Arzneimittel und Therapie

Antidepressiva bei schweren Depressionen wirksam

Die Ergebnisse einer Metaanalyse von Zulassungsstudien gängiger Antidepressiva sorgen für Diskussionen in den Medien. Die Autoren der Studie schlussfolgern, dass Serotonin- und Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer allenfalls bei sehr schweren Depressionen stärker wirken als Placebo. Die Studienergebnisse zeigen im Grunde aber nichts Neues. Es ist bekannt, dass Antidepressiva umso deutlicher wirken, je ausgeprägter die Depression ist.

Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) warnt davor, die Patienten so zu verunsichern, dass diese bei leichter bis mittelschwerer Depression ihre Arzneimittel absetzen.

In der aktuellen Studie, die in der PLOS Medicine veröffentlicht wurde, hatten die Autoren bei der FDA Einsicht in die Zulassungsdokumente der sechs am häufigsten verschriebenen Antidepressiva genommen, die zwischen 1987 und 1999 von der amerikanischen Zulassungsbehörde zugelassen wurden. Es handelt sich um die Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) Fluoxetin und Paroxetin, um den Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer Venlafaxin und um Nefazodon. Ursprünglich sollten auch die SSRI Sertralin und Citalopram in die Analyse einbezogen werden. Sie wurden herausgenommen, weil die Studien den Qualitätsansprüchen der Autoren nicht genügten. Im Endeffekt wurden in die Metaanalyse 35 Studien einbezogen, in denen die Wirkstoffe bzw. Placebo über etwa sechs Wochen gegeben wurden. Anhand der Hamilton Rating Scale of Depression (HRSD) wurde ein score für den jeweiligen Wirkstoff bzw. Placebo ermittelt. Die Medikation erzielte bei einem Schweregrad der Depression von etwa 26 auf der Hamilton Rating Scale of Depression die beste Wirkung. Eine Überlegenheit des Verum gegenüber Placebo ergab sich erst ab einem HRSD-Wert von 28, das heißt bei Patienten mit einer sehr schweren Depression. Die Autoren zeigten sich überrascht, dass sich die Wirkung der Arzneistoffe kaum von der Wirkung der Placebos unterscheidet und werteten das als eine Folge eines großen Placeboeffektes.

Fachgesellschaft: Antidepressiva sind wirksam

Nach Ansicht der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zeigen diese Studienergebnisse im Grunde nichts wirklich Neues. Denn zahlreiche Studien belegen, dass sich die Wirksamkeit eines Antidepressivums desto ausgeprägter von Placebo abgrenzt, je schwerer die Depression der untersuchten Patienten ist. Dies wurde nun bestätigt. Die Autoren interpretieren die Ergebnisse dahingehend, dass die signifikante Überlegenheit der Antidepressiva gegenüber Placebo nur einer abnehmenden Placebowirkung bei zunehmend schwerer Depression zuzuschreiben sei. Auch dies ist seit Langem bekannt: Placebo wirkt weniger, je schwerer die Depression ist. Die DGPPN widerspricht in einer aktuellen Stellungnahme allerdings entschieden der Interpretation, dass Antidepressiva selbst bei schweren depressiven Erkrankungen keine klinische Wirkung im Sinne eines Nutzens für die Patienten erzielten, da der Unterschied zwischen den Antidepressiva und Placebo so gering sei, dass es kaum Gründe gebe, diese Medikamente weiter zu verordnen. Allein vor dem Hintergrund der Suizidgefahr, die für viele Betroffene mit einer schweren Depression einhergeht, ist für die DGPPN die Option einer Therapie mit Antidepressiva unverzichtbar und State-of-the.Art. Es sei außerdem fraglich, so die DGPPN, ob die in Studien gemessenen mittleren Besserungsraten tatsächlich ein geeignetes Maß für die klinische Relevanz im Sinne eines Patientennutzens darstellen.

Ebenso wie die DGPPN kritisieren auch die Hersteller der betroffenen Präparate, dass in der vorliegenden Metaanalyse nur eine kleine Auswahl von Antidepressiva berücksichtigt wurde. Von diesen ausgewählten Antidepressiva gingen Daten aus nur 35 Studien in die Analyse ein. Die Autoren der Studie begründen dieses Vorgehen damit, dass sie sich auf die wenigen zur FDA-Zulassung eingereichten Studien beschränkt haben, um jede Form von Studienselektion zu vermeiden. Es liegen für die vorgestellten Antidepressiva inzwischen aber zahlreiche weitere Studien vor, die in der Metaanalyse nicht berücksichtigt wurden. Ebenso muss die Dauer der Studien berücksichtigt werden: Kirsch et al. haben Studien analysiert, in denen Patienten für die Dauer von bis zu sechs Wochen behandelt wurden. Eine Analyse über so einen kurzen Zeitraum überschätzt aber die kurzfristige stimmungsaufhellende Wirkung von Placebo. Es geht jedoch in der Therapie der Depression darum, langfristig den Neurotransmitterhaushalt zu beeinflussen.

 

Quelle

Kirsch, I.; et al.: Initial Severity and Antidepressant Benefits: A Meta-Analysis of Data Submitted to the Food and Drug Administration. PLOS Medicine Public Library of Science Medicine, Bd. 5, e45, (2008).

Wirksamkeit von Antidepressiva. Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) und der Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie (AGNP) vom 27. Februar 2008.

 

 


ck

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