Kongress

Atemwegserkrankungen alternativ behandeln

Die "chemische Keule" wird bei banalen Erkrankungen zu oft zu unkritisch angewendet. Antibiotika richten gegen die häufigsten primären Krankheitserreger, die Viren, nichts aus und schwächen das Darm-assoziierte Immunsystem; zudem fördert ihr exzessiver Einsatz die Entstehung und Ausbreitung von resistenten Bakterien. Phytotherapie, Homöopathie, Komplexhomöopathie und TCM bieten alternative Behandlungsweisen an oder wollen zumindest durch ein "add-on" die unerwünschten Wirkungen der Therapie mit Synthetika mildern. In den 6. Bregenzer Grenzgesprächen am 30. Juni und 1. Juli 2007 beleuchteten Ärzte und Apotheker das weite Feld der Atemwegserkrankungen aus verschiedenen Blickwinkeln der Naturheilkunde.

Der Mensch könnte nicht leben, ohne im stofflichen Austausch mit seiner Umwelt zu stehen, aber aus diesen ständigen Interaktionen drohen ihm auch Gefahren. Im Vergleich mit der äußeren Körperoberfläche, der Haut, besitzen der Gastrointestinaltrakt und die Atemwege eine viel größere Oberfläche von etwa 300 m2 bzw. 100 m2 und sind daher in stärkerem Maße den Reizen und Angriffen durch Fremdstoffe und Mikroben ausgesetzt. Infekte sind daher unvermeidlich. Wie der Pädiater Dr. Armin Winder aus Bregenz ausführte, haben sie auch ihren Sinn, denn sie trainieren das Immunsystem. Bei jeder Infektion frischt das Immunsystem sein Wissen auf, lernt etwas Neues hinzu und wird besser.

Viren spielen als Auslöser von Infektionskrankheiten der Atemwege quantitativ die wichtigste Rolle, während Bakterien meistens erst bei einer bereits geschwächten Abwehr zum Zuge kommen und dann eine Superinfektion auslösen können, die ernster ist als der Primärinfekt ist. So sind Bakterien für über 80% der potenziell lebensbedrohlichen Pneumonien verantwortlich.

Der häufigste virale Infekt der oberen Atemwege ist der Schnupfen. Von der Nase können sich die Krankheitserreger sich in die Nebenhöhlen, zum Mittelohr (über die eustachische Röhre) oder in den Rachen ausdehnen; hier droht dann der Etagenwechsel von den oberen zu den mittleren Atemwegen, das Eindringen in den Kehlkopf, in die Luftröhre und die Bronchien. Bei einer Lungenentzündung sind auch die unteren Atemwege, die Alveolen, infiziert.

Während ein Erwachsener durchschnittlich zwei- bis dreimal im Jahr an einer akuten Bronchitis erkrankt, erkälten Kinder sich sehr viel häufiger. Ein viraler Infekt dauert zehn bis 14 Tage. Der naturheilkundlich orientierte Arzt behandelt ihn mit symptomlindernden Mitteln, die die Sekretion und das Flimmerepithel der Atemwege stimulieren.

Obwohl Winder die bakteriellen Atemwegserkrankungen keineswegs verharmlost, lehnt er die von vielen Ärzten praktizierte prophylaktische Gabe von Antibiotika ab. Diese Praxis ist seiner Meinung nach eher sozial als medizinisch motiviert, denn in einer Kleinfamilie, deren Eltern beide berufstätig sind, "stören" kranke Kinder. Wenn die Infekte allerdings immer unterdrückt werden, bleibt die körpereigenen Abwehrkraft gering.

Pollen und Feinstaub

Etwa 10 bis 20% der Bevölkerung Mitteleuropas leiden an Heuschnupfen oder Allergischem Asthma. Die Allergien nehmen in den Industrieländern wahrscheinlich deshalb zu, weil bei fehlenden bakteriellen Infektionen in den ersten Lebensmonaten eine TH2-Gewichtung des Immunsystems erfolgt (Hygienehypothese). Während früher – neben Tierhaaren und Milbenkot – fast ausschließlich Blütenpollen als Allergene fungierten, spielt derzeit der vom motorisierten Straßenverkehr erzeugte Feinstaub vermutlich eine ebenso große Rolle.

Hausmittel – was die Großmutter noch wusste

Aufgrund der Medikalisierung spielen Hausmittel keine große Rolle mehr in der Therapie. Das Wissen, das früher in den Großfamilien von Generation zu Generation weitergegeben wurde und in dickleibigen Gesundheitsbüchern, die wie die Familienbibel gehütet wurden, geschrieben stand, ist meistenfalls verloren gegangen. Die Apotheke hat von dieser Entwicklung profitiert, doch manches Hausmittel ist auch heute noch empfehlenswert – gerade im Rahmen einer umfassenden pharmazeutischen Betreuung des Patienten und im Sinne der Stärkung seiner Selbstverantwortung ("Patientenautonomie"). Kritisch ist hingegen die Tätigkeit von selbst ernannten Heiler zu sehen, die die Mittel der Volksheilkunde oft nicht adäquat anwenden, weil sie bestimmte Krankheiten teils banalisieren, teils dramatisieren. Margit Schlenk, Leiterin einer öffentlichen Apotheke in Nürnberg, referierte über einige Hausmittel, die heute noch (oder wieder) bekannt sind.

Ansteigendes heißes Fußbad und Wickeln

Bei den ersten Anzeichen einer drohenden Erkältung empfiehlt sich ein 15- bis 20-minütiges Fußbad, wobei man die Temperatur durch fortwährende Zugabe von etwa 65 °C heißem Wasser von 37 auf 40 bis 45 °C ansteigen lässt. Die Wirkung kann man durch die Zugabe von Kochsalz, Thymianöl, Eucalyptusöl oder Senfmehl steigern. Nach dem Bad ist Bettruhe angesagt. Die Wirkung beruht auf einer Erweiterung der Gefäße; so werden die Schleimhäute der oberen Atemwege besser durchblutet und schwellen zugleich ab; immunologische Reaktionen werden besser wirksam, und der Counter-irritant-Effekt lindert die Scmerzen (s. Kasten). Gegenanzeigen, die sich aus der verstärkten Durchblutung ergeben, sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krampfadern. Auch schwangere und menstruierende Frauen sollen auf heiße (Fuß-) Bäder verzichten (auch in den Tagen vor den "Tagen").

Heiße Brustwickeln können bei Bronchitis helfen, doch sind sie riskant, wenn der Patient sehr hohes Fieber hat. Kartoffelbreiwickeln halten die Wärme sehr lange; auf diesem physikalischen Effekt, nicht auf irgendwelchen Inhaltsstoffen beruht ihre Wirksamkeit. Um das Fieber zu senken, können kalt-feuchte Wickeln gegeben werden, wobei "kalt" relativ zur Körpertemperatur ist und deutlich über 30 °C liegt. Kinder sollte man nicht mit kalten Wickeln behandeln.

Säfte, Tees, Bonbons

Heiße Zitrone und warmer Holundersaft sind altbewährte Hausmittel bei banalen Erkältungskrankheiten. Fiebertees, die typischerweise Lindenblüten oder Holunderblüten enthalten, sollte der Patient abends trinken, weil dann die Körpertemperatur höher ist als zu anderen Tageszeiten und mit einem stärkeren Effekt zu rechnen ist.

Spitzwegerichbonbons – eventuell aus eigener Herstellung – wirken nicht wie der Spitzwegerich-Fluidextrakt durch das Iridoid Aucubin, denn dieses kann nicht aus seinem Glykosid freigesetzt werden, weil das dafür zuständige Enzym durch die Erhitzung zerstört worden ist. Doch das Lutschen von Bonbons hat per se einen antitussiven Effekt.

Zwiebel- und Rettichsaft, Fichtensprossensirup und Hühnersuppe

Frisch gepresster Zwiebelsaft ist ein altbewährtes Heilmittel gegen Husten, Bronchitis und Asthma, dessen Wirksamkeit plausibel ist: Verschiedene schwefelhaltige Inhaltsstoffe wirken antiasthmatisch, antibakteriell und auch antiphlogistisch, indem sie die Cyclooxygenase und die 5-Lipoxygenase hemmen. Die empfohlene Tagesdosis liegt allerdings bei 50 g Zwiebeln, was etwas praxisfern erscheint.

Die TV-Ärztin Antje-Katrin Kühnemann empfiehlt einen Rettich-Hustensaft nach folgender Rezeptur: Der Rettich wird oben etwas ausgehöhlt und mit Zucker befüllt; darauf bildet sich der Hustensaft von allein. Die antimikrobielle Wirkung beruht auf den Glucosinolaten, die die Caffeoyl-O-methyltransferase (COMT) aktivieren.

Abzulehnen ist der Fichtensprossensirup, weil er keine wirksamen Inhaltsstoffe in ausreichender Konzentration enthält und den Organismus durch den hohen Kaloriengehalt belastet.

Ein altes Hausmittel, das seine Wirksamkeit in der Praxis immer wieder unter Beweis stellt, ist die heiße Hühnersuppe. Da der jüdische Arzt Maimonides (12. Jh.) sie als erster empfohlen haben soll, wird sie in Amerika scherzhaft als "jüdisches Penicillin" bezeichnet. Der heiße Dampf, der die Nasensekretion aktiviert, dürfte das eigentliche Wirkprinzip der Suppe sein. Vermutlich ist auch ein psychischer Effekt im Spiel, weil die von der Hausfrau gekochte Hühnersuppe wie kaum eine andere Speise dem Patienten das Gefühl gibt, liebevoll umsorgt zu sein.

Phytopharmaka – ein Arsenal an Arzneimitteln

Die Erkältungskrankheiten sind eine Domäne der Phytotherapie. Traditionelle Mittel stehen neben rationalen Präparaten, die für sich einen bestimmten Wirkungsmechanismus beanspruchen, insbesondere in den Bereichen Immunstimulation, Entzündungshemmung, Sekretolyse und Spasmolyse. Einen Einblick in das vielfältige und reichhaltige Angebot gab Prof. Dr. Wolfgang Kubelka von der Universität Wien.

Ein Phytotherapeutikum, das aus einem Hausmittel entwickelt worden ist, ist Sinupret. Es enthält außer Enzianwurzel, Holunder- und Schlüsselblumenblüten auch Sauerampferkraut, das in der rationalen Phytotherapie nicht als Arzneidroge gilt. Im Zusammenspiel mit den drei anderen Drogen scheint es jedoch einen Beitrag zur Wirksamkeit des Präparates zu leisten, die in klinischen Studien belegt ist.

Echinacea – umstrittenes Immunstimulans

Vor zwei Jahren machte die Schlagzeile "Echinacea wirkungslos" die Runde. Vorausgegangen war die Publikation einer großen (n = 437) placebokontrollierten Doppelblindstudie im New England Journal of Medicine, der zufolge eine vorbeugende Behandlung mit Echinacea keinen Effekt gegenüber der nachfolgenden Infektion mit Rhinoviren hatte. Allerdings fanden die Kritiker zahlreiche Schwachstellen in der Studie. So wurde als Prüfpräparat eine Zubereitung aus der Wurzel von Echinacea angustifolia verwendet, die in der Monographie der Kommission E nicht zur Therapie empfohlen wird. Drogen der in Mitteleuropa üblichen Echinacea-Präparate sind hingegen die Wurzel von E. pallida und das Kraut von E. purpurea

Bei Schnupfen inhalieren? Ja, aber …

Die Inhalation von Dekokten aus Kamillenblüten, Thymian, Salbei oder Eibisch, von Latschenkiefernöl, Eucalyptusöl, Minzöl und Kochsalz bei banalen Infekten ist überwiegend positiv zu bewerten, sofern typische Anwendungsfehler vermieden werden:

  • Die Flüssigkeit darf nicht zu heiß sein, keinesfalls über 50 °C; ein Dekokt ist vor der Anwendung abzukühlen.
  • Sie soll auch nicht zu hoch konzentriert sein; einige Wirkstoffe steigern schon in Mengen, die man nicht riechen kann, die Bewegung des Flimmerepithels.

Die weit verbreitete Ansicht, dass Kamille die Schleimhaut austrocknet, ist nicht wissenschaftlich nachgewiesen. Allergische Symptome, die bei der Anwendung von Kamille beobachtet worden waren, erwiesen sich als Folge von Verfälschungen der Droge mit der südamerikanischen Hundskamille (Anthemis cotula) oder mit Römischer Kamille (Chamaemelum nobile).

Bei Säuglingen und Kleinkindern sollten ätherische Öle gar nicht oder nur mit Vorsicht angewendet werden. Bei Säuglingen droht der Kratschmer-Reflex (Glottiskrampf), und für Kleinkinder ist es besser, das Öl lokal auf dem Rücken aufzutragen.

Mittel gegen Husten und Bronchitis

Polysaccharide (Schleim) lindern, oral eingenommen, den Hustenreiz, doch der betreffende Wirkmechanismus ist noch unbekannt. Die typischen Schleimdrogen Isländisch Moos und Eibisch sollen kalt ausgezogen werden, weil heißes Wasser die Polysaccharide "verkleistert" und wirkungslos macht.

Auch ein Presssaft aus Huflattichblättern lindert Husten und Heiserkeit. Die Droge war zeitweise wegen ihres Gehalts an Pyrrolizidinalkaloiden (PA) in Verruf geraten, doch wird mittlerweile die PA-freie Sorte ’Wien’ angebaut; zudem gelten in Deutschland strenge Grenzwerte für den PA-Gehalt.

Die expektorierende Wirkung von Efeublattextrakten ist in mehreren Studien belegt, ebenso die Wirkmechanismen. Das Triterpensaponinglykosid α-Hederin greift an β2 -Rezeptoren an und bewirkt in der Lunge die Exozytose von Surfactant, die Spasmolyse der Bronchialmuskulatur und eine Erweiterung der Bronchien.

Umckaloabo (ethanolischer Extrakt aus der Wurzel von Pelargonium sidoides) steigert die Bewegung des Flimmerepithels um etwa 30%. Darüber hinaus induziert es die Ausschüttung von Interferonen und wirkt deshalb auch antiviral.

Bewährte homöo-pathische Mittel

Die Domäne der Homöopathie ist die gründliche Diagnose der Patienten. Bei leichteren Erkrankungen ist jedoch nach Ansicht des homöopathischen Arztes Dr. Markus Wiesenauer eine treffsichere Auswahl des geeigneten Mittels auch durch kurzes, aber genaues Beobachten und eventuell einige gezielte Fragen möglich. Nach dem Motto "simplify Hahnemann" stellte er die homöopathischen "top-ten" bei Atemwegserkrankungen zusammen.

Der Weg zur Auswahl des homöopathischen Mittels führt über die Leitsymptome des Patienten. Diese sind gerade bei Atemwegserkrankungen oft so offensichtlich, dass der Apotheker oder die PTA sie beim persönlichen Gegenüberstehen am HV-Tisch erkennen kann.

Alle folgenden Mittel empfiehlt Wiesenauer, sofern nicht anders angegeben, in der Potenz D6. Die Dosis von jeweils fünf Globuli gibt man bei akuten Infekten nach folgendem Schema:

  • am ersten Tag jede Stunde,
  • am zweiten Tag alle zwei Stunden,
  • ab dem dritten Tag dreimal täglich.

Die homöopathischen "top-ten"

  • Die Küchenzwiebel Allium cepa, die zu Tränen reizt, ist indiziert bei dem für das Anfangsstadium einer viralen Rhinitis typische Leitsymptom: wässriger Nasenschleim, tränende Augen. Rechtzeitig gegeben, kann das Mittel die Progredienz der Rhinitis zur Bronchitis verhindern.
  • Eine "fließende" Nase mit einer noch stärkeren Beteiligung der Augen (Juckreiz) deutet auf einen Heuschnupfen hin. Hier ist Galphimia glauca, das "homöopathische Antiallergikum", das Mittel der Wahl.
  • Wenn die Nase stark verschleimt und "zu" ist und die Entzündung sich von dort wahrscheinlich schon auf die Nebenhöhlen ausgedehnt hat, empfiehlt Wiesenauer Luffa operculata; dabei ist nur die Potenz D6 anzuwenden, denn die D12 ist ein Antiallergikum (ähnlich Galphimia), insbesondere bei Tierhaarallergien.
  • Sambucus nigra D3 ist das Mittel für Patienten mit verstopfter Nase und Augenbindehautentzündung; das Mittel regt die Sekretolyse an, sodass der Patient wieder durch die Nase atmen kann. Dies beugt einer bei verstopfter Nase stets drohenden Mittelohrentzündung vor.
  • Wenn bereits eine Otitis media mit einem Tubenkatarrh (Paukenerguss) der Eustachischen Röhre vorliegt, empfiehlt Wiesenauer Apis mellifica; es wirkt seiner Meinung nach so gut, dass es das von vielen Ärzten praktizierte Einlegen eines Paukenröhrchens in das Ohr überflüssig macht.
  • Bei Halsschmerzen und Schluckbeschwerden, wie sie bei einer viralen Tonsillitis auftreten, gibt der homöopathische Arzt Phytolacca americana; dieses Mittel hat sich übrigens auch bei Mumps und Pfeifferschem Drüsenfieber bewährt.
  • Wenn auch der Kehlkopf des Patienten entzündet ist, was sich in Heiserkeit und Reizhusten äußert, kann ihm mit Spongia geholfen werden.
  • Bei hartem, unproduktivem Husten mit stechendem Kopfschmerz ist Bryonia, das klassische Schmerzmittel der Homöopathie (übrigens auch bei Prellungen), indiziert.
  • Bei fortgeschrittener Entzündung der Atemwege mit starker Verschleimung und eitriger Schleimhaut bewirkt Ipecacuanha eine Sekretolyse – es ist gleichsam die Steigerung von Sambucus D3.

Homöopathika als add-on und als Probiotikum

Aus Sicht von Wiesenauer ist nicht die Homöopathie, sondern die konventionelle Medizin – er vermied den Begriff Schulmedizin – komplementär. Falls jedoch Patienten mit einer Erkältungskrankheit konventionell behandelt werden und synthetische Arzneimittel einnehmen, kann die Brechnuss Nux vomica in der Potenz D6 als "add-on" zum Einsatz kommen (Dosierung dreimal täglich fünf Globuli). Sie kann unerwünschte Wirkungen der Synthetika abschwächen oder auch deren Wirkung verstärken, sodass der Patient die Dosis reduzieren kann. Weiterhin empfahl Wiesenauer das Entgiftungsmittel Okoubaka D3 oder D6 zur Regeneration des Darm-assoziierten Immunsystems nach der Einnahme von Antibiotika. Er nannte es das "homöopathische Probiontikum" (Probiotikum).

Die Homöopathie eignet sich laut Wiesenauer durchaus auch zur Behandlung von Kindern. Warnhinweise auf den Beipackzetteln von homöopathischen Arzneimitteln bezüglich ihrer Anwendung bei Kindern unter zwölf Jahren, Schwangeren und Stillenden sind seiner Meinung nach nur bürokratisch, nicht aber medizinisch bedingt. Der Apotheker solle sich von solchen Beipackzettel nicht "irritieren" lassen und auch den Patienten über die Hintergründe aufklären.

Homotoxine und Homotoxikologie

In der Homotoxikologie, einer von dem homöopathischen Arzt und Arzneimittelhersteller Hans-Heinrich Reckeweg (1905–1985) entwickelten Krankheitslehre, spielen die Homotoxine, die den Menschen von außen schädigenden Stoffe und Einwirkungen, die wesentliche Rolle. Dr. med. Klaus Küstermann, Baden-Baden, legte dar, welche homöopathischen Kombinationspräparate oder Komplexmittel dazu beitragen, die Homotoxine zu zerstören oder aus dem Körper auszuleiten.

Es werden vier Gruppen von Homotoxinen unterschieden:

  • biologische wie Bakterien und Viren,
  • chemische wie organische Lösungsmittel, Staub, Ozon,
  • physikalische wie klimatische Phänomene, künstliches Licht, Lärm, Elektrosmog,
  • psychische wie Unterdrückung der persönlichen Freiheit.

Der Körper setzt sich gegenüber den Homotoxinen erfolgreich zur Wehr, indem er erkrankt und schließlich wieder gesundet. Unnormale Ausscheidungen und Fieber sind akute Reaktionen, die aus Sicht der Homotoxikologie sinnvoll und keineswegs zu unterdrücken sind. Problematisch ist hingegen die "symptomatisch stumme" Deposition von Homotoxinen im Körper, die degenerative Veränderungen im Gewebe und letztlich auch in der Erbsubstanz der Zellen auslöst und damit zu chronisch-degenerativen Erkrankungen und zu malignen Tumoren führt.

Als typische Behandlungsfehler bei Erkältungskrankheiten nannte Küstermann:

  • die Gabe von Antipyretika bei unkompliziertem Fieber,
  • die Gabe von Antibiotika bei Virusinfekten,
  • fehlende Bettruhe.

Das naturheilkundliche Konzept der Homotoxikologie zielt darauf ab, die Exposition gegenüber den Homotoxinen zu meiden, die bereits in den Körper eingedrungenen Gifte auszuleiten oder sie mit speziellen Arzneimitteln zu entgiften sowie die Organfunktion und das Immunsystem zu stärken. Das Fieber ist eine natürliche Abwehrreaktion des Körpers, denn es

  • hemmt die Vermehrung der Mikroben,
  • erhöht die Aktivität der Makrophagen,
  • fördert die Bildung immunkompetenter Zellen und
  • fördert die Ausschüttung von Interleukin-1.

Homöopathische Komplexmittel bei Erkältungskrankheiten

Obwohl die Homotoxikologie ihre Wurzeln in der Homöopathie hat, spielt für sie das Simile-Prinzip keine große Rolle. Die Präparate werden in niederen Potenzen verabreicht, sodass in ihnen die Ausgangssubstanz noch enthalten ist. Jedes Mittel hat eine eigene Indikation, unabhängig von der Konstitution des Patienten, die bei der klassischen Homöopathie mehr oder weniger entscheidend für die Auswahl des Mittels ist.

Als empfehlenswerte Präparate gegen Erkältungskrankheiten nannte Küstermann

  • eine Kombination von Aconitum, Bryonia, Eupatorium perfoliatum, Lachesis und Phosphorus (Gripp-Heel),
  • Euphorbium compositum,
  • Echinacea compositum und
  • Sulfur mit Vincetoxicum hirundinaria (Engystol).

Das Komplexpräparat Viburcol (enthält u.a. Chamomilla D1 und Belladonna D2) sei bei Kindern eine Alternative zu Paracetmol; es beruhige das Kind, ohne das Fieber zu senken und unerwünschte Nebenwirkungen zu entfalten – bei Paracetamol liege die therapeutische Dosis bedenklich nah an der LD50 , sodass selbst einige Pharmakologen es kritisch bewerten. Schließlich empfahl Küstermann auch "homöopathisierte Allopathika" wie potenziertes Penicillin.

TCM – die Alternative aus dem Reiche der Mitte

Aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) ist die Arzneitherapie nur ein Teil eines umfassenden Behandlungskonzeptes. Die eigentliche Ursache einer Erkrankung sieht sie weniger in den jeweiligen Pathogenen als in der geschwächten Disposition des Patienten. Hier setzen Diagnose und Therapie an, deren Grundzüge Dr. med. Stefan Englert aus Ravensburg erläuterte.

Auf der Grundlage der chinesischen Naturphilosophie, die im unbelebten wie im belebten Kosmos fünf Wandlungsphasen (oft als "Elemente" übersetzt) am Werk sieht, unterscheidet die TCM im Menschen fünf Funktionskreise. Einer von ihnen ist der Lungenfunktionskreis, der außer den Atemwegen auch den Gastrointestinaltrakt und die Haut umfasst. Zu seinen Aufgaben gehören außer der Atmung auch die Befeuchtung und Kühlung des Körpers sowie die Abwehr von Fremdstoffen.

Mangel oder Fülle als Krankheitsursachen

Erkrankungen in diesem System sind oft die Folge von Störungen im Funktionskreis der Milz, der für die Umwandlung der Energie (chin. Qi) zuständig ist. Ein Qi-Mangel in einem Funktionskreis bedeutet ein funktionelles Defizit und schließlich eine Dysfunktion. Ähnlich wirkt sich ein Mangel an Yin, dem ordnenden Prinzip, im Funktionskreis aus. Diese Mangelzustände ("Leere") sind pathogen – Englert spricht von "sekundären Pathogenen". Sie ermöglichen es den Krankheitserregern oder "primären Pathogenen", in den Körper einzudringen und sich dort auszubreiten. Andererseits kann auch das Gegenteil einer Leere, ein Überfluss (z.B. Hitze-Fülle), zu Erkrankungen führen.

Aufgrund der "energetischen" Diagnose erfolgt die Auswahl der TCM-Medikamente. Dabei handelt es sich um Komposita, die in der Regel vier bis sechs verschiedene Drogen, manchmal aber sehr viel mehr enthalten. Die Therapie beginnt mit der Ausleitung der primären Pathogene. Ein häufiger Bestandteil der entsprechenden Zubereitungen ist der Kokospilz (Poria cocos , chin. Fuling), den Englert als "Lasix der TCM" charakterisierte. Anschließend folgt die Tonisierung des Organismus, der Wiederaufbau und die Wiederherstellung der vollen Funktionsfähigkeit. Tonisierend wirken außer der in Europa schon lange bekannten Ginsengwurzel u.a. Atractylodes (Asteraceae) und die Süßholzwurzel.

Auf die Qualität achten

Der Offizinapotheker, der sich nicht speziell auf dem Gebiet der TCM weitergebildet hat, kann dem Patienten natürlich keine Ratschläge zur Therapie geben. Er ist jedoch für die Qualität der abgegebenen TCM-Medikamente verantwortlich. Neben Verfälschungen, die hin und wieder Schlagzeilen machen, liegt die quantitativ größere Gefährdung der Patienten in der Belastung der Drogen mit Schwermetallen oder Pestiziden (Hexachlorcyclohexan usw.). Der Apotheker soll deshalb nur zuverlässig geprüfte und entsprechend zertifizierte Ware abgeben.

"Zwei Dinge des Menschen sind lernfähig: Sein Verstand und sein Immunsystem. "

Dr. Armin Winder
"Der Apotheker als einziger Heilberufler ohne Eintrittsgebühr übernimmt eine Lotsenfunktion durch wirkungslose und wirkungsvolle Hausmittel. "

Margit Schlenk
Counter-Irritation
Die verstärkte Durchblutung von Haut und Schleimhaut, die als Rötung und Erwärmung sichtbar bzw. fühlbar ist, bewirkt eine "Gegenstimulation" der sensorischen Nerven. Dadurch wird die in den tiefer gelegenen Geweben lokalisierte Schmerzempfindung vermindert oder aufgehoben.
Grenzenlos?
Die Grenzen am Bodensee und die Grenzen zwischen den Therapierichtungen sind zwar nicht verschwunden, aber sie haben an Bedeutung eingebüßt. Alternative medizinische Systeme, deren Aktivisten einst erklärte Gegner der Schulmedizin waren und keiner Konfrontation aus dem Weg gingen, haben ihren Platz im Gesundheitswesen gefunden, das immer mehr einem Markt der Möglichkeiten gleicht: Evidenz-basierte Therapien gelten als das Optimum, aber was sich in vielen Einzelfällen bewährt hat, muss nicht unbedingt schlechter sein, selbst wenn klinische Studien fehlen oder sogar negativ verlaufen sind – im Zweifelsfall war eben das Studiendesign nicht adäquat.
Eine andere Grenze bleibt jedoch erhalten und sollte nicht übersehen werden: die Grenze zwischen Arzneimitteln einerseits und Lebensmitteln andererseits. Der auch in Bregenz zitierte Spruch des Hippokrates "Unsere Nahrung soll unsere Arznei sein, und unsere Arznei soll unsere Nahrung sein" mag über zwei Jahrtausende lang seine Berechtigung gehabt haben, aber er passt nicht mehr in die Gegenwart, wo hinsichtlich der Qualität eine deutliche Lücke zwischen Arzneimitteln und Lebensmitteln klafft. Sicher kann eine gesunde Ernährung Erkrankungen vorbeugen, aber ein Lebensmittel (auch ein Nahrungsergänzungsmittel) kann kein Arzneimittel sein, weil ihm per definitionem eine klare medizinische Indikation fehlt, nicht nur hinsichtlich der Therapie, sondern auch der Prophylaxe.
Viele traditionelle Hausmittel sind Lebensmittel. Die Hausmutter mag sie mit Erfolg anwenden, der naturheilkundlich ausgerichtete Hausarzt und der Heilpraktiker mögen sie ihren Patienten verordnen, aber ich weiß nicht, ob der Apotheker sie empfehlen soll.
Dr. Wolfgang Caesar
"Phytotherapie ist eine Domäne bei Kindern – trotz fehlender Studien. "

Prof. Dr. Wolfgang Kubelka
Basiswissen Phytotherapie
"Add-on heißt: das eine tun, ohne das andere zu lassen. "

Dr. Markus Wiesenauer
"Die Homöopathie punktet, wo die Schulmedizin Lücken hat. "

Dr. Markus Wiesenauer
"Im Feuer der Entzündung verbrennen die Homotoxine. "

Hans-Heinrich Reckeweg
"Die Symptome einer Krankheit sind etwas Sinnvolles und sollen nicht unnötig unterdrückt werden. Das Optimum einer erhöhten Körpertemperatur bei einem viralen Infekt beträgt 39,6 °C. "

Dr. Klaus Küstermann
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4. Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Stuttgart 2006. XII, 259 S., 7 s/w Abb., 8 Tab., kart. 36,– Euro
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Die Bregenzer Grenzgespräche werden von der LAK Baden-Württemberg, der Bayerischen LAK, der Österreichischen AK (Vorarlberg) und dem Apothekerverband pharmaSuisse gemeinsam veranstaltet. Sie finden seit 1997 alle zwei Jahre in Bregenz statt.

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