Interpharm 2008

Der Placeboeffekt - Heilen ohne Wirkstoff?

"Das Thema Placebo ist so alt wie die Medizin selbst", leitete Prof. Dr. Manfred Schedlowski vom Universitätsklinikum Essen seinen Festvortrag ein. Bei Plato findet man Hinweise darauf, dass sich bereits die Ärzte in der Antike mit diesem Phänomen auseinandergesetzt haben. Plato stellte beispielsweise fest, dass der "Charme" des Behandlers nötig ist, damit die Behandlung eines Patienten erfolgreich verläuft.

In der modernen Medizin ist der Placeboeffekt Mitte der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts in den Mittelpunkt des Interesses gerückt, insbesondere durch eine Publikation des Kriegsarztes Henry Beecher. Dieser berichtete 1955 in einem medizinischen Artikel über Behandlungserfolge bei Kriegsverletzten, denen er in Ermangelung von Morphium Kochsalzlösung infundiert hatte. Erstaunlicherweise erlebten die Patienten danach eine ähnlich gute Schmerzlinderung wie normalerweise unter Morphium.

Wo kommen Placebos zum Einsatz?

Heute werden Placebos in drei verschiedenen Bereichen eingesetzt: zum einen in klinischen Studien zur Überprüfung von neuen (oder bekannten) Arzneimitteln. Wie eine aktuelle Studie aus den USA gezeigt hat, verwenden auch niedergelassene Ärzte häufiger als man vielleicht vermuten würde Placebos zur Behandlung ihrer Patienten – in der besagten Studie in Größenordnungen zwischen 40 und 50%. Und auch in der modernen ZNS-Forschung wird der Placeboeffekt als Paradigma eingesetzt, um funktionelle Interaktionen zwischen dem ZNS und peripheren Organen zu untersuchen, erläuterte Schedlowski.


Hätten Sie‘s gewusst?


Placebo (lat.) bedeutet: "Ich werde gefallen". Überwiegt dagegen bei einem Scheinmedikament die negative Wirkung, spricht man von einem Noceboeffekt. Nocebo (lat.): "Ich werde schaden."

Konditionierung und Erwartungshaltung helfen bei der Wirkung

Nach dem heutigen Erkenntnisstand trägt der psychosoziale Kontext ganz maßgeblich zum Behandlungserfolg eines Arzneimittels bei. Man hat dabei zwei grundlegende Phänomene beobachtet: zum einen können Konditionierungsprozesse ablaufen, zum anderen hat die Erwartungshaltung der Patienten bezüglich der Wirkung der jeweiligen Therapie einen starken Einfluss. Bei der Konditionierung wird die Gabe eines Medikaments mit einem konditionierenden Stimulus gekoppelt; nach einer gewissen Zeit ist bereits die alleinige Gabe dieses Stimulus in der Lage, einen vergleichbaren Effekt wie das Medikament auszulösen.

Aktuelle Forschungen zur Konditionierung

In ihren eigenen Forschungsarbeiten beschäftigen sich Schedlowski und seine Mitarbeiter derzeit unter anderem mit der Frage, inwieweit Immunfunktionen klassisch konditionierbar sind. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass sich – ähnlich wie beim bekannten pawlowschen Hunde-Experiment – bestimmte Funktionen des körpereigenen Abwehrsystems modulieren lassen. Sie wendeten dabei an Labortieren wie Ratten und Mäusen die bereits seit Längerem in der Grundlagenforschung bekannte Methode des sogenannten Geschmacks-Aversions-Lernens an, berichtete Schedlowski. Dabei wird den Tieren eine süß schmeckende Flüssigkeit (Saccharin-Lösung) verabreicht, die den konditionierenden Stimulus darstellt. Unmittelbar danach erhalten die Tiere eine Injektion eines Immuntherapeutikums, den unkonditionierten Stimulus. Nach ein- oder mehrmaliger Präsentation dieser beiden Reize wird der konditionierende Stimulus allein verabreicht, was zwei Effekte zur Folge hat: zum einen trinken die Tiere in der Regel weniger von der süß schmeckenden Lösung, denn es stellt sich eine Geschmacks-Aversion ein. Das zweite – und in diesem Zusammenhang wesentlich interessantere – Phänomen ist, dass der konditionierende Stimulus die gleiche Wirkung wie das Immuntherapeutikum auszulösen vermag.

In den Experimenten, die Schedlowski und seine Mitarbeiter mit diesem Modell in den letzten Jahren durchgeführt hatten, kam das Immunsuppressivum Ciclosporin A zum Einsatz, das in vielfältigen Indikationen (z. B. in der Transplantationsmedizin zur Unterdrückung einer Immunantwort eingesetzt wird. Bei Ratten, denen eine Saccharin-Lösung als konditionierter Stimulus und gleichzeitig Ciclosporin A verabreicht worden war, beobachteten die Wissenschaftler nach der Lernphase bereits nach alleiniger Gabe der Zuckerlösung eine Verminderung der Immunantwort, die beispielsweise als eine verminderte Proliferationsrate der Lymphozyten in der Milz oder als ein Absinken des Blutspiegel des Zytokins Interleukin 2 messbar war.

Die Frage, die die Wissenschaftler nun vor allem beschäftigte, war die nach der Ursache für die beobachteten Phänomene. Sie fanden dabei heraus, dass dieser Effekt wahrscheinlich vor allem über den Milznerv gesteuert wird. Denn durch ein operatives Ausschalten der Funktion dieses Nervs oder durch Ausschalten bestimmter Hirnareale konnten die beobachteten Effekte komplett blockiert werden. Dies werteten die Wissenschaftler als ein eindrucksvolles Beispiel für die Zusammenarbeit zwischen ZNS und Immunsystem. Allerdings ist noch viel Forschungsarbeit zu leisten z. B. zu der Frage, wie der Transport der Signale vom Immunsystem zum zentralen Nervensystem erfolgt.

Klinische Relevanz?

Interessant ist außerdem die Frage, ob die beobachteten Effekte eine klinische Relevanz besitzen und auch auf den Menschen übertragbar sind. Die klinische Relevanz konnten Schedlowski und seine Mitarbeiter beispielsweise im Tierversuch an einem Herztransplantations-Modell zeigen. Normalerweise wird in diesem Modell das transplantierte Organ nach acht bis neun Tagen abgestoßen. Interessanterweise überlebten klassisch konditionierte Tiere, die kein Immuntherapeutikum erhalten hatten, genauso lange wie diejenigen Tiere, die eine Kurzzeitbehandlung mit Ciclosporin A erhalten hatten, dieser Effekt war auch statistisch signifikant.

Übertragung auf den Menschen möglich?

Um die Frage zu klären, ob sich diese Befunde auch auf den Menschen übertragen lassen, führten Schedlowski und seine Mitarbeiter eine placebokontrollierte doppelblinde Untersuchung mit gesunden männlichen Medizinstudenten durch. Sie wurden mit Ciclosporin A und einem Geschmacksreiz (in diesem Fall einer grün eingefärbten Erdbeermilch mit Lavendelaroma) bzw. Placebo behandelt. Analog zu den Tierversuchen zeigte sich, dass nach der Konditionierungsphase lediglich eine Reexposition mit dem Geschmacksreiz (der grünen Milch) notwendig war, um eine bis zu 50-prozentige Reduktion der Produktion bestimmter Zytokine (Interleukin 2, Gamma-Interferon) zu erreichen. Schedlowski berichtete, dass sich derzeit sehr viele internationale Arbeitsgruppen mit den Grundlagen der Placeboantwort beschäftigen und dabei interessante Ergebnisse erzielen. Möglicherweise könnte man diese Erkenntnisse in Zukunft dazu nutzen, die Dosis von Medikamenten zu reduzieren, damit auch die Rate unerwünschter Arzneimittelwirkungen zu vermindern und letztendlich auch Kosten bei der medikamentösen Behandlung zu sparen.


cb

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