Arzneimittelmissbrauch: Apotheker sind als Verbraucherschützer gefragt

Berlin (ks). Schätzungsweise bis zu 1,5 Millionen Menschen sind hierzulande medikamentenabhängig. Auch Arzneimittel ohne Suchtpotenzial werden nicht selten missbräuchlich, d. h. in schädlicher Weise, eingenommen. In der Apotheke werden solche Fälle zwar vielfach wahrgenommen – doch es besteht eine große Unsicherheit, ob und wie man Kunden hierauf ansprechen sollte. Dabei sind Apotheker und pharmazeutisches Personal gerade in diesem sensiblen Bereich als Verbraucherschützer gefragt. Hilfestellung bei der Früherkennung und Differenzierung zwischen schädlichem Arzneimittelgebrauch und Arzneimittelmissbrauch soll ihnen nun ein neuer Leitfaden geben. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD), begrüßt das Engagement der Apotheker.
Leitfaden der BAK soll Apothekern helfen, Problemfälle zu erkennen

Anlässlich eines Symposiums der ABDA zu Arzneimittelmissbrauch und -abhängigkeit am 18. Juni in Berlin wurde der neue Leitfaden der Bundesapothekerkammer (BAK) vorgestellt. In der 40-seitigen Broschüre finden sich vor allem Informationen über die wichtigsten Gruppen von Arzneimitteln mit bekanntem und relevantem Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial. Darüber hinaus wird auf die bestehenden gesetzlichen Bestimmungen und berufsrechtlichen Pflichten der Apotheker eingegangen, die im Hinblick auf die Abhängigkeitsproblematik zu beachten sind. Nicht zuletzt sind eine Reihe von Anlaufstellen für Betroffene sowie weiterführende Informationsquellen aufgeführt. BAK-Präsidentin Magdalene Linz betonte, dass es Ziel der Apotheker sei, in der Fläche ein ausreichendes Bewusstsein für die Problematik des Arzneimittelmissbrauchs zu erzeugen. "Mit erhobenem Zeigefinger und Belehrungen erreicht man das nicht". Nötig sei vielmehr, die Menschen zu sensibilisieren und Betroffenen das Angebot zu machen, helfend beiseite zu stehen. Besonders wichtig sei, dass Apotheker und Ärzte eng zusammenarbeiten, betonte Linz. Denn viele der süchtig machenden Arzneimittel sind verschreibungspflichtig – mit 1 bis 1,2 Millionen Abhängigen stehen Benzodiazepine ganz oben auf der Liste – und häufig könne nur der Apotheker erkennen, dass sich ein Patient von verschiedenen Ärzten das gleiche Arzneimittel verordnen lässt.

Bätzing zeigte sich erfreut, dass die Apotheker bereit sind, das Thema Arzneimittelabhängigkeit und -missbrauch in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Drogenbeauftragte hatte schon Anfang des Jahres deutlich gemacht, dass Apotheker und Ärzte eine Schlüsselposition einnehmen, wenn es darum geht, die bestehende Problematik in den Griff zu bekommen (siehe DAZ Nr. 7, 2008, S, 34). Nachdem die Bundesärztekammer bereits im April letzten Jahres einen Leitfaden für Ärzte veröffentlicht hatte, wünschte sich Bätzing einen solchen auch von den Apothekern – nun ist er da, und aus Sicht der Drogenbeauftragten ist er "hervorragend gelungen". Nun müsse er allerdings noch bundesweit erfolgreich implementiert werden; aber auch in dieser Hinsicht ist Bätzing zuversichtlich. Sie verwies zudem auf das Gefährdungspotenzial rezeptfrei erhältlicher Arzneimittel. Obwohl die Selbstmedikation "zunächst das Gesundheitssystem zu entlasten scheint, spart sie häufig nicht wirklich Kosten", so die Drogenbeauftragte. Hier nähmen Apotheker eine wichtige Beratungsfunktion ein. Bätzing betonte ebenfalls, dass im Bereich der verschreibungspflichtigen Arzneimittel eine enge Kooperation zwischen Apothekern und Ärzten notwendig ist. Ausdrücklich lobte sie die laufende Zusammenarbeit zwischen der Ärzte- und der Apothekerkammer in Baden-Württemberg – insbesondere das Modellprojekt von Dr. Ernst Pallenbach, der mit ärztlicher Unterstützung benzodiazepinabhängige Patienten beim ambulanten Entzug begleitet.

Die Drogenbeauftragte machte überdies deutlich, dass die traditionelle Apotheke vor Ort der beste Platz ist, um den Leitfaden und derartige Modelle mit Leben zu erfüllen – sie könne "durch keinen Online-Handel ersetzt werden". Aus suchtpräventiver Perspektive sei der Internethandel mit Arzneimitteln gar ein "großes Risiko", da sich hier bereits abhängige Patienten ohne eine angemessene Kontrolle und Beratung online Medikamente bestellen könnten. "Dadurch besteht die Gefahr, dass die Zahl der Medikamentenabhängigen weiter zunehmen wird und bereits Abhängige nicht adäquat beraten werden", betonte Bätzing..

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