingersleben, Karl-Marx-Straße 40, 99192 Ingersleben (Landkreis Gotha), Tel. (036202) 82211 oder 81215, www.thueringen.de/de/museen/ ingersleben

Geöffnet: sonntags von 14 bis 18 h und nach Vereinbarung

Diese Karikatur warnt vor übermäßigem ­Likörgenuss: "Einer, der vom Stoff beherrscht wird."
Porzellanteller mit Werbung für den ­Aromatique der Firma Lappe in Neudietendorf.

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