Demografie

Die demografische Entwicklung in Europa

Wie sich unsere Bevölkerungsstruktur verändert und welche Folgen das hat
Von Meinhard Miegel

Zur Zeit des römischen Kaisers Augustus oder des Jesus von Nazareth lebten weltweit – so die Schätzungen der Historiker – etwa 200 Millionen Menschen, ein Drittel von ihnen innerhalb der Grenzen des römischen Reiches. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts war es keine Milliarde. Dann aber beschleunigte sich der Bevölkerungszuwachs rasant. Im 19. Jahrhundert vermehrte sich die Weltbevölkerung von 0,9 auf 1,6 Milliarden und im 20. Jahrhundert von 1,6 auf 6,1 Milliarden. Allein in den zurückliegenden 30 Jahren kamen weltweit 2,4 Milliarden Menschen hinzu. Das sind ebenso viele wie 1950 den gesamten Globus besiedelten. Dieser Trend ist vorerst ungebrochen.

Auch in den vor uns liegenden 30 Jahren dürfte sich die Menschheit um eine ähnliche Zahl wie in den zurückliegenden 30 Jahren vermehren, also um etwa 2,4 Milliarden. Allerdings verlangsamt sich die Bevölkerungszunahme. Nach den derzeitigen Einschätzungen der Vereinten Nationen und anderer Institutionen dürfte im dritten Quartal des 21. Jahrhunderts so etwas wie ein Gipfelpunkt erreicht werden und danach die Weltbevölkerung an Zahl wieder abnehmen. Das aber sind vorerst Spekulationen oder vielleicht richtiger: Hoffnungen.

Der Ausgang der Entwicklung lag in Europa

Diese menschheitsgeschichtlich beispiellose Entwicklung nahm ihren Ausgang in Europa. Im 19. Jahrhundert vermehrte sich die Zahl der Menschen auf unserem Kontinent von 170 auf 400 Millionen, also um 140 Prozent. Außerhalb Europas stieg sie hingegen nur von reichlich 0,7 auf rund 1,2 Milliarden, das entspricht etwa 65 Prozent. Das änderte sich im 20. Jahrhundert. Nunmehr beschleunigte sich das globale Bevölkerungswachstum dramatisch, während es sich in Europa bereits deutlich verlangsamte. In Europa stieg die Bevölkerungszahl nur noch von 400 auf 730 Millionen – das sind rund 80 Prozent – während sie in der übrigen Welt von 1,2 auf knapp 5,4 Milliarden um 350 Prozent zunahm.

Mit 730 Millionen dürfte bis auf Weiteres der europäische Gipfelpunkt erreicht worden sein. Denn von nun an sinkt die Zahl der Europäer wieder. Nach den jüngsten Voraussagen dürfte der Rückgang in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts bei etwa 70 Millionen liegen. Das heißt, um das Jahr 2050 wird dieser Kontinent nicht mehr von 730, sondern voraussichtlich von nur noch 660 Millionen Menschen bevölkert sein. Das entspräche einem Rückgang von etwa einem Zehntel. Für die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts wird sogar ein beschleunigter Bevölkerungsrückgang erwartet und das trotz erheblicher Zuwandererzahlen. Sie werden mit jährlich einer Million veranschlagt, wobei dies die Nettozahl ist. Da von drei Zuwanderern zwei auch wieder abwandern, müssten mithin jährlich drei Millionen Menschen nach Europa strömen, wenn die genannten Zahlen erreicht werden sollen.

Werfen wir noch einen Blick auf Deutschland. Hier stieg die Bevölkerungszahl während des 19. Jahrhunderts von 22 auf 56 Millionen um 160 Prozent. Die Deutschen entwickelten sich also dynamischer als die Europäer insgesamt. Im 20. Jahrhundert nahm hingegen die Zahl der Deutschen sehr viel langsamer zu als die der übrigen Europäer. Sie stieg nur noch von 56 auf 82 Millionen, was einem Zuwachs von 46 Prozent gegenüber 80 Prozent entspricht.

Bei einer unterstellten Nettozuwanderung von 200.000 Menschen pro Jahr wird nach den jüngsten Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes während der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts die Bevölkerung dieses Landes um knapp ein Zehntel von 82 auf 75 Millionen zurückgehen. Für die Zeit danach wird gegenwärtig ein beschleunigter Bevölkerungsrückgang prognostiziert. Aber wie gesagt: Je ferner wir in die Zukunft zu blicken versuchen, desto spekulativer werden unsere Aussagen.


Keine Alterspyramide mehr *koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts

Immer weniger Europäer

Diese ausgeprägte Gegenläufigkeit von globaler Bevölkerungsentwicklung auf der einen und europäischer einschließlich deutscher Bevölkerungsentwicklung auf der anderen Seite hat dazu geführt, dass der Anteil von Europäern und Deutschen an der Weltbevölkerung während des 20. Jahrhunderts drastisch zurückgegangen ist und weiter zurückgehen wird. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war jeder dritte Erdenbürger physisch oder zumindest gesinnungsmäßig – zu denken ist an europäischstämmige Siedler in Amerika, Australien und andere Weltgegenden – ein Europäer. Heute leben noch knapp zwölf Prozent der Weltbevölkerung auf diesem Kontinent. Da sich der Trend der Gegenläufigkeit fortsetzt, werden es um 2050 voraussichtlich noch sieben und gegen Ende dieses Jahrhunderts noch vier Prozent sein, wobei ein Viertel dieser europäischen Bevölkerung asiatische oder afrikanische Wurzeln haben dürfte.

Von Interesse ist auch die regionale Bevölkerungsentwicklung in Europa von jetzt bis 2050. Nach dem gegenwärtigen Erkenntnisstand wird Ost- aber auch Mitteleuropa, also Russland, Polen, Ungarn und einige andere, die stärksten Bevölkerungsverluste erleiden, wobei Russland weit an der Spitze liegt. Die russische Bevölkerung dürfte in den vor uns liegenden vier Jahrzehnten um etwa ein Viertel zurückgehen. Insgesamt dürfte der Bevölkerungsverlust des mittel- und osteuropäischen Raumes bis 2050 bei etwa 68 Millionen liegen.

Ebenfalls starke Bevölkerungsverluste dürfte auch Südeuropa zu verzeichnen haben. Auf der iberischen Halbinsel, Italien und Griechenland wird die Bevölkerungszahl voraussichtlich um neun Millionen sinken. Dies ist umso bemerkenswerter als diese Länder traditionell als besonders kinderreich und -freundlich angesehen worden sind. Offenbar haben Gesinnungen keine so durchschlagenden Wirkungen auf das Geburtenverhalten wie mitunter unterstellt wird. Denn umgekehrt gelten die Nordeuropäer keineswegs als besonders kindgeneigt. Hier aber wird auch in den vor uns liegenden Jahrzehnten noch ein gewisses Bevölkerungswachstum stattfinden, namentlich in Irland, Großbritannien aber auch in den skandinavischen Ländern. Der Zuwachs soll bis 2050 bei insgesamt etwa zehn Millionen liegen. Westeuropa, bestehend aus Frankreich sowie dem gesamten deutschsprachigen Raum wird hingegen nur geringe Veränderungen erfahren. Oder genauer: Die Bevölkerungsverluste, die für den deutschsprachigen Raum erwartet werden, werden in Frankreich mehr oder minder ausgeglichen. Der Gesamtverlust Westeuropas dürfte daher bei nur etwa drei Millionen liegen.

Die Geburtenraten

Der Grund für diese Entwicklung ist allgemein bekannt: die niedrigen Geburtenraten. Zwar sinken diese fast überall auf der Welt, aber fast überall auf der Welt liegen sie noch deutlich, zum Teil sogar sehr deutlich, über der Bestandserhaltungsrate, d. h. der Zahl von Kindern, die geboren werden müssen, um die Elterngeneration zu ersetzen. Abhängig von der Säuglings- und Kindersterblichkeit schwankt diese Rate im Zeitablauf und von Region zu Region. In den hoch entwickelten Ländern Nord-, West- und Südeuropas liegt sie derzeit bei 2,1 Kindern pro Frau, in Osteuropa ist sie noch etwas höher.

Diese Werte werden in Europa jedoch schon lange nicht mehr erreicht. Europaweit liegt die Geburtenrate seit geraumer Zeit bei 1,5 Kindern pro Frau. In Süd- sowie Ost- und Mitteleuropa einschließlich des gesamten deutschsprachigen Raums liegt sie sogar deutlich darunter. Die Europäer ersetzen sich also in der Zahl ihrer Kinder zu nur knapp drei Vierteln, Deutsche und andere noch nicht einmal zu zwei Dritteln. Hier treten an die Stelle von drei Erwachsenen der Elterngeneration nur knapp zwei Kinder.

Dass dies kein flüchtiger Befund ist zeigt ein Blick in die Geschichte. Der letzte Jahrgang, der sich in Deutschland in der Zahl seiner Kinder voll ersetzt hat, war – unter Berücksichtigung der früher sehr viel höheren Säuglingssterblichkeit – der Geburtsjahrgang 1882. Aber immerhin ersetzte sich die Bevölkerung bis Ende der 1960er Jahre noch zu etwa 90 Prozent. Dann aber stürzte die Geburtenrate steil ab. Wenn die Bevölkerungszahl von Ländern wie Deutschland dennoch zunächst weiter stieg, dann war dies zunächst auf das demografische Echo zurückzuführen – das heißt, die Kindergeneration war zwar zahlenmäßig kleiner als die Elterngeneration, aber immer noch größer als die Großelterngeneration – und dann auf Zuwanderer. Sie stellen mit Kindern und Kindeskindern in Deutschland heute ein Fünftel der Bevölkerung.

Noch ungleich folgenreicher als die quantitativen Bevölkerungsveränderungen dürften jedoch Veränderungen der Altersstruktur sein. Dies lässt sich besonders gut am Beispiel Deutschlands verdeutlichen. Nach den Vorhersagen des Statistischen Bundesamtes dürfte dieses Land um 2050 etwa ebenso viele Einwohner haben wie es 1960 hatte, nämlich 75 Millionen. Wer sich an die 1960er zurück erinnern kann, wird kaum Erinnerungen an ein dünn besiedeltes Land haben. Auch damals war Deutschland äußerst bevölkerungsreich mit vielen Ballungsgebieten. Ein Rückgang der Bevölkerungszahl von rund 82 auf 75 Millionen braucht deshalb kein Schreckenszenario sein. Wie aber sieht es mit der Altersstruktur der Bevölkerung aus?

Die Altersstruktur

Von den 75 Millionen Einwohnern im Jahre 1960 waren 21 Millionen jünger als 20 Jahre, 40,5 Millionen zwischen 20 und 60 Jahre, 13,5 Millionen älter als 60 Jahre, 1,3 Millionen älter als 80 Jahre, etwa 50.000 älter als 90 Jahre und rund 600 älter als 100 Jahre. Von den 75 Millionen des Jahres 2050 werden nur noch 12 Millionen jünger als 20 Jahre sein (- 43 Prozent), 35 Millionen dürften zwischen 20 und 60 Jahre alt sein (- 14 Prozent), 28 Millionen werden voraussichtlich älter als 60 Jahre alt sein (+ 107 Prozent). Besonders dramatisch ist die Zunahme bei den sogenannten Hochbetagten, den über 80-Jährigen. Ihre Zahl dürfte sich von 1,3 Millionen auf etwa 8 Millionen reichlich versechsfachen, die Zahl der über 90-Jährigen von 50.000 auf 1,6 Million verzweiunddreißigfachen und die Zahl der über 100-Jährigen von 600 auf mindestens 160.000 verzweihundertsiebzigfachen.


Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland 2001 Zwar eine Momentaufnahme, aber ein Abbild unserer demographischen Vergangenheit, an der man Ereignisse ablesen kann. (Datenquelle: Statistisches Bundesamt)

Tendenziell ist diese Entwicklung in ganz Europa gleich, auch wenn aufgrund unterschiedlicher Lebenserwartungen und Geburtenraten regionale Unterschiede bestehen. Diese Unterschiede finden ihren Niederschlag im Medianalter, durch das die Bevölkerung in zwei gleich große Teile geteilt wird – die eine Hälfte ist jünger, die andere Hälfte ist älter. Dieses Medianalter wird in Europa von gegenwärtig 39 Jahren bis 2050 auf voraussichtlich 47 Jahre ansteigen. Das wird – abgesehen von den Japanern – das höchste Medianalter weltweit sein. Denn zum gleichen Zeitpunkt werden Nordamerikaner erst ein Medianalter von 42 Jahren aufweisen, Ozeanier, Lateinamerikaner und Asiaten von 40 Jahren und Afrikaner von 28 Jahren. Aber selbst mit 28 Jahren werden die Afrikaner dann ein höheres Medianalter haben als die Europäer zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Unter den Europäern werden die Italiener voraussichtlich die älteste Bevölkerung mit einem Medianalter von 54 Jahren haben. Ihnen folgen die Deutschen und Österreicher mit 51 Jahren, die Russen mit 49 Jahren, die Schweizer mit 47 Jahren, die Briten mit 46 Jahren und die Franzosen mit 44 Jahren.


Altersaufbau der Bevölkerung in Deutschland in den Jahren 1910, 1950, 1975, 2000, 2025, 2050. Man kann deutlich sehen, wie sich die "Alterspyramide" in eine "Alterssäule verwandelt. (Datenquelle: Statistisches Bundesamt)

Und die Folgen?

Während einige Folgen dieser Entwicklung unschwer vorhergesagt werden können, kann über andere wiederum nur spekuliert werden. Unschwer vorhersagbar ist, dass vorbehaltlich spektakulärer medizinischer Durchbrüche die Zahl kranker und pflegebedürftiger Menschen in den kommenden Jahrzehnten stark zunehmen wird. Dieser Trend ist seit geraumer Zeit zu beobachten – nicht zuletzt deshalb steigen Gesundheits- und Pflegekosten. Er wird sich aber in den kommenden Jahren verstärken und beschleunigen.

Unschwer vorhersagbar ist auch, dass sich das Durchschnittsalter der Erwerbsbevölkerung zügig erhöhen wird. Zurzeit stellen noch die 40- bis 44-Jährigen die zahlenmäßig stärkste Gruppe unter den Erwerbstätigen. Schon in wenigen Jahren werden es die 45- bis 49-Jährigen sein und um 2020 die 50- bis 54-Jährigen, was zugleich bedeutet, dass – nicht nur aufgrund der Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters – der Anteil über 60-jähriger an der Erwerbsbevölkerung hoch sein wird.

Auf die Frage, was sonst noch geschehen wird, gibt es die unterschiedlichsten Antworten, die größtenteils mit durchaus plausiblen Argumenten untermauert werden. Ursächlich für diesen Befund ist, dass es keinerlei historische und/oder internationale Erfahrungen gibt. Denn die Menschheit war noch nie in einer auch nur annähernd ähnlichen Lage. Was wir in den kommenden Jahrzehnten erleben werden, ist eine wirkliche Premiere. Seien wir deshalb hellhörig, wenn uns immer wieder Leute erklären, sie wüssten, was künftig wie sein wird. Sie können es nicht wissen, sondern allenfalls vermuten.

Konkret: Wie verhalten sich Gesellschaften, welche Interessen, Wünsche und Bedürfnisse haben sie, wenn 37 Prozent das 60. und 11 Prozent das 80. Lebensjahr überschritten haben und nur noch 16 Prozent jünger als 20 sind – die deutsche und tendenziell die europäische Wirklichkeit um 2050? Noch einmal: Wir wissen es nicht. Gelegentlich entwickeln Gesellschaften erstaunliche Anpassungsfähigkeiten. Fragen wir also ganz bescheiden: Was ist mehr und was ist minder wahrscheinlich?

Der Drang nach Sicherheit wird größer

Verbleiben wir zunächst im binnenwirtschaftlichen Bereich Deutschlands und Kontinentaleuropas, denn im angelsächsischen Raum liegen die Verhältnisse ein wenig anders. In Deutschland und Kontinentaleuropa bewirken die demografischen Veränderungen vor allem, dass der Drang nach Gleichheit und insbesondere Sicherheit noch stärker werden wird als er ohnehin schon ist. Wie einschlägige Untersuchungen zeigen, verliert im Laufe des Lebens der Wunsch nach materieller Wohlstandsmehrung ganz augenscheinlich an Bedeutung, während das Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit wächst.

Das klingt banal und ist es vermutlich auch. Aber es ist überaus folgenreich. Alternde Gesellschaften sind schwerlich auf Experimente aus, einschließlich des Experiments von Unternehmensgründungen, sozialen Reformen und anderem mehr. Bislang wurden alternde Gesellschaften stets statischer. Deshalb zeigt auch das ständige Knallen mit der Wachstumspeitsche abnehmend Wirkung. Die ständigen Reden von Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung bewegen viele Menschen nicht mehr. Was sie mehrheitlich wollen ist Sicherheit, Geborgenheit, Überschaubarkeit und Ruhe.

Dabei spricht alles dafür, dass sich diese Einstellung mit fortschreitender Alterung immer weiter ausprägt. Bisher wurde stets nur gefragt, ob eine zahlenmäßig schrumpfende und stark alternde Bevölkerung große wirtschaftliche Leistungen wird erbringen können. Gefragt werden muss aber auch, ob sie solche Leistungen überhaupt noch erbringen will oder sich nicht vielmehr in bescheidenem Wohlstand und selbst relativer Armut einrichten und im übrigen andere Lebensziele verfolgen möchte. Sollte dies so sein, hätte dies weitestreichende Konsequenzen für Politik und Wirtschaft, aber auch die Gesellschaft insgesamt.


Lebenserwartung bei der Geburt nach Regionen (in Jahren). Datenquelle: UN World Population Prospects

Nachfrage nach personennahen Dienstleistungen steigt

Sehr wahrscheinlich wird sich in einer alternden Gesellschaft die Nachfrage nach materiellen Gütern vermindern und diejenige nach Diensten, vor allem personennahen, wird zunehmen. Bei den personennahen Diensten wiederum werden Dienste im Gesundheits- und Pflegesektor, aber auch im Bereich der Hauswirtschaft, eine herausragende Rolle spielen. Das umso mehr als immer mehr Menschen – oft alt und zunehmend hilfebedürftig – außerhalb von Familienverbänden in Einpersonenhaushalten leben. Das Wirtschaftswachstum als solches wird hingegen kein hervorgehobenes gesamtgesellschaftliches Ziel mehr sein und zwar nicht, weil alternde Bevölkerungen den Wohlstand nicht schätzen, sondern weil sie die mit Wachstum verbundenen physischen und psychischen Veränderungen fürchten.

Einen Bedeutungswandel wird auch die Bildung von Eigentum erfahren. Einerseits ist in einer kinderarmen Gesellschaft die Bildung von Eigentum besonders wichtig. Denn in gewissem Umfang kann Eigentum fehlende Kinder ersetzen. Wie diese ist es ein Instrument sozialer Sicherung. Anderseits nehmen die generationenübergreifenden Funktionen von Eigentum ab, wenn 30 Prozent einer Bevölkerung überhaupt kein Kind und weitere 20 Prozent allenfalls noch ein Kind haben und 56 Prozent nie Großeltern sein werden – die heutige deutsche Wirklichkeit.

Längere Lebensarbeitszeit

Und weiter: Schon aus sozialpsychologischen Gründen wird die Lebensarbeitszeit kontinuierlich verlängert werden müssen. Ende 2006 gingen in Deutschland nur 44 Prozent der 56- bis 60-Jährigen und sogar nur 18 Prozent der 61- bis 65-Jährigen einer sozialversicherungspflichtigen Erwerbstätigkeit nach. Das kann und wird so nicht bleiben.

Weiter steigen wird auch die Kapitalintensität der Wirtschaft. Seit 1950 hat sie sich in einem Land wie Deutschland real verfünffacht. Ähnliches gilt für alle hoch entwickelten Länder Europas. Damit ist jedoch kein Schlusspunkt erreicht. Die Wirtschaft wird mehr und mehr Kapital benötigen wenn die Zahl der Arbeitskräfte sinkt.

Lassen sich die Entwicklungen beeinflussen?

Zum Schluss noch die Frage: Sind wir diesen Bevölkerungsentwicklungen – global, europaweit und in Deutschland – hilflos ausgeliefert oder lassen sie sich steuern? Drosseln lässt sich die Geburtenfreudigkeit wie China und mittlerweile zahlreiche weitere Länder zeigen, ganz offensichtlich, wenn auch mitunter mit drakonischen Mitteln. Die Erfahrungen mit Versuchen, sie zu erhöhen, sind hingegen – vorsichtig formuliert – gemischt. Vergeblich waren derartige Versuche im antiken Griechenland und im antiken Rom. Friedrich der Große stöhnte: Menschen, vor allem Menschen. Kaiser Wilhelm II mühte sich weithin vergeblich. Und auch die Bevölkerungspolitik der Nationalsozialisten zeitigte – ganz abgesehen von den Kriegsverlusten – nur bescheidene Ergebnisse.

Pronatalisten verweisen gerne auf Frankreich, Großbritannien, Irland, Schweden und die vormalige DDR. Gewiss lagen und liegen dort die Geburtenraten über dem europäischen Durchschnitt, auch wenn sie nirgendwo bestandserhaltend sind. Aber warum sind diese Völker geburtenfreudiger? Unbestreitbar wird in Frankreich viel für Familien mit Kindern und auch die Kinder selbst getan. Aber ohne die Schwarzafrikanerinnen läge auch dort die Geburtenrate nur bei 1,7. Großbritannien und Irland haben höhere Raten, obwohl sie nur wenig für den Nachwuchs tun. Das Gleiche gilt übrigens für die USA. Schweden und die vormalige DDR betreiben bzw. betrieben wiederum eine sehr aktive Geburten- und Familienpolitik, die allerdings in der DDR wie ein Strohfeuer verflackerte. Die Schweden sind erfolgreicher. Doch gemessen am Aufwand haben sich auch dort die Erwartungen nicht erfüllt.

Keine Blütenträume, aber auch kein Fatalismus

Sollte man also alles auf sich beruhen lassen? Nein. Zu warnen ist jedoch vor rosigen Blütenträumen. Ein Land wie Deutschland gibt mittlerweile hohe, um nicht zu sagen horrende Beträge (alles in allem 184 Milliarden Euro) für die Förderung seines Nachwuchses aus – bislang ohne messbaren Erfolg. Zu sagen, Deutschland wie auch andere Länder seien nicht kinderfreundlich genug, ist zu vordergründig. Vielleicht sind hoch entwickelte, hoch qualifizierte, hoch mobile, hoch flexible und nicht zuletzt deshalb hoch produktive Gemeinwesen ganz einfach kein optimaler Lebensraum für Kinder. Kinder brauchen um zu gedeihen Beständigkeit, Verlässlichkeit, Geduld und vor allem Zeit. Das alles ist für sie wichtiger als Geld, aber in Europa äußerst knapp bemessen. Also werden sie gar nicht erst geboren und nicht wenige der Geborenen – ihre Zahl nimmt sprunghaft zu – missraten. Wohlstandsverwahrlosung.

Infos im Internet

Weitere Informationen zum Thema "Demografische Entwicklung" finden sich auf der Internetseite des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB):

www.bib-demographie.de

Hinzu kommt, dass nach fast 40-jähriger Geburtenarmut in Deutschland und einigen anderen Ländern und rund 25-jähriger Geburtenarmut in der großen Mehrzahl europäischer Staaten die derzeitigen und künftigen Mütterjahrgänge stark ausgedünnt sind, in Deutschland beispielsweise um ein Drittel. Selbst wenn also die Geburtenrate – wofür es keinerlei Anhaltspunkte gibt – sich wieder auf bestandserhaltendes Niveau erhöhen sollte, würde die Zahl der Sterbefälle die Zahl der Geburten auf Jahrzehnte hinaus übersteigen, d. h. die Bevölkerung weiter schrumpfen.

Das erlaubt ein knappes Fazit: Richten wir uns in Europa ein auf zahlenmäßig abnehmende, stark alternde und aufgrund vieler Zuwanderer zunehmend heterogene Gesellschaften. Solche Gesellschaften sind durchaus lebens- und zukunftsfähig – jedenfalls für einige Generationen und was dann kommt vermag niemand vorherzusagen. Allerdings wird das Leben in solchen Gesellschaften erheblich vom bisher Gewohnten abweichen. Darauf gilt es sich einzustellen.

Vortrag auf einem Symposium der Celesio AG am 29. Februar 2008 in Stuttgart 

 


Anschrift des Autors:

Prof. Dr. Meinhard Miegel, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn e.V. (IWG BONN), Ahrstraße 45, 53175 Bonn, Tel. (02 28) 37 20 44-45, Fax (02 28) 37 58 69, 
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