Zukunftsforschung

Die Silberne Revolution

... oder Altern ist auch nicht mehr das, was es einmal war
Von Jeanette Huber
 Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, Ihren 50. Geburtstag bereits gefeiert haben, werden Sie mir Recht geben. Heute markiert dieser Festtag nicht mehr den Knef’schen Wendepunkt "von nun an ging’s bergab", sondern mit 50 kommt die "zweite Luft". Und das wird auch so weitergehen. 
Nach Untersuchungen des Max-Planck-Instituts wird jeder zweite Mensch, der heute geboren wird, das 22. Jahrhundert erleben. In fast jedem Land der Welt – außer Ländern wie dem Irak oder Zimbabwe, wo Krieg oder dramatische AIDS-Raten die Bevölkerung massiv dezimieren – steigt die Lebenserwartung pro Jahr um sieben bis acht Wochen. Wenn Sie das hochrechnen heißt das, immer wenn Sie sieben Jahre geschafft haben, kriegen Sie ein Jahr geschenkt, ein System vergleichbar mit "Miles and More" von Lufthansa.

Weltweit nimmt der Anteil der über 65-Jährigen an der Bevölkerung kontinuierlich zu. So lebten Mitte des 20. Jahrhunderts circa 130 Millionen Ältere auf der Erde, das waren seinerzeit 5,2 Prozent der Weltbevölkerung. 2050 wird knapp jeder Sechste über 65 Jahren alt sein, also 1,5 Milliarden Menschen. Und Deutschland spielt weit vorne in der grauen Liga: bei uns wird 2050 jeder Dritte 60 oder älter sein.

Mehr Jobs, mehr Babys!

Weniger gut allerdings ist, dass die steigende Lebenserwartung zusammenfällt mit sinkenden Geburtenraten – und zwar überall auf der Welt von Indien bis Italien. Dabei ist es nicht so, dass junge Frauen keine eigenen Kinder wollen, aber sie nehmen äußerst sensibel wahr, welche Probleme aus dem Spannungsfeld Nachwuchs – Partnerschaft – Karriere erwachsen können. Und schon treten solche neunmalklugen Frauen wie Eva Herrmann auf den Plan und postulieren "Frauen zurück an den Herd"! Man ist geneigt zu denken "... und ewig rauschen die Gene". Die Wahrheit aber ist, dass diese Strategie nichts taugt. In Italien arbeiten im europäischen Vergleich sehr wenige Frauen und die Geburtenraten liegen dort unter dem EU-Schnitt. Arbeit und Kinder sind vereinbar, das zeigen die USA, Frankreich, Dänemark, Norwegen, England und Schweden. Die höchsten Geburtenraten Europas gehen Hand in Hand mit hohen Beschäftigungsquoten von Frauen. Wenn wir mehr Babys wollen, müssen wir nur hinschauen, was andere Länder besser machen. Wir brauchen eine bessere Infrastruktur für Kinder und Mütter, also z. B. gute öffentliche Kinderbetreuung, gerade im Vorschulalter, und das Ganztages-Schulsystem. Und daran arbeitet Deutschland gerade.

Down-Aging statt Überalterungskatastrophe

Lieber jedoch als diese positiven Entwicklungen darzustellen, inszenieren die Medien, immer nach Skandalen heischend, die Überalterungskatastrophe. Da liest man von Überalterung, man sieht marodierende Oldie-Gangs über die Mattscheibe huschen, die jüngere Generation wird gegen die Rentner ausgespielt. Deutschland 2050 eine erweiterte geriatrische Abteilung, überall Demenz und Siechtum!

Als Elvis Presley 1977 starb, gab es 37 Elvis-Imitatoren. Heute sind es weltweit 48.000. Linear weitergedacht heißt das: Im Jahr 2030 wird jeder dritte Mensch auf der Erde ein Elvis-Imitator sein. Regt sich da Widerspruch bei Ihnen? Ja, weil jeder sofort erkennt, was für ein Unsinn so eine Voraussage ist. Entwicklungen verlaufen nicht linear, sondern dynamisch. Heutige Verhältnisse lassen sich nicht im selben Maßstab eins zu eins in die Zukunft verlängern, weil sich zu viele Parameter gleichzeitig verändern. Bei den Szenarien zum demographischen Wandel wird aber genau so argumentiert.


"Niemand wird alt, weil er eine Anzahl Jahre hinter sich gebracht hat. Man wird alt, wenn man seinen Idealen Lebewohl sagt. Mit den Jahren runzelt die Haut, mit dem Verzicht der Begeisterung runzelt die Seele."

Albert Schweitzer


Ich finde, die eigentlich spannende Frage ist, was für eine Gesellschaft wird das sein, in der jede dritte Kundin beim Friseur "real silver" trägt, und die jungen Mädchen sich graue Strähnen einziehen lassen, weil das cool ist. Wie wird sich 50 oder 60plus dann anfühlen?

Eine Hilfskonstruktion für einen vorgezogenen Schnappschuss von "Deutschland 2050" bieten die ewig rockenden "Stones". Nein, nicht sie selbst, so verlebt werden die meisten Menschen in 42 Jahren dann mit Mitte 60 nicht mehr aussehen. Eher das Publikum eines Stones-Konzerts – alle nicht mehr jung, alle etwas faltig, aber die meisten gut drauf.

Die neuen Alten sind anders als die alten Alten, und wenn man schon heute genau hinsieht, wird klar, was sich ändern wird. Fast jeder zweite "Best Ager" treibt in seiner Freizeit häufig Sport, 60-Jährige erreichen heute beim Berlin Marathon die Zeiten der Olympialäufer von 1936! Und 42% der deutschen Frauen im Alter von 65 bis 69 Jahren benutzen regelmäßig Lippenstift – 1984 waren das erst 24%. Das Wertesystem der heutigen Generation 50plus wurde in den wilden 60ern geprägt, eine Mischung aus sexueller Revolution, der ersten Mondlandung und Rock ’n‘ Roll. Und dieses Lebensgefühl nehmen die Oldies heute mit ins sechste, siebte, achte und neunte Lebensjahrzehnt. Opa und Enkel treffen sich beim "Best-of"-Konzert von Slowhand Eric Clapton und die britische Oldie-Band "The Zimmers", genannt nach einer populären Gehhilfe, erklomm die Hitparaden schneller als ein Treppenlift. Die 40-Personen-Gruppe hat ein Durchschnittsalter von 78 Jahren, Leadsänger Alf Carretta ist 90.

All das sind Indizien eines neuen Altersgefühls. Mit der Alterung unserer Gesellschaft geht ein massiver gesellschaftlicher Verjüngungsprozess einher. Soziologen nennen dieses Phänomen "Down-Aging". Wir werden beim Altern immer jünger.

Die Grauen haben mehr als einen vollen Geldbeutel

Unsere "Alternskultur" hat sich völlig gewandelt. In der industriellen Zeit war Altern finaler Ruhe- und Stillstand. Da wurden die "Früchte harter Arbeit geerntet", doch dabei war man sparsam und bescheiden, denn allzu viel war nicht da. Man war altes Eisen, an dem sich langsam Rost ansetzte.

Seit den 80ern wird dieses überkommene Bild des Alterns revidiert. Die Älteren, das sind die "Master Consumer", denn sie verfügen 40% des Gesamtvermögens aller deutschen Haushalte. Deshalb lautet die Schlüsselfrage vieler Anbieter "Wie zapft man diese Kaufkraft am effektivsten an?" Plakativ gesagt, steht für viele Unternehmen der Reibach im Mittelpunkt der Alternsfrage. Bei diesem Denken wird "Alter" jedoch, wie früher, immer noch als Zeit des "Früchte Erntens" verstanden. Der einzige Unterschied: es steht heute mehr Geld zur Verfügung und die "Silver Consumer" haben ein anderes Werteset im Kopf.

Erfahrung ist ein nationaler Vermögenswert

Die gesellschaftliche Erfolgsstory "Alterung" hingegen ist mehr als ein Kaufkraftrutsch in höhere Jahrgänge. Wir benötigen ein neues Kompetenzmodell des Alterns.

Professor Paul Baltes, der 2006 verstorbene Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, skizzierte dieses so: Im Alter beobachten wir zwar ein Nachlassen der "Mechanik der Intelligenz", also der Schnelligkeit des Denkens, aber eine Zunahme der "Pragmatik der Intelligenz". Ältere Menschen haben bereits viel gelernt (Ausnahmen bestätigen die Regel!) und können das bestehende Wissen einsetzen, um neues Wissen zu integrieren. Und da Lernen nichts anderes ist als die Verstärkung synaptischer Verbindungen, haben ältere Menschen sogar einen Lernvorteil! Sie nutzen altes Wissen, um neues zu strukturieren, einzuordnen und zu verankern. Früher nannte man das schlicht "Erfahrung". Die Stärke junger Intelligenz ist schnelle Verarbeitung, eine große CPU. Die Intelligenz des Alters ist ein feinmaschiges Netz des Wissens und ein sensibles Radar für die Außenwelt. Das aber bedeutet, der eigentliche gesellschaftliche Quantensprung der Alterung ist, dass wir Alterung nicht mehr nur als eine konsumtive, sondern auch als eine produktive Lebensphase begreifen können. Der ältere Mensch wird zur gesellschaftlichen Ressource. Die Finnen haben dafür einen treffenden Slogan geprägt "Experience is a national asset – Erfahrung ist ein nationaler Vermögenswert".


"Alt werden ist natürlich kein reines Vergnügen. Aber denken wir an die einzige Alternative. "

Robert Lembke

Das neue Anti-Aging heißt "Brain-Tuning"

Die gesellschaftliche Herausforderung ist es nun, diese silbernen Talente nicht alle in Vorruhestand zu schicken, sondern sie zu nutzen. Die individuelle Herausforderung ist es, den Geist fit zu halten und daraus entstehen neue Märkte, die gerade auch für Apotheken interessant sind. Das Anti-Aging der Zukunft ist mehr als ein neues Hüftgelenk oder die regelmäßige Botox-Spritze. Vegetative Funktionen wie Schlaf, Appetit oder Sex werden pharmakologisch optimiert und die Königsdisziplin der Zukunft ist die Verstärkung und biochemische Lenkung von Hirnfunktionen. Die eine Million Demenzkranken in Deutschland sind dabei nicht die Kernzielgruppe, sondern der Massenmarkt, also ganz normale ältere Menschen, von denen ungefähr 60% unter Altersvergesslichkeit leiden. Sie wollen ihre mentale Fitness erhalten und dazu sind ihnen viele Mittel recht, die Ginkgo-Kapsel, das Vitamin-B1 -reiche Mittagessen, das Computerspiel. Nintendo bietet inzwischen neben Videospielen und Spielekonsolen für Kinder auch einen "Brain Trainer" für Erwachsene an, in dem nach einem Test das "Hirn-Alter" angezeigt wird. Wenn man dann mit 62 ein "Hirn-Alter" von 76 hat, sollte man in "Hirn-Jogging" investieren ...

Gesundheitsmärkte ohne Rotstift

Die Alterung der Welt bedeutet auch global steigende Gesundheitskosten, aber das lässt sich nicht einfach in ewig boomende Gesundheitsmärkte übersetzen. Gesundheitsdiskussion in Deutschland ist häufig Kostensenkungsdiskussion. Untersucht man jedoch den Einstellungswandel der Menschen zum Thema "Gesundheit", erschließt sich Neues.

Unser Verständnis von Gesundheit hat sich geändert. Früher war Gesundheit schlicht Abwesenheit von Krankheit, in den wilden 70ern frönte man einem libertinären Körperkult und betrieb andererseits lustvoll die Ruinierung des eigenen Körpers, Jimi Hendrix und Janis Joplin lassen grüßen, Joe Cocker hat das alles überlebt. Aus dem Hedonismus der 80er und 90er Jahre, der Konzentration auf das eigene Ich und seine Befindlichkeit, entstand Gesundheit als "Wellness". Eine Selbstverwöhnung, die in erster Linie körperlich war, es ging um das gesunde Wohlfühlen und Verschönern. Menschen begannen, sich Zeit für sich selbst zu nehmen. Heute verstehen immer mehr Menschen Gesundheit ganzheitlich, Körper, Geist und Seele umfassend, und ihre Qualität wird wesentlich bestimmt von dem selbstverantwortlichen Individuum.

Ein Stück weit veranschaulichen kann man diesen Wandel an dem hier dargestellten Verlauf von Krankheit und Gesundheit, den der amerikanische Berkley-Mediziner J.W. Travis entwickelt hat. Nach Travis kommt es – bei den meisten Krankheiten – weniger auf den aktuellen Gesundheitsstand eines Menschen an, sondern auf seinen Entwicklungspfad. Nimmt man den "neutralen Punkt" als den aktuellen Gesundheitszustand eines Menschen, so kommt es auf die Richtung an, in die sich der Mensch bewegt.


Verlauf von Krankheit und GesundheitNach Travis kommt es weniger auf den aktuellen Gesundheitszustand eines Menschen an, sondern auf seinen Entwicklungspfad, auf die Richtung, in die sich der Mensch bewegt.

Bewegt er sich passiv nach links, ist mit immer mehr schlechten Zeichen, Krankheitssymptomen und schließlich Behinderungen zu rechnen, die zum frühzeitigen Tod führen können.

Bewegt sich der gleiche Mensch, durchaus auch mit einer Krankheit behaftet, nach rechts, erschließt er neue Gesundheitspotenziale. Er wird sich seines Zustands bewusst, wird aktiv und lernt, ändert sein Verhalten in puncto Ernährung, Bewegung und Stress-Management. Der Mensch erschließt neue Gesundheitspotenziale und erreicht eine höhere Lebensqualität.

Vom Gesundheitshandwerker zum "Health Coach"

Folgt man dieser Sichtweise, so führt das zu vier interessanten Aspekten:

1. Der Zielkorridor von Gesundheit verschiebt sich. Angestrebt wird nicht mehr nur Behandlung des Kranken, sondern die Erschließung neuer Gesundheitspotenziale. Und zwar in jedem Alter und mit fast jedem Gesundheitszustand. Das bedeutet wiederum, dass Aufwendungen für Gesundheit eigentlich als Lebensqualitäts-Investitionen zu betrachten sind und nicht als Instandhaltungskosten vergleichbar einer Autoreparatur.

2. Daraus folgt, dass nicht mehr nur der Kranke, sondern auch der Gesunde ins Zentrum der Betrachtung rückt. Gesundheit wird zur Lebensaufgabe für jeden und der Markt der Gesundheitsanbieter ist potenziell so groß wie die Bevölkerung – harte "Coach Potatoes" und "unverbesserliche Dickness-Freaks" sind von dieser Betrachtung ausgenommen.

3. Weiterhin veranschaulicht das Modell den entscheidenden Einfluss individueller Verhaltensmuster und Einstellungen auf den Gesundungsprozess. Der Patient wird zum Co-Therapeuten und auf dieser "Augenhöhe" möchte er auch angesprochen werden.

4. Ändert sich die Rolle aller Anbieter im Gesundheitssektor, sie werden vom reparierenden "Gesundheits-Handwerker" zum "Health Coach", zum Trainer besseren Körperwissens. Ein Coach, der den Patienten auf dem Weg zu mehr Lebensqualität begleitet und berät.

Apotheke 2020 – mehr Lebensqualität und breiteres Gesundheitswissen

Für die Apotheke der Zukunft heißt das, die Messlatte hängt noch höher, denn von einem "Health Coach" erwartet sich der Kunde auch kompetente Beratung in Sachen Ernährung, Bewegung und Stress-Management.

Wie das funktionieren kann zeigt das amerikanische Unternehmen "Elephant Pharm". Das Sortiment der Apotheke umfasst neben den verschreibungspflichtigen Medikamenten eine schier unendliche Vielfalt an klassischen und alternativen Produkten, alles rund um den gesunden Lebensstil, Körperpflege und Kosmetik, Bio-Lebensmittel und Wein, dazu ein breites OTC Spektrum. Und als Spezialsortimente: Sportkleidung für Yoga und Pilates und natürlich auch die passende Bio-Matte, selbstverständlich ohne Latex und PVC.

Kundeninformation und Kundenschulung sind die Schlüsselbegriffe im Marketing dieses Anbieters mit eigenem Schulungsraum und bis zu 80 Schulungen monatlich – kostenlos. Sie reichen von "Kreatives Bewegungstraining für Kinder" über "Chakra Four Yoga" bis zu "Bring Fourth Your Passion", einem Life Coaching für mehr persönliche Erfüllung durch ein Leben nach dem individuellen Rhythmus.

Die Mitarbeiter und Workshop Tutoren von Elephant Pharm spiegeln die Bandbreite des Leistungsangebots wieder. Elephant Pharm setzt auf fachkundige Beratung durch Apotheker, Homöopathen, TCM-Experten, Ernährungsberater, Ayurveda-Spezialisten, Bewegungstherapeuten und Kosmetikerinnen. Und das montags bis samstags von 8 bis 23 Uhr und sonntagsvor- oder -nachmittags.

 

 

Anschrift der Autorin: Jeanette Huber, Geschäftsleitung, Zukunftsinstitut GmbH, Robert-Koch-Straße 116 E, 65779 Kelkheim, E-Mail: J.Huber@zukunftsinstitut.de

Frau Huber ist Autorin, Business Speaker und Consultant. Ihr Motto ist "Future Fitness" für Menschen und Unternehmen.

 

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