Arzneimittel und Therapie

Placebo wirksamer als Johanniskraut

Derzeit wird das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom in erster Linie mit Stimulanzien wie Methylphenidat medikamentös therapiert. Viele Eltern suchen jedoch nach alternativen naturheilkundlichen Behandlungsmethoden. Im Fokus des Interesses steht dabei auch ein Klassiker der Phytotherapie, Hypericum perforatum. Eine amerikanische Forschergruppe untersucht nun erstmals systematisch die Wirksamkeit von Johanniskraut bei der Indikation ADHS in einer klinischen Studie.
Hyperaktive Kinder Auch aus Sicht der Ärzte erwies sich Placebo im Vergleich zu Johanniskraut tendenziell als das bessere Medikament.
Foto: Lilly Pharma Holding GmbH

Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 3 bis 10% aller Kinder Symptome im Sinne eines Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndroms (ADHS) zeigen. Bis zu 30% der betroffenen Kinder und Jugendlichen sprechen auf eine medikamentöse Behandlung nicht an oder leiden an Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schlafstörungen oder Gewichtsverlust. Daraus resultiert ein großes Interesse vieler Eltern an komplementär- und alternativmedizinischen Therapieoptionen. Diese umfassen neben Massagen, Nahrungsergänzungsmitteln bzw. Maßnahmen zur Ernährungsumstellung auch den Einsatz von pflanzlichen Arzneimitteln. Insbesondere in den USA werden hierfür verschiedene Echinacea-Spezies, Ginkgo biloba sowie Johanniskraut eingesetzt. Zwar wurde Johanniskraut bei Depressionen im Kinder- und Jugendalter bereits in zwei nicht verblindeten Studien erforscht, die Wirksamkeit beim Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom wurde jedoch noch nicht untersucht. Dabei erscheint der Wirkmechanismus von Johanniskraut-Extrakten in der Indikation ADHS durchaus plausibel.

Mechanismus: Noradrenalin-Reuptakehemmung

In Laborexperimenten hemmen die Extrakte aus Hypericum perforatum die Wiederaufnahme von Serotonin, Noradrenalin und Dopamin aus dem synaptischen Spalt. Der derzeit einzige Arzneistoff, der ein ähnliches Wirkprofil aufweist, ist Bupropion. Aufgrund des breiten Nebenwirkungsprofils und da keine Untersuchungen zur Arzneimittelsicherheit bei Kindern und Jugendlichen vorliegen, ist dieser eigentlich als Antidepressivum eingesetzte Arzneistoff zur Behandlung von ADHS in Deutschland wie in den USA nicht zugelassen. Dennoch wird er in den USA vereinzelt von Kinder- und Jugendärzten im Sinne eines Off-label-use in der ADHS-Therapie verordnet. Seit März 2005 ist in Deutschland der nicht-stimulierende Noradrenalin-Wiederaufnahmeinhibitor Atomoxetin (Strattera®) zur Behandlung von Kindern mit ADHS zugelassen. Aufgrund der Hemmung der Noradrenalinwiederaufnahme, die mit Johanniskraut in vitro beobachtet wurde, lag die Vermutung nahe, dass ein entsprechender pflanzlicher Extrakt bei der Therapie von ADHS wirksam sein könnte.

Kein signifikanter Unterschied

Eine naturheilkundlich-orientierte Forschergruppe an der Bastyr Universität in Kenmore (USA) führte eine randomisierte kontrollierte Doppelblindstudie an 54 Kindern im Alter von sechs bis 17 Jahren durch, um die Wirksamkeit von Hypericum perforatum in dieser Indikation zu untersuchen. Die Probanden der Verumgruppe erhielten dreimal täglich 300 mg Johanniskraut-Extrakt (standardisiert auf 0,3% Hypericin).

Der Nutzen der Testmedikation wurde anhand der ADHD-Rating-Scale (ADHD-RS) gemessen. Dies ist ein Fragebogen, mit dem die Häufigkeit von 18 definierten ADHS-Symptomen wie Ablenkbarkeit, Unvermögen ruhig zu sitzen usw. von den Eltern erfragt wird (0 = nie oder selten bis 3 = sehr oft). Insgesamt sank die ADHD-RS-Punktzahl in der Verum-Gruppe lediglich von 27,6 um 4,4 auf 23,3 Punkte, während sie in der Placebo-Gruppe von 25,9 um 2,0 Punkte abnahm. Das Einzelsymptom "Unaufmerksamkeit" verbesserte sich um 3,2 Punkte unter Placebo gegenüber einer Verbesserung um 2,6 Punkte unter dem Johanniskraut-Extrakt. Die "Hyperaktivität" nahm unter Placebo um 2,0 Punkte ab, unter Verum nur um 1,8 Punkte. Auch bei der Bewertung der Therapie durch die behandelnden Ärzte (Clinical Global Impression Improvement Scale) war Placebo das tendenziell bessere Medikament. Allerdings waren die Unterschiede bei allen Bewertungsskalen statistisch nicht signifikant, ein Zufall kann daher nicht ausgeschlossen werden.


Quelle

Weber, W.; et al.: Hypericum perforatum (St John’s Wort) for Attention-Deficit/Hyperactivity Disorder in Children and Adolescents. J Am Med Assoc 2008; 299: 2633–41


Apotheker Dr. Andreas Ziegler

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