Arzneimittel und Therapie

Frauen sind meist unterrepräsentiert

Die Gender Medicine, das heißt die Wissenschaft geschlechtsspezifischer Unterschiede von Krankheiten und ihrer Therapie, befasst sich auch mit der Rolle von Frauen in klinischen Studien. Weibliche Probanden waren lange Zeit in Studien unterrepräsentiert, was teilweise auf die Contergan-Katastrophe zurückzuführen ist. Da aber Frauen und Männer auf Medikamente unterschiedlich reagieren können, erscheint eine geschlechtsspezifische Prüfung von Arzneistoffen sinnvoll.

Die Wirkung eines Arzneimittels kann bei Frauen und Männern unterschiedlich ausfallen. Dies ist bedingt durch

  • pharmakokinetische und pharmakodynamische Unterschiede,
  • die unterschiedliche Wahrnehmung erwünschter und unerwünschter Wirkungen sowie
  • durch das unterschiedliche Auftreten von Krankheiten.

Um daher die Wirkung eines Arzneimittels richtig einschätzen zu können, müssten Frauen und Männer gleichermaßen an klinischen Studien beteiligt sein, so Prof. Dr. Petra Thürmann, Witten/Herdecke. Die Realität sieht hingegen anders aus. Nach der Contergan-Katastrophe nahmen keine Frauen mehr an Phase-I-Studien zur Dosisfindung teil (mit der Ausnahme bei der Entwicklung neuer Kontrazeptiva). Was als verständliche Vorsichtsmaßnahme gedacht war, erwies sich jedoch als zweischneidiges Schwert, da die Teilnahme an klinischen Studien mitunter die einzige Möglichkeit ist, potenziell bessere Arzneimittel frühzeitig zu erhalten. Dieses Dilemma trat Anfang der 90er-Jahre auf, als HIV-infizierte Frauen nur im Rahmen klinischer Studien neue und effektivere Arzneimittel erhalten konnten, von diesen Studien aber ausgeschlossen werden sollten. Dies führte zumindest teilweise zu einem Umdenken, und 1993 verlangte das FDA in ihren Guideline for the Study and Evaluation of Gender Differences in the Clinical Evaluation of Drugs den Einschluss von Frauen in klinische Studien sowie geschlechtsspezifische Auswertungen. So sind heute Frauen in Phase-II-, Phase-III- und Phase-IV-Studien stärker vertreten, wenn auch nicht in einem ausgewogenen Verhältnis. Dies gilt nicht für ältere Probanden, die in der Regel von Studien ausgeschlossen sind, obwohl die meisten Erkrankungen im fortgeschrittenen Alter auftreten.

Geschlechtsspezifische Wirkungen

Das Wissen über geschlechtsspezifische Unterschiede von Wirkung und Toxizität eines Arzneimittels ist noch rudimentär und unterschiedliche Effekte wurden eher zufällig entdeckt. Ein Beispiel ist die variierende Wirkung des Zytostatikums 5-Fluorouracil (5-FU) bei Männern und Frauen. Obwohl 5-FU schon lange in der Tumortherapie eingesetzt wird, fiel erst in den jüngsten Jahren auf, dass bei Frauen wesentlich stärkere Knochenmark- und Schleimhautschäden auftreten als bei Männern. Dies ist bedingt durch den bei Frauen verlangsamten Abbau von 5-FU und dadurch erhöhten Wirkspiegeln im Blut.

Eine weitere Ursache für die geschlechtsspezifische Wirksamkeit liegt in der bei Mann und Frau unterschiedlichen enzymatischen Ausstattung. So weist etwa CYP 2D6 bei Männern eine höhere Aktivität auf als bei Frauen. Dementsprechend werden Arzneistoffe, die einer Verstoffwechselung durch CYP 2D6 unterliegen, bei Frauen langsamer abgebaut als bei Männern. Dies zeigt sich etwa bei den über CYP 2D6 metabolisierten Betablockern Carvediol und Metoprolol, die bei Frauen häufiger zu einer Hospitalisierung führen als bei Männern.

Ein weiteres Beispiel ist die ungleiche Wirksamkeit von Digitalis bei Männern und Frauen. Analysiert man die Daten geschlechtsspezifisch, so führt Digitalis bei Frauen zu einer Übersterblichkeit und einer verdoppelten Hospitalisierungsrate.

Geschlechtsspezifische Studien gefordert

Da Frauen und Männer unterschiedlich auf einen Arzneistoff reagieren können, sollten neue Arzneimittel immer bei Probanden beiderlei Geschlechts geprüft werden. Der Anteil männlicher und weiblicher Probanden sollte sich ferner nach der Art der Erkrankung richten, das heißt, bei Krankheiten, die vorwiegend bei Frauen auftreten, sollten mehr weibliche als männliche Probanden eingeschlossen werden. Die Auswertung der Daten sollte geschlechtsspezifisch erfolgen (heute werden noch immer Studien publiziert, aus denen das Geschlecht der Teilnehmer nicht hervorgeht).

Die häufig vertretene Ansicht, Frauen seien nicht leicht zur Teilnahme an klinischen Studien zu bewegen, ist Thürmann zufolge zu hinterfragen. Frauen fürchten zwar die Risiken einer Studienteilnahme mehr als Männer, sind aber dennoch eher zur Teilnahme bereit wie Männer. Dies trifft vor allem für Frauen zu, die eine höhere soziale Stellung einnehmen und über ein gutes Ausbildungsniveau verfügen. Durch mehr Information und eine sensible Kommunikation könnten weit mehr Frauen von Sinn und Nutzen einer Teilnahme an klinischen Studien überzeugt werden, so das Fazit von Thürmann.


Quelle

Prof. Dr. Petra A. Thürmann: "Repräsentation von Frauen in klinischen Studien", 6. Juni 2008, Gender Medicine Congress, Heidelberg.


Apothekerin Dr. Petra Jungmayr

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