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Im Sommer brennt hier die Luft

(lub). Drei Apotheken im deutschen Hochsee-Bereich gibt es, eine auf Helgoland, zwei auf der ostfriesischen Insel Borkum. Unter welchen Bedingungen dort gearbeitet wird und welche besonderen Herausforderungen die Insellage gerade jetzt im Sommer mit sich bringt, zeigt unsere DAZ-Reportage aus Borkum.

Die Lage der Insel-Apotheke könnte nicht besser sein: Vor dem Haus ist der putzige Inselbahnhof Dreh- und Angelpunkt des gesamten Urlauberverkehrs auf der größten Insel Ostfrieslands, den ganzen Tag über steigen Tausende von Menschen aus bzw. in das 120 Jahre alte Inselbähnchen, das den Ort mit dem 7 km entfernten Fährhafen verbindet. Außerdem befinden sich rund um die aus roten Klinkersteinen erbaute Apotheke jede Menge Geschäfte und Restaurants – und zum Strand der Nordseeinsel sind es zu Fuß gerade mal zwei Minuten. "Einfach ideal", lacht Apotheker Friedhelm Brendel. Er lehnt entspannt neben der Eingangstür und schnappt schnell mal frische Luft: "Im Sommer brennt hier auf Borkum die Luft, so viel ist da los." Stimmt: Die Kunden der Insel-Apotheke stehen bis auf die Straße hinaus und warten geduldig, bis sie von den Approbierten und PTAs bedient und beraten werden. 5400 Einwohner hat Borkum, in der Sommersaison kommen etwa 25.000 Gäste hinzu. "Wir müssen dann fünfmal mehr Menschen pharmazeutisch betreuen", rechnet Brendel vor.

Verliebt in die Insel

Brendel kam 1971 erstmals nach Borkum, er arbeitete als Vorexaminierter und verliebte sich in die Insel. 1981 eröffnete der gebürtige Hesse seine eigene Pharmazie am Inselbahnhof und ist längst zu einer Institution im Mikrokosmos Borkums geworden. Auf seiner dunkelblau-gestreiften Couch in der Offizin hat schon manch Insulaner sein Herz ausgeschüttet und guten Rat vom Apotheker bekommen – "das geht dort leichter als in unserer Beratungsecke", lächelt Brendel, der in Marburg studiert hat. In seinen Schaufenstern hat er sommerlich mit Sonnenschutz dekoriert. Daneben zeigen Schautafeln die geschützte Tierwelt der Insel. Das Apothekeninnere gefällt durch warme Töne und ein markantes maritimes Fries unter der Decke.

"Ich habe Probleme mit den Augen", ein Urlaubsgast aus Hessen sucht Hilfe beim Inselpharmazeuten – ein typisches Sommer-Problem, sagt Brendel: "Die Leute aus dem Binnenland unterschätzen den Wind und die UV- Strahlung der Hochsee- Sonne immer wieder." Logisch, dass Ophthalmika und Hautpräparate die absoluten Renner der Hochsaison sind.

Riesiges Warenlager

Friedhelm Brendel ist stolz auf sein Warenlager: "Das ist größer und besser sortiert als in den meisten Apotheken auf dem Festland – ich muss hier eine riesige Bandbreite bedienen". Und es ist nicht so leicht, gewünschte Medikamente sofort parat zu haben, Borkum liegt immerhin 55 km vom nächsten deutschen Hafen Emden entfernt mitten im Meer. "Was wir bis mittags bestellen, kommt bis spätestens 18 Uhr per Kleinflugzeug, was wir bis abends ordern, liefert die erste Fähre bis 10 Uhr vormittags." Doch auch ein Notfall ist nicht unlösbar: Dann lässt sich das insulare Apothekenteam die benötigten Präparate per Taxi aus Oldenburg und Flieger ab Emden kommen. Pragmatismus und Flexibilität sind Voraussetzungen, um auf einer Insel vernünftig und erfolgreich Pharmazie betreiben zu können: "Wenn jemand mit einem unpassenden Gehstock zu uns kommt, dann sägen wir den einfach ab, "erzählt PTA Natalie, die aus Bochum nach Borkum gekommen ist.

Apotheker als Gäste-Gesundheits-Guide

Die "Insel-Apotheke" hat auch jede Menge Sanitätsartikel vorrätig – auf Borkum gibt es kein Sanitätshaus. Und viele Inselbewohner vertrauen auch in punkto Tiermedizin ihrem Apotheker: "Der Brendel und seine Leute kennen sich da prima aus", berichtet Monika Sauer vom Tourismusamt. Da grinst der Apotheker: "Ja, in unserer Apotheke bleibt keine Frage unbeantwortet, wir sind der Guide in Sachen Gesundheit, wir haben die unmöglichsten und ausgefallensten Geräte und Hilfsmittel, wir leisten 14 Tage Notdienst am Stück und wir machen vielen Gästen erst ihren Urlaub überhaupt möglich!" Denn viele Urlauber informieren die beiden Pharmazeuten auf Borkum vor ihrer Ankunft über benötigte Medikamente, Katheder etc. und können dann unbeschwert den 26 km langen und bis zu 500 Meter breiten Prachtstrand aus feinem weißen Sand geniessen. In der Pharmazie am Inselbahnhof kommen die merkwürdigsten Fragen vor: "Habt Ihr Bananen? Und Batterien für mein Hörgerät?" "Alles kein Problem für uns", sagt Brendel. Auch die großen Kur- und Spezialkliniken auf der Nordseeinsel schätzen seine Kompetenz, die Ärzte dort bitten ihn oft um Hilfe. Nur einmal ist er "ein bisschen ins Schleudern gekommen", damals, als in einer Mutter-Kind- Klinik eine Hirnhautentzündung epidemieartig um sich griff und schnell ein besonderes Antibiotikum benötigt wurde: "Das habe ich dann vom Flugzeug mit dem Fahrrad in diese Klinik geliefert."

Romantik am Strand

Friedhelm Brendel zählt drei Approbierte und fünf PTAs zu seinem Team, alle haben im Sommer gut zu tun, schätzen aber auch die außergewöhnliche Lage ihres Arbeitsplatzes: ein paar Meter zum Nordstrand, zwei Stunden Mittagspause in der Sonne, Baden in der Nordsee – schöner kann es kaum sein. Kein Wunder, dass sich immer wieder PTAs aus Bayern und Nordrhein-Westfalen reif fühlen für ein paar Monate oder gar Jahre auf der Insel. "Es macht Riesenspaß hier auf Borkum", sagt Brendel. Ausgleich vom Stress findet er im Norden der Insel, hinter den Dünen am meist menschenleeren Strand, in einer Hütte aus Treibholz: "Schöner geht’s kaum", schwärmt der 59-Jährige. Vielleicht noch bei Sonnenuntergang im Westen der Insel, wenn nach 17 Uhr die meisten Menschen ihren Unterkünften zustreben und man sich ungestört dem kitschig-schönen Blutrot hingeben kann, das langsam in der unendlichen Weite der Nordsee versinkt …


Infos zur Nordseeinsel Borkum findet man unter www.borkum.de

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