DAX: Bereit zum Bungee-Jumping?

(hps). Mit einem Gewinn von 11% am vergangenen Montag markierte der DAX nicht nur den höchsten Tageszuwachs seiner 20-jährigen Geschichte. Es war auch der erste, ernsthafte Erholungsversuch des Börsenbarometers nach einem regelrechten Blutbad. Anleger können also kurzfristig aufatmen. Aber es ist Vorsicht geboten: Die Pessimisten haben sich nur zurückgezogen, aber noch nicht kapituliert.

Anleger müssen sich auf eine Berg- und Talfahrt gefasst machen

In der letzten Woche lautete für Investment- und Hedgefonds die Devise nur noch: Raus, raus, raus. Die Lage schien hoffnungslos. Vor allem die Geldmarktprobleme und die drohende Konsumverweigerungshaltung der Bürger schürten Rezessionsängste.

Dann folgte das Rettungspaket der Regierung. Der DAX wurde von einer kräftigen Kaufwelle nach oben getragen. Auch die Nachrichten von der Unternehmensfront sollten versöhnlich stimmen: Nur Gutes aus dem Hause IBM, Coca-Cola und Intel, ja sogar der Bankriese J. P. Morgan schrieb schwarze Zahlen. Doch dann kehrten letzten Mittwoch mit den schlechten US-Einzelhandeldaten die alten Rezessionsängste zurück. Die Partylaune der Börsianer war dahin. Unterdessen malte US-Notenbankchef Bernanke ein schwarzes Bild von der konjunkturellen Lage. Er befürchtet nun auch bei Amerikas wichtigsten Handelspartnern eine Wirtschaftsabschwächung. Darunter würden auch die US-Exporte leiden – und könnten die US-Wirtschaft vollends in die Rezession steuern.

Aus der Perspektive der Analysten

Unter Händlern in Frankfurt wurde bereits die neue Ziellinie von 3500 DAX-Punkten herumgereicht, da kam das Rettungspaket und mithin ein beeindruckender Run auf deutsche Standardwerte. Die zweitägige Kursexplosion verleitete einige Analysten dazu, vorzeitig die Bodenbildung beim DAX auszurufen. Der Boden sei erreicht, der Zeitpunkt zum Wiedereinstieg gekommen, so unter anderem Finanzexperte Martin Weber von der Uni Mannheim. Optimisten machen als Kursziel bis zu 6600 DAX-Punkte aus. Auch die Charttechniker sehen gute Chancen, dass die Unterstützung zwischen 4200 und 4400 DAX-Punkten weiterhin hält. Die überwiegende Mehrheit der Analysten bleibt indes in der Wartestellung. Technisch befände sich der DAX im Abwärtstrend, gelegentliche Erholungstendenzen seien mithin nur als Bärenmarktrallye zu qualifizieren. Immerhin: Selbst Pessimisten trauen dem DAX eine kurzfristige Erholung bis auf 5500 Punkte zu.

Die Goldfalle

Schulden muss man zurückzahlen. Eine simple Wahrheit, die über Jahrzehnte ignoriert wurde. Auch von den Europäern, die nun belehrend den Zeigefinger Richtung Amerika erheben, obwohl sie über all die Jahre prächtig am Konsum auf Pump der Amerikaner verdient haben. Vielleicht war es aber auch gerade das gesunde Misstrauen einiger Investoren gegenüber dieser ungezügelten Verschuldungsstrategie, welches das Gold seit der Jahrtausendwende in schier unglaubliche Höhen katapultierte. Manche Experten sehen inzwischen schon die Preise auf 2500 Dollar springen.

Gold wird als klassisches Krisenmetall gehandelt. Es soll dem Anleger im Falle von Inflation und fallenden Aktienkursen als Absicherungsinstrument dienen. Das Edelmetall bewegte sich fast immer spiegelbildlich zu den Aktienkursen. Nur seit dem Jahr 2000 trifft diese klassische Lehre nicht mehr zu. Gold lief im Einklang mit den Aktien nach oben. Gut möglich, dass diese Aufwärtsbewegung bereits auf dem Misstrauen gegen das Finanzsystem basierte. Dieser Schachzug hat sich jedenfalls als voraussehend und clever erwiesen. Wenn aber heute die Goldschalter immer noch – egal zu welchem Preis – gestürmt werden, dürfte sich das als unklug herausstellen. Die Krise ist da und die Steuerzahler dies- und jenseits des Atlantiks werden die aufgestauten Verbindlichkeiten in den kommenden Jahren abstottern. Ein gigantischer Umschuldungsprozess hat begonnen. Dies wird ohne Zweifel auf Kosten des Wirtschaftswachstums gehen, zieht aber nicht zwingend gleich eine Rezession nach sich. Das Thema Inflation dürfte zunächst von der Agenda verschwinden, Aktienkurse sind dagegen sehr günstig. Ab den 80er Jahren erlebte Gold zwei Jahrzehnte fallender Preise, während die Aktienmärkte haussierten. Die Goldspekulanten werden mittelfristig aufpassen müssen, dass sie hier nicht in eine ähnliche Falle geraten.

Aktien im Fokus

Das Limit bei Commerzbank war in diesen turbulenten Tagen bewusst sehr niedrig angesetzt. Bei einem 10%igen Aufschlag auf den Einstiegskurs errechnete sich ein Verkaufslimit von 11 Euro, das bereits im Handelsverlauf des darauf folgenden Tages erreicht wurde. Für ThyssenKrupp ergab sich ein Verkaufslimit von 18 Euro, welches ebenfalls zeitnah am Montag (13. Oktober) überschritten wurde. Angesichts der unsicheren Börsenlage lautet die Devise auch weiterhin, langfristige Engagements zunächst zu meiden, auch auf die Gefahr hin, dass man entgangenen Gewinnen nachtrauern muss. Wir haben es ja auch schon anders erlebt. Als nächstes nehmen wir Linde AG per Eröffnungskurs vom 16. Oktober auf und versehen auch diesen Einstandskurs wieder mit einem 10%igen Aufschlag als Verkaufslimit.

DAX am 15. Oktober (19.35 h Xetra): 4789 Punkte..

Aus der Sicht des Querdenkers

Der Ausverkauf ist da, nun beginnt eine Art Börsen-Bungee-Jumping. Es kam zunächst zu Eindeckungen, die den DAX schlagartig in die Höhe zogen. Man hatte bei dem Kursverfall übertrieben und die Aktien sind nun billig. Aber der Aufwärtstrend bleibt freilich kurzatmig. Viele Anleger gleichen mit Gewinnmitnahmen ihre zuvor erlittenen Verluste ein wenig aus. Andere, die nicht rechtzeitig "flüchten" konnten, nutzen jede Gelegenheit, um auszusteigen. Als Argument dient die drohende Rezession in der Wirtschaft und das Bangen um den Ausblick auf das 1. Quartal 2009. Das Erholungspotenzial beim DAX dürfte vorerst bei 5500 Punkten erschöpft sein. Viel interessanter sind aber die dann einsetzenden Gewinnmitnahmen. Wird bei neuerlichen Rückschlägen das bisherige Tief nicht mehr oder nur noch marginal unterschritten, darf man langsam von einer Bodenbildung reden. Aber selbst das bedeutet noch keine nachhaltige Trendwende. Erholungsphasen werden auf absehbare Zeit kurz ausfallen. Die Gefahr einer Rezession ist groß, deshalb sind alle konsumnahen Werte, allen voran die Automobilaktien, eher zu meiden. Allerdings kann man von der japanischen Börse lernen, dass selbst in jahrelangen Abschwungphasen Großexporteure wie Sony mit fabelhaften Kursgewinnen glänzen und den Käuferstreik brechen können. Sicher ist jedenfalls: Die Profis werden ab jetzt sehr selektiv vorgehen mit Schwerpunkt auf die Exporteure nach Asien und Russland. Wenn es so etwas wie eine "gefühlte Rezession" gibt, sind solche Aktien empfindungstaub.
Bei der ganzen Panik, wie sie sich hier darstellte, sollte man indes die Kirche im Dorf lassen. Alles schon mal da gewesen. Zum Beispiel im Börsenkrach 1987, als Zinserhöhungen einen weltweiten Kursrutsch auslösten. Wenn heute von einer dramatischen Börsenwoche mit einem Verlust von 22% im Dow Jones gesprochen wird, sollte man daran erinnern, dass der gute, alte Dow einen solchen Erdrutsch im Oktober 1987 an einem einzigen Tag absolviert hatte. Schlimm war damals, dass es an Erfahrungswerten mangelte. Der letzte, vergleichbare Niedergang lag mit der Weltwirtschaftskrise 1929 fast 60 Jahre zurück.
Es folgten der Crash 1997, verursacht durch die Finanzkrise in den Tigerstaaten und Russland, und schließlich das Platzen der Technologieblase im Frühjahr 2000. Immer schien das Vertrauen der Anleger nachhaltig erschüttert und das Finanzwesen am Ende zu sein. Und jedes Mal standen die Spekulanten wieder auf und begannen ihr Spiel von Neuem. Heute sind die Börsen sogar vergleichsweise wesentlich besser aufgestellt, weil u. a. im Fernen Osten eine Menge Geld nur auf eine geschickte Investitionsmöglichkeit lauert. Sie brauchen nur einen kurzen Blick auf die Credit Suisse zu werfen. Die Bank lehnte die Staatshilfe der Schweizer Regierung ab und nimmt das Geld – rund 7 Mrd. Euro – lieber von einem Staatsfonds aus Asien. Rund 5 Milliarden flossen von einem Staatsfonds aus Singapur an die amerikanische Citygroup und gut 4 Milliarden von Kuwait an Merrill Lynch. Allein im ersten Halbjahr 2008 flossen laut dem Institut für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) über 20 Milliarden Euro von Staatsfonds aus dem Fernen und Mittleren Osten in westliche Unternehmen. Geld – das dürfen Sie glauben – ist wirklich nicht das Problem. So dürfte sich auch das Übernahmekarussell bald wieder kräftig drehen, wenn Asiaten und Russen zu Schlussverkaufspreisen auf Einkaufstour gehen. Und noch etwas Positives zum Schluss: Die Welt könnte jetzt wieder gut und friedlich werden. Nicht wegen Präsident Bush. Sondern weil sich die Amerikaner den Sprit für die Fahrt nach Iran nicht mehr leisten können.
Peter Spermann
Peter Spermann ist Dozent für Wirtschaftslehre und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Börse. In der AZ-Rubrik "Querdenker" vertritt er konsequent den Standpunkt des Antizyklikers.

MusterdepotAktiezum KursTipp vomKurs aktuellVeränderung in %StrategieInfinion 5,446.8.6,10+ 12%Verkauft 27.8.SAP 34,4017.7.38,07+ 11%Verkauft 27.8.Lufthansa 14,159.7.15,45+ 9%Verkauft 3.9.Daimler 39,1517.7.42,05+ 7%Verkauft 3.9.Adidas 38,802.7.39,39+ 2%Verkauft 24.9.Bayer 55,446.8.54,20– 2%Verkauft 24.9.Commerzbank 9,968.10.11,00+ 10%Verkauft 9.10.ThyssenKrupp 16,308.10.18,00+ 10%Verkauft 13.10.Commerzbank 18,852.7.10,60– 43%KaufenAllianz 108,802.7.76,70– 29%HaltenTUI 14,709.7.10,06– 31%HaltenBASF 40,5517.7.26,35– 35 %HaltenThyssenKrupp33,7023.07.16,70- 50%Kaufenzum Vergleich: DAX seit 2. 7.6305,00 4789,00– 24%

0 Kommentare

Kommentar abgeben

 

Ich akzeptiere die allgemeinen Verhaltensregeln (Netiquette).

Ich möchte über Antworten auf diesen Kommentar per E-Mail benachrichtigt werden.

Sie müssen alle Felder ausfüllen und die allgemeinen Verhaltensregeln akzeptieren, um fortfahren zu können.