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Alles in der Schwebe

Die Finanzkrise ist derzeit die Nummer 1 in den Medien. Wie viel ist unser Geld wirklich noch wert? Wie viele Schulden wird unser Staat machen (müssen), um die Banken und Finanzmärkte zu stützen – Schulden, die wir alle letztendlich über höhere Steuern abtragen müssten. Ist unser Geld auf den Banken wirklich sicher? Einige Wirtschaftskommentatoren sprechen bereits von einer Rezession, die auf unsere Wirtschaft zukommt. Ob diese Rezession, wenn sie denn kommt, nur durch die Finanzkrise ausgelöst wurde, bleibt dahingestellt. Wenn heute bereits Autohersteller die Bänder anhalten, muss dies nicht nur eine Folge der Bankenkrise sein. Vielleicht zeigt es, dass auch Wirtschaftswachstum nicht unendlich ist. Immer mehr Autos in einen gesättigten Markt zu drücken, geht einfach nicht. Dumm nur, wenn Finanzkrise und stagnierendes Wachstum zusammenkommen.

Uns als Apothekerinnen und Apotheker trifft die Finanzkrise in einer besonders unruhigen Zeit. Wachstum ist zwar da, doch hinter den Randbedingungen im Apothekenmarkt stehen Fragezeichen. Seit dem Jahr 1958, in dem den Apotheken die Niederlassungsfreiheit erlaubt wurde, hat sich kaum so viel verändert oder steht kurz davor, sich zu verändern, wie in den Jahren 2004 bis heute.

Den Startschuss für die schleichenden Veränderungen gab die Erlaubnis des Versandhandels mit Arzneimitteln in 2004. Es folgte die Freigabe der Verkaufspreise für nicht-verschreibungspflichtige Arzneimittel: der Beginn eines zum Teil ruinösen Wettbewerbs mit Arzneimitteln. Seit dieser Zeit vergeht kaum eine Woche, in der nicht eine neue Form des Wettbewerbs bekannt wird oder mögliche Veränderungen des Apothekenmarkts sich andeuten. Die erste Bombe war die saarländische Erlaubnis für die niederländische Kapitalgesellschaft DocMorris, in Saarbrücken eine Apotheke zu eröffnen. Auf gerichtlichem Weg führten dieses Ereignis und ein von der Europäischen Kommission eingeleitetes Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik bis zum Europäischen Gerichtshof, der im Frühjahr 2009 über die Rechtmäßigkeit des Fremd- und Mehrbesitzverbotes entscheiden wird. Damit fällt auch die Entscheidung, ob sich die Apothekenstruktur, die Apothekenlandschaft in Deutschland ändern wird – mit allen Folgen für unsere Arzneimittelversorgung – oder nicht.

Der Preiswettbewerb mit Arzneimitteln sorgte für weitere Veränderungen: es entstanden Discount-Apotheken, bei denen der günstige Arzneimittelpreis im Focus ihrer "Dienstleistungen" steht. Aufgeweckt durch die anrollenden Veränderungen wollten nun Drogeriemärkte nicht länger zusehen und am Arzneimittelmarkt teilnehmen. Einige versuchen, ihr Sortiment um freiverkäufliche Arzneimittel und bisher apothekenexklusive Waren zu erweitern. Immer wieder hört man von Überlegungen großer Lebensmittelmärkte, ob und wie man sich dem Arzneimittelsortiment nähern will. Andere gründen eine eigene Versandapotheke. Wieder andere arbeiten mit ausländischen Versandapotheken zusammen und fungieren als Rezeptsammelstelle und Arzneimittelabholstelle (Pick-up-Service). Manche vermuten: dies könnte der Anfang sein, dass auch Tankstellen, Imbissbuden und Kaffeeläden Rezepte sammeln und mit Versandapotheken zusammenarbeiten. Gegen diese Verharmlosung der Ware Arzneimittel wollen daher Bundesländer mit Gesetzesinitiativen antreten. Auf dem Gesetzesweg sollen der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln oder zumindest die Pick-up-Stellen verboten werden. Ob die Initiativen Erfolg haben, ist ungewiss.

Wenn Arzneimittel irgendwie mit dem Drogeriemarkt in Verbindung gebracht werden, baut sich die Sorge auf, OTCs könnten gänzlich freigegeben werden und in andere Verkaufsstellen abwandern. Italien beispielsweise lässt dies bereits zu.

Im schwebenden Zustand ist auch die Frage, wie sich der Großhandelsmarkt und damit einer der wichtigen Marktpartner der Apotheke weiter entwickelt. Wird er, wenn Firmen mehr und mehr zur Direktbelieferung übergehen, nur noch Logistiker? Fallen seine Zusatzleistungen für Apotheken in Zukunft weg? Wird er sein neues Vergütungsmodell durchsetzen können? Auswirkungen auf Apotheken sind vorprogrammiert.

Die Unsicherheit im Apothekenmarkt wächst. Dazu tragen auch der Ärger mit Rabattverträgen bei und die anstehenden Kosten-Nutzen-Bewertungen von Arzneimitteln, die zu Erstattungshöchstbeträgen für Innovationen führen könnten. Ganz zu schweigen vom Experiment des Gesundheitsfonds, dessen Ausgang offen ist.

Fazit: Wir leben in einem Schwebezustand mit Risiken, aber auch mit Chancen. Entmutigen lassen sollten wir uns nicht.


Peter Ditzel

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