Medizin

Andauerndes Brennen auf der Zunge

Das Mund- und Zungenbrennen, für das im deutschen Sprachraum auch der Begriff Burning-mouth-Syndrom (BMS) verwendet wird, ist eine recht häufige Schmerzform, die für Betroffene eine enorme Belastung sein kann. Es äußert sich als brennendes, wundes Gefühl im Mund, manchmal auch mit Kribbeln oder Jucken. Die Missempfindungen können sich zu stechenden Schmerzen steigern und sind oft mit Störungen des Geschmacks und der Speichelbildung verbunden.

Was ist eigentlich ... Mund- und Zungenbrennen?

Epidemiologische Studien gehen von einer Prävalenz um 15% bei Frauen nach der Menopause aus. Fälle von Mundbrennen mit klinisch unauffälliger Schleimhaut, sind dabei von denjenigen mit assoziierten Schleimhautveränderungen klar abzugrenzen.

Vor allem in den Wechseljahren ist Mund- und Zungenbrennen ein häufiges Problem. Während in der Allgemeinbevölkerung je nach Studie 1 bis 8% schon einmal unter solchen Beschwerden gelitten haben, sind in Kliniken für klimakterische Beschwerden teilweise über 25% der Patientinnen betroffen.

Zwar sind die Ursachen des Mundbrennens immer noch nicht bis ins letzte Detail geklärt, allerdings haben sich mittlerweile eine Reihe von Auslösern identifizieren lassen, die bei vielen Betroffenen für die Beschwerden verantwortlich sind. Oft handelt es sich zum Beispiel um Nebenwirkungen von Medikamenten, wie Prof. Dr. med. Claudia Sommer von der Universität Würzburg erläutert. Infrage kommen nach Hinweisen der Neurologin u. a. trizyklische Antidepressiva, die nicht nur Mundtrockenheit hervorrufen können, sondern bei manchen Menschen auch ein brennendes Gefühl. Sehr häufig handelt es sich nach Einschätzung von Sommer auch um ACE-Hemmer, bei denen ebenfalls Zungenbrennen als Nebenwirkung bekannt ist.

Psychische Ursachen beim Mundbrennen?

Darüber hinaus sollte man an lokale Verursacher wie etwa Pilzinfektionen der Mundschleimhaut denken. Ebenso können ein Eisen- oder Vitamin B-Mangel bzw. daraus folgende Anämien verantwortlich sein, was hierzulande wegen der guten Ernährungssituation allerdings nur noch selten anzutreffen ist. Bei einem Teil der Betroffenen spielen wahrscheinlich auch seelische Ursachen eine Rolle. Zumindest sind für Verhaltenstherapien deutliche Erfolge nachgewiesen, was die Mitbeteiligung psychischer Vorgänge nahe legt.

Umstritten ist nach wie vor, ob auch ein Diabetes mellitus zu Mundbrennen führen kann, worauf einige Studienergebnisse hindeuten. Ob tatsächlich ein Zusammenhang besteht, muss in zukünftigen Studien weiter untersucht werden.

Äußerst interessant ist außerdem eine neue Hypothese, wonach Mundbrennen zumindest bei einem Teil der Betroffenen auf einer Degeneration kleiner Nervenfasern beruhen könnte. Erst kürzlich hat eine italienische Arbeitsgruppe nachgewiesen, dass es beim Mundbrennen in der Schleimhaut zu einem Verlust an epithelialen und subpapillären Nervenfasern kommen kann. Offen ist allerdings noch, ob es sich dabei tatsächlich um eine Ursache des Mundbrennens handelt oder eher um eine Folge, wenn in der Vorgeschichte zum Beispiel Therapieversuche mit aggressiven Mundspülungen unternommen wurden.

Antidepressiva als Hilfe

Die Therapie des Mundbrennens sollte sich in erster Linie nach den Ursachen richten. Oft können zum Beispiel Medikamentenumstellungen gute Erfolge erzielen. Deutlich schwieriger ist die Therapie dagegen, wenn sich kein eindeutiger Grund für die Beschwerden findet (idiopathisches Mundbrennen). Welche Behandlung dann vorrangig zum Einsatz kommen sollte, ist noch nicht abschließend geklärt. Verbindliche Leitlinien gibt es bislang nicht.

Vielerorts gelten Antidepressiva als Mittel der ersten Wahl. Allerdings sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Studienlage für diese Medikamente teilweise widersprüchlich ist, wie Prof. Sommer betont. Entscheidet man sich für diese Medikamentengruppe, sei es jedoch wichtig, in erster Linie Antidepressiva vom SSRI-Typ einzusetzen und nicht trizyklische Antidepressiva, die ja selbst zu Mundbrennen führen können. Welches SSRI man zur Therapie des Mundbrennens wählt, ist nach Hinweisen von Sommer dagegen eher zweitrangig.

Erfolge mit Alpha-Liponsäure

Eine gute Option kann nach Hinweisen der Neurologin außerdem die Alpha-Liponsäure sein, die auch beim Diabetes mellitus gegen neuropathische Schmerzen zum Einsatz kommt und beim Mundbrennen in einer randomisiert, doppelblind durchgeführten Studie in einer Dosierung von 600 mg pro Tag vielversprechende Erfolge erzielt hat. "Der große Vorteil der Alpha-Liponsäure ist, dass der Wirkstoff sehr nebenwirkungsarm ist und man damit nicht viel falsch machen kann", so Sommer. "Wichtig ist es allerdings, dass die Alpha-Liponsäure bei mangelndem Erfolg nicht gleich nach wenigen Tagen wieder abgesetzt wird. Zur Beurteilung, ob die Behandlung tatsächlich hilft und ob eine Dauertherapie sinnvoll ist, sollte die Medikation mindestens vier Wochen eingenommen werden." Eine gute Therapiekontrolle ist zum Beispiel mit einem Beschwerdetagebuch möglich, das vor und während der Behandlung geführt wird.

Psychotherapie nur in hartnäckigen Fällen

Gute Erfolge sind zudem für kognitive Verhaltenstherapien nachgewiesen. Allerdings ist dieser Behandlungsansatz Prof. Sommer zufolge nicht unbedingt als erste Wahl anzusehen bzw. nur für hartnäckigere Fälle zu empfehlen, da Psychotherapien eine verhältnismäßig aufwendige Maßnahme darstellen. Andererseits sollte beim Mundbrennen immer eine intensive Aufklärung erfolgen, was nach Hinweisen der Neurologin ja schon eine Art Minipsychotherapie darstellt. "Für viele Betroffene ist die Mitteilung, dass es sich beim Mundbrennen um eine bekannte Erkrankung ohne ernsthaften Hintergrund handelt, eine enorme Entlastung."

Dr. med. Karl Eberius

Vor Zähneziehen und scharfem Pfeffer ist zu warnen

Immer wieder wird beim Mundbrennen zu unsinnigen Therapien gegriffen. Viele sind nicht nur nutzlos, sondern obendrein auch schädlich. Wir sprachen mit Prof. Dr. med. Claudia Sommer, leitende Oberärztin an der Neurologischen Klinik der Universität Würzburg, darüber, vor welchen Behandlungen man Betroffene schützen sollte.

DAZ

Frau Prof. Dr. Sommer, vor welchen Therapien ist beim Mundbrennen zu warnen?

Sommer: Abzuraten ist beim Mundbrennen zum Beispiel von diversen Mundspülungen, die weit verbreitet und teilweise sehr aggressiv sind. Viele dieser Mittel können die Mundschleimhaut schädigen und das Mundbrennen noch schlimmer machen. Darauf sollte man Betroffene unbedingt hinweisen.

Außerdem sollte man davor warnen, sinnlos irgendwelche Zähne zu ziehen, was leider viel zu häufig geschieht. Gerne fallen in diesem Zusammenhang Begriffe wie Störherd. Es wird behauptet, dieser oder jener Zahn wäre direkt oder indirekt für das Brennen verantwortlich. Das ist natürlich erst einmal schwer zu widerlegen. Doch man sollte immer bedenken, dass die Erfolgsquote einer Zahnextraktion beim Mundbrennen nahe null liegt. Man kann bei diesem Krankheitsbild also nur zu äußerster Zurückhaltung aufrufen und von Zahnextraktionen abraten.

DAZ

Wie sinnvoll sind Hormonersatztherapien? Immerhin leiden überproportional viele Frauen während der Wechseljahre an Mundbrennen.

Sommer: In der Tat tritt Mundbrennen besonders häufig bei Frauen während des Klimakteriums auf, weshalb man gegen Mundbrennen früher vielfach Hormonersatztherapien eingesetzt hat. Allerdings ist unklar, ob die Hormonumstellung wirklich die Ursache des Mundbrennens darstellt. Möglicherweise handelt es sich nur um ein zufälliges Zusammentreffen. Denn in Studien haben Hormonersatztherapien gegenüber Placebo keine Vorteile gezeigt. Frauen sollten deshalb nicht extra wegen der Diagnose Mundbrennen eine Hormonersatztherapie erhalten.

Eine denkbare Erklärung für das häufige Vorkommen von Mundbrennen während der Wechseljahre wäre, dass Umstellungsperioden wie das Klimakterium auch Auslöser von psychischen Konflikten sein können, die möglicherweise zu Beschwerden wie Mundbrennen führen.

DAZ

Immer wieder werden beim Mundbrennen auch Benzodiazepine ins Gespräch gebracht ...

Sommer: Benzodiazepine sind bei Schmerzerkrankungen, zu denen auch das Mundbrennen zählt, von wenigen Ausnahmen abgesehen nicht sinnvoll. Denn Benzodiazepine besitzen im Unterschied zu Antidepressiva keine eigene analgetische Wirkung. Zudem muss bedacht werden, dass Benzodiazepine wegen des Abhängigkeitspotenzials nicht für eine Dauertherapie geeignet sind, die aber beim Mundbrennen in vielen Fällen erforderlich ist. Eine Ausnahme stellt möglicherweise die lokale Anwendung von Benzodiazepinen dar. Zumindest gibt es eine Studie, in der Teilerfolge für das Lutschen von Clonazepam-Tabletten beschrieben werden. Dieser Ansatz befindet sich allerdings noch im experimentellen Stadium und ist noch nicht ausreichend validiert.

DAZ

Welche therapeutischen Möglichkeiten bestehen beim Mundbrennen von zahnärztlicher Seite?

Sommer: Manche Betroffene weisen an den Zähnen scharfe Kanten auf, die zum Beispiel von einer Zahnsteinbehandlung stammen können. Wird an solchen Kanten bewusst oder unbewusst mit der Zunge gerieben, kann es zu Missempfindungen wie Zungenbrennen kommen. Dies sollte von zahnärztlicher Seite abgeklärt und gegebenenfalls behandelt werden.

DAZ

Positive Berichte existieren auch für die lokale Anwendung von scharfem Pfeffer bzw. Capsaicin-Salbe. Handelt es sich dabei um eine ernst zu nehmende Alternative oder eher um eine abenteuerliche Mutprobe?

Sommer: Zum Einsatz von Capsaicin-Salbe werden in der Literatur zwar einzelne Erfolge beschrieben, allerdings ist dieser Ansatz nur unzureichend auf Nebenwirkungen untersucht. Unklar ist zum Beispiel, ob sich eine eventuelle Neuropathie kleiner Nervenfasern, die ja möglicherweise bei einem Teil der Betroffenen zugrunde liegt, durch solche Anwendungen verstärken kann. Bevor das nicht genauer untersucht ist, sollte man mit lokalen Pfeffer- oder Capsaicin-Therapien eher zurückhaltend sein.

DAZ

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Dr. med. Karl Eberius

Prof. Dr. Claudia Sommer

Neurologische Klinik und Poliklinik

Josef-Schneider-Straße 11 97080 Würzburg
Fazit für die Praxis
  • Mundbrennen kann zahlreiche Ursachen haben. Oft tritt es als Nebenwirkung von Medikamenten auf (z. B. trizyklische Antidepressiva oder ACE-Hemmer). Auch Pilzinfektionen der Mundschleimhaut, psychische Ursachen, Vitamin-B- oder Eisenmangel kommen als Ursache infrage.
  • Therapeutisch steht die Behandlung eventueller Ursachen an erster Stelle (z. B. Medikamentenumstellung).
  • Findet sich keine Ursache, gelten Antidepressiva als Mittel der ersten Wahl, die Studienlage ist aber teilweise widersprüchlich, zudem können trizyklische Antidepressiva selbst zu Mundbrennen führen.
  • Eine sehr gute Wirksamkeit ist für kognitive Verhaltenstherapien belegt.
  • Abzuraten ist von diversen Mundspülungen.
  • Obwohl Mundbrennen besonders häufig bei Frauen während des Klimakteriums auftritt, sollte keine Hormonersatztherapie zum Einsatz kommen, da sich in Studien keine Vorteile gegenüber Placebo gezeigt haben.
  • Für die lokale Anwendung von scharfem Pfeffer bzw. Capsaicin-Salbe werden in der Literatur zwar einzelne Erfolge beschrieben, allerdings ist dieser Ansatz nur unzureichend auf Nebenwirkungen untersucht. Aus diesem Grund sollte man mit dieser Therapieform eher zurückhaltend sein.
Zungenbrennen Das permanente Brennen auf der Zunge und im Mund ist meist in den vorderen zwei Dritteln der Zunge, im vorderen Teil des harten Gaumens und in den Unterlippen zu spüren. Oft finden sich keine objektiven Hinweise auf eine Ursache dieser Beschwerden, die auch Begleiterscheinungen von psychischen Störungen, einem Diabetes Typ II oder ernährungsbedingten Mangelzuständen sein können.
Foto [M]: Eberius

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