Botanik

Nachgefragt: Wie gefährlich sind Ambrosiapollen wirklich?

Zurzeit wird in vielen Medien über die Bedrohung durch Ambrosiapflanzen berichtet, über die Gefährlichkeit der Ambrosiapollen, die als das weltweit stärkste Pollenallergen mit einem hohen Sensibilisierungspotenzial bezeichnet werden. Wir fragten bei Univ.-Prof. Dr. med. Thilo Jakob, Oberarzt an der Universitäts-Hautklinik Freiburg, nach, ob hier wirklich eine akute Gefahr besteht. Oder wird nur nach Schlagzeilen zum Füllen des Sommerlochs gesucht?

Jakob: Nein, es besteht keine akute Gefahr. Aber es ist auch nicht nur ein reines Sommerloch-Thema. Die Ambrosiapflanze, die bisher vor allem in den USA vorkam, hat sich in den vergangenen zehn Jahren wirklich zunehmend in Deutschland ausgebreitet. Und die Pflanze stellt eine große Belastung für Allergiker dar, vor allem durch die Verlängerung der Pollensaison: So setzt die Ambrosie ihre Pollen erst Anfang August bis in den Oktober hinein frei. Ein Zeitraum, der bislang als Erholung für Pollenallergiker galt. Im Endeffekt befinden sich damit über eine größere Zeitspanne des Jahres mehr Pollen in der Luft – und damit werden auch bei mehr Menschen allergische Symptome beobachtet.

DAZ:

Sind die Ambrosiapollen wirklich so aggressiv?

 

Jakob: Erst einmal: Pollen haben keinerlei Aggressionen gegen uns! Ambrosiapollen sind auch nicht wesentlich kleiner als andere Pollenarten. Entscheidend sind der aerodynamische Durchmesser und die Flugeigenschaften der Ambrosiapollen. Diese tragen dazu bei, dass die Pollen besonders gut auch die tiefen Atemwege erreichen können und dort zu allergischen Reaktionen führen. Schon sechs Pollen/m3 Luft reichen aus, um klinische Symptome auszulösen. Wenn man hierzu noch die Tatsache berücksichtigt, dass eine einzige Ambrosiapflanze bis zu eine Milliarde Pollen freisetzen kann, wird deutlich, warum Ambrosia als neue Allergenquelle so viel Beachtung bekommt.


 

DAZ:

Sind Menschen, die schon eine Allergie auf Gräser- und Roggenpollen haben, oder Kinder besonders gefährdet?

 

Jakob: Das kann man so nicht sagen. Auch jemand, der bisher noch nie allergische Symptome hatte, kann allergisch auf Ambrosia reagieren. Dann gibt es natürlich noch die Patienten, bei denen bereits eine Pollenallergie bekannt ist. Hier sind es besonders Beifußallergiker die auch auf Ambrosia mit den typischen Symptomen reagieren. Seltener sind Kreuzallergien mit Gräserpollen. Beschrieben sind auch Kreuzallergien mit Nahrungsmitteln wie zum Beispiel Banane, Melone und Gurke. Kinder haben zwar eine relativ hohe allergische Bereitschaft, sind aber meiner Meinung nicht mehr gefährdet als Erwachsene mit hoher Allergiebereitschaft. Der Eindruck, dass insbesondere Kinder auf Ambrosiapollen allergisch reagieren, entsteht zum einen dadurch, dass Kinder bei uns mit am besten untersucht sind. Zum anderen haben Kinder beim Spielen im Freien auch wesentlich mehr Kontaktmöglichkeiten.


 

DAZ:

Kann es bei Kontakt mit der Pflanze z. B. beim Herausreißen auch zu allergischen Reaktionen auf der Haut kommen?

 

Jakob: Ja, Hautreizungen und Rötungen sind beschrieben worden. Verantwortlich dafür sind aber nicht die Pollen, sondern Sesquiterpenlaktone, die nach dem Berühren der haarigen Stängel eine Kontaktallergie auslösen können. Die Pflanze sollte daher nach Möglichkeit nur mit Handschuhen angefasst werden.


 

DAZ:

Ist eine vorbeugende Hyposensibilisierung gegen Ambrosiapollen möglich bzw. Erfolg versprechend?

 

Jakob: Nein, eine vorbeugende (präventive) Hyposensibilisierung gegen Ambrosia – wie auch gegen andere Pollen – gibt es leider nicht. Erst nach dem Auftreten von spezifischen allergischen Bewerden kann eine Hyposensibilisierung durchgeführt werden, die insgesamt auch recht erfolgreich ist. Da in den USA Ambrosia bereits seit Jahrzehnten als Hauptquelle für Allergene bekannt ist, liegen besonders viele amerikanische Studien zur Wirksamkeit der spezifischen Immuntherapie mit Ambrosiapollen vor. In Deutschland ist das bisher weniger der Fall. Zudem ist es hier schwierig zu unterscheiden, handelt es sich bei den allergischen Symptomen um eine Neusensibilisierung gegen Ambrosia oder um eine Kreuzreaktion auf Beifußpollen. Bei uns wird daher häufig versucht, eine Hyposensibilisierung gegen Beifußpollen durchzuführen, in der Vorstellung, dass damit auch die Reaktionen auf Ambrosiapollen gelindert werden. Jüngste Untersuchungen aus Österreich und Norditalien zeigen, dass es sich tatsächlich bei den meisten Fällen um eine gleichzeitige Sensibilisierung sowohl auf Ambrosia als auch auf Beifußpollen handelt. Bezüglich der Hyposensibilisierung ist es in diesem Fall noch unklar, ob eine Therapie mit beiden Pollenextrakten notwendig ist oder ob die Therapie mit einem der beiden Extrakte ausreicht.


DAZ:

Herr Professor Jakob, vielen Dank für das Gespräch!

 

 

Univ.-Prof. Dr. med. Thilo Jakob,
Professor für Allergologie und Immundermatologie,
Geschäftsführender Oberarzt der Universitäts-Hautklinik,
Leiter der klinischen Forschergruppe Allergologie,
Universitätsklinikum Freiburg,
Hauptstr. 7,
79104 Freiburg

 

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