DAX: Die Rettung, die keine war

(hps). Die Verstaatlichung der beiden großen Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac sollte Vertrauen und Stabilität in die Märkte zurückbringen. Doch die vermeintlich gute Nachricht könnte ein Chaos an den Börsen anrichten.
Anleger holen Finanztitel aus dem Keller – und ignorieren den Rest

Der schlechte Monatsauftakt machte dem September als miesen Börsenmonat gleich alle Ehre. Letzte Woche waren es vor allem die schlechten US-Arbeitsmarktzahlen, die bei den Anlegern für ein Stimmungstief sorgten. Beunruhigend wirkte zudem eine Aussage aus dem Investmenthaus Pimco. Der Investmentchef der amerikanischen Allianz-Tochter forderte ein Eingreifen der US-Regierung, um die institutionellen Anleger vor einem "finanziellen Tsunami" zu bewahren. Dann aber sorgte die Verstaatlichung der beiden größten US-Hypothekenfinanzierer für eine Erholungsrallye, wobei der DAX wieder in seinen alten Korridor zwischen 6250 und 6500 Punkten zurückkehrte. Damit stieg die Hoffnung, dass das Börsenbarometer zumindest in eine Seitwärtsbewegung übergehen könnte. Aber die meisten Akteure sind sich durchaus bewusst, dass sich durch den staatlichen Eingriff an der Gesamtsituation nichts geändert hat. Einige Profis bezeichneten die Hauruckaktion der Regierung sogar als "völlige Bankrotterklärung des Systems". Letztlich basiert die Rallye ohnehin nur auf einer Erholung des zuletzt ausgebombten Finanzsektors.

Die Perspektive der Analysten

Nachdem der DAX letzte Woche die von den meisten Analysten favorisierte Handelsspanne von 6250 bis 6500 DAX-Punkten nach unten gerissen hatte, präsentieren sich die Experten hinsichtlich des weiteren Börsenverlaufs uneins. So erwarten die LBBW und die Commerzbank für diese Woche eine Stabilisierung beim DAX. Beide Banken gehen davon aus, dass eventuelle Gewinnkorrekturen bei den Unternehmensergebnissen bereits weitgehend eingepreist seien und die Aktienmärkte daher nicht mehr sehr weit sinken dürften. Anders dagegen die ING-Bank, die eine nachhaltige Erholung der Börse erst Mitte 2009 vermutet und im Laufe der anstehenden Berichtssaison zum dritten Quartal noch die ein oder andere herbe Überraschung auf den Markt zukommen sieht. Davon geht auch die Union-Investment aus, erwartet aber zumindest den DAX zum Jahresende höher als heute. Als Grund vermutet die Fondsgesellschaft größere Dispositionen im Vorfeld der Abgeltungssteuer. Und schließlich die Charttechnik: Die Analysten gehen davon aus, dass der DAX die 6000er Marke nicht halten wird. Sie erwarten einen Rückschlag bis auf 5800 Punkte.

Aktien im Fokus

Daimler und Lufthansa wurden wie angekündigt am 3. September zum Eröffnungskurs aus dem Depot genommen. Zwischenzeitlich wären noch höhere Gewinne zu realisieren gewesen. Es ist kein Traumergebnis, aber man kann mit 9% bzw. 7% in rund sieben Wochen leben. Die Verkaufslimits bei Allianz und Adidas sind gesetzt, die gesetzten Ziele dürften indes im gegenwärtigen Börsenumfeld so schnell nicht erreicht werden. Nun gilt es, das Rückschlagpotenzial beim DAX auszuloten und dann zuzukaufen. DAX am 9. September (16.00 h): 6284 Punkte..

Aktiezum KursTipp vomKurs aktuellVeränderung in %StrategieInfinion5,446.8.6,10+ 12%Verkauft 27.8.SAP34,4017.7.38,07+ 11%Verkauft 27.8Lufthansa14,159.7.15,45+ 9%Verkauft 3.9.Daimler39,1517.7.42,05+ 7%Verkauft 3.9.Commerzbank18,852.7.17,80– 5%HaltenAllianz108,802.7.115,70+ 6%Limit 119 EuroAdidas38,802.7.39,25+ 1%Limit 42,70TUI14,709.7.13,00– 11%HaltenBASF40,5517.7.38,22– 6%HaltenThyssenKrupp33,7023.7.28,50– 15%HaltenBayer55,446.8.53,80– 3%Haltenzum Vergleich: DAX seit 2.7.6305,00 6284,00– 1%

Aus der Sicht des Querdenkers

Die Verstaatlichung der beiden US-Hypothekenfinanzierer Fannie Mae und Freddie Mac war ein zwingender Schritt, um einen Kollaps des gesamten Wirtschaftssystems zu verhindern. Dieser drastische Staatseingriff löste dort eine euphorische Stimmung aus, wo eigentlich eher Nachdenklichkeit und Sorgen Platz greifen sollten: An den Börsen. Wenn staatliche oder private Großinvestoren mit Milliardenbeträgen Giganten wie Merrill Lynch oder Lehman Brothers bislang vor dem Zusammenbruch bewahrt haben, dann in der Annahme, dass sich die Kreditmärkte schnell wieder erholen. Doch dies erweist sich immer mehr als Irrtum und die "Big Players" werden zunehmend vorsichtiger. In diesem Lichte betrachtet stellt sich die Verstaatlichung tatsächlich als Offenbarungseid eines ganzen Systems dar. Der Erholungsversuch an den Börsen verkommt zu einer Farce. Den Optimisten geht nun ein weiterer Trumpf verloren, nachdem schon der – an sich bemerkenswerte – Rückgang bei den Öl- und Euronotierungen an der Börse keinerlei Kaufbereitschaft erzeugen konnte. So wird dem DAX demnächst der Tauchgang unter die 6000er-Marke wohl kaum erspart bleiben. Das signalisieren zumindest einige Einzelwerte, die ihr bisheriges Juni-Tief bereits unterschritten haben. Allerdings dürfte sich der DAX bei 5700 bis 5800 Punkten ausgetobt haben und diese Kursrückgänge sollten als Kaufgelegenheit verstanden werden. Die Kreditkrise wird letztlich abebben und die aktuellen Aktiennotierungen sind relativ günstig – selbst wenn man von einem größeren Gewinneinbruch bei den Unternehmensergebnissen ausgeht. Auch das Übernahmekarussell dürfte sich also bald wieder drehen – und das war schon von jeher gut für die Börse.
Peter Spermann

Peter Spermann ist Dozent für Wirtschaftslehre und beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Börse. In der AZ-Rubrik "Querdenker" vertritt er konsequent den Standpunkt des Antizyklikers.

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