Aus Kammern und Verbänden

Man muss sich aktiv einbringen, wenn man etwas verändern will

Auf der letzten Mitgliederversammlung des Bayerischen Apothekerverbands wurde ein neuer Vorsitzender gewählt. Der bisherige Vorsitzende, Gerhard Reichert, hatte nicht mehr kandidiert. Nach 34 Jahren Mitgliedschaft im Vorstand und nach 18 Jahren an der Spitze des Bayerischen Apothekerverbandes zieht er sich aus der aktiven Politik zurück. Nachfolgend ein kleiner Rückblick im Interview.

Gerhard Reichert
Foto: BAV

DAZ 34 Jahre lang waren Sie Vorstandsmitglied im Bayerischen Apothekerverband. In dieser Zeit hatte die Bundesrepublik Deutschland zehn Gesundheitsminister. Von Katharina Focke in den Siebzigerjahren bis Ulla Schmidt heute. Namen wie Heiner Geißler, Rita Süßmuth und Horst Seehofer sind heute noch bekannt. Antje Huber, Anke Fuchs und Ursula Lehr dürften eher den Wenigsten noch ein Begriff sein. Gibt es einen Minister oder eine Ministerin, die Sie mit einer ganz besonderen Erinnerung verbinden?

 

Reichert: Selbstverständlich hatte ich insbesondere zu den aus Bayern stammenden Gesundheitsministern die besten Verbindungen. Insbesondere mit Horst Seehofer hatte ich sehr enge Kontakte. Bei Ministerin Gerda Hasselfeldt hatte ich das Glück, mit ihrem Ehemann in der gleichen Klasse des Comenius-Gymnasiums in Deggendorf gewesen zu sein, und so gab es eine ganz gute Beziehung zwischen der Ministerin und mir. Ich habe es natürlich sehr bedauert, dass die beiden Minister ihre Ämter nicht mehr innehaben und sich politisch neue Schwerpunkte gesucht haben.

DAZWas hat Sie vor mehr als drei Jahrzehnten eigentlich bewogen, sich aktiv für Ihren Berufsstand einzusetzen?

 

Reichert: Bewogen hat mich eigentlich, dass ich mich von Anfang an für den Berufsstand interessiert habe. Ich war Fachschaftssprecher sowie Fakultätssprecher und habe bereits zu Studentenzeiten an Delegiertenversammlungen der Bayerischen Landesapothekerkammer teilgenommen. Es war eigentlich für mich selbstverständlich, dass ich mich dann auch weiterhin für den Berufsstand einsetzen würde. So habe ich mich tatsächlich knapp nach meiner Approbation bei der nächstmöglichen Gelegenheit für ein Amt im Vorstand des Bayerischen Apothekerverbands zur Verfügung stellen wollen und entsprechend kandidiert. Es hilft nicht, nur zu schimpfen und unzufrieden zu sein. Ich denke, man muss sich heute aktiv einbringen, wenn man etwas verändern will. Und das habe ich gerne getan. Bereuen tue ich nichts.

DAZIn all den Jahren Ihrer berufspolitischen Tätigkeit – gibt es da ein spezielles Ereignis oder eine politische Entscheidung, die Sie rückblickend als wesentliche Niederlage für die Apothekerschaft beurteilen würden?

 

Reichert: Die wesentlichen Niederlagen der Apothekerschaft sehe ich natürlich in der Genehmigung des Versandhandels und in den verschiedenen Reformgesetzen, insbesondere in den Teilen, wo der Gesetzgeber die Möglichkeit der Ausschreibung vorgegeben hat. Freier Beruf und Ausschreibung vertragen sich nicht.

DAZSicherlich gab es aber auch Momente, in denen die Arbeit Früchte des Erfolgs trug. An welche Momente erinnern Sie sich da besonders?

 

Reichert: Die Abkoppelung unseres Honorars vom Apothekeneinkaufspreis ist seit vielen Jahren eines meiner Ziele gewesen. Dass dies nun endlich durchgesetzt werden konnte, freut mich sehr. Damit haben wir geschafft, dass wir, ohne ständig in den Verdacht zu geraten, in die eigene Tasche zu beraten, völlig neutral unsere Tätigkeit ausüben können.

DAZSie haben sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene zahlreiche Verhandlungen mit Krankenkassen geführt. Wie würden Sie einem Apotheker-Kollegen, der nicht verbandspolitisch tätig ist, mit knappen Worten erklären, wie man sich diese Verhandlungen vorstellen muss?

 

Reichert: Im Prinzip müssen Sie sich diese Verhandlungen vorstellen wie David und Goliath. Wir als Vertreter des Bayerischen bzw. des Deutschen Apothekerverbandes stehen mit einer kleinen Mannschaft, die sich sonst auch noch mit unendlich vielen Problemen beschäftigen muss, einer großen Mannschaft der Kassen gegenüber, die sich lange auf diese Verhandlungen vorbereiten konnte, die von einem großen Stab unterstützt wird, wo verschiedenste Kassen ihre Meinung einbringen können. Eigentlich ein sehr ungleicher Kampf. Dass wir es trotzdem immer wieder geschafft haben, Kompromisse auszuhandeln, mit denen die Apothekerschaft leidlich leben kann, empfinde ich als großen Erfolg

DAZSelbst die Vertreter einiger sehr streitbarer Kassen haben bei öffentlichen Veranstaltungen Ihnen persönlich gegenüber immer wieder große Wertschätzung bekundet. Was war Ihnen im Umgang mit Ihren Verhandlungspartnern wichtig?

 

Reichert: Einer meiner Leitsprüche war immer "Man zieht einen Partner immer nur einmal über den Tisch und kein zweites Mal mehr". Daher ist es wichtig, mit Partnern, in diesem Fall mit den Krankenkassen, offen und ehrlich umzugehen, Meinungen ganz offen auszutauschen, Argumente auf den Tisch zu legen.

DAZWie schätzen Sie den Stellenwert des Apothekers und der inhabergeführten Apotheke im heutigen Gesundheitswesen ein?

 

Reichert: Ich persönlich denke, dass man die inhabergeführte Apotheke gar nicht hoch genug einschätzen kann. Sie ist Garant dafür, dass der Apotheker in der Lage ist, ohne Rücksicht auf Interessen von irgendwelchen Konzernen oder Ketten, entsprechend seiner Ausbildung richtig zu beraten und richtige Arzneimittel abzugeben.

Auf der anderen Seite stelle ich fest, dass manche Politiker, aber auch große Teile der Journaille, eine sehr geringe Meinung von der Apotheke haben. Es ist ja schier ein Hobby geworden, Apotheker wegen ihrer angeblich schlechten Beratung vorzuführen. Schuld ist wahrscheinlich die unkorrekte Formulierung des Beratungsgebotes. Ein Apotheker hat zu beraten, sofern es notwendig und zweckdienlich ist. Aber es gibt auch viele Fälle, wo eine Beratung seitens des Apothekers nicht in vollem Umfang notwendig ist.

DAZDer Arbeit im Verband nicht genug, haben Sie Ende der neunziger Jahre auch noch das Hilfswerk der Bayerischen Apotheker aus der Taufe gehoben. Diese karitative Einrichtung organisiert Medikamente und Hilfsmittel für notleidende Menschen nach großen Katastrophen, etwa dem Tsunami. Was hat Sie bewogen, dieses Hilfswerk ins Leben zu rufen?

Reichert: Als ich das Hilfswerk der Bayerischen Apotheker gegründet habe, waren wir auf dem Höhepunkt des Kosovo-Konflikts. Wir waren auf einem wunderschönen Bayerischen Apothekertag, wir haben gefeiert, wir haben uns wissenschaftlich betätigt, wir hatten ein angenehmes Rahmenprogramm. Rundum, es war ein gelungener Apothekertag. Und just in diesen Tagen mussten wir erleben, wie Menschen im Kosovo wie Tiere über Grenzen getrieben wurden, alles hinter sich lassen mussten, gequält, gefoltert und würdelos behandelt wurden. Dies passte mir nicht zusammen, und an diesem Abend habe ich mit Freunden zusammen gesagt, wir müssen – sofern wir es können – als Apotheker auch öffentlich sichtbar soziale Verantwortung übernehmen und da, wo wir können, also in unserem Kompetenzbereich Pharmazie und angelehnten Dingen, den Menschen helfen. Dies hat sich bewährt, unser Hilfswerk blüht und gedeiht, und heute gehören wir sicherlich zu den anerkannten deutschen Hilfswerken. Das freut mich selbstverständlich.

DAZSie waren selbst viel in Ländern der Dritten Welt, um Hilfstransporte zu organisieren und zu begleiten. Gibt es besonders tragische, aber auch positive Ereignisse, an die Sie sich erinnern?

 

Reichert: Natürlich gibt es positive und negative Ergebnisse. Ich fange mit den negativen Ergebnissen an. Wenn Sie heute in ein Lepra-Dorf kommen, ist es erschütternd. Wenn Sie den Hunger in der Sahel-Zone sehen, ist es zum Verzweifeln. Wenn Sie erleben müssen, wie die gefangen gehaltenen kranken Kinder des Ceaucescu-Regimes in Rumänien behandelt und versteckt wurden, da kommen Ihnen schon Zweifel an der Menschlichkeit. Wenn Sie erleben, wie Waisenhäuser in Ländern des ehemaligen Ostblocks heute noch vor sich hin vegetieren, dann muss man sich schon fragen, wo das soziale Gewissen bleibt.

Umgekehrt: Wenn Sie ein Krankenhaus mit dem Notwendigsten ausrüsten können, ein Dispensaire mit den notwendigen Arzneimitteln versorgen können, Ärzte mit lebensnotwendigen Medikamenten bestücken können und wenn Sie dann am Schluss die lachenden Gesichter und das Dankeschön eines Dorfhäuptlings oder Mediziners oder geheilten Kranken erleben dürfen, dann sind Sie sehr reich belohnt, und mehr können Sie eigentlich gar nicht wollen.

DAZ18 Jahre lang standen Sie an der Spitze des Bayerischen Apothekerverbandes. Außerdem sind Sie geschäftsführendes Mitglied des ABDA-Vorstandes und stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands. Sie haben in diesen Funktionen sehr viel Zeit geopfert. Was nehmen Sie sich für die Zeit nach Ihren Verbandstätigkeiten vor?

 

Reichert: Ich denke, wer sich so lange für seinen Berufsstand eingesetzt hat, der wird nie ganz aufhören können. Sicherlich, alle politischen Dinge werde ich zum 13. 9. 2008 in Bayern abgegeben. Dies heißt aber nicht, dass ich mich nicht weiterhin für wirtschaftliche Belange der Apotheke einsetzen werde. Ich persönlich werde zudem gerne weiterhin karitativ tätig bleiben, in Ländern der Dritten Welt und überall da, wo es Katastrophen gibt.

Ich würde gerne weiterhin Vorsitzender unseres Hilfswerks bleiben – wenn dies gewünscht wird –, und in meinem privaten Leben möchte ich vielleicht ein wenig meinem Hobby nachgehen, dem Sammeln von alten Dingen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass ich mich dem Bereich der Antiquitäten, alten Banknoten, alten Münzen und Ähnlichem in Zukunft vermehrt widmen werde.

DAZAngenommen, Sie hätten bei Kassen und Gesundheitsministerium einen Wunsch frei. Wie würde der lauten?

 

Reichert: Wenn ich diesen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir nur eines wünschen. Nämlich, dass wir endlich die Freiheit bekommen, nach alldem was wir gelernt haben, frei zu entscheiden, uns nicht ständig einem kleinlichen Diktat der Krankenkassen beugen zu müssen, gezwungen zu sein, tausend bürokratische Formalitäten zu beachten, sondern mit gesundem Menschenverstand Rezepte beliefern zu dürfen.

Es ist mehr als lächerlich, dass wir auf Null retaxiert werden wegen kleinster bürokratischer Verfehlungen. Wir sind Akademiker, wir haben ein schweres Studium hinter uns, und ich würde mir wünschen, dass wir auch als solche arbeiten dürfen mit allen akademischen Freiheiten und denken dürfen mit gesundem Menschenverstand. Die derzeitigen bürokratischen Pingelichkeiten verstehen weder die Patienten noch unsere Kollegen.

DAZBei der Mitgliederversammlung des Bayerischen Apothekerverbandes am 13. September in München wurde Ihr Nachfolger als Vorstandsvorsitzender gewählt. Was möchten Sie ihm mit auf den Weg geben?

 

Reichert: Meinem Nachfolger kann ich nur eines raten: Der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbands hat keinerlei Macht. Er kann nur dann Erfolg haben, wenn er den Weg der Diplomatie geht, den Weg der Ehrlichkeit, den Weg der Überzeugung. Immer dann, wenn es uns gelingt, mit unseren Vertragspartnern und auch Vertragsgegnern ehrlich und offen umzugehen, haben wir die Chance, vernünftige Vereinbarungen zu erzielen. Mit der Hau-drauf-Methode wird es nie und nimmer gelingen.

DAZHerr Reichert, vielen Dank für das Gespräch!

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