Ernährung aktuell

Mit Obst und Gemüse gut geschützt?!

Dass ein hoher Obst- und Gemüseverzehr positiv für die Gesundheit ist, gilt seit vielen Jahren als unumstritten. Bei Details des gesundheitlichen Benefits gibt es jedoch immer noch Klärungsbedarf. Insbesondere im Zusammenhang mit Krebserkrankungen wird der Obst- und Gemüseverzehr untersucht. Des Weiteren wird er zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie verschiedenen chronischen Krankheiten diskutiert. Ein Ende Januar 2008 veranstaltetes Journalistenseminar der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) informierte über den aktuellen Kenntnisstand.

Obst und Gemüse sind gesund, das weiß inzwischen eigentlich jeder. Dennoch greifen nach wie vor zu wenige Menschen zu diesen Lebensmitteln. Obwohl der Verzehr in den vergangenen zehn Jahren um durchschnittlich 1,2 Kilogramm Gemüse und 1,5 Kilogramm Obst zugenommen hat, erreicht bei den 6- bis 17-Jährigen nicht einmal die Hälfte die Empfehlungen für die tägliche Zufuhr von Obst und für Gemüse (KiGGS-Modul, 2006, Tab. 1). Bei der Einbeziehung von Säften wird die Bilanz etwas besser, jedoch noch immer nicht optimal. Ähnlich ist das Bild bei den Erwachsenen (Ernährungssurvey 1998, Tab. 1). Mit steigendem Alter und sozialem Status nimmt der Verzehr zu, Frauen essen mehr Obst und Gemüse als Männer. Insgesamt liegt Deutschland im europäischen Vergleich beim Obst- und Gemüseverzehr jedoch nur im Mittelfeld, wenn auch bei Saft an erster Stelle.


Tab. 1: Anteil der Personen, die die Empfehlungen der DGE zur Obst- und Gemüse-Aufnahme erreichen.
Personengruppen
Die DGE-Empfehlungen* erreichen (%)
weiblich
6 - 11 Jahre
12 - 17 Jahre
18 - 75 Jahre
33
47
27
männlich
6 - 11 Jahre
12 - 17 Jahre
18 - 75 Jahre
27
29
23


* Empfehlungen der DGE zur Obst- und Gemüse-Aufnahme: 5 Portionen am Tag bzw. > 650 g pro Tag (400 g Gemüse, 250 g Obst, maximal 1 Portion als Saft)

Mit Obst und Gemüse gegen den Krebs

Eine Steigerung der Zufuhr ist aus verschiedenen Gründen empfehlenswert. So gibt es für eine Reihe von Erkrankungen mittlerweile mehr oder weniger starke Hinweise darauf, dass ein hoher Obst- und Gemüseverzehr einen präventiven Effekt besitzt. Absolute Aussagen sind jedoch schwierig. Die Ableitung von Empfehlungen folgt aus einer überzeugenden/wahrscheinlichen/möglichen Evidenz. Diese zu erhalten, erfordert umfangreiche, zahlreiche und lange Studien und die Aussagen bzw. ihr Härtegrad können sich mit der Zeit ändern. Beispielhaft wurde dies auf dem DGE-Seminar für Krebs demonstriert.

  • 1992 fanden 128 von 156 Studien eine Senkung des Krebsrisikos durch Obst- und Gemüseverzehr (es waren verschiedene Krebsarten einbezogen). Dadurch wurde die "Fünf-am-Tag"-Kampagne begründet.

  • 1997 gab der World Cancer Research Fund Obst und Gemüse als überzeugend risikosenkende Ernährungsform für Krebs von Mund und Rachen, Speiseröhre, Lunge, Magen, Dickdarm (Gemüse) sowie als wahrscheinlich risikosenkend für Kehlkopf-, Bauchspeicheldrüsen- und Blasenkrebs und als möglicherweise risikosenkend für weitere Krebsarten an.

  • 2003 befand die ARC-Expertengruppe in Lyon eine wahrscheinlich risikosenkende Wirkung von Gemüse für Speiseröhren- und Dickdarm-/Mastdarmkrebs sowie von Obst für Krebs von Speiseröhre, Magen und Lunge. Eine mögliche risikosenkende Wirkung attestierten sie Gemüse für Mundhöhlen-, Rachen-, Magen-, Kehlkopf-, Lungen-, Eierstock- und Nierenkrebs sowie Obst für Rachen-, Mundhöhlen-, Dickdarm-/Mastdarm-, Kehlkopf-, Nieren- und Harnblasenkrebs. Das heißt, aufgrund neuerer Studiendaten wurde die Zahl der durch Obst und Gemüse im Risiko gesenkten Krebsarten zwischen 1997 und 2003 weniger und der Härtegrad der Evidenz wurde reduziert.

  • Im November 2007 stellte der World Cancer Research Fund seinen aktuellen Bericht über die Beziehung von Ernährung und Krebsrisiko vor. Auch hier wurde die Evidenz im Vergleich zur Einschätzung von vor zehn Jahren teilweise um einen Härtegrad zurückgenommen (von überzeugend zu wahrscheinlich, Tab. 2). Für Mund-, Rachen- und Kehlkopfkrebs wurde die Evidenz von möglich auf wahrscheinlich angehoben, für Darmkrebs aufgrund neuer Daten von wahrscheinlich auf möglich abgesenkt. Eine mögliche Beziehung zwischen erhöhtem Obst- und Gemüsekonsum und verringertem Krebsrisiko wurde für Gebärmutter- und Eierstockkrebs gesehen, keine jedoch für Brust- und Prostatakrebs. Weiterhin gelten Nieren- und Blasenkrebs als Kandidaten für einen möglichen Effekt.

  • Die EPIC-Studie (prospektiv, 520.000 Teilnehmer) erbrachte nur für Krebs des oberen Verdauungstrakts eine klare inverse Beziehung (also mehr Obst und Gemüse = abgesenktes Krebsrisiko) sowie für die Lunge im Fall des Obstverzehrs. Bei den Untersuchungen zum oberen Verdauungstrakt konnte die interessante Beobachtung gemacht werden, dass das Krebsrisiko zunächst mit steigendem Verzehr von Obst und Gemüse abnimmt, dann aber mit weiter steigendem Verzehr nicht weiter abnimmt. Hier müssen weitere Forschungen stattfinden. Vielleicht findet sich kein Einfluss des Obst- und Gemüseverzehrs mehr auf das Krebsrisiko, wenn alle genug Obst und Gemüse essen.

  • Eine 2007 veröffentlichte Meta-Analyse von 14 Studien für Dickdarmkrebs war knapp signifikant hinsichtlich einer Risikoabsenkung. Die NIH-AARP Diet and Health Study zeigt für Männer ein abgesenktes Risiko, nicht jedoch für Frauen (vielleicht, weil diese mehr Obst und Gemüse essen?).


Fazit: Die Datenlage macht es insgesamt wahrscheinlich, dass Obst und Gemüse das Risiko bestimmter maligner Tumore beeinflussen und absenken. Allerdings kann der Obst- und Gemüseverzehr unter Berücksichtigung der bisher erreichten Verzehrsmengen nicht mehr in dem Maß zu den Präventionsfaktoren für Krebserkrankungen gezählt werden wie noch 1995 (23%).

Tab. 2: Derzeitige Evidenz des präventiven Effekts von Obst und Gemüse auf verschiedene Krebsarten.
Mund,
Rachen, Kehlkopf
Speiseröhre
Magen
Dickdarm
Mastdarm
Lunge
Ernährungs-
bericht
2004
Obst + Gemüse
∇∇
∇∇∇
Obst
∇∇∇
∇∇
∇∇
∇∇∇
Gemüse
∇∇
∇∇∇
∇∇∇
∇∇
World Cancer
Research
Fund 2007
Obst + Gemüse
Obst
∇∇∇
∇∇∇
∇∇∇
∇∇
∇∇
∇∇∇
Gemüse
∇∇∇
∇∇∇
∇∇∇
∇∇
∇∇
∇∇

∇∇∇ wahrscheinlich, ∇∇ möglich
Tab. 3: Derzeitige Evidenzlage zum Zusammenhang zwischen Obst- und Gemüseverzehr und der Prävention ausgewählter Krankheiten (Aus: Boeing, H.; Bechthold, A.; Bub, A. et al.: Obst und Gemüse in der Prävention chronischer Krankheiten. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. September 2007)
Evidenz
überzeugend
wahrscheinlich
möglich
Obst, Gemüse
Obst
Gemüse
Obst
Gemüse
Adipositas
1
2
Typ-2-Diabetes-mellitus
Hypertonie
koronare Herzkrankheit
Schlaganfall
Krebs
   Mundhöhle
   Rachen
   Kehlkopf
   Speiseröhre
   Magen
   Dick-/Mastdarm
   Lunge
   Niere
   Harnblase
   Eierstock
   Brust
   Prostata
Chronisch entzündliche
Darmerkrankungen
Rheumatoide Arthritis
Chronisch obstruktive
Lungenerkrankung
Asthma
Osteoporose
Augenerkrankungen
   Makuladegeneration
   Katarakt
   Glaukom ∅
   diabetische Retinopathie ∅
Demenz

1 Gewichtsverlust, 2 Gewichtszunahme, ↓ Risikosenkung, – kein Zusammenhang, ∅ unzureichende Evidenz

Obst und Gemüse fürs Herz

Wichtiger als die Prävention von Krebs dürfte als Argument für die Empfehlung eines hohen Obst- und Gemüseverzehrs die Reduktion anderer Erkrankungen, z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Tab. 3) sein: Zwei Meta-Analysen untersuchten den Zusammenhang zwischen Obst- und Gemüseverzehr und koronarer Herzerkrankung – das Risiko verringerte sich in den Analysen um ca. 4% pro Portion Obst und Gemüse pro Tag; bei Schlaganfall um 5% pro Portion pro Tag.

Hypertonie ist ein klassischer Risikofaktor sowohl für koronare Herzkrankheit als auch für Schlaganfall. Die Senkung des Blutdrucks ist somit stets ein Therapieziel, um das Risiko für Herz- und Kreislauferkrankungen zu vermindern, gleiches gilt für begünstigende Faktoren wie Adipositas, Ernährung mit einem hohen Anteil an tierischen Lebensmitteln etc. Die DASH-Studie konnte 1997 zum ersten Mal zeigen, dass eine obst- und gemüsereiche Ernährung den Blutdruck senken kann. Auch auf der molekularen Ebene spiegelt sich das Geschehen wider. So konnte eine kontrollierte vierwöchige Ernährung mit acht Portionen Obst und Gemüse pro Tag den Entzündungsmarker C-reaktives Protein senken.

Diese Erkenntnisse haben ihren Niederschlag auch in medizinischen Leitlinien zur risikoadjustierten Prävention von Herz- und Kreislauferkrankungen gefunden. Dort wird neben ausreichender körperliche Aktivität auch gesunde Ernährung – reich an Obst und Gemüse, fettarm, Seefisch, Vollkornprodukte, pflanzliche Öle – vor jeder medikamentösen Intervention bzw. begleitend dazu empfohlen.


Quelle: Journalistenseminar der Deutschen Gesellschaft für Ernährung: "Obst und Gemüse – 1001 Substanz für die Gesundheit", Hamburg, 29. Januar 2008


Dr. Sabine Wenzel

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