Medizin

Was ist eigentlich ...ein Schiefhals?Ein zur Schulter einer Körperhälfte hinge

Wenn der Kopf sich nicht mehr drehen lässt Torticollis bezeichnet. Er kann angeboren sein, aber auch bei älteren Kindern und Erwachsenen auftreten. Durch die erzwungene Schiefstellung ist die Beweglichkeit des Kopfes und der Halswirbelsäule stark eingeschränkt.

Der Schiefhals wird zu der Gruppe der Dystonien gezählt. Bei den Dystonien handelt es sich um nicht zu kontrollierende Kontraktionen und Erschlaffungen der Körpermuskulatur.

Dystonie ist keine psychische Erkrankung und kann jeden jederzeit treffen.

Muskulärer Schiefhals

Es lassen sich verschiedene Torticollis-Formen unterscheiden (s. Kasten). Hier soll in erster Linie der muskuläre Schiefhals besprochen werden.

Bei dieser Form ist der seitlich vorne am Brustbein ansetzende und zum Warzenfortsatz an der Schädelunterseite laufende Muskel (Musculus sternocleidomastoideus) verkürzt. Dadurch wird der Kopf zur Schulter der betroffenen Körperhälfte hin gekippt, das Kinn jedoch auf die gegenüberliegende Seite gedreht. Durch diese Zwangshaltung ist die Beweglichkeit des Kopfes und auch die der Halswirbelsäule stark eingeschränkt.

Bei dem muskulären Schiefhals handelt es sich um die dritthäufigste angeborene orthopädische Erkrankung, bei der es infolge Fehlhaltungen im Uterus oder von Geburtskomplikationen zu einer direkten Muskelschädigung mit einem Umbau der Bindegewebemuskulatur (Fibrose) kommt. Folge dieses Umbaus ist eine Muskelverkürzung. Funktionstüchtige Muskelzellen werden durch inaktive Bindegewebszellen ersetzt, die die typische Fähigkeit eines Muskels – die Kontraktion – nicht erfüllen können. Häufig tritt der muskuläre Schiefhals mit anderen Fehlbildungen wie Klumpfüßen oder Hüftdysplasien auf, was für eine genetische Komponente spricht.

Typische Kopfhaltung

Durch die typische Kopfhaltung ist die Diagnose des muskulären Schiefhalses leicht möglich. Allerdings müssen andere körperliche Veränderungen ausgeschlossen werden, die zu der Zwangshaltung führen können. Dazu gehören Veränderungen der Halswirbelsäule und auch eine Einohrschwerhörigkeit. Zum Ausschluss knöcherner Ursachen sind Röntgenaufnahmen der Halswirbelsäule notwendig. Zudem wird ein Hörtest durchgeführt.

Frühzeitig behandeln

Mit der Behandlung ist so früh wie möglich zu beginnen. An oberster Stelle stehen konservative Maßnahmen wie Lagerungstechniken, Krankengymnastik und Dehnungsübungen. Erst bei einem Misserfolg dieser Maßnahmen sollte an ein chirurgisches Eingreifen gedacht werden. Allerdings sind die konservativen Behandlungsergebnisse in den meisten Fällen gut, sodass nur etwa zehn Prozent der früh behandelten Kinder operiert werden müssen. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch die Zahl der notwendigen operativen Behandlungen deutlich an.

Bei dieser Operation wird der verkürzte Muskel komplett am Ansatz des Brustbeins durchtrennt. Anschließend muss der Kopf für drei bis vier Wochen ruhig gestellt werden. Das geschieht am einfachsten durch eine Halskrawatte oder einen Gipsverband. Wird nicht behandelt oder zu spät damit begonnen, können Komplikationen wie beispielsweise eine funktionelle Einschränkung und Fehlbelastung der Halswirbelsäule auftreten.

Gefahr Gelenkarthrose

Wie bei jedem fehlbelasteten Gelenk kann es zu einer frühen Gelenkarthrose mit hieraus resultierenden Schmerzen und Bewegungseinschränkungen kommen. Weitere schwerwiegende Komplikationen sind eine Abflachung des Gesichtsschädels auf der betroffenen Seite und des Hinterkopfs auf der gegenüberliegenden Seite aufgrund der verschobenen Druckauflageflächen. Das Gesicht der betroffenen Seite ist relativ verkürzt, die Augen und Ohren stehen auf unterschiedlicher Höhe. Bestehende Gesichtsasymmetrien lassen sich im späteren Stadium nicht immer korrigieren.

Bei rechtzeitigem Behandlungsbeginn ist die Prognose gut. Etwa 90 Prozent der betroffenen Kinder mit muskulärem Schiefhals können ohne Operation behandelt werden. Auch bei rechtzeitiger operativer Intervention ist die Prognose sehr gut. Meist lässt sich der muskuläre Schiefhals dauerhaft ohne Bewegungseinschränkung korrigieren.

Erworbene Formen

Auch bei älteren Kindern oder Erwachsenen kann ein Schiefhals auftreten, so beispielsweise durch eine akute Blockierung der Muskulatur, eine hyperkinetische Bewegungsstörung, knöcherne Fehlbildungen (Klippel-Feil-Syndrom: angeborene Fusion zweier oder mehrerer Halswirbel) oder entzündliche und geschwulstartige Prozesse.

Auch bei diesen erworbenen Formen ist die Beweglichkeit dermaßen eingeschränkt, dass die Betroffenen nicht einmal mehr den Kopf in die entgegengesetzte Richtung drehen können. Für eine Blickänderung muss immer der gesamte Körper mitgedreht werden. Hierdurch entsteht ein kontinuierlicher Kampf der gesamten Motorik des Patienten, in den die Muskeln von Hals, Schulter und Rücken mit einbezogen werden. Folge dieses ständigen K(r)ampfes sind Verspannungen, Muskelkrämpfe und oft starke Schmerzen, die nicht einmal im Schlaf aufhören. Aus den Verkrampfungen können groteske Kopfstellungen resultieren, sodass sich die Betroffenen aus der Öffentlichkeit zurückziehen und immer stärker vereinsamen. Zudem raubt der ständige Kampf gegen die Muskelkrämpfe den Betroffenen ihre Konzentrationsleistung, an dessen Ende oft die Berufsunfähigkeit steht. Die psychischen Belastungen der Betroffenen durch die Fehlhaltungen sind enorm groß.

Mediziner nehmen an, dass die Ursachen für die kontinuierlich erhöhte Anspannung einzelner Halsmuskeln im Gehirn zu suchen sind. Demnach geben Gehirnzellen den entsprechenden Muskeln permanent den Befehl, sich zu kontrahieren. Dieses Ungleichgewicht wirkt sich auf die Kopfhaltung aus. Damit wäre allerdings noch nicht erklärt, wie es zu einem Ungleichgewicht kommen kann. Stress in Kombination mit einer Veranlagung sind mögliche Auslöser. Eine andere Erklärung liegt möglicherweise in einem schief stehenden Becken durch ein zu kurzes Bein. Auch hierbei kann als Folge ein Schiefhals resultieren, wenn der Patient versucht, über den Kopf die Symmetrie wiederherzustellen und gewissermaßen den Fehler im Becken zu kompensieren. Der Körper ist immer um einen lotgerechten Ausgleich bemüht. Über Rückkoppelungen mit der Muskulatur erlernt das Gehirn gewissermaßen die Schiefhaltung und gibt schließlich den Halsmuskeln den permanenten Befehl, sich zu kontrahieren.

Botulinumtoxin hilft

Neurologen sehen in der Behandlung mit Botulinumtoxin das Mittel der Wahl. Durch eine Botulinumtoxin-Injektion können die Symptome von Dystonien wie unwillkürliche Verkrampfungen, Schmerzen und Fehlstellungen gebessert werden. Die Wirkung des Botulinumtoxins endet nach etwa drei Monaten, so dass Wiederholungsinjektionen in etwa vierteljährlichen Abständen notwendig sind. Meist wird die Dosis stufenweise erhöht, um die optimale Wirkung bei möglichst geringen Nebenwirkungen zu erzielen. Bei mehr als 60 Prozent der Patienten kommt es zu einer raschen Linderung der Beschwerden. Die physikalische Therapie setzt an einer anderen Stelle an. Zunächst muss der Beckenschiefstand behandelt werden, um die Körpersymmetrie wieder herzustellen. Dies ist gelungen, wenn die Muskeln von Rücken, Schulter und Hals auf der rechten und linken Seite gleich stark sind.

Quelle:

Sitzmann. F. C.: Pädiatrie. 3. Auflage, Thieme Verlag, Stuttgart 2006.

Speer, C.P.; Gahr, M.: Pädiatrie. 2. Auflage, Springer Verlag, Berlin 2005.

Dr. Ingo Blank, Gärtringen

i Weitere Torticollisformen (Auswahl)

Atlanto-epistrophealer Torticollis (Grisel Syndrom): Nach Entzündungen des Nasen-Rachen-Raums vorkommender, schmerzhafter Torticollis durch Verdrehung und seitliche Luxation des Atlas im Atlantoaxialgelenk (Gelenk zwischen 1. und 2. Halswirbelkörper).

Aurikulärer Torticollis: Irritation des Musculus sternocleidomastoideus durch Otitis media

Kutaner Torticollis: Durch Hautnarbenzug beispielsweise nach einer Verbrennung ausgelöster Torticollis

Okulärer Torticollis: Folge einer Augenmuskellähmung mit typischer kompensatorischer Kopfhaltung zur Vermeidung von Doppelbildern

Torticollis spasmodicus: Auch als neurogener Schiefhals bezeichnete zervikale Dystonie. Sie wird durch eine Störung der zum Muskel ziehenden Nerven hervorgerufen.

w Internettipps:

Deutsche Dystonie Gesellschaft e. V.: www.dystonie.de

Bundesverband Torticollis e.V.: http://members.aol.com/BVTorti/

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