Fortbildung

Schwerstkranke Patienten gut beraten

Gespräche mit Menschen, die an einer unheilbaren Erkrankung leiden, sind eine große Herausforderung – nicht nur in der Apotheke. Es ist damit zu rechnen, dass infolge des demographischen Wandels die Zahl Schwer- und Schwerstkranker in den kommenden Jahren weiter zunehmen wird. Grund genug, zu überlegen, wie diese Patienten in der Apotheke gut beraten werden können.

Bei schwerstkranken Patienten unterscheidet man zwischen:

  • Patienten mit einer schweren Erkrankung, die geheilt werden kann, und
  • Patienten mit einer lebensbegrenzenden schwersten Erkrankung.

Da viele dieser Patienten die verordneten Arzneimittel zeitweise oder dauerhaft nicht selbst abholen können, wird es notwendig sein, auch für deren Angehörige im Beratungsgespräch die richtigen Worte zu finden.

Auch "Seelenfragen" ­beantworten

Die Beratung Schwerstkranker und ihrer Angehörigen in der Apotheke fordert den Apotheker nicht nur als Arzneimittelfachmann, sondern auch als Menschen heraus. Denn häufig soll er nicht nur pharmazeutische Sachfragen, sondern darüber hinaus auch "Seelenfragen" beantworten. Um diese Aufgabe gut bewältigen zu können, ist es notwendig, dass er sich selbst einmal mit der Endlichkeit des eigenen Lebens auseinandergesetzt hat. Zur Unterstützung dieses nicht gerade leichten Prozesses gibt es einige empfehlenswerte Bücher (siehe Literaturtipps).


Literaturtipps

Reimer Gronemeyer: Sterben in Deutschland. Wie wir dem Tod wieder einen Platz im Leben einräumen können. (S. Fischer)
Reinhold Gestrich: Gespräche mit Schwerkranken. (Kohlhammer)
Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden. (Knaur)
Simone de Beauvoir: Ein sanfter Tod. (Rowohlt)

Kommunikationsexperten empfehlen den Beratern schwerstkranker Menschen die Verinnerlichung dreier Grundhaltungen:

1. Eine positive Wertschätzung, das heißt: vorbehaltloses Annehmen des Patienten und dessen, was er gesagt hat.

2. Empathie, das heißt: einfühlsames Verstehen der Welt und der Probleme des Gegenübers.

3. Kongruenz, das heißt: echtes und wahrhaftiges Verhalten, bei dem der Berater in Übereinstimmung mit sich selbst agiert und reagiert.

Einen guten Gesprächseinstieg finden

Wie können diese drei Grundhaltungen nun im Beratungsgespräch in der Apotheke umgesetzt werden? Zunächst ist ein guter Gesprächseinstieg wichtig. Dazu ist es hilfreich, den Patienten oder seine Angehörigen aufmerksam zu beobachten, auf nonverbale Zeichen zu achten und entsprechend zu reagieren. Aus dem Gesichtsausdruck, der Wortwahl oder der Körperhaltung lassen sich Anknüpfungspunkte für die Gesprächseröffnung ableiten (siehe Tab. 1).


Tab. 1: Möglichkeiten der Gesprächseröffnung bei der Beratung Schwerstkranker oder ihrer Angehörigen
Körpersprache des Patienten oder Angehörigen
Mögliche Gesprächseröffnung
Sorgenvolles, ängstliches, bedrücktes, blasses oder trauriges Gesicht
"Sie sehen heute so traurig aus. Wie geht es Ihnen?"
Leise, verzagte, traurige, schwache, ängstliche oder verzweifelte Stimme
"Sie klingen heute so verzweifelt. Geht es Ihnen nicht so gut?"
Mühsame, wortkarge oder
schleppende Wortwahl
"Ich merke, dass Ihnen heute das Sprechen schwer fällt. Was macht Ihnen denn solche Sorgen?"
Bedrückte, angstvolle oder
unruhige Körperhaltung
"Sie sehen heute so bedrückt aus. Was belastet Sie denn so?"

Daran anschließend empfehlen Kommunikationsexperten eine dreistufige Gesprächsführung, bestehend aus

  • verständnisvollem Zuhören,
  • Paraphrasieren und
  • Verbalisieren.

Beim verständnisvollen Zuhören ist der Berater relativ inaktiv, vermittelt aber durch bestimmte Körpersignale wie offene Körperhaltung, Blickkontakt oder Kopfnicken, aber auch Gesprächsimpulse ("hmm", "ja, ich verstehe"), dass der Ratsuchende jetzt Gelegenheit hat, sich auszusprechen.

Auf der Stufe des Paraphrasierens geht es darum, die Aussagen des Ratsuchenden kurz wörtlich zu wiederholen.

Beim Verbalisieren dagegen werden die Emotionen des Patienten gespiegelt, z. B. durch Formulierungen wie: "Ich glaube, dass Sie im Moment viele Sorgen bedrücken."

Regeln für die Gesprächsführung

Nach einem guten Einstieg erreicht das Beratungsgespräch dann den Punkt, an dem Fragen zur Einnahme des Medikaments, zu Nebenwirkungen usw. besprochen werden sollen. Hierbei spielen folgende drei Gesprächselemente eine wichtige Rolle:

  • die Formulierung des Nutzens des Arzneimittels,
  • der Umgang mit Nebenwirkungen,
  • das Vermeiden von Unangenehmem (negativen Assoziationen).

Bei der Erläuterung des Nutzens eines Arzneimittels ist es sinnvoll, hilfreiche Redewendungen (z. B. "damit schaffen Sie", "das ermöglicht Ihnen", "damit erreichen Sie", "Sie genießen dadurch") und positive Assoziationen (z. B. "langjährige Bewährung", "Erhöhung der Lebensqualität", "schnelle, zuverlässige Wirkung") einzusetzen (siehe Textbeispiele).

Textbeispiele

Beispiele für die Verwendung hilfreicher Redewendungen, positiver Verben und kraftvoller Adjektive im Beratungsgespräch.

  • "Dieses Medikament (Zofran®) schaltet das Brechzentrum im Gehirn aus. Das ermöglicht Ihnen, sich durch die Einnahme bei der Chemo vor Übelkeit zu schützen."
  • "Der Inhaltsstoff dieses Morphinpflasters schützt das Schmerzzentrum im Gehirn vor zu vielen Reizen. Das eröffnet Ihrem Mann die Möglichkeit, sowohl die Tage als auch die Nächte weitgehend schmerzfrei zu verbringen."
  • "Die Therapie mit Methotrexat hat sich bei dieser Erkrankung langjährig bewährt."
  • "Diese Tabletten (Temgesic®) sind etwas Besonderes. Sie lösen sich bereits im Mund auf. Das ermöglicht eine schnelle und zuverlässige Wirkung."
  • "Die regelmäßige Gabe der Schmerzmittel ist sehr sinnvoll. Dadurch beugen Sie der Entstehung von Schmerzen wirksam vor."

Nebenwirkungen positiv "verwandeln"

Die Anwendung hochwirksamer Medikamente ist mit vielen Nebenwirkungen verbunden, die selbstverständlich nicht heruntergespielt werden dürfen. Um dem Patienten oder den Angehörigen dennoch ein positives Gefühl zu vermitteln, ist es legitim, die Nebenwirkungsraten zu "verwandeln", beispielsweise durch folgende Formulierungen:

  • Bei einer Nebenwirkungsrate von 10 Prozent: "Neun von zehn Patienten bekommen diese Nebenwirkung nicht."
  • Bei einer Nebenwirkungsrate von 50 Prozent: "Jeder Zweite wird von dieser Nebenwirkung verschont."

Darüber hinaus kommt es darauf an, solche Formulierungen, die beim Patienten negative Assoziationen auslösen könnten, zu vermeiden. Dies kann erreicht werden, indem negative Verben (wie z. B. verhindern, verhüten, vermindern, vermeiden, blockieren) durch positive (z. B. gewinnen, schützen, vorbeugen, erhalten, entlasten) ersetzt werden. Außerdem empfiehlt sich der Einsatz "kraftvoller" Adjektive (z. B. wirksam, bewährt, schnell, zuverlässig, dauerhaft, sinnvoll).

Schließlich sollte im Beratungsgespräch bei aller Ausweglosigkeit der Erkrankung eine unerwartete glückliche Wendung nicht ausgeschlossen werden.

 

 

Quelle

Dr. Hiltrud von der Gathen, Castrop-Rauxel: "Kommunikation und Beratung – besondere Anforderungen bei der Betreuung von Schwerstkranken." Referat auf dem 12. Fortbildungstag der Apothekerkammer Berlin am 9. März 2008 in Berlin.

 


Dr. Claudia Bruhn, Berlin

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