Arzneimittel und Therapie

Mariner Naturstoff erfolgreich in präklinischen Studien

Aplidin, ein Zyklodepsipeptid aus der Seescheide Aplidium albicans, ist offensichtlich ein geeigneter Kandidat zur Weiterentwicklung von Therapeutika gegen das multiple Myelom. Amerikanische und spanische Wissenschaftler konnten in In-vitro- Studien nachweisen, dass der marine Naturstoff sowohl gegen primäre Tumorzellen als auch gegen zahlreiche menschliche Myelom-Zelllinien aktiv ist. Die noch vorläufigen Untersuchungen in klinischen Tests sind offenbar sehr Erfolg versprechend [1].

Das multiple Myelom (syn. Plasmozytom) ist der häufigste Tumor von Knochen und Knochenmark und tritt mit einer Inzidenz von etwa vier Neuerkrankungen/100.000 pro Jahr auf [2]. Vor allem ältere Menschen sind betroffen, Männer häufiger als Frauen. Die Lebenserwartung beträgt ohne Behandlung etwa sechs Monate, mit Chemotherapie drei und nach Knochenmarkstransplantation fünf Jahre.

Wirksam in Einzel- oder Kombinationstherapie

Obwohl bei der Behandlung des multiplen Myeloms in den letzten Jahren Fortschritte erzielt wurden, bleibt seine Behandlung unheilbar. Weltweit wird daher nach neuen Wirkstoffen mit Antimyelom-Aktivität gesucht. Vor etwa 20 Jahren wurde aus der im Mittelmeer lebenden Seescheide Aplidium albicans (Tunicata) das zyklische Peptid Dehydrodidemnin B (DDB, Aplidin) isoliert, das zytostatische Aktivität zeigte. Das spanisch-amerikanische Unternehmen PharmaMar, das auf die Weiterentwicklung von biologisch aktiven marinen Naturstoffen zu potenziellen Therapeutika spezialisiert ist, hat jetzt in Zusammenarbeit mit verschiedenen wissenschaftlichen Instituten die In-vitro-Aktivität von Aplidin gegen Myelom-Tumorzellen und -zelllinien bzw. In-vivo-Aktivität in einem Xenograft Mausmodell nachgewiesen [1]. Eine Aktivität konnte auch gegen solche Zelllinien nachgewiesen werden, die gegen etablierte Behandlungen resistent waren. Bereits eine kurzzeitige In-vitro-Einwirkung von Aplidin induzierte den Zelltod der Tumorzellen, wobei verschiedene antiapoptotische Gene unterdrückt und potenzielle Regulatoren der Apoptose, z. B. Caspasen, aktiviert wurden. In Kombination mit konventionellen (z. B. Dexamethason und Anthracycline), aber auch mit neuartigen Therapeutika (Thalidomid, Bortezomib) wurde mit Aplidin ein additiver, zum Teil sogar synergistischer Effekt beobachtet. Erste klinische Tests mit einer zunächst begrenzten Anzahl von Patienten waren ebenfalls ermutigend, zumal die Substanz bereits in klinisch vertretbaren Dosierungen eine positive Wirkung zeigte. Bekannte toxische Nebenwirkungen etablierter Therapeutika wie Neuropathien oder Myelosuppression konnten für Aplidin bislang nicht festgestellt werden.

Auch aus anderen Meeresorganismen wurden zwischenzeitlich verschiedene Naturstoffe unterschiedlicher Struktur (u. a. Alkaloide und Peptide) isoliert, die in präklinischen Studien zytostatische Wirkungen gegen Tumoren zeigten [3].


Quelle

[1] Mitsiades, C. S.; et al.: Aplidin, a marine organism derived compound with potent antimyeloma activity in vitro and in vivo. Cancer Res., 68(13), 5216–5225 (2008).

[2] Blank, I.: Was ist eigentlich … ein multiples Myelom? Dtsch. Apoth. Ztg., 148(20), 2176 – 2179 (2008).

[3] Rinehart, K.L.: Antitumor compounds from tunicates. Med. Res. Rev., 20(1), 1– 27 (2008).


Dr. Hans-Peter Hanssen Universität Hamburg Institut für Pharmazeutische Biologie und Mikrobiologie Bundesstr. 20146 Hamburg hans-peter.hanssen@hamburg.de

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