Interpharm 2008

Schwangere und Stillende mit Fingerspitzengefühl beraten

Vor, während und nach der Geburt ist eine ganz besondere Zeit für Mutter und Kind. Auch im Hinblick auf notwendige medikamentöse Therapien. Frauen sind dann besonders auf eine intensive Beratung angewiesen. Dr. Annette Abhau, Syke, gab in ihrem Seminar einen interessanten, vor allem aber auch praxisnahen Überblick über die Perinatalpharmakologie, beginnend im letzten Trimenon bis zur Stillzeit.

"Schwangerschaft ist keine Krankheit", betonte Abhau. Bei normalem Verlauf sind im Grunde keine Medikamente notwendig. Dennoch bieten sich bei Schwangerschaftsbeschwerden wie Venenschwäche oder Wassereinlagerungen unterstützende Maßnahmen an. Die erhöhte Infektanfälligkeit kann Erkältungsmittel notwendig machen. Und auch chronische Krankheiten der Mutter, etwa eine Epilepsie oder ein Diabetes mellitus müssen weiterbehandelt werden. Wichtig ist, dass während der Schwangerschaft Arzneimittel grundsätzlich nur nach strenger Indikation, möglichst kurz und in der niedrigst möglichen Dosis eingesetzt werden und der Griff nur zu gut erprobten und altbewährten Medikamenten gehen sollte. Ähnlich bei Neugeborenen: große therapeutische Breite, gute Verträglichkeit und Ausscheidbarkeit und eine möglichst kurze Halbwertszeit werden hier ebenso gefordert wie eine niedrige Plasma-Eiweiß-Bindung.

Cave: hohe Resorption per Haut und Schleimhaut

Um die systemische Belastung für das Neugeborene so niedrig wie möglich zu halten, sollten laut Abhau Externa den Interna vorgezogen werden und eher schlecht resorbierbare Wirkstoffe zum Zug kommen. Zu beachten ist, dass durch die Haut und Schleimhaut von Neugeborenen und Säuglingen erhebliche Mengen an Wirkstoff resorbiert werden können. Das muss etwa beachtet werden bei der Gabe von alpha-Sympathomimetika-haltigen Nasentropfen oder Desinfektionsmittel. Abhau wies auch auf eine wichtige Terminologie hin: Als "Säugling" werden Kinder erst ab dem 28. Lebenstag bezeichnet. Kinder zwischen dem 0. und 27. Lebenstag gelten als "Neugeborene". Das ist dann relevant, wenn ein Medikament laut Beipackzettel für "Säuglinge" indiziert ist – und damit erst ab dem 28. Lebenstag.

Nicht unproblematisch: ätherische Öle

Pflanzliche Präparate sind in der Schwangerschaft sehr beliebt, wegen ihrer vermeintlich guten Verträglichkeit. Doch gerade ätherische Öle können auch Probleme bereiten. So gilt bei Pfefferminztee: Eine Tasse pro Tag ist noch unkritisch, schon zwei Tassen können problematisch werden, denn sie können Wehen, im schlimmsten Fall eine Frühgeburt auslösen. Auch Thymian, Nelke und Zimt können entsprechend wirken. Fenchel wirkt dagegen nur in sehr hohen Dosen abortiv, die für die Praxis keine Relevanz haben. Vorsicht geboten ist auch bei Rosmarin als Badezusatz. Bei Bluthochdruck ohnehin kontraindiziert kann es ebenfalls Wehen auslösen und wird sogar zur Geburtseinleitung verwendet. Lavendel wirkt dagegen tokolytisch und kann problemlos empfohlen werden. Ätherische Öle sollten laut Abhau während der Schwangerschaft vor allem niemals unverdünnt angewendet werden. Sie warnte auch vor großflächiger Anwendung und als Badezusatz, etwa in Erkältungsbädern. Und sie wies darauf hin, dass Erkältungssalben oder Rheumasalben (cave: Campher), die Mutter oder Oma anwenden, für das Kind folgenschwer sein können mit Atemlähmung und Zyanose bis hin zum Tod. Auch Duftlampen sollten bei Neugeborenen zurückhaltend eingesetzt werden. In richtig dosierten Fertigpräparaten, etwa zur Behandlung von Erkältungskrankheiten, seien sie dagegen meist kein Problem. Der Blick auf die verschiedenen Beipackzettel entsprechender Präparate ergibt allerdings unterschiedliche Informationen in Sachen Kontraindikationen. Ein Gespräch mit der Schwangeren ist deshalb wichtig.

Phytolacca in der Stillzeit: die Potenz macht’s

Während der Stillzeit kann Phytolacca äußerst hilfreich sein, je nach Potenz bei unterschiedlichen Indikationen. So bietet sich Phytolacca D1 zum Abstillen an, Phytolacca D12 zur Anregung des Milchflusses und bei Milchstau und Phytolacca D6 bei schmerzhafter Brust, knotigen Veränderungen und Entzündungsneigung. Vorsicht ist bei der Empfehlung von Komplexmitteln angezeigt, die häufig Phytolacca enthalten. Viele Schwangere möchten sich auf die Geburt und die Stillzeit optimal vorbereiten. Ihnen können zur Vorbeugung von Schwangerschaftsstreifen entsprechende Pflegeöle empfohlen werden. "Tatsächlich etwas bringen", so Abhau, soll auch die Damm-Massage ab der 34. Schwangerschaftswoche zur Verhütung eines Dammrisses. Zur Abhärtung der Brustwarzen empfahl sie Myrrhetinktur. Und auch körperliche Fitness durch regelmäßigen Sport, allen voran Schwimmen und Joga, ist anzuraten.

Rhesus-Prophylaxe bei Rh-negativen Frauen

Unabdingbar bei Rhesus-negativen Frauen ist die Rhesus-Prophylaxe. Präpartal werden standardmäßig zwischen der 28. und 30. Schwangerschaftswoche 300 µg Anti-D-Immunglobulin gegeben, bei der Geburt eines Rh-positiven Kindes postpartal innerhalb von 72 Stunden zusätzlich 300 µg. Das Regime kann in Sonderfällen abweichen. So werden etwa nach einer Amniozentese oder Chorionzottenbiopsie Anti-D-Immunglobulin verabreicht. Auch eine Hypertonie mit diastolischen Blutdruckwerten über 100 mgHg, die zu einem vermehrten fetomaternalen Blutaustausch führt, macht ein besonderes Vorgehen notwendig. Ebenfalls zwingend ist eine Hepatitis-B-Prophylaxe beim Neugeborenen, wenn die Mutter HbsAg-positiv ist oder einen unklaren Status aufweist (Testung in der 32. SSW). Innerhalb von zwölf Stunden postpartal wird der neue Erdenbürger dann simultan aktiv und passiv gegen Hepatitis B geimpft und nach vier und sechs Wochen die Grundimmunisierung vervollständigt. Wird nicht geimpft, besteht langfristig das Risiko einer Leberzirrhose und eines hepatzellulären Karzinoms, betonte Abhau.

Folsäuresupplementation: nach oder während Methotrexat zwingend

Eine normal funktionierende Schilddrüse der Mutter ist für die gesunde Entwicklung des Ungeborenen zwingend. Abhau empfahl eine "vernünftige" Jodidzufuhr in Schwangerschaft und Stillzeit mit einer Substitution von 100 bis 200 µg Jodid täglich, im Einzelfall bis zu 500 µg. Darüber hinaus sollte aber jede Iodzufuhr unterbleiben, etwa durch desinfizierende Salben oder Mundspülungen. Außerdem warnte sie explizit vor einem "Präparatehopping" bei L-Thyroxinpräparaten bei Schwangeren. Das könne eine Frühgeburt provozieren. Folsäure wird zur Prävention von Neuralrohrdefekten ab dem Zeitpunkt des Kinderwunsches empfohlen. In jedem Fall sollten Frauen supplementieren, die Sulfonamide, Triamteren, Sulfasalazin oder auch Methotrexat eingenommen haben oder noch einnehmen.

Paracetamol für Schwangere, Ibuprofen für Stillende

Klare Ansagen auch zum Thema Schmerzmittel: Während der Schwangerschaft ist Paracetamol das Analgetikum der Wahl, während der Stillzeit Ibuprofen, da es nur schlecht in die Muttermilch übergeht. Acetylsalicylsäure verbietet sich vor allem im dritten Trimenon, weil es unter anderem die Geburt verzögern und verlängern kann, bei Neugeborenen Hämorrhagien auslösen kann, vor allem aber weil ein vorzeitiger Verschluss des Ductus arteriosus Botalli, der Verbindung zwischen Lungenarterie und Aorta, droht. Abhau wies aber darauf hin, dass Schwangere vereinzelt niedrig dosiertes ASS einnehmen um bei entsprechender Indikation die Rheologie zu verbessern. Das ist dann aber eine Maßnahme des behandelnden Arztes.


bf

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