Pharmazie in den USA

Der Apotheker muss sich neu positionieren

Der Pharmakologe Prof. Dr. Henning Schröder, der früher in Düsseldorf und in Halle arbeitete, ging im vergangenen Jahr ans College of Pharmacy der University of Minnesota in Minneapolis. Wir unterhielten uns mit ihm über seine Arbeit dort, über die Ausbildung der Pharmaziestudierenden in diesem Bundesstaat der USA und über die Zukunft des Apothekerberufs. Sein Appell nach Deutschland: Die Apotheker sollten noch stärker als bisher sagen, was sie tun, wie sie dem Patienten nützen und wie sie Kosten sparen können.
Prof. Dr. Henning Schröder

DAZ: 
Sie sind seit knapp einem Jahr am College of Pharmacy der University of Minnesota in Minneapolis. Was hat Sie damals besonders gereizt, in die USA nach Minnesota zu gehen? Was bietet diese Universität Besonderes für Ihre Arbeit?

 

 

Schröder: Seit September 2007 bin ich hier. An dieser Position haben mich vor allem zwei Aspekte gereizt. Zum einen konnte ich meine in Deutschland begonnene Forschung fortsetzen und zwar in einem Umfeld, in dem die Pharmazie in ein "Academic Health Center" integriert ist, also einem Zentrum, wo Medizin, Veterinärmedizin, Public Health und noch weitere Gesundheitswissenschaften vertreten sind. Daraus ergeben sich die vielfältigsten Kooperationsmöglichkeiten. Der Hauptgrund für meinen Wechsel nach Minneapolis war aber, dass dieser Teil meiner Arbeit nur 50 Prozent ausmacht, Die andere Hälfte meiner Arbeit füllt die Position eines Forschungs-Dekans (Associate Dean for Research and Graduate Studies). Hier bin ich dafür verantwortlich, Projekte zu lancieren und Leute zu motivieren, interdisziplinär zu arbeiten. Mein Job dabei ist es, existierende Arbeitsgruppen miteinander zu vernetzen und herauszubekommen, bei welchen Einrichtungen sich zurzeit spezielle Fördermittel für diese Projekte auftun könnten. Im Prinzip lässt sich diese Tätigkeit mit "Motivation" beschreiben. Man kann es auch als "Science Management" bezeichnen. So gehört zu meinen Aufgaben auch, herauszubekommen, wo und welche Stärken es an diesem College gibt, wie sich Synergieeffekte für ein Projekt erzielen lassen, an dem dann mehr als nur ein Forscher arbeitet. Heutzutage sind die wirklich erfolgreichen Forschungsaktivitäten die, die an einem Center stattfinden und an denen mehr als eine Arbeitsgruppe integriert ist. Allein arbeitende Forscher können nicht mehr alles abdecken. Teamwork steht im Mittelpunkt.

 

 

DAZ:

Wäre ein solches Arbeiten in Deutschland in dieser Form nicht so möglich gewesen?

 

 

Schröder: Professoren in Deutschland sind nach wie vor "autark". Sie können, was die Forschung betrifft, in relativ großem Umfang tun und lassen, was Sie wollen. Das kann Vorteile für das eigene Arbeiten haben, aber auch Nachteile: Die Anreize, über die eigene Arbeitsgruppe hinaus bestimmte Dinge zu tun, sind sicherlich in Deutschland nicht so zahlreich wie hier. Freiheit von Lehre und Forschung gibt es in USA natürlich auch, allerdings wird deutlich mehr Zeit darauf verwandt, den Erfolg von Lehre und Forschung zu messen und bei fehlendem Erfolg Strategien zu ändern. Das Selbstverständnis des Akademikers hier in den Staaten ist ein anderes als in Deutschland. Wenn man in den USA nicht im Team arbeitet und entsprechende Aktivitäten vorzeigt, beim Publizieren und Einwerben von Forschungsgeldern, hat dies Konsequenzen für die Karriere, nicht nur finanziell. Neben Forschung und Lehre ist "Service" ein wichtiges Kriterium bei der jährlichen Evaluation von Professoren. Dabei geht "Service" über den Begriff der deutschen "akademischen Selbstverwaltung" hinaus und umfasst auch "Community Service". Dazu zählt beispielsweise auch, wenn ich in einer Schulklasse fünf Stunden über das Thema Pharmakologie spreche.

 

Der Erfolg von Forschungs- und Lehraktivitäten wird zwar mittlerweile auch in Deutschland gemessen, aber die Gehaltserhöhung "wegen Alter" und nicht "wegen Leistung" scheint mir nach wie vor zu überwiegen. Das wäre in USA unvorstellbar.

 

 


DAZ:

Herr Schröder, haben sich Ihre Erwartungen an dieses System erfüllt?

 

 

Schröder: Ja, durchaus. Was ich mir von dieser Stelle versprochen habe, hat sich erfüllt, ja sogar übererfüllt, von der Teamarbeit und den Arbeitsmöglichkeiten her gesehen. Auch vor dem Hintergrund, dass sich durch die starke interdisziplinäre und interprofessionelle Ausrichtung der University of Minnesota auch neue Forschungsanreize für die eigene Arbeitsgruppe ergeben.

 

 


DAZ:

Kommen wir zum Ausbildungssystem. Wie beurteilen Sie dieses amerikanische System aus der Sicht der Studierenden? Wäre es nicht sinnvoll, wenn man deutsche Pharmaziestudierende mit diesem System an einem amerikanischen College bekannt machen könnte?

 

 

Schröder: Auf alle Fälle. Ich würde es sogar begrüßen, wenn der Austausch auch in die andere Richtung läuft. Ich bekomme immer wieder Anfragen von unseren professional students, also den Studenten, die sich in der Ausbildung zum Apotheker befinden, und von graduate students, also Doktoranden, die sich dafür interessieren, nach Deutschland zu gehen. Für deutsche Studenten ist es sicher interessant zu sehen, wie stark hier der Patient im Mittelpunkt der Ausbildung steht. Und wie Inhalte wie Chemie und Physik bereits mit den undergraduate studies abgedeckt werden. Studenten, die auf die pharmacy school gehen, haben in aller Regel bereits vier Jahre eines Grundstudiums hinter sich gebracht und mussten in dieser Zeit bereits bestimmte Kriterien, z. B. eine bestimmte Zahl von Chemiekursen, erfüllen, damit sie auf die pharmacy school gehen können. Dort können sie sich dann voll und ganz auf die patientenorientierte Pharmazie konzentrieren.

 

Wenn deutsche Studenten in die USA wechseln, würden bereits basic science-Kurse anerkannt werden. Wir diskutieren zurzeit Modelle eines verkürzten Aufbau-Studiengangs für Studenten mit abgeschlossener Pharmazieausbildung aus Europa. Es wäre dann vorstellbar, nach nur zwei Jahren mit dem Doktor in Pharmazie, dem PharmD, abzuschließen. Natürlich gibt es hier "tuition fees", aber Studiengebühren sind ja mittlerweile auch in Deutschland nichts Unbekanntes mehr.

 


DAZ:

Ganz konkret nachgefragt: ein deutscher Pharmaziestudent oder -studentin möchte mal ein, zwei Jahre ans College of Pharmacy nach Minneapolis gehen. Gibt es hier Möglichkeiten, dies zu arrangieren?

 

 

Schröder: An diesen Möglichkeiten arbeiten wir gerade. Je mehr Kurse in Deutschland bereits abgeschlossen wurden, umso besser ist es. Sinnvoll ist es also, wenn in einem höheren Semester oder nach bereits abgeschlossenem Studium gewechselt wird. Die University of Minnesota ist traditionell deutlich stärker europaorientiert als viele Universitaten an der Westküste, was einen Austausch mit Universitäten in Deutschland natürlich begünstigt. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass es für interessierte Pharmazeuten aus Europa die Möglichkeit gibt, hier eine Doktorarbeit anzufertigen, in allen Bereichen der Pharmazie von synthetischer Chemie (drug discovery), über "drug delivery", Pharmakologie und klinische Pharmazie bis hin zu gesundheitspolitischen Themen.

 

 


DAZ:

An welche Stelle sollte er sich wenden, wenn man wechseln möchte? Wie fädelt man einen solchen Austausch geschickterweise ein?

 

Schröder: Der Student, die Studentin könnte sich direkt an uns wenden, wir würden dann die entsprechenden Verbindungen herstellen, auch zu Einrichtungen, die einen derartigen Austausch möglicherweise finanziell unterstützen.

 

 


DAZ:

Herr Schröder, Sie sind von der Ausbildung her selbst Apotheker. Vor diesem Hintergrund meine Frage: Welche Richtung sollte die Pharmazie einschlagen, welche wird sie einschlagen? Ihre persönliche Einschätzung zur Zukunft der Pharmazie, bitte.

 

 

Schröder: Ich beobachte schon seit vielen Jahren, wie sich das Berufsbild der Apotheker in den USA verändert. Da steht die Verteilung der Arzneimittel, das Dispensieren, nicht mehr so im Vordergrund. Mittlerweile gibt es bereits vereinzelt Roboter für bestimmte Arzneimittelgruppen, die diese Funktion ausführen. Bei der Tätigkeit des Apothekers steht dagegen zunehmend der Patient im Mittelpunkt, der viele Arzneimittel einnehmen muss. Für diesen ist es aus Gründen der Therapieoptimierung und der Kostenersparnis wichtig, eine regelmäßige Betreuung durch den Apotheker als Arzneimittelfachmann zu haben. Diese pharmazeutische Tätigkeit läuft zum einen in der Apotheke, beispielsweise in der Filiale einer Apothekenkette, ab. Es kann aber auch sein, dass der Apotheker einen Teil seines Einkommens von einem Altenheim erhält, wo er für die Bewohner dort deren Medikation bespricht, einstellt und optimiert. Manche Apotheker werden zum Teil auch von Versicherungsunternehmen bezahlt, wenn sie die Arzneitherapie der Patienten verbessern. Studien haben gezeigt, dass ein Dollar, der für diese Optimierung einem Apotheker bezahlt wird, bis zu zehn Dollar an Arznei- und Behandlungskosten erspart.

 

Eine weitere attraktive Möglichkeit für Apotheker sehe ich in der Arbeit in einer "clinic", was in Deutschland in etwa einem Ärztehaus entspricht. Pharmazeuten arbeiten mit Ärzten zusammen in einer Praxis. Die Pharmazeuten, die besonders in Richtung klinischer Pharmazie ausgebildet sind, stellen dann auf der Basis der vom Arzt getroffenen Diagnose den Medikamentenplan zusammen. Sie leiten auch die Weiterbildung in Sachen Pharmakotherapie für Ärzte. Das wird so nicht auf deutsche Verhältnisse übertragbar sein. Die amerikanischen Pharmazeuten waren schon in den 60er Jahren unter einem starken Druck, ihre Existenz als Berufsstand zu rechtfertigen und sich nach neuen Tätigkeitsfeldern außerhalb der "retail pharmacy" (Einzelapotheke) umzusehen. Es hat hier nie das Biotop der Apotheke mit festen Arzneimittelpreisen, mit Fremd- und Mehrbesitzverbot gegeben. Wenn wir als Apotheker überleben wollen, so die amerikanischen Pharmazeuten damals, müssen wir uns ganz anders positionieren als mit der traditionellen Apotheke, in der wir Medikamente verkaufen. Anfang der 70er Jahre schon nahmen die Apotheker hier den Dialog mit Ärzten und anderen Beteiligten im Gesundheitswesen auf, um zu zeigen, wie man ihnen helfen, wie man sie von pharmazeutischer Seite aus unterstützen kann. Natürlich gab es hier auch Auseinandersetzungen und Rivalitäten, z. B. mit den Ärzten. Es war ein Kampf, der aber über viele Jahre erfolgreich geführt wurde. Ärzte haben gemerkt, dass sie zwar Verantwortung abgeben, sich aber stärker auf diagnostische Probleme konzentrieren können. Und, vor allem im Krankenhaus: Sie werden nicht als einzige vor Gericht gebracht, wenn etwas schief geht. Denn es gibt noch eine weitere Berufsgruppe, die letztlich Verantwortung übernimmt, was bei der Prozessierfreudigkeit im amerikanischen Gesundheitswesen in jedem Fall von Vorteil ist.

 

Dass die Ausbildung der Pharmazeuten in USA so patientenorientiert ist und viele neue Tätigkeitsfelder eröffnet hat, ist nicht zuletzt eine Folge der engen Zusammenarbeit zwischen Hochschule und Berufsorganisationen. Eine Entkopplung von Ausbildungsinhalten und beruflicher Praxis hat es daher in den USA nie gegeben.

 

 


DAZ:

Könnten Sie sich in der Zukunft auch den Apotheker ohne Apotheke vorstellen, den Apotheker, der sein Gehalt aus einer Beratungstätigkeit mit dem Patienten erhält?

 

 

Schröder: Ja, durchaus, das ist hier bereits Realität. Zum Beispiel der Apotheker als clinician, also der Apotheker in einer clinic, sprich im Ärztehaus. Diese Apotheker arbeiten mit den Patienten zusammen und stellen Medikamentenpläne gemeinsam mit den Ärzten auf. Der Apotheker arbeitet quasi mit dem Arzt in einer Art Doppelpraxis, seine Tätigkeit wird über die Honorierung durch die Patienten bzw. deren Versicherung vergütet.

 

 


DAZ:

Die Ausbildung der Studenten hat sich bereits auf diese Richtung eingestellt …

 

 

Schröder: … auf alle Fälle. Die Ausbildung hat sich bereits sehr darauf eingestellt, besonders hier in Minnesota und an der Westküste, weniger an der Ostküste der USA. Die Neuenglandstaaten sind, was die "interprofessionelle" Ausrichtung des Gesundheitswesens angeht, erheblich konservativer! Mein Fazit: Ich glaube, in Deutschland muss von Pharmazeutenseite noch viel deutlicher gesagt werden, dass das, was Apotheker tun, dem Patienten nützt und Kosten spart.

 


 

DAZ: Herr Professor Schröder, vielen Dank für dieses Gespräch.

 

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