Ernährung aktuell

Sacha Inchi – die Inka-Nuss auf dem Weg zum Weltmarkt

Erst Mitte der 90er-Jahre wurde man weltweit auf die Inka-Nuss, ursprünglich ein traditionelles Lebens- und Heilmittel in den peruanischen Anden, aufmerksam, als erstmals Daten zu den ungewöhnlichen Aminosäuren- und Fettsäurenmustern der Samen veröffentlicht wurden [1]. Etwa gleichzeitig begann man aus politischen Gründen, den Anbau der Pflanze zu fördern, hauptsächlich, um den Coca-Anbau in der Region zurückzudrängen. Der zunächst zaghafte Versuch, die Samen und das Öl auf dem Weltmarkt einzuführen, scheint jetzt erfolgreich zu sein: 2007 sollen insgesamt 60.000 Liter Öl verkauft worden sein, in diesem Jahr wird ein Verkauf von 120.000 Litern erwartet [2].

Die Inka-Nuss (Plukenetia volubilis L.), auch Inka-Erdnuss und Bergerdnuss genannt und zunehmend unter ihrem einheimischen Namen Sacha Inchi (sprich: Satscha Intschi) bekannt, gehört zur Familie der Euphorbiaceae. Die Gattung Plukenetia umfasst etwa 15 Arten, die in Afrika, Südamerika und Ostasien verbreitet sind. Die krautige Kletterpflanze wächst in den Regenwäldern der peruanischen Anden in etwa 500 bis 1000 m Höhe. Die Samenkapseln, die nach dem Aufplatzen sternförmig (ähnlich dem Sternanis) aussehen, enthalten die ölhaltigen Inka-"Nüsse" (im botanischen Sinn keine Nüsse, sondern Samen) [2]. Traditionell wird das aus ihnen gewonnene Öl mit Mehl gemischt und als Kosmetikum verwendet, es dient aber auch zur Behandlung von rheumatischen Beschwerden und Muskelkater.

Reich an essenziellen Fettsäuren

Anfang der 90er-Jahre wurde das Öl erstmals genauer untersucht [1]. Auffallend war besonders der hohe Gehalt an α-Linolensäure (ca. 49%) und Linolsäure (ca. 36%). Die Ergebnisse wurden in einer späteren Studie bestätigt [3]. Das Sacha-Inchi-Öl gilt damit als das Speiseöl mit dem höchsten Anteil an essenziellen Fettsäuren (85,4%), wie ein Vergleich mit den Inhaltsstoffen anderer Ölpflanzen zeigt (Tab. 1).

Tab. 1: Protein- und Ölgehalte der Früchte oder Samen einiger kommerzieller Ölpflanzen sowie Fettsäurenmuster der Öle (jeweils in %); verändert nach [4]
Inhaltsstoff
Olive
Soja
Mais
Erd-
nuss
Sonnen-
blume
Öl-
palme
Sacha
Inchi
Proteine
2
28
k. A.
23
24
k. A.
33
Öl
22
19
k. A.
45
48
k. A.
54
Palmitinsäure
13
11
11
12
7
45
4
Stearinsäure
3
3
2
2
5
4
2
Ölsäure
71
22
28
43
29
40
8
Linolsäure*
10
55
58
37
58
10
37
α-Linolensäure*
1
8
1
49

* Essenzielle Fettsäure k. A. = keine Angaben


Wegen des ebenfalls sehr hohen Gehaltes an γ- und δ-Tocopherol ist das Öl trotz des hohen Anteils an ungesättigten Fettsäuren verhältnismäßig oxidationsstabil. Weiterhin wurden α-Tocopherol (Vitamin E), Vitamin A und ein Gemisch von Phytosterolen, vor allem Stigmasterol, Campesterol und Δ5-Avenasterol (zusammen ca. 250 mg/100 ml Öl), nachgewiesen.

Proteine reich an Tryptophan

Auch der Eiweißanteil der Samen ist relativ hoch (ca. 33%). Als wichtigstes Speicherprotein wurde ein neuartiges, wasserlösliches Albumin isoliert, das etwa ein Drittel des gesamten Eiweißgehaltes ausmacht. Es besteht aus zwei glykosylierten Polypeptiden mit einer Molmasse von 32.800 bzw. 34.800 D. Das Aminosäurenmuster entspricht in seiner Zusammensetzung den Empfehlungen der FAO/WHO als Nahrungsmittel für einen erwachsenen Menschen; es hat einen ungewöhnlich hohen Gehalt an Tryptophan (44 mg/g Protein) und einen vergleichsweise niedrigen Gehalt an Phenylalanin (9 mg/g Protein). Das Eiweiß zeigte in vitro eine ausgezeichnete Verdaulichkeit [5].

Mittel gegen Zivilisationskrankheiten?

Der mögliche Anwendungsbereich der Samen bzw. des Öls wird als sehr weitgehend diskutiert. Neben dem Gebrauch als hochwertiges Lebensmittel sowie bei der Herstellung von Kosmetika werden zahlreiche Möglichkeiten für eine medizinische Anwendung genannt: Neben einer den Cholesterolspiegel und den Blutdruck senkenden Wirkung wird auch eine Besserung bei Diabetes, Arthritis oder gar bei bestimmten psychischen Störungen oder Krebserkrankungen (Brustkrebs, Prostatakarzinom) erhofft [4]. So ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Produkte bereits als Nahrungsergänzungsmittel im Internet erhältlich sind.

Alternative zu Coca

Mit etwa 60% der weltweiten Anbaufläche war Peru bis Mitte der 90er-Jahre das größte Anbauland des Coca-Strauches (Erythroxylum coca). Durch zahlreiche staatliche Maßnahmen, aber auch durch einen massiven Pilzbefall (Fusarium oxysporum), der zu einem großflächigen Absterben der Coca-Pflanzen führte, ist die Anbaufläche seitdem um 70% von etwa 115.000 auf 34.000 ha zurückgegangen. Peru liegt nach Kolumbien und Bolivien jetzt nunmehr auf Platz 3 der Coca-Produzenten. Die Programme der sogenannten "Alternativen Entwicklung" wurden sowohl von den USA (USAID) als auch von den Vereinten Nationen (UNDCP) gefördert und schlossen u. a. landwirtschaftliche Strukturmaßnahmen und eine Verbesserung der gesundheitlichen Versorgung für die ländliche Bevölkerung mit ein. Diese positive Entwicklung ist allerdings gefährdet durch

  • einen Anstieg des Coca-Preises,
  • die Anlage von Mischkulturen aus alternativen Nutzpflanzen und Cocasträuchern, dessen Anpflanzungen dabei nicht gleich zu erkennen sind, und
  • die geringere staatliche Überwachung.

Wünschenswert ist jedenfalls eine Stabilisierung der wirtschaftlichen Verhältnisse. Ein erfolgreicher Anbau hochwertiger alternativer Pflanzen wie der Ölpflanze Sacha Inchi oder der Obstpflanze Camu Camu (Myrciaria dubia), die wohlschmeckende Früchte mit sehr hohem Vitamin-C-Gehalt liefert, kommt diesem Anliegen sicher entgegen. Das Programm "Nachhaltige Ländliche Entwicklung" in Peru, das die GTZ im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (BMZ) durchführt, unterstützt diese Entwicklung.


Literatur

[1] Hamaker BR, et al. Amino acid and fatty acid profiles of the Inca peanut (Plukenetia volubilis L.). Cereal Chem 1992;69(4):461 – 463.

[2] Neue Zürcher Zeitung, 17.04.2008.

[3] Guillén MD, et al. Characterization of Sacha Inchi (Plukenetia volubilis L.) oil by FTIR spectroscopy and 1 H NMR. Comparison with linseed oil. JAOCS 2003;80(8):755 – 761.

[4] www.newcenturyproducts.net (compared to other oil).

[5] Sathe SK, et al. Isolation, purification, and biochemical characterization of a novel water soluble protein from Inca peanut (Plukenetia volubilis L.). J Agric Food Chem 2002; 50(17):4906 – 4908.

[6] GTZ.


Dr. Hans-Peter Hanssen, Universität Hamburg, Institut für Pharmazeutische Biologie und Mikrobiologie, Bundesstr. 45, 20146 Hamburg

hans-peter.hanssen@hamburg.de

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