Arzneimittel und Therapie

Alzheimer-Erkrankung

Alzheimer-Demenz Wenn Alzheimer-Patienten aggressiv werden oder an Psychosen leiden, so werden sehr häufig atypische Neuroleptika eingesetzt. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis scheint jedoch schlecht zu sein, so das Ergebnis einer Studie. Die Indikation sollte daher sehr streng gestellt sein und die Nebenwirkungen sorgfältig überwacht werden.

Welchen Nutzen haben Antipsychotika?

Obwohl häufig eingesetzt, weisen atypische Neuroleptika bei Alzheimer-Patienten mit psychotischen Symptomen keinen überzeugenden Benefit auf. Zu diesem Schluss kam eine englische Studie mit mehr als 400 Alzheimer-Patienten. Ein möglicher marginaler Nutzen muss gegen die häufigen unerwünschten Wirkungen abgewogen werden, so das Resümee eines Kommentators.

Bei Alzheimer-Patienten treten häufig Aggressionen, Verwirrtheit, Agitationen und Halluzinationen auf – Symptome, unter denen nicht nur die Erkrankten, sondern auch deren Betreuer leiden. Um diese Demenz-bezogenen Psychosen abzuschwächen, werden oft atypische Antipsychotika verordnet, obwohl deren Nutzen bei Alzheimer-Patienten unklar ist und bislang nicht eindeutig gezeigt werden konnte. Aus diesem Grund wurde eine doppelblinde, placebokontrollierte Studie durchgeführt, in der die Wirksamkeit drei verschiedener antipsychotischer Wirkstoffe bei Alzheimer-Patienten mit entsprechender Symptomatik untersucht wurde.

Für die Studie wurden 421 Alzheimer-Patienten ausgewählt, die entweder zuhause von Angehörigen oder von Pflegediensten betreut wurden; Patienten in Pflegeheimen waren von der Studie ausgeschlossen. Alle Probanden litten neben der Demenz unter psychotischen, aggressiven oder agitierten Symptomen. Sie wurden randomisiert einer der folgenden vier Gruppen zugeordnet:

  • Olanzapin-Gruppe (mittlere Tagesdosis 5,5 mg)
  • Quetiapin-Gruppe (mittlere Tagesdosis 56,5 mg)
  • Risperidon-Gruppe (mittlere Tagesdosis 1,0 mg)
  • Placebo-Gruppe

Im Bedarfsfall wurden die Dosen angepasst. Alle Studienteilnehmer wurden 36 Wochen lang beobachtet. Der primäre Studienendpunkt war die Dauer bis zum Abbruch der Behandlung; der wichtigste sekundäre Studienendpunkt war die Anzahl der Patienten, die nach zwölf Wochen Behandlung wenigstens minimale Verbesserungen erfahren hatten (gemessen mit Hilfe der CGIC-Skala; CGIC = Clinical Global Impression of Chance).

Früher Therapieabbruch

Unter Olanzapin wurde die Therapie nach durchschnittlich 8,1 Wochen, unter Quetiapin nach 5,3 Wochen, unter Risperidon nach 7,4 Wochen und unter der Placeboeinnahme nach 8 Wochen abgebrochen. Grund für den Therapieabbruch war häufig die schlechte Verträglichkeit der Medikamente: So beendeten 24% der Olanzapin-Gruppe, 16% der Quetiapin-Gruppe und 18% der Risperidon-Gruppe die Therapie aufgrund einer Unverträglichkeit vorzeitig. In der Placebo-Gruppe waren es nur 5% (p = 0,009).

Bei guter Verträglichkeit erfolgte ein Therapieabbruch aufgrund mangelnder Wirksamkeit in der Olanzapin-Gruppe nach durchschnittlich 22,1 Wochen, unter der Risperidon-Therapie nach 26,7 Wochen, bei der Einnahme von Quetiapin hingegen bereits nach 9,1 Wochen und unter der Placebotherapie nach neun Wochen (p = 0,002)

Enttäuschend waren auch die Ergebnisse beim sekundären Studienendpunkt: Die Verbesserungen, die sich anhand der CGIC-Skala messen ließen, unterschieden sich in den einzelnen Gruppen nicht. Geringfügige Verbesserungen wurden bei 32% der Olanzapin-Gruppe, bei 26% der Quetiapin-Gruppe, bei 29% der Risperidon-Gruppe und bei 21% der Placebo-Gruppe vermerkt (p = 0,22).

Das Fazit der Studienleiter: Angesichts hoher Abbruchraten, häufiger Nebenwirkungen und nur marginaler Verbesserungen scheint die Therapie mit atypischen Antipsychotika keinen Benefit aufzuweisen. Auch im Hinblick auf mögliche Risiken scheint der Einsatz der untersuchten Antipsychotika nur im Einzelfall gerechtfertigt zu sein, zumal bei Demenz-Patienten ein möglicher Zusammenhang zwischen der Einnahme atypischer Antipsychotika und einem erhöhten Gesundheitsrisiko diskutiert wird.

Quelle

Schneider, L.; et al.: Effectivenesss of atypical antipsychotic drugs in patients with Alzheimer`s disease. N. Engl. J. Med. 355 , 1525-1538 (2006).

Karlawish, J.: Alzheimer’s disease – clinical trials and the logic of clinical purpose. N. Engl. J. Med. 355 , 1604-1605 (2006).

Apothekerin Dr. Petra Jungmayr
Die österreichische Alzheimer-Gesellschaft gibt unter Berücksichtigung der Sicherheitsdiskussion folgende Empfehlungen zur Behandlung von Demenzpatienten mit Antipsychotika:
  • Alle Antipsychotika sollten nur eingesetzt werden, wenn die Symptome beträchtlich sind und andere Maßnahmen wie Ausschluss physischer Ursachen oder Ausschluss einer Beziehung zur Begleitmedikation nicht ausreichen.
  • Vor der Antipsychotikagabe wird der Einsatz von Cholinesterase-Inhibitoren oder Memantin empfohlen.
  • Außer mit Risperidon kann nur off-label behandelt werden.
  • Vor dem Einsatz von Antipsychotika sind folgende Voraussetzungen zu erfüllen: – Wirkungslosigkeit nicht-medikamen töser Maßnahmen; – Überprüfung der Indikationsstellung; – exakte Dokumentation; – Aufklärung des Patienten bzw. der Angehörigen über Nutzen und Risiko – Regelmäßige Kontrollen mit Über prüfung des Risikoprofils.
[Quelle: Konsensusstatement "Demenz" der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft – Update 2006. In: Neuropsychiatrie Band 20, Nr. 4, 221-231 (2006)]
Sicherheit von Antipsychotika bei dementen Patienten
Im April 2005 veröffentlichte das FDA eine Warnung, derzufolge atypische Antipsychotika die Mortalität älterer dementer Patienten erhöhen [www.fda.gov]. Im Dezember desselben Jahres wurde eine Studie publiziert, die zu dem Schluss kommt, dass auch konventionelle Antipsychotika das Sterberisiko älterer Patienten anheben.
[Wang P., et al.: Risk of death in elderly users of conventional vs. atypical antipsychotic medications. N. Engl. J. Med. 353, 2335-2341 (2005)]
Die österreichische Alzheimer Gesellschaft gibt hierzu folgende Statements:
  • Unter neueren Antipsychotika sind zerebrovaskuläre Ereignisse häufiger als unter Placebo. Die Ereignisse sind selten, aber signifikant.
  • Die Mortalität ist unter neueren Antipsychotika gegenüber Placebo geringfügig, aber signifikant erhöht.
  • Die älteren Antipsychotika haben mindestens das gleiche Risikoprofil wie die neueren Antipsychotika.
[Quelle: Konsensusstatement "Demenz" der Österreichischen Alzheimer Gesellschaft – Update 2006. In: Neuropsychiatrie Band 20, Nr. 4, 221-231 (2006)].

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