Arzneimittel und Therapie

Folsäure kann vor Schlaganfall schützen

Folsäure senkt die Werte für Homocystein, einen kardiovaskulären Risikofaktor. Nun wurde eine signifikante Reduktion des Risikos für Schlaganfälle gezeigt. Trotzdem sind noch einige Fragen offen, bevor eine generelle Empfehlung möglich ist.

Erhöhte Homocystein-Spiegel sind eindeutig assoziiert mit einem erhöhten kardiovaskulären Risiko. Weniger eindeutig konnte bislang gezeigt werden, dass eine medikamentöse Reduktion der Homocystein-Spiegel, zum Beispiel mit Folsäure, das Herz-Kreislaufrisiko wieder reduziert.

Bisher konnte in randomisierten kontrollierten Studien niemals eine präventive Wirkung durch Folsäure-Supplementation belegt werden. Im Gegenteil: Es gab sogar Hinweise, dass die Rate der kardiovaskulären Ereignisse ansteigen kann, wenn Folsäure mit anderen B-Vitaminen kombiniert wurde.

Metaanalyse: Folsäure senkt Schlaganfallrisiko

Nun kommt eine Metaanalyse von acht großen klinischen Studien mit insgesamt mehr als 16000 Teilnehmern zu dem Ergebnis, dass Folsäure das Schlaganfall-Risiko signifikant reduziert: Bei den Personen, die Folsäure eingenommen hatten, erlitten 4% einen Schlaganfall, in der Kontrollgruppe 5%, was einer relativen Risikoreduktion von 18% entspricht.

In der Studie zeigte sich außerdem ein Zusammenhang zwischen der Risikoreduktion und der Dauer der Supplementierung. Bei Folsäure-Einnahme über mehr als drei Jahre betrug die relative Risikoreduktion sogar 29%, nur 3% dieser Personen erlitten einen Schlaganfall.

Zu früh für allgemeine Empfehlung

Die Frage nach der alleinigen Folsäure-Ergänzung gegenüber Folsäure in Kombination mit anderen B-Vitaminen, wie auch die optimale Dosierung sollten weiterhin sorgfältig geprüft werden. In einem begleitenden Kommentar zur Studie heißt es, dass man nicht voreilig die kontinuierliche Gabe von Vitaminergänzungen als ungefährlich deklarieren sollte, auch wenn ein Nutzen gezeigt wurde. Insbesondere sollten die alleinige Folsäureergänzung gegenüber einer Kombination mit anderen B-Vitaminen, die ja in früheren Studien zu negativen Ergebnissen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen geführt hatte, und die optimale Dosierung weiter überprüft werden.

Physiologische Funktionen der Folsäure


Folsäure wirkt nach Reduktion zu Tetrahydrofolsäure als Coenzym bei Übertragungsreaktionen von Einkohlenstoffeinheiten wie Methyl-, Formyl-, Hydroxymethyl-, Methylen-, Methenyl- und Formiminogruppen. Sie spielt eine entscheidende Rolle bei der Biosynthese von Purinen und Pyrimidinen, den Aminosäuren Serin und Methionin und bei verschiedenen anderen Methylierungsreaktionen.

Folsäureversorgung in Deutschland mangelhaft

Laut Deutscher Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) erreicht die Mehrzahl der Deutschen die Zufuhrempfehlungen für Folsäure nicht. Die DGE empfiehlt zum Beispiel für Jugendliche und Erwachsene eine tägliche Zufuhr von 400 µg Folsäure und geht von einer Erhöhung des Bedarfs während der Frühschwangerschaft auf 600 µg aus (siehe Tabelle).

Eine Unterversorgung kann auch durch längerfristige Einnahme bestimmter Arzneimittel (Zytostatika, Antiepileptika, Malariamittel) entstehen. Ebenso kann starker Alkoholkonsum einen Mangel bedingen.

Weitere Ursachen können Malabsorptionssyndrome (z. B. Zöliakie, Sprue, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), eine Jejunumresektion, allgemeine Unterernährung, Ernährungsfehler, Lagerungs-, Verarbeitungs- und Zubereitungsverluste oder eine angeborene Stoffwechselerkrankung (Homocysteinurie) sein.

Referenzwerte für die tägliche Folsäure-Zufuhr
Altersgruppe
Folsäure (Nahrungsfolat)
in µg-Äquivalent* pro Tag
Säuglinge

0 bis unter 4 Monate**
4 bis unter 12 Monate
60
80
Kinder

1 bis unter 4 Jahre
4 bis unter 10 Jahre
10 bis unter 15 Jahre
200
300
400
Jugendliche und Erwachsene
400
Schwangere*** und Stillende
600
* 1 µg Folat-Äquivalent = 1 µg Nahrungsfolat = 0,5 µg synthetische Folsäure (Nahrungsfolat kann vom Körper nur etwa zu 50% aufgenommen werden)
** Schätzwert
*** Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, sollen zusätzlich 400 µg Folsäure substituieren. Diese erhöhte Folsäurezufuhr sollte spätestens vier Wochen vor Beginn der Schwangerschaft erfolgen und während des ersten Drittels der Schwangerschaft beibehalten werden.
[Quelle: nach Deutsche Gesellschaft für Ernährung

Getreide mit Folsäure anreichern?

Eine Anreicherung von Bäckermehlen der Type 550 und 630 mit Folsäure wird von Seiten der DGE befürwortet. Dies wäre nach Ansicht der DGE die zuverlässigste Möglichkeit, die Versorgung flächendeckend zu verbessern.

In den USA, Kanada, Brasilien, Ungarn und vielen weiteren Ländern wird eine solche Folsäureanreicherung seit einigen Jahren praktiziert. Auch in der vorliegenden Studie zeigte sich ein höherer Nutzen der Folsäuregabe bei den Personen, die niedrige Ausgangswerte hatten, sprich in Gebieten leben, in denen das Getreide nicht mit Folsäure angereichert wird.

Die Hauptautorin der Studie ist jedoch der Meinung, dass mit Ausnahme von schwangeren oder stillenden Frauen allen Bewohnern der westlichen Welt bei gesunder Ernährung eine ausreichende Versorgung mit Folsäure zuteil wird.

Die Diskussion um die Folsäure, eine mögliche Unterversorgung und mögliche präventive Effekte ist also weiterhin nicht abgeschlossen.


Quelle

Wang X, et al. Efficacy of folic acid supplementation in stroke prevention: a meta-analysis. Lancet 369, 1876-1882 (2007).

Carlsson CM. Lowering homocysteine for stroke prevention. Lancet 369, 1841-1842 (2007).


Apothekerin Bettina Martini

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