Länderdossier Schweiz

Eine Option: Apothekenverkauf auf dem Zenit des Erfolgs

Gedanken eines Aussteigers – Apotheker und MBA Pierre André Jud im Gespräch mit Ruth Küster-Beilharz

DAZ: Sie waren ein erfolgreicher und innovativer Apotheker und haben für viele ihrer Schweizer Kolleginnen und Kollegen überraschend im Jahr 2005 ihre Feelgood’s Apotheke Witikon an die Apothekenkette Group Capitole verkauft. Was hat Sie dazu bewogen?

 

 

Jud:

Ja, in der Tat kam der Verkaufsakt überraschend. Vorangegangen war aber ein langer Vorbereitungs- und Entscheidungsprozess. Das hat 1997 mit der Umwandlung der Rechtsform in eine Aktiengesellschaft begonnen – dies in Hinblick auf einen zukünftigen Verkauf. Ein paar Jahre später habe ich dann eine ausführliche SWOT-Analyse, also eine Analyse, die Stärken, Schwächen, Chancen, Gefahren aufzeigt, erstellt. [SWOT ist ein englisches Akronym für Strengths (Stärken), Weaknesses (Schwächen), Opportunities (Chancen) und Threats (Gefahren); Anm. der Red.] Sie hat mich im Entscheidungsprozess sehr unterstützt. Zu den wichtigsten Beweggründen für einen Verkauf zähle ich die zunehmende Verschlechterung der wirtschaftlichen Grundlagen der Schweizer Pharmazie, die es nicht ermöglichte, weiterhin die von mir praktizierte Premium-Pharmazie weiterzuführen. Hinzu kamen fehlende Nachfolgerinnen und Nachfolger in der Familie wie im Umfeld meiner damaligen und ehemaligen Mitarbeiter. Ein weiterer Punkt betraf meine Lust auf eine neue Aktivität im weiten Feld der Gesundheit nach fast 30 Jahren Berufstätigkeit in der Apotheke.

 

 


DAZ:

Sie sind als Berater auch in Deutschland tätig und kennen diesen Markt. Wo liegen Ihrer Meinung nach die Gemeinsamkeiten der beiden Apothekenmärkte? Und wo gibt es Differenzen?

 

 


Jud:

Die Gemeinsamkeiten liegen bei der marktbeherrschenden Stellung der Pharmagrossisten. In der Schweiz haben die beiden größten Pharmagroßhändler, Galexis (Galenica Gruppe) und Amedis (Phoenix Deutschland) einen Marktanteil von etwa 80%. In Deutschland existiert auch ein solches Oligopol. Die größte Differenz zwischen diesen beiden Ländern besteht darin, dass der deutsche Pharmamarkt mit rund 35 Milliarden Euro (Basis Verkaufspreise in der Apotheke) weltweit der drittgrößte Pharmamarkt nach den USA und Japan ist. Zum Vergleich: Der Schweizer Pharmamarkt hat ein Volumen von ca. 4 Milliarden Euro. Damit ist der deutsche Pharmamarkt viel attraktiver für bisherige und neue Marktteilnehmer aus dem In- und Ausland.

 

Ein weiterer wichtiger Unterschied zu Deutschland ist das fehlende Monopol der Schweizer Apotheken beim Medikament. Der Marktanteil der Apotheken beträgt noch etwa 52% und ist längerfristig sinkend. Die selbstdispensierenden Ärzte sind eine sehr große Gefahr für die Apotheken, da sie ihren Marktanteil laufend ausbauen.

 

 


DAZ:

Wagen Sie eine Prognose darüber, ob, wieweit und wann Ihrer Meinung nach der deutsche Apothekenmarkt liberalisiert wird?

 

 


Jud:

Im Moment geht es ja um ein Urteil des Europäischen Gerichtshof (EuGH) zur Frage des deutschen Verbots des Fremd- und Mehrbesitzes. Hier wird ein Urteil für Ende 2008, Anfang 2009 erwartet.

 

Ein Urteil in der gleichen Frage durch die gleiche Instanz ist für Frankreich anhängig. Meiner Überzeugung nach wird das Urteil eine Aufhebung des Fremdbesitzverbots bringen. Dafür ist das Gewicht der neuen EU-Mitglieder zu groß. All die neuen Mitglieder in der EU kennen den Fremd- und Mehrfachbesitz. Eine Bemerkung als Schweizer kann ich mir hier nicht ganz verkneifen. Die Deutschen und auch die Franzosen haben echt Mühe zu akzeptieren, dass die EU nicht mehr vorzugsweise das deutsche oder auch das französische Rechtsempfinden für die EU-Rechtsprechung übernimmt. Das ist mit ein Grund, dass wir uns als Schweizer aus der EU fernhalten.

 

Der EuGH gewährt ja lange Übergangsfristen für eine Anpassung an die neuen Verhältnisse, siehe dazu das 2005 erlassene Urteil gegen die schwedische Apoteket AB (Monopolbesitzer aller schwedischen Apotheken). Die Umsetzung dieses Urteils beginnt erst 2009.

 

In Anlehnung an diese langen Übergangsfristen und die kommenden deutschen Bundestagswahlen im Herbst 2009 sehe ich einen realistischen Start für eine Liberalisierung des deutschen Apothekenmarkts ab dem 1. Januar 2011. Dann wird es aber schnell gehen mit der Kettenbildung, wie die Erfahrungen aus der Schweiz und Norwegen sehr eindrücklich gezeigt haben.

 

Ein alternatives Szenario, das auch diskutiert wird, geht von einer beschleunigten Umsetzung ab 2009 oder 2010 aus, ganz nach dem Motto "So schnell wie möglich Fakten im Markt schaffen".

 

 


DAZ:

Wo sehen Sie die größten Chancen und Gefahren für einen unabhängigen Apotheker in einem liberalisierten deutschen Apothekenmarkt?

 

 


Jud:

Die Apothekenketten sind sehr uniform, unflexibel und eher kurzfristig denkend. Die Erfahrungen aus der Schweiz zeigen, dass die Mitarbeitermotivation eher tief ist und damit die Mitarbeiterfluktuation auf der Ebene der Apotheken hoch ist. Die große Chance der inhabergeführten Apotheke ist die Langfristigkeit des Denkens und Handelns des ganzen Mitarbeiterteams, die bewusste Differenzierung bei der Leistungserbringung und beim Eingehen auf die individuellen Kundenwünsche und auf standortbedingte Kundenansprüche. Die Chancensituation wird noch verbessert durch die Erfüllung der wichtigsten Anforderungen des heutigen Einzelhandels: Standort, Standort, Standort, Kundenpflege und Kundenbindung, transparentes Preis/Leistungsverhältnis, Marke Apotheke, moderne Kommunikation, permanentes Kostendenken, etc.

 

Das größte Risiko für die inhabergeführte Apotheke ist eine Fahrwasserstrategie, bei der die Kettenapotheken kopiert werden: gleiche oder weitergehende Preispolitik, keine für den Kunden wahrnehmbare Differenzierung im Marktauftritt und im Marktgebahren.

 

 


DAZ:

Sie haben sich einen großen und breit angelegten Erfahrungsschatz in Ihrer Berufstätigkeit in der Apotheke und in den Berufsorganisationen aneignen können. Sie waren Gründer der ersten Apothekenkooperation TopPharm, Sie haben Ihre Apotheke an eine Kette verkauft und waren dann Direktor dieser Apothekenkette. Welche Erfahrungen möchten Sie an Ihre deutschen Berufskolleginnen und -kollegen weitergeben?

 


Jud:

Diese Erfahrungen sind sehr mannigfaltig und ihre Aufzählung würden den Rahmen dieses Interviews sprengen. Ganz einfach gesagt: Ich lade meine deutschen Kolleginnen und Kollegen gerne ein, am liebsten in einer Gruppe, nach Zürich zu kommen. Hier kann ich alles in der Praxis zeigen und wir haben genügend Zeit, die allgemeinen Entwicklungen und Szenarien für ihr Land zu präsentieren und zu diskutieren. Das Echo der bisherigen Teilnehmer an solchen Zürcher Reisen war gut. Immer wieder durfte ich hören, dass die Erfahrungen, Tipps, Hinweise und der Meinungsaustausch sehr wichtig für die Denküberlegungen, für die Entscheidungsprozesse und für das Handeln waren.

 

 


DAZ:

Ich bin sicher, engagierte deutsche Apotheker werden dieses Angebot gern wahrnehmen. Vielen Dank für das Gespräch!

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