Länderdossier

Pharmazie in Island

Über die Arzneimittelabgabe durch nicht-pharmazeutisches Personal und andere Kuriositäten
Das Gespräch führte Dr. Andreas Ziegler

Mit rund 300.000 Einwohnern und derzeit 59 Apotheken hat Island einen überschaubaren und zugleich sehr flexiblen Arzneimittelmarkt. Demzufolge vollziehen sich dort Veränderungen und Anpassungen an neue Rahmenbedingungen schneller als in vielen anderen europäischen Ländern. So kann man dort bereits auf eine über zehnjährige Erfahrung mit Apothekenketten, mit all den damit einhergehenden Veränderungen zurückblicken. Auch hält das isländische Gesundheitssystem einige Fakten bereit, die für deutsche Apotheker recht kurios erscheinen, beispielsweise die Abgabe von Arzneimitteln durch nicht-pharmazeutisches Personal, die Abschaffung des Apothekennotdienstes, die komplette Selbstbezahlung von Antibiotika durch den Patienten oder der komplette Verzicht auf Homöopathika in der Apotheke.
Unnur BjörgvinsdóttirPräsidentin der Lyfjafræðingafélag Íslands (Pharmazeutische Gesellschaft Islands)

Natürlich lässt sich das isländische Gesundheitswesen aufgrund von Sondereinflüssen nur bedingt mit anderen europäischen Gesundheitsmärkten vergleichen, dennoch hält es einige interessante Einblicke in mögliche Entwicklungen bereit. Wir sprachen hierzu mit der Präsidentin der Pharmazeutischen Gesellschaft Islands, Unnur Björgvinsdóttir.


DAZ: Frau Björgvinsdóttir, Sie sind Präsidentin der Pharmazeutischen Gesellschaft Islands. Worin sehen Sie die Aufgaben Ihrer Gesellschaft?

Björgvinsdóttir: Ganz generell geht es darum, die Gesundheit der Bevölkerung zu fördern. Wir setzen uns für einen rationalen Einsatz von Arzneimitteln ein und für eine engere Zusammenarbeit mit anderen Leistungserbringern des isländischen Gesundheitswesens. Aber natürlich leisten wir auch Lobbyarbeit, hierzu stehen wir auch in regem Austausch mit den zuständigen Behörden. Außerdem engagieren wir uns natürlich für die beruflichen und finanziellen Interessen unserer Mitglieder.


DAZ: Wer sind Ihre Mitglieder?

Björgvinsdóttir: Das sind annährend alle Pharmazeuten des Landes, derzeit haben wir 374 Mitglieder. Es ist das erklärte Ziel unserer Gesellschaft, alle isländischen Apotheker unabhängig von ihrem Tätigkeitsbereich in einer einzigen Vereinigung zusammenzubringen. Bevor 1996 Apothekenketten erlaubt wurden, gab es zwei verschiedene Verbände, einen für die Apothekeneigentümer und einen für die Angestellten. Heute ist die gesamte Apothekerschaft quasi unter einem Dach vereint.


DAZ: Sie sprechen gleich einen sehr interessanten Punkt an: Apothekenketten. Ein in Deutschland zwischen Politik und Apothekern sehr kontrovers diskutiertes Thema. Sie können in Island mittlerweile auf eine über zehnjährige Erfahrung mit Apothekenketten zurückblicken. Was hat sich Ihrer Meinung nach durch die Zulassung von Apothekenketten für die isländischen Apotheker geändert?

Björgvinsdóttir: Nun, ich habe den Eindruck, dass die Apotheker in der Offizin sichtbarer geworden sind, früher saßen sie häufig versteckt hinter irgendwelchen Wänden und waren für den Kunden nicht so präsent. Wer damals einen Apotheker sprechen wollte, musste schon gezielt nach ihm fragen, insofern ist heute die Hemmschwelle geringer und es gibt mehr Kommunikation zwischen Apotheker und Patient. Auch wird der Rat des Apothekers heute als objektiver angesehen, früher wurde ihm häufig unterstellt, er würde die pharmazeutische Objektivität seinen wirtschaftlichen Interessen unterordnen. In dieser Hinsicht ist sowohl bei den Patienten als auch bei den Apothekern ein Bewusstseinswandel eingetreten.


DAZ: Wobei die Betreiber von Apothekenketten natürlich auch ganz klare wirtschaftliche Interessen haben.

Björgvinsdóttir: Das ist sicher richtig. Ich habe allerdings den Eindruck, dass die betriebswirtschaftlichen Instrumente dafür heute andere sind. Die wirtschaftlichen Interessen fließen heute kaum mehr in die Beratung ein, sondern werden eher durch Service-, aber auch durch gezielte Preisoffensiven verfolgt.


DAZ: Mit "Lyfja" und "Lyf og Heilsa" gibt es derzeit zwei große Ketten auf dem isländischen Markt, wie stark ist der Konkurrenzkampf zwischen diesen Unternehmen?

Björgvinsdóttir: Es gibt nicht nur diese beiden Ketten, ca. zehn Prozent der isländischen Apotheken sind nach wie vor inhabergeführt und es gibt immer wieder mal Apotheker, die sich selbstständig machen. Aber es ist schon richtig, dass inhabergeführte Apotheken eher eine untergeordnete Rolle spielen. Was den Konkurrenzkampf zwischen den beiden Ketten angeht, so lässt sich das zwar nicht belegen, aber es wird immer wieder gemutmaßt, sie hätten sich den Markt untereinander aufgeteilt. Das gilt sowohl für die ländlichen Gebiete als auch den Ballungsraum Reykjavik, wo ja zwei Drittel der Bevölkerung leben.


DAZ: Wir haben es also eher mit zwei Monopolisten als mit echten Konkurrenten zu tun?

Björgvinsdóttir: Das lässt sich wie gesagt schwer belegen, aber da ist schon was dran. Wobei es in Reykjavik ein Stadtviertel gibt, in dem sich vier Apotheken in unmittelbarer Nähe zueinander befinden. Dort liegt dann schon eine gewisse Konkurrenzsituation vor.


DAZ: Sie sprachen von Service- und Preisoffensiven als wichtigen Marketing-Instrumenten im Apothekenmarkt. Was darf man sich darunter vorstellen?

Björgvinsdóttir: Beide Apothekenketten fahren quasi zweigleisig. Die Lyfja Inc. betreibt, wenn man so will, Full-Service-Apotheken unter der Marke "Lyfja" und zugleich Low-Price-Apotheken unter der Marke "Apótekið". Die Billigmarke von "Lyf og heilsa" heißt "Apótekarinn". Die Full-Service-Apotheken bieten neben dem Verkauf von Arzneimitteln etwa auch das Messen von Blutwerten an, es gibt Krankenschwestern, die beispielsweise auch zu Stoma- und Inkontinenzprodukten beraten oder auch mal eine Injektion geben. Mit Ausnahme der reinen Beratung kosten diese Serviceleistungen natürlich etwas und auch die Medikamente sind hier etwas teuerer. Wer diesen Service nicht nutzen möchte, sondern so billig wie möglich einkaufen möchte, der geht lieber gleich gezielt in die Low-Price-Apotheken. Und in der Tat fahren Kunden teilweise für die Ersparnis einiger weniger Kronen durch die halbe Stadt, angesichts der gegenwärtigen Benzinpreise würde ich die Sinnhaftigkeit dieses Unterfangens allerdings in Frage stellen. Aber die isländische Bevölkerung liebt nun mal Rabatte.


DAZ: Variieren demzufolge auch die Preise für verschreibungspflichtige Arzneimittel von Apotheke zu Apotheke?

Björgvinsdóttir: Ja. Es gibt zwar Festbeträge die die staatliche Gesundheitsfürsorge übernimmt, die Differenz zum tatsächlichen Preis muss aber der Patient selbst tragen. Demzufolge sind viele bemüht, diese Differenz möglichst gering zu halten. Zum einen kann der Patient entscheiden, ob er das Originalpräparat, ein Generikum oder einen Parallelimport haben möchte, was sich natürlich auch auf seine Zuzahlung auswirkt. Aber auch der Preis für ein und dasselbe Präparat kann sich von Apotheke zu Apotheke unterscheiden. Üblicherweise geben die Apotheken auch auf verschreibungspflichtige Arzneimittel Rabatte, die sich von Monat zu Monat, von Indikation zu Indikation und auch von Patient zu Patient unterscheiden können.


DAZ: Wovon hängt es ab, wie hoch der individuelle Rabatt ist, den ein Patient erhält?

Björgvinsdóttir: Zum Beispiel davon, wie viele Medikamente ein Patient braucht und ob er sich beispielsweise an eine bestimmte Apotheke bindet und dort natürlich entsprechend mehr einkauft. Letztlich ist das aber eine Verhandlungssache zwischen dem Kunden und dem jeweiligen Filialleiter.


DAZ: Sehen Sie da nicht die Gefahr, Patienten mit der Aussicht auf höhere Rabatte zum Mehrverbrauch von Medikamenten zu verleiten?

Björgvinsdóttir: Nein. Bei den verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ist die Menge ohnehin durch das Rezept vorgegeben und bei den OTC Präparaten wird immer nur eine Packung eines Arzneimittels abgegeben, d. h. es ist nicht möglich, etwa zwei, drei oder gar noch mehr Packungen Paracetamol zu kaufen, es sei denn, man sucht mehrere Apotheken auf. Aber wer macht das schon? Die Gefahr der Anstiftung zu einem erhöhten Arzneimittel-Konsum sehe ich daher nicht.


DAZ: Halten Sie es nicht für bedenklich, dass die Preise für das Grundbedürfnis "Gesundheit" vom individuellen Verhandlungsgeschick abhängen?

Björgvinsdóttir: Nein, weshalb? Gerade ältere Menschen, die ja den Großteil der Apothekenkunden im Rx-Bereich ausmachen, haben ja die Zeit, Preise zu vergleichen und sich das beste Angebot auszusuchen. Aber wie gesagt, die Isländer mögen Rabatte. Es ist ja nicht so, dass der Bevölkerung dieses Rabattsystem aufgezwungen wurde, es resultiert vielmehr aus der Nachfrage der Kunden nach einem solchen System. Viele Kunden sind sehr preisbewusst und suchen gezielt nach dem besten Preis für ihre Medikamente.


DAZ: Nun ist Island, mit Ausnahme des Ballungsraumes um Reykjavik, sehr dünn besiedelt. Patienten auf dem Land werden daher kaum die Möglichkeit haben, günstigere Konditionen auszuhandeln. Schließlich können sie auf der Suche nach preisgünstigen Alternativen vermutlich nicht zwischen verschiedenen Apotheken wählen, weil es unter Umständen überhaupt nur eine Apotheke in ihrer Nähe gibt. Hinzu kommt, dass der Versandhandel mit Arzneimitteln in Island derzeit verboten ist. Zahlt die ländliche Bevölkerung folglich die Zeche für Dumpingpreise in der Hauptstadt?

Björgvinsdóttir: Das kann natürlich manchmal ein Problem sein, aber das liegt eben auch an der Struktur unseres Landes und lässt sich nur bedingt vermeiden. Manchmal gibt es auch gar keine Apotheken in unmittelbarer Nähe. In abgelegenen Teilen der Insel kann es durchaus sein, dass die Menschen 100 km oder mehr zur nächsten Apotheke zu bewältigen haben. Aber die Leute sind das gewohnt und haben sich darauf eingestellt und halten häufig selbst eine gut sortierte Hausapotheke vorrätig.


DAZ: So kontrovers der Versand von Arzneimitteln diskutiert wird, so verwundert es vor diesem Hintergrund dennoch, dass diese Form der Arzneimittelversorgung im sonst so liberalen isländischen Gesundheitssystem verboten ist. Böte sich doch gerade in einem so dünn besiedelten Land die Möglichkeit, den Patienten sehr lange Wege zu ersparen.

Björgvinsdóttir: Es ist sicher richtig, dass der Arzneimittelversand für die Patienten außerhalb der Ballungsräume eine deutliche Erleichterung bedeuten würde. Im Hinblick auf die Arzneimittelsicherheit konnte man sich hierzulande aber noch nicht entschließen, den Versand zuzulassen, schließlich weiß man nicht, wer letztlich das Paket vom Briefträger in die Hand gedrückt bekommt, vielleicht der Patient selbst, vielleicht aber auch das Enkelkind oder der Hund … Aber natürlich wird die Problematik auch von der Regierung durchaus wahrgenommen und man hat uns bereits signalisiert, dass man über eine Neuregelung dieses Bereiches nachdenkt. Hier wird sich in den nächsten Monaten sicher etwas tun. Die Pharmazeutische Gesellschaft Islands ist offen für Neuerungen, begleitet diesen Prozess aber kritisch. Mit Interesse blicken wir auf europäische Länder, die bereits Erfahrungen mit dem Versandhandel von Arzneimitteln gemacht haben und ziehen unsere Schlüsse daraus. Beispielsweise setzen wir uns dafür ein, dass Betäubungsmittel vom Versandhandel ausgenommen werden müssen, eben weil man nicht weiß, in wessen Hände die Arzneimittel auf dem Postweg oder an dessen Ende gelangen. Andererseits gibt es für besonders abgelegene Gebiete auch jetzt schon funktionierende Wege der Arzneimittel-Fernversorgung.


DAZ: Welche sind das?

Björgvinsdóttir: Es ist zum Beispiel erlaubt, dass Apotheken Arzneimittel zu einem Einzelhändler vor Ort schicken, beispielsweise zu einem Lebensmittelladen, wo die Patienten ihre Arzneimittel dann abholen können. Eine fachliche Beratung erhalten sie dort allerdings nicht, diese erfolgt dann telefonisch durch die beliefernde Apotheke, aber so wird zumindest sichergestellt, dass das Medikament nur dem betreffenden Patienten und nicht irgendwelchen Dritten ausgehändigt wird. Ich will aber auch nicht verschweigen, dass es bestimmt auch vorkommt, dass Arzneimittel in Einzelfällen auch heute schon mit der Post an den Endverbraucher geschickt werden, obwohl es noch nicht erlaubt ist. Aber angesichts der, wie erwähnt zu erwartenden Gesetzesänderung, schaut da niemand so genau hin.


DAZ: Die Vorstellung einer Patientenbelieferung über ein Lebensmittelgeschäft bereitet mir doch einige Bauchschmerzen. Wer trägt beispielsweise bei Insulinen oder Impfstoffen die Verantwortung für die Einhaltung der Kühlkette?

Björgvinsdóttir: Das ist durchaus ein heikler Punkt. Verantwortlich ist letztlich die Apotheke, demzufolge sollten die zuständigen Apotheker bei der Auswahl derartiger Vertriebspartner große Sorgfalt walten lassen und auch eine entsprechende Schulung der Mitarbeiter vor Ort vornehmen. Aber daran erkennen Sie schon, dass dieses Vertriebskonzept in der Praxis auch noch nicht abschließend geklärte Fragen aufwirft. Dennoch erschien uns dieser Vertriebsweg gegenüber dem Direktversand im Hinblick auf die Arzneimittelsicherheit die bessere Lösung zu sein. Allerdings wird sowohl seitens der Patienten als auch seitens der Apotheker wenig Gebrauch von der Möglichkeit der Belieferung über Lebensmittelläden o. ä. gemacht.


DAZ: Dennoch bleibt die Tatsache, dass letztlich Medikamente von Personal ausgehändigt werden, die keinerlei pharmazeutische Ausbildung besitzen. Ein Umstand der mir aus Gründen der von Ihnen bereits mehrfach angesprochenen Arzneimittelsicherheit doch recht fragwürdig erscheint?

Björgvinsdóttir: Nun, dem versuchen wir dadurch zu begegnen, dass die Arzneimittel komplett fertig verpackt und etikettiert sind und der Einzelhändler quasi nur noch die Tüte über den Tresen reicht. Es handelt sich dabei um eine reine Abholungsstelle. Aber Sie sprechen da ein generelles Problem an, mit dem wir auch in den Apotheken zu kämpfen haben. Dort arbeiten nämlich nicht nur Apotheker, technische Assistenten und Krankenschwestern, sondern auch sogenanntes trained staff, also angelerntes Personal, das keine pharmazeutische Ausbildung im eigentlichen Sinne hat.


DAZ: Welche Ausbildung hat dieses Personal dann und welche Aufgaben nimmt es in der Apotheke wahr?

Björgvinsdóttir: Genau genommen handelt es sich dabei erst mal um ungelerntes Personal, dass vom jeweiligen Apothekenleiter angelernt wird. Es liegt schließlich in dessen Verantwortung zu beurteilen, wann das Personal ausreichend Erfahrung mitbringt, um Kundschaft zu bedienen. Die von dieser Personengruppe wahrgenommenen Aufgaben sind vielseitig, aber natürlich darf dieses Personal die Kunden pharmazeutisch nicht beraten – das ist eigentlich Sache des Apothekers.


DAZ: Weshalb sagen Sie "eigentlich"?

Björgvinsdóttir: Nun, wenn jemand mit einem Rezept in die Apotheke kommt, gibt er dies dem Apotheker und erhält dort auch die entsprechende Beratung. Dann werden die Medikamente herausgesucht und die entsprechenden Dosierungen auf der Verpackung vermerkt. Dabei übernimmt immer ein Apotheker die abschließende Kontrolle. Ausgehändigt werden können die fertig zusammengestellten Medikamente allerdings auch von "angelerntem Personal". Hier treten eigentlich wenig Probleme auf, da die Patienten zu diesem Zeitpunkt ihre Beratung durch den Apotheker schon erhalten haben. Anders hingegen bei OTC-Präparaten: diese können im Prinzip direkt bei lediglich angelerntem Personal gekauft werden. Hier kam es immer wieder dazu, dass dieses pharmazeutisch wenig geschulte Personal die eigenen Kompetenzen überschätzte und Patienten beriet, ohne die Apotheker zu Rate zu ziehen. Da aber insbesondere auch Arzneimittelwechselwirkungen durch Angestellte mit derartig geringer Qualifikation nicht abgeschätzt werden können, sehen wir hier durchaus Probleme für die Arzneimittelsicherheit und stehen mit dem Gesetzgeber in Kontakt um hier klarere Richtlinien zu formulieren.


Island – Daten und Fakten


Klima: ozeanisch kühl, geprägt vom relativ warmen Irmingerstrom (5 °C) an der Südküste und vom kalten Grönlandstrom an der Nordost- und Nordwestküste, Niederschläge bis zu 2000 mm im Jahr. Kühle Sommer und für die Nähe zum Polarkreis relativ milde Winter.

Lage: größte Vulkaninsel der Welt; grenzt an den Polarkreis; liegt auf dem mittelatlantischen Rücken, der tektonischen Trennlinie zwischen Amerika und Europa, mit aktiven Vulkanen und Erdbeben (zuletzt bis zu Stärke 6,8 auf der Richter-Skala); 12% der Oberfläche vergletschert; der Gletscher Vatnajökull ist so groß wie Korsika; Entfernung nach Grönland 300 km, nach Schottland 800 km, nach Norwegen 1000 km

Größe: 103.000 qkm

Hauptstadt: Reykjavík; Einwohnerzahl: 116.446

Bevölkerung: 307.261 Einwohner, davon 184.200 im Großraum Reykjavik; fast alle Siedlungen an den Küsten (5000 km lang, mit tief in das Land greifenden Fjorden); durchschnittliche Wachstumsrate der Jahre 2005 – 2006: 2,6%

Landessprache: Isländisch (Fremdsprachen: Englisch, Dänisch, Deutsch)

Religionen/Kirchen: Evangelisch-Lutherische Kirche als Staatskirche (85% der Bevölkerung)

Nationaltag: 17. Juni, Bezeichnung: Nationalfeiertag

Unabhängigkeit: 17. Juni 1944 von Dänemark

Regierungsform: Konstitutionelle Republik

Mitgliedschaft in internationalen Organisationen: FAO (seit 1945), Vereinte Nationen (seit 1946), NATO (seit 1949), Europarat (seit 1949), Nordischer Rat (seit 1952), EFTA (seit 1960), OECD (seit 1961), UNESCO (seit 1964), OSZE (seit 1975/1992), Barentssee-Rat (seit 1993), EWR (seit 1994), WTO (seit 1995), Ostsee-Rat (1995), Arktischer Rat (seit 1996), seit Oktober 2002 wieder Mitglied in der internationalen WalfangkommissionNeben diesen Mitgliedschaften ist für Island das Verteidigungsabkommen mit den USA (seit 1951) besonders wichtig

Rundfunk: Staatliche Rundfunkanstalt und 14 Privatsender (davon 3 religiös orientiert)

Fernsehen: ein staatlicher Fernsehsender und 12 Privatsender

Zeitungen: Morgunblaðið, Frettablaðið, Blaðið, Dagblaðið/Vísir

BIP: 13,2 Mrd. Euro (2006)

BIP pro Kopf: 47.571 Euro (2006)


Nach der Verfassung von 1944 ist Island eine Republik. Staatsoberhaupt und Oberhaupt der Evangelisch-Lutherischen Staatskirche ist der in direkter Wahl auf vier Jahre gewählte Staatspräsident (Dr. Ólafur Ragnar Grímsson). Dem Parlament (Althing) gehören 63 nach dem Verhältniswahlrecht gewählte Abgeordnete an. Das Parlament besteht nur aus einer Kammer, die Unterteilung in zwei Kammern wurde 1991 abgeschafft. Das Land ist in sechs Regionen mit zusammen 98 Gemeinden eingeteilt.


Quelle: Informationen des Auswärtigen Amtes, Stand: August 2007



DAZ: Ist der Verkauf von Arzneimitteln durch angelerntes Personal nicht generell ein Problem? Ist es dem Apothekenleiter überhaupt möglich effizient zu überwachen, was angelerntes Personal den Patienten evtl. erzählt, während er sich unter Umständen selbst in einem Beratungsgespräch befindet?

Björgvinsdóttir: Aus diesem Grund schreibt das Gesetz in Island die zeitgleiche Präsenz von mindestens zwei Approbierten für jede Apotheke vor. Zum einen um das Personal effizienter zu kontrollieren, zum anderen um sich in komplexen Sachverhalten untereinander austauschen zu können. Aber auch hier muss man zugeben, dass sich Theorie und Praxis unterscheiden. Insbesondere in kleinen Apotheken wird man in den frühen Morgen- und späten Abendstunden häufig nur einen Apotheker antreffen.


DAZ: Wie wird das im Notdienst geregelt? Schließlich werden vermutlich kaum zwei Apotheker gleichzeitig Nachtdienst leisten, oder?

Björgvinsdóttir: Notdienste wurden in Island schon vor einigen Jahren abgeschafft. Es gibt zwar Apotheken, die bis Mitternacht geöffnet haben, aber in der Nacht stehen Patienten nur die Aufnahmestellen der Krankenhäuser zur Verfügung. Dort erhalten die Patienten ggf. neben einer Verschreibung, die sie am nächsten Tag einlösen können, auch eine medikamentöse Erstversorgung z. B. mit einer ersten Dosis von Antibiotika. Aber im Allgemeinen sind die Patienten angehalten, sich für gewisse Fälle selbst zu bevorraten, beispielsweise mit Schmerzmitteln, so dass sie ggf. die Nacht überbrücken können bis die nächste Apotheke wieder öffnet. Und in der Tat war der Bedarf an einer Notdienstversorgung relativ gering. Schließlich war die geringe Nachfrage mit ein wesentlicher Grund den Notdienst abzuschaffen. Es lohnte sich einfach nicht, dass ein Apotheker die ganze Nacht darauf wartete, vielleicht ein Päckchen Paracetamol zu verkaufen.


DAZ: Sie sprechen das Thema "Kosteneffizienz" an, wie sieht es vor diesem Hintergrund mit der Anfertigung von Magistralrezepturen in isländischen Apotheken aus?

Björgvinsdóttir: Mit Ausnahme der Suspendierung von Antibiotika-Trockensäften findet in isländischen Apotheken praktisch keine Arzneimittelherstellung mehr statt. Bis in die Siebziger Jahre waren viele Apotheken sogar noch mit Tablettenpressen ausgestattet und haben im Kleinmaßstab produziert. Mit dem Aufkommen von GMP und modernen Hygiene- bzw. Herstellungsstandards waren vielen Apothekern aber der Aufwand und die Kosten zu hoch, sie stellten daher die Arzneimittelproduktion ein und wandelten sich zu einem reinen Handelsunternehmen. Mit dem Ende der Arzneimittelherstellung bzw. -zubereitung in den Apotheken war letztlich auch ein wesentliches Argument gegen die Zulassung von Apothekenketten, die ja reine Einzelhandelsunternehmen sind, weg.


DAZ: Es leuchtet ein, dass eine Apotheke heute nur schwerlich in der Lage ist, moderne GMP-Standards zu erreichen. Dennoch gibt es ja Fälle, die eine individuelle Dosisanpassung oder Wirkstoffkombination erfordern, die von den großen pharmazeutischen Unternehmen so nicht zur Verfügung gestellt wird.

Björgvinsdóttir: Es gibt zwar eine Firma, die einige Dermatika in kleinem Maßstab herstellt, jedoch nur solche, die von Ärzten häufig und regelmäßig verordnet werden. Diese Zubereitungen können von den Apotheken dann dort bestellt werden. Das Sortiment ist aber sehr überschaubar. Aber wirklich individuell hergestellte Rezepturen gibt es seit dem Verschwinden der inhabergeführten Apotheke nicht mehr.


DAZ: Seit letztem Jahr erlangte die bisher in Deutschland wenig geläufige isländische Firma "Actavis" eine hohe Bekanntheit aufgrund eines Rabattvertrages mit einer der größten deutschen Krankenkasse. Nahm man in Island davon Notiz?

Björgvinsdóttir: Actavis ist sehr wichtig für die isländischen Apotheker, schließlich ist die Firma der größte Arbeitgeber für Pharmazeuten, etwa ein Drittel aller Apotheker des Landes arbeitet für Actavis. Aber vom internationalen Geschäft bekommen wir hier wenig mit.


DAZ: Die Rolle als Arbeitgeber ist die eine, wie steht es um die Rolle von Actavis als Generikalieferant für die Offizin?

Björgvinsdóttir: Natürlich ist Actavis auch hier von großer Bedeutung, schließlich muss alle andere Ware importiert werden. Aber Actavis deckt ja eben nur das Generikasegment ab, so dass natürlich auch alle großen Pharmaunternehmen wie Novartis oder Roche Repräsentanzen in Island haben. Aber auch Generika beziehen wir nicht nur von Actavis, sondern auch von anderen großen Generikaproduzenten. Allerdings ist anzumerken, dass Island mit gerade mal rund 300.000 Einwohnern für viele Firmen kein besonders attraktiver Markt ist. Hinzu kommen die hohen Kosten für die Lieferung per Flugzeug oder Schiff. So kommt es auch bei den Generika immer wieder zu Lieferschwierigkeiten.


DAZ: Das stärkt natürlich die Position des einzigen großen ortsansässigen Gernerikaherstellers.

Björgvinsdóttir: Das kann man so nicht sagen. Natürlich spielt Actavis im Generikamarkt eine wichtige Rolle. Letztlich entscheidet aber der Preis …


DAZ: … und die Lieferfähigkeit.

Björgvinsdóttir: Das ist zwar richtig, aber auch bei Actavis gibt es immer wieder mal Lieferengpässe.


DAZ: Ein Problem, das auch deutsche Apotheker kennen, die Gründe hierfür sind ja recht vielfältig. Wie erklärt man den isländischen Apothekern solche Lieferengpässe, angesichts des überschaubaren und planbaren isländischen Marktes?

Björgvinsdóttir: Es gibt zwei Begründungen: Zum einen heißt es, die importierten Grundstoffe zur Tablettenherstellung seien von variierender Qualität, so dass häufig zeitraubende Anpassungen des Herstellungsprozesses notwendig würden. Zum anderen gebe es Probleme, in ausreichendem Umfang pharmazeutisches Personal zu gewinnen.


DAZ: Bildet Island also nicht genügend Pharmazeuten aus? Ist man auf Zuzug von außen angewiesen?

Björgvinsdóttir: Ich denke, wir bewegen uns bei den Pharmazeutenabschlüssen immer so im Grenzbereich, der unseren Bedarf gerade deckt. Aber es gab durchaus Jahre, in denen in Island gerade mal drei Apotheker ihre Zulassung erhielten. Im Durchschnitt sind es zehn bis 20 pro Jahr. Ausländische Apotheker würden sicher problemlos eine Anstellung in Island finden. Allerdings ist das Interesse nach Island zu kommen eher gering. Derzeit sind gerade mal zwei ausländische Apotheker in Island tätig, wenngleich die Anerkennung europäischer Abschlüsse problemlos ist, die größte Hürde ist wohl eher die isländische Sprache. Aber auch umgekehrt gehen leider wenige Isländer ins Ausland, was ich sehr bedauere.


DAZ: Warum bedauern Sie das, angesichts des offenbar hohen Bedarfs im eigenen Land?

Björgvinsdóttir: Ich bedauere es, weil so wenig Erfahrung aus anderen Ländern und Gesundheitssystemen vorliegt. Früher fand die komplette Pharmazeutenausbildung in Dänemark statt, später dann nur noch das Hauptstudium und der Studienabschluss, heute kann man seine gesamte pharmazeutische Ausbildung in Island durchlaufen. Zwar pflegen wir noch immer einen sehr engen Kontakt zu den anderen skandinavischen Ländern, aber leider ist das Interesse der isländischen Apotheker an der Teilnahme an internationalem Austausch, wie er auf einschlägigen Kongressen und Weiterbildungsveranstaltungen gepflegt wird, gering. So werden in meinen Augen zu wenige neue persönliche Erfahrungen nach Island gebracht, die das hiesige Apothekenwesen sicherlich bereichern würden. Der internationale Austausch erfolgt demzufolge weitestgehend auf Verbandsebene.


DAZ: Das Interesse an internationalen Kongressen und Weiterbildungsveranstaltungen ist, wie Sie sagen, gering. Wie sieht es denn auf nationaler Ebene mit der Nutzung von Weiterbildungsmöglichkeiten aus?

Björgvinsdóttir: Es gibt sie, doch werden sie leider zu wenig genutzt. Zwar fördert die Pharmazeutische Gesellschaft die Weiterbildung ihrer Mitglieder finanziell, und auch jedem Apotheker steht von seinem Arbeitgeber eine gewisse garantierte Summe für die Teilnahme an Weiterbildungsveranstaltungen zur Verfügung, aber leider werden diese Gelder oft nicht abgerufen und berufliche Weiterbildung nicht in dem Maße betrieben, wie wir uns das seitens der Pharmazeutischen Gesellschaft wünschen würden.


DAZ: Die Isländer sind ein sehr naturverbundenes Volk. Es ist auch immer wieder davon zu lesen, dass der Glaube an Naturgeister in Island relativ weit verbreitet ist. Falls dem so ist, schlägt sich diese Naturverbundenheit auch in der Pharmazie nieder? Werden beispielsweise vermehrt pflanzliche oder alternative Präparate verlangt?

Björgvinsdóttir: Dass wir hier sehr naturverbunden sind, stimmt schon, ob aber der Glaube an Naturgeister so weit verbreitet ist, wie es das Klischee glauben macht, kann ich nicht sagen. In den Apotheken gibt es zwar einige wenige pflanzliche Präparate, diese spielen dort aber eine eher untergeordnete Rolle. Wer an natürlichen oder alternativen Arzneimitteln interessiert ist, geht hierzulande nicht in die Apotheke, sondern kauft solche Präparate in speziellen Geschäften, die auch nicht von einem Apotheker geleitet werden. Meiner Meinung nach ist hier eine pharmazeutische Beratung auch nicht wirklich notwendig, viel besser ist in diesen Fällen doch der Rat von Personen, die selbst an die Wirksamkeit solcher Präparate glauben. Nachdem also viele pflanzliche Medikamente, deren Wirkung nicht bewiesen ist, sowie alternative Arzneimittel einschließlich Homöopathika nicht über die Apotheken vertrieben werden, kann ich schwer abschätzen welchen Marktanteil derartige Arzneimittel in Island haben bzw. ob hier ein signifikanter Unterschied zu anderen Ländern besteht.


DAZ: Ich gehe demzufolge davon aus, dass solche Arzneimittel auch nicht von der staatlichen isländischen Gesundheitsversicherung übernommen werden.

Björgvinsdóttir: Der Leistungskatalog der staatlichen Gesundheitsversicherung ist, zumindest was Arzneimittel angeht, sehr kompliziert. Aber es ist richtig, dass alternative Arzneimittel nicht bezahlt werden.


DAZ: Was heißt "der Leistungskatalog ist sehr kompliziert"?

Björgvinsdóttir: Nun, für jeden Wirkstoff wird ein Preis ausgehandelt, den die Gesundheitsversicherung übernimmt. In manchen Indikationen deckt diese Summe den vollen Preis des Arzneimittels, z. B. bei Insulin oder Krebsmedikamenten, oder nur einen Teil z. B. bei Antiasthmatika oder Herz-Kreislauf-Medikamenten. Arzneimittel wie Schlafmittel, Abführmittel und Antibiotika müssen die Patienten hingegen komplett selbst bezahlen. Patienten mit chronischen Erkrankungen können allerdings eine Befreiung von der Zuzahlung erhalten.


DAZ: Warum müssen ausgerechnet Antibiotika voll selbst bezahlt werden?

Björgvinsdóttir: Das hat pharmakologische bzw. steuerungspolitische Gründe. Früher wurde in Island sehr gedankenlos mit Antibiotika umgegangen und diese in großen Mengen verordnet. So kam es dazu, dass wir zunehmend mit Resistenzen zu kämpfen hatten. Um den Einsatz von Antibiotika einzudämmen, entschied man bereits 1989, dass Patienten diese Arzneimittel komplett selbst bezahlen müssen. Das führte dazu, dass bakterielle Infektionen etliche Jahre beinahe ausnahmslos mit Bactrim (Trimethoprim + Sulfamethoxazol) therapiert wurden, weil dies das günstigste verfügbare Antibiotikum war. Heute werden zwar auch wieder vermehrt andere Antibiotika eingesetzt, die Bezahlung durch den Patienten wurde aber bis heute beibehalten.


DAZ: Was sind die gegenwärtigen Ziele, die die Pharmazeutische Gesellschaft Island erreichen möchte?

Björgvinsdóttir: In erster Linie ist es unser Ziel die Bedeutung des Apothekers mehr in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu rücken. Apotheker sind in der Lage, deutlich mehr zu leisten als ihnen momentan zugetraut bzw. zugestanden wird. Normalerweise erhalten Patienten hier ein Rezept, das ein Jahr lang gültig ist und ihnen den viermaligen Bezug eines Drei-Monats-Bedarfs gestattet, d. h., es ist nicht so selten, dass Patienten mit Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ihren Arzt zwölf Monate lang nicht sehen und über denselben Zeitraum keine Überprüfung der Diagnose oder Dosisanpassung erfolgt. Häufig gibt es auch keinen Interaktions-Check wenn der Patient verschiedene Ärzte aufsucht. Hier könnte der Apotheker eine wichtige Kontrollfunktion ausüben, gegenwärtig funktioniert das aber nur, wenn der Patient immer die gleiche Apotheke aufsucht, wo seine Daten für ein Jahr gespeichert werden. Wechselt der Patient die Apotheken, z. B. auf der Suche nach dem jeweils besten Preis, sind wir kaum in der Lage Wechselwirkungen zu erkennen. Auch wäre es uns beispielsweise ein Anliegen, bei der Abgabe von Blutdruckmedikamenten eine obligatorische Blutdruckmessung durchzuführen, um zu überprüfen, ob die unter Umständen ja schon vor einem Jahr verschriebene Dosis überhaupt noch mit den Bedürfnissen des Patienten übereinstimmt. Aber dies sind nur einige Beispiele, um zu verdeutlichen, welche Möglichkeiten wir für den Einsatz der Apotheker noch sehen. Insgesamt lässt sich sagen, dass wir uns dafür einsetzen, dass der Apotheker im Gesundheitswesen eine größere Rolle spielt als bisher. Wir möchten weniger als Verkäufer, sondern vielmehr als unabhängige Berater in Sachen Arzneimittel wahrgenommen werden. Deshalb stehen wir auch in regem Kontakt mit Politikern und Behörden um hier Veränderungen zu bewirken.


DAZ: Wir wünschen Ihnen viel Erfolg beim Umsetzen Ihrer Ziele und danken Ihnen sehr herzlich für dieses Gespräch.


Das Gespräch führte Dr. Andreas S. Ziegler, Großhabersdorf


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