Medizin

Was ist eigentlich ...das Couvade-Syndrom?

Bisher galt: "Ein bisschen schwanger" gibt es nicht. Doch nach dem Lesen dieses Artikels werden Sie dem Autor zustimmen, dass ein "bisschen" Schwangerschaft doch möglich ist. Die Medizin hat sogar eine Bezeichnung dafür gefunden: Couvade-Syndrom wird das psychologische Zustandsbild genannt, welches bei Männern mit schwangeren Frauen auftritt.

Wenn Männer schwanger werden

Mancher Ehemann leidet während der Schwangerschaft seiner Partnerin unter ähnlichen Symptomen wie diese. Übelkeit, Schmerzen, Verdauungsstörungen, Gewichtszunahme und seltsame Essgelüste sind ähnliche Symptome wie bei der Schwangeren. Der Name für diese eigentlich harmlose Krankheit ist Couvade-Syndrom.

Der Begriff "Couvade" leitet sich vom französischen Wort couver ab, was soviel wie brüten bedeutet.

Manche Männer gehen sogar noch einen Schritt weiter. In vielen Ländern werden die Symptome und Gefühlsveränderungen einer Schwangerschaft rituell ausgelebt. In den als "Couvade-Ritualen" bezeichneten Handlungen ahmt der werdende Vater die Geburtswehen der Frau nach. Oder er zieht sich die Kleider seiner Frau an und liegt gegen Ende der Schwangerschaft nur noch im Bett. Berichtet wird auch von einer Nachahmung der Menstruation. Männer fügen sich selbst blutende Schnittwunden zu. Zudem werden magische Rituale zum Wohle des Kindes vollzogen. Eine Erklärung für dieses Verhalten ist, dass in vielen Kulturen nach Volksaberglauben die Schwangere in besonderem Maß negativen Einflüssen böser Geister ausgesetzt ist. Deshalb ist es die Aufgabe des Mannes, diese Geister durch seine vorgetäuschte Schwangerschaft oder Geburt von der Frau abzulenken.

Solidarische Gewichtszunahme

Im Gegensatz zum Couvade-Ritual handelt es sich beim Couvade-Syndrom nicht um eine Vortäuschung bestimmter Symptome, sondern um eine ungeplante, unbewusste Symptombildung. Den betroffenen Männern ist meistens der Zusammenhang mit der Schwangerschaft der Partnerin nicht bewusst.

Nicht unüblich ist die "solidarische" Gewichtszunahme der Männer. Das ergab eine Bremer Untersuchung. 150 werdende Eltern wurden zu Beginn und am Ende eines Geburtsvorbereitungskurses gewogen. Frauen nahmen während der neun Monate der Schwangerschaft durchschnittlich zehn bis 15 Kilo zu, bei den Männern waren es immerhin noch rund vier Kilo. Das zusätzliche Gewicht ist nicht das einzige Symptom; rund jeder dritte werdende Vater zeigt auch körperliche Symptome. Häufig sind Stressattacken, Bauchschmerzen, Panikgefühle, Zahnschmerzen, Übelkeit, Kopfschmerzen und Probleme mit dem Stuhlgang zu finden.

Hormonveränderungen nachzuweisen

Während diese Beschwerden vor einigen Jahren wenig beachtet und als Zufall abgetan wurden, meinen die Forscher heutzutage das Phänomen des schwangeren Mannes annähernd erklären zu können. Im Rahmen der Untersuchungen wurden hormonelle Veränderungen im Blut der Männer nachgewiesen. Je näher sich die Männer bei der Schwangeren aufhielten, umso deutlicher ließen sich die Veränderungen des Hormonspiegels nachweisen. Als Erklärung mussten die weiblichen Sexualduftstoffe, die Pheromone, herhalten. Diese sorgen dafür, dass etwa der Prolaktin- und Cortisolspiegel auch bei den werdenden Vätern ansteigt. Wie (fast) nicht anders zu erwarten, zeigten sich besonders kräftige Auffälligkeiten bei Männern, die erstmalig das Vaterglück erfahren durften oder die sich in schwierigen sozialen Situationen befanden. Auch bei einer als stressig empfundenen Beziehung waren die Veränderungen überdurchschnittlich. Diese Hormonveränderungen bewirken neben den körperlichen Symptomen aber auch einen positiven Effekt. Männer mit diesen Hormonschwankungen bauen leichter eine intensive Beziehung zu ihrem Kind auf. Die logische Folgerung hieraus ist klar – Frauen haben durchaus ein Interesse daran, dass Männer während der Schwangerschaft viel Zeit in ihrer Nähe verbringen (müssen).

Dass dieses Syndrom nicht nur auf Deutschland beschränkt ist, zeigt die Untersuchung britischer Wissenschaftler. 282 Männer wurden während der Zeit der Schwangerschaft ihrer Frau beobachtet. Erstaunlicherweise war die Mehrzahl der Männer betroffen, bei elf Männern waren die Symptome so stark, dass ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden musste.

Ängste und Gebärneid

Die britischen Psychiater sind der Meinung, dass die Betroffenen viel mit aggressiven Gefühlen und unbewussten Ängsten zu tun haben, was Ausdruck einer konfliktreichen Anpassung an die Schwangerschaft und die künftige Vaterrolle ist. Sie sind weiterhin der Meinung, dass die Väter das Kind als Rivalen ansehen und dies mit ihrem Leiden zum Ausdruck bringen aus Angst, ihre Partnerin an das Kind zu verlieren. Das ist aber noch nicht alles. Die britischen Forscher gehen noch weiter und bescheinigen einigen Männern sogar eine Art "Gebärneid". Der werdende Papa ist in seinem Narzissmus gekränkt, weil er nicht in der Lage ist, ein Kind auf die Welt zu bringen. Die Gelehrten sind sich noch uneinig, warum viele werdende Väter an diesen unspezifischen physischen und psychischen Symptomen leiden. Dass so wenig darüber bekannt ist, liegt in der Natur des Mannes – die wenigsten Männer suchen wegen diesen Symptomen einen Arzt auf.

Wie kann den "schwangeren" Männern geholfen werden? Oftmals reicht die Erklärung aus, dass die bemerkten Symptome Begleiterscheinungen der emotionalen Beteiligung an Schwangerschaft und Geburt sind. Sollte diese Erklärung nicht weiterhelfen, können therapeutische Gespräche angesetzt werden, in denen vor allem aktuelle Ängste und Konflikte besprochen werden. Eine tief greifende Psychotherapie ist meistens nicht erforderlich.

Quelle

Mayer C;Kapfhammer, HP: Couvade-Syndrom, ein psychogenes Beschwerdebild am Übergang zur Vaterschaft. Fortschritte der Neurologie, Psychiatrie 1993 61, 354-360.

Meißner T: Wenn auch Männer schwanger gehen. www.aerztezeitung.de/docs/2007/09/17/160a1001.asp?cat=

Hans-Jürgen Möller HJ:Psychiatrie und Psychotherapie (Duale Reihe). Thieme-Verlag, Stuttgart 2005.

Machleidt W: Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.Thieme-Verlag, Stuttgart 2004.

Dr. Ingo Blank, Gärtringen

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