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Mehr Einsatz für die Selbstmedikation

Gleich drei in den letzten Tagen veröffentliche Umfrageergebnisse zeigen, dass sich die Gesundheitsversorgung in Deutschland sehen lassen kann und dass der deutschen Bevölkerung ihre Gesundheit sehr am Herzen liegt. In einem im Auftrag der Bundesregierung erstellten Bericht (www.basys.de), der Europas Gesundheitssysteme vergleicht, nimmt Deutschland hinsichtlich der ärztlichen Versorgung und der zur Verfügung stehenden Akutbetten eine Spitzenposition ein. Bei den Gesundheitsausgaben, die hierzulande pro Kopf bei 2608 Euro liegen, steht Deutschland auf Platz vier. Einen Platz im Mittelfeld der 25 untersuchten europäischen Gesundheitssysteme nimmt Deutschland bei der Lebenserwartung (Männer 76,2 Jahre, Frauen 82,1 Jahre) und der Säuglingssterblichkeit (4,1 pro 1000 Lebendgeborene) ein. Das sind schon mal nicht die schlechtesten Voraussetzungen.

Eine weitere aktuelle Studie, die TGI-Marktstudie, zeigt in eine ähnliche Richtung, offenbart aber auch, dass das Gesundheitsbewusstsein der Deutschen noch nicht wach genug ist. Laut diesen Umfrageergebnissen aus 60 Ländern geben lediglich 62 Prozent der Deutschen an, bewusst auf ihre Gesundheit zu achten. Arztbesuche für Vorsorgeuntersuchungen machen immerhin rund 45 Prozent der Deutschen. Und 27 Prozent der Verbraucher in Deutschland greifen beispielsweise zu Vitaminpräparaten und Nahrungsergänzungsmitteln. Allerdings versuchen bei uns nur 40 Prozent, kleinere Beschwerden mit Arzneimitteln zu bekämpfen, die Mehrzahl wartet lieber, bis die Gesundheitsstörungen von selbst abklingen. Eine weitere interessante Zahl aus dieser Studie: 39 Prozent der Deutschen vertrauen heute eher homöopathischen Mitteln.

Und schließlich die aktuelle Studie der GfK-Verbraucherzentrale, die vor allem das Verhalten der europäischen Bürger bei Erkältungen untersuchte. Fast die Hälfte der Deutschen greift zu rezeptfreien Arzneimitteln aus der Apotheke, um eine Erkältung zu bekämpfen – im Gegensatz zu Briten oder den Niederländern, die lieber erst mal abwarten und nichts unternehmen. Deutliche Aussage dieser Studie: Im europäischen Vergleich sind die Deutschen, wenn sie erkältet sind, Spitzenreiter beim Kauf von nicht verschreibungspflichtigen Arzneimitteln in der Apotheke.

Solche Ergebnisse sollten eine Herausforderung für uns alle sein, die Selbstmedikation ernst zu nehmen, sehr ernst sogar. Denn sie ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Standbein der Apotheke geworden. Je nach Lage der Apotheke trägt die Selbstmedikation mit einer Größe zum Umsatz bei, die nicht zu vernachlässigen ist und auf die die Apotheke nicht verzichten kann. Immerhin betrug der Preis eines Selbstmedikationspräparats im vergangenen Jahr durchschnittlich 7,62 Euro. Im Einkauf können noch Rabattvorteile erwirtschaftet werden, im Verkauf kann durch eine gewisse Preisflexibilität auf Angebot und Nachfrage reagiert werden.

Dass wir die Selbstmedikation pflegen sollten, zeigen Bestrebungen von Drogeriemärkten und Versendern von Gesundheitsmitteln, die nur allzu gerne in diesem 8-Milliarden-Markt der apothekenpflichtigen OTC-Präparate Fuß fassen würden, wenn sie denn dürften. Im freiverkäuflichen Bereich wird derweil schon kräftig geübt. Der Drogistenverband Esüdro beispielsweise glaubt, eine Lücke zwischen Apotheke und Drogeriemarkt erkannt zu haben, die er mit seiner neu gegründeten Handelskette "naturathek" schließen möchte. Verkauft werden soll das Sortiment der pflanzlichen Arzneimittel, der Vitaminpräparate und Nahrungsergänzungsmittel bis hin zu hochwertigen Gesichts- und Körperpflegeprodukten, darunter zahlreiche Eigenmarken.

Wir sollten also wachsam sein und der Öffentlichkeit durch eine Top-Beratung, durch Informationen und Hinweise deutlich zeigen, dass auch OTC-Arzneimittel sinnvolle Arzneimittel sind, die am besten in der Apotheke aufgehoben sind, die einer fachmännischen Beratung bedürfen. Das Beispiel des vor Kurzem aus dem Handel genommenen Hustenblockers ist ein Beispiel dafür, dass selbst bei vermeintlich sicheren Präparaten und jahrzehntelangem Gebrauch Nebenwirkungen auftreten können, die sofortiges Handeln erfordern. Gut, dass es die Apothekenpflicht gibt.

Ein verstärktes Engagement bei der Beratung in Sachen Selbstmedikation und OTC-Arzneimittel könnte auch dazu beitragen, dass die Bevölkerung diesen Arzneimitteln wieder mehr Wert und Nutzen beimisst. Denn die Herausnahme aus der Erstattungsfähigkeit erschütterte den Glauben der Bevölkerung an den therapeutischen Nutzen dieser Präparate (siehe hierzu auch unseren Beitrag zur Nutzenbewertung von Selbstmedikationspräparaten auf Seite 58).

Also: Nehmen Sie den Selbstmedikationsmarkt ernst, bauen Sie ihn aus, beraten Sie und tragen Sie dazu bei, dass diese Arzneimittel nicht wie Konsumgüter verramscht werden. Selbstmedikationsarzneimittel gehören in die Apotheke.

Peter Ditzel

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