DAZ aktuell

Hilfe für Zyklonopfer weiterhin nötig

(aog/ral). Drei Wochen lang koordinierte Dietlinde Kerber die medizinische Hilfe der Apotheker ohne Grenzen für die Opfer des Zyklons "Nargis" in Myanmar. Die Frankfurterin unterstützte lokale Helfer bei der Beschaffung und Verteilung von Arzneimitteln. Gegenüber der DAZ berichtet sie von ihren Erfahrungen in Rangun.

DAZ: 
Wie sieht es im Katastrophengebiet aus, woran fehlt es?

 

Kerber: Der Zyklon hat furchtbare Spuren hinterlassen. Zwei Millionen Menschen sollen ihre Heimat verloren haben, sagen die Vereinten Nationen. Sie haben ihr Hab‘ und Gut verloren und müssen den Verlust ihrer Familienangehörigen verkraften. Neben elementaren Überlebenshilfen fehlt es vor allem an medizinischer Betreuung. Die Betroffenen haben zum Teil schwere Verletzungen und fast alle sind stark traumatisiert. Der Ausbruch von typischen Epidemien in Katastrophenfällen wird von der WHO zentral erfasst, um eine unnötige Ausweitung zu verhindern. Apotheker ohne Grenzen können hier mit gezielten Arzneimittelsendungen und deren Verteilung wichtige und effektive Hilfe leisten.

DAZ:

Man hört ständig von den Restriktionen der birmanischen Regierung gegenüber ausländischen Helfern – wie konnten Sie überhaupt tätig werden?

 

Kerber: Eine meiner Hoffnungen war es, eine offizielle Arbeitsgenehmigung als Nichtregierungsorganisation zu erwirken. Das ist leider noch nicht gelungen. Unsere erste, bald eine Tonne schwere Medikamentensendung aus Deutschland, mussten wir als "world food programme" deklarieren, um sie überhaupt einführen zu können. Aber Birma hat ja eine touristische Infrastruktur. Deutsch-birmanische Reisebüros mit Geschäftspartnern und Kontakten zu Privatkliniken in Rangun haben uns sehr weitergeholfen, um stabile Kontakte vor Ort zu knüpfen. Birmanen können sich auch im Katastrophengebiet frei bewegen.


 

DAZ:

Was genau haben Sie gemacht, welche Spielräume standen Ihnen in dieser Situation noch offen?

 

Kerber: Mein Vorgänger Hans Musswessels von unserer Partnerorganisation LandsAid hatte die Medikamente aus Deutschland an ausgewählte Organisationen weitergeben können. Ich habe dann für 7000 Dollar Medikamente vor Ort gekauft. Über die Myanmar-Bavarian Reiseagentur, die auch eine Klinik, eine private Stiftung namens Amara Health Care Foundation betreibt, habe ich zusammen mit einer Krankenschwester die Medikamente dort erworben, wo auch die Klinik ihre Ware bezieht. So bin ich bei allen Helferteams vorgegangen. Auf die organoleptische Überprüfung, Verfalldaten, allgemeine Sauberkeit und Übersichtlichkeit des Warenlagers konnte ich auch ohne Minilab achten. Lokal bereits bekannte Abpackungen stiften weniger Verwirrung als die deutschen Produkte. Und gleichzeitig fördern wir die lokale Wirtschaft, wenn wir vor Ort einkaufen. Für Tuberkulose, Malaria oder für Engpässe bei Antibiotika werden aber auf jeden Fall weiter gezielte ausländische Sendungen benötigt. Schwierigkeiten gab es mit den Banknoten: Nur ganz nagelneue Dollarscheine ohne den kleinsten Knick wurden akzeptiert. Und das in einer Situation, in der so viele Menschen dringend auf Hilfe warten!


 

DAZ:

Welche Perspektiven sehen Sie für die weitere Hilfe der Apotheker ohne Grenzen?

 

Kerber: Meine Nachfolgerin, die Schweizer Apothekerin Carole Zen Ruffinen, soll sich weiterhin um eine offizielle Arbeitsgenehmigung als NGO im Irrawaddy-Delta bemühen. Der Bedarf daran ist immer noch enorm, die Bevölkerung leidet! Die Koordination unserer Spendensendungen aus Deutschland und der Ankauf vor Ort sind ebenfalls ihre Aufgabe. Über die Erstversorgung der Katastrophenopfer hinaus wird sehr viel längerfristige Aufbauarbeit geleistet werden müssen. Auch Gesundheitseinrichtungen wurden vom Zyklon Nargis hinweggefegt.


DAZ: 

Ihr Einsatz klingt nach einer strapaziösen Aufgabe. Was motiviert Sie dazu?

 

Kerber: Mein Einsatz war in mancher Hinsicht anstrengend, aber wir Apotheker ohne Grenzen möchten ja Hilfe leisten. So auch ich. Den spontanen und gut organisierten Einsatz der lokalen Helferteams habe ich sehr bewundert. Es hat mir Mut gemacht und gezeigt, dass man auch in verfahrenen Situationen helfen kann. Das wollte ich bei meinem Einsatz für AoG unterstützen, so gut ich konnte.

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