Ernährung aktuell

Die "Grüne Fee" – nur ein gewöhnlicher Schnaps

Der sagenhafte Ruf des Absinth geht entgegen bisheriger Annahmen nicht auf das Nervengift Thujon zurück, sondern lediglich auf den in ihm enthaltenen Alkohol. Forscher um Dirk Lachenmeier vom Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (CVUA) entdeckten anhand der Analyse historischer Absinthflaschen, dass der Thujongehalt viel zu gering gewesen war, als dass er ursächlich für die nachgesagten Wirkungen der Bitterspirituose hätte sein können.

Absinth, dem wegen seiner grünen Farbe und der ihm nachgesagten Wirkung der klangvolle Name "grüne Fee" verliehen wurde, avancierte Mitte des 19. Jahrhunderts in Intellektuellen- und Künstlerkreisen vor allem in Frankreich zum salonfähigen Kultgetränk und fand in zahlreichen Gemälden und literarischen Werken seinen Niederschlag. Die durch Destillation von Wermut, grünem Anis, Fenchel und anderen Kräutern hergestellte und traditionell mit Wasser verdünnt getrunkene Bitterspirituose sei bewusstseinserweiternd und zu Höchstleistungen anregend, sagten ihre Anhänger. Vor Bewusstseinsstörungen, Halluzinationen, Gedächtnisverfall, Kontrollverlust und Erblinden warnten auf der anderen Seite ihre Gegner. Zurückgeführt wurden diese Auswirkungen bislang auf den Inhaltsstoff Thujon; ein Nervengift, das Bestandteil des ätherischen Öls des Wermut ist. Nachdem der "Absinthismus" mehr und mehr als ernsthaftes gesellschaftliches Problem wahrgenommen worden war, kam es im frühen 20. Jahrhundert länderübergreifend zum Verbot der beliebten Spirituose. Seitdem der Absinth in den 1990er Jahren wieder produziert werden darf und eine kleine Renaissance erlebt, begrenzt eine eigene EU-Richtlinie den Thujongehalt auf 35 Milligramm pro Liter.

Wissenschaftlern um Dirk Lachenmeier ist es nun gelungen, versiegelte Absinth-Flaschen aus der Zeit vor den Absinth-Verboten in Frankreich, der Schweiz, Spanien, Italien, den Niederlanden und den USA aufzuspüren und zu untersuchen. Das Ergebnis überrascht und räumt mit dem Mythos Absinth gehörig auf. So hört man immer wieder, der klassische Absinth hätte 200 Milligramm Thujon pro Liter und sogar mehr enthalten – eine Dosierung, die die dem Absinth nachgesagten Wirkungen durchaus nachvollziehbar erscheinen ließ. Tatsächlich jedoch, so fanden Lachenmeier und seine Kollegen durch Analyse der Proben und Nachvollziehen historischer Rezepturen heraus, wurde schon vor rund 100 Jahren der heutige EU-Grenzwert kaum überschritten. Im Durchschnitt enthielten die Proben lediglich 25,4 Milligramm Thujon pro Liter. Die Studienautoren führen daher den historisch beschriebenen "Absinthismus", der in seinen Symptomen keine wesentlichen Unterschiede zum Alkoholismus aufweist, auf die schlechte Alkoholqualität, den hohen Alkoholgehalt von 45 bis 75 Volumenprozent und die großen Mengen konsumierten Alkohols zurück.


ka


Quelle: Lachenmeier, D. et al.: J. Agricul. Food Chem., DOI: 10.1021/jf703568f

0 Kommentare

Das Kommentieren ist aktuell nicht möglich.