Fortbildungskongress

Schilddrüsenerkrankungen

Schilddrüsenerkrankungen gehören zu den Volkskrankheiten. Bei rund einem Drittel der Bevölkerung sind Knoten oder Zysten an der Schilddrüse nachweisbar, wenn auch dank einer verbesserten Jodversorgung die Strumahäufigkeit bei jungen Menschen gesunken ist. Wie Schilddrüsenüber- und -unterfunktionen heute behandelt werden, erläuterte Priv.-Doz. Dr. Joachim Feldkamp, Bielefeld.

Die häufigsten Schilddrüsenerkrankungen sind diffuse Schilddrüsenvergrößerungen und knotige Veränderungen, die meist durch einen Jodmangel verursacht werden. Die Menschen in Deutschland waren über lange Jahre hinweg jodunterversorgt, und erst durch eine breite Anwendung von Jodsalz ist die durchschnittliche Jodaufnahme während der vergangenen Jahre von 60 µg auf rund 120 µg täglich angestiegen. Die WHO empfiehlt eine tägliche Zufuhr von 180 bis 200 µg. Schwangere sollten 200 µg aufnehmen, da sich ein Jodmangel bereits beim Neugeborenen bemerkbar macht. Veränderungen der Schilddrüse sind nicht nur von der Jodzufuhr, sondern auch vom Alter des Patienten abhängig. So hat beinahe jeder zweite ältere Mensch Knoten oder Zysten an der Schilddrüse; Raucher weisen mehr Knoten auf als Nichtraucher.

Die Therapie der euthyreoten gutartigen Struma wird entweder mit Jodid allein oder in Kombination mit Schilddrüsenhormonen durchgeführt. Bei jungen Patienten genügt in der Regel die Gabe von 200 µg Jodid, ältere Menschen erhalten Levothyroxin und Jodid. Durch die Kombinationstherapie nimmt die Größe der Schilddrüse dauerhaft ab. Das früher praktizierte Vorgehen, die körpereigene Schilddrüsenhormonproduktion vollständig durch eine exogene L-Thyroxin-Zufuhr zu ersetzen, wird heute abgelehnt. Angestrebt werden Thyreotropin-Spiegel zwischen 0,3 und 0,8 µU/ml. Bei einer vollständigen Suppression der Thyreotropin-Spiegel mit zu hoher Schilddrüsenhormonzufuhr können Herzrhythmusstörungen auftreten, und das kardiovaskuläre Gesamtüberleben sinkt. Ferner kann bei einer Thyreotropin-Suppression der Knochenstoffwechsel negativ beeinflusst werden, und die Knochendichte nimmt ab.

Hashimoto-Thyreoiditis

Die Hashimoto-Thyreoiditis (benannt nach dem japanischen Pathologen Hakaru Hashimoto) ist eine Autoimmunerkrankung, die im Erwachsenenalter auftritt. Ihre Inzidenz steigt nach dem 60. Lebensjahr deutlich an, Frauen sind von dieser Autoimmunstörung rund zehnmal häufiger betroffen als Männer; meist liegt eine positive Familienanamnese vor. Zu Beginn der Erkrankung ist die Schilddrüse vergrößert, im Lauf der Zeit wird sie immer kleiner. Es liegen Antikörper gegen die thyreoidale Peroxydase vor, die diagnostisch nachgewiesen werden. Charakteristische Symptome sind eine tiefe, heisere Stimme, Ödeme, Gewichtszunahme, Haarausfall, Muskelschwäche, Bradykardie, Obstipation, Frieren und Hypercholesterinämie. Die Autoimmunthyreoiditis kann mit anderen Autoimmunerkrankungen wie etwa Vitiligo oder Diabetes Typ 1 assoziiert auftreten.

Unterfunktion ausgleichen

Die Unterfunktion der Schilddrüse bei einer Hashimoto-Thyreoiditis wird durch die Substitution mit L-Thyroxin ausgeglichen. Die Gabe von Jodid ist nicht sinnvoll, da hohe Jodidgaben die Autoimmunthyreoiditis triggern können. Die normale Jodaufnahme mit der Nahrung beeinflusst die Erkrankung nicht, das heißt, die betroffenen Patienten müssen keine jodarme Diät einhalten. Ferner werden zur medikamentösen Behandlung Betablocker (Propranolol) und Natriumselenit (100 bis 200 μg) eingesetzt. Für die Selensubstitution konnte in jüngsten Studien eine Abnahme der Schilddrüsen-Antikörper-Konzentration und eine bessere Befindlichkeit der Patienten festgestellt werden. Der positive Einfluss des Selens wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass die Glutathionperoxidase sowie Dejodasen, welche die Konversion von Levothyroxin zu Triiodthyronin vermitteln, selenabhängig sind. pj

Ein ausgeprägter Kropf kommt selten vor

Heiße und kalte Knoten
Bei einer Schilddrüsenautonomie können heiße oder kalte Knoten auftreten. Heiße Knoten sind autonome Adenome aufgrund einer Schilddrüsenüberfunktion. Sie sind immer gutartig, wachsen langsam und treten in der Regel bei älteren Patienten auf. Diese Adenome werden entweder operativ oder mit Hilfe einer Radiojodtherapie entfernt. Um die Patienten bis zur Entfernung des Knotens nicht zu gefährden (eine Schilddrüsenüberfunktion kann Herzrhythmusstörungen verursachen), erhalten sie vorübergehend ein Thyreostatikum, bevorzugt Thiamazol.
Als kalte Knoten bezeichnet man knotige Schilddrüsenareale mit vermindertem funktionellem Schilddrüsengewebe. Sie sind in 5 bis 10% aller Fälle bösartig und müssen daher diagnostisch abgeklärt werden. Schnell wachsende Einzelknoten bei jungen Patienten weisen auf eine maligne Erkrankung hin.
Postpartale Thyreoiditis
Bei bis zu 10% aller Frauen kann nach der Entbindung eine Postpartum-Thyreoiditis auftreten. Betroffen sind vor allem Frauen, die bereits vor der Schwangerschaft eine Erhöhung der Schilddrüsenantikörper aufwiesen. Treten nach der Geburt eines Kindes bei der Mutter entsprechende Symptome auf, ist, bevor die Diagnose einer postpartalen Depression oder mütterlichen Überlastungsreaktion gestellt wird, eine Erkrankung der Schilddrüse auszuschließen.
Priv.-Doz. Dr. Joachim Feldkamp
Foto: Jungmayr
Knotige Veränderungen Dank einer verbesserten Jodversorgung treten in Deutschland Krankheitsbilder wie eine ausgeprägte Struma nur noch selten auf.
Foto: Arbeitskreis Jodmangel