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DAZ-Interview

"Öffnung des Internethandels war ein Kardinalfehler!"

(du). Dass die Öffnung des Internethandels für Arzneimittel mit großen Risiken für die Arzneimittelsicherheit verbunden war, muss allen Entscheidungsträgern klar gewesen sein. Eine Kontrolle ist kaum möglich. Die jüngst von der FDA publizierten Fälle zu Fälschungen von Xenical® sind ein weiterer Beleg dafür. Prof. Dr. Harald G. Schweim, Inhaber des Lehrstuhls für Drug Regulatory Affairs der Universität Bonn, warnt seit Jahren vor den Folgen des unkontrollierten Internethandels. Wir haben mit ihm über die Situation in Deutschland gesprochen.

DAZ Die FDA hat soeben vor gefälschten Xenical® -Präparaten gewarnt, die über Internetapotheken bezogen worden sind. In diesem Zusammenhang veröffentlichte sie eine Liste von verdächtigen Websites, unter denen sich unter www.pillenpharm.com und www.inter-tab.de auch Seiten in deutscher Sprache befinden. Sind diese Seiten im Zusammenhang mit Arzneimittelfälschungen auch in Deutschland schon bekannt geworden?

Schweim: Seiten des Internetanbieters Intertab habe ich bereits am 16. November 2006 an das BKA gesandt. Dies sah sich nicht in der Lage, dem nachzugehen oder die zuständigen Behörden dazu zu veranlassen. Dies ist kein Vorwurf an das BKA, sondern an die Politik. Unzulängliche Gesetze zu machen, die Folgen nicht zu bedenken und darüber hinaus auch nicht die erforderlichen Resourcen zur Kontrolle bereit zu stellen, ist geradezu ein Markenzeichen geworden.

DAZ Welche Internetanbieter sind in Deutschland bislang durch Fälschungen aufgefallen?

Schweim: Wenn wir verdächtige Seiten entdecken, schicken wir Nachricht an das BKA. Die Frage kann ich nicht beantworten, weil auch wir keine Kapazität zur Überwachung haben und nur zufällig auf solche Fälle stoßen.

DAZ Wie stufen Sie das Problem gefälschter, über das Internet bezogener Arzneimittel in Deutschland ein?

Schweim: Groß, aber Prozentzahlen sind schwer zu nennen, es gibt keinen "Bundesverband der Arzneimittelfälscher", der regelhaft Umsatzzahlen publiziert. Schätzungen der WHO und der FDA gehen von 8 bis 10% weltweit aus, den Fälschungsanteil im legalen Handel in Deutschland schätze ich unter 1%. Insbesondere bei nicht erstatteten verschreibungspflichtigen Lifestyle-Arzneimitteln gehen die Schätzungen für das Internet auf 30 bis 50%. Zu bedenken ist: Wer verschreibungspflichtige Arzneimittel im Internet bestellt, weiß in der Regel, dass das illegal ist. Somit ist er leicht zu betrügen und zeigt den Täter nicht an. Wer sogar sein Privatrezept einschickt, bekommt es manchmal, so wurde mir berichtet, mit Phantasiestempel zurück. Da es nicht erstattet wird, handelt die Person ohne Unrechtsbewusstsein, aber der Fälscher wird gegebenenfalls so nicht entdeckt.

DAZ Handelt es sich in der Regel um wirkstofffreie Fälschungen oder muss auch, wie jetzt im Falle von Xenical® , mit völlig anderen Wirksubstanzen gerechnet werden?

Schweim: Letzteres, wirkstofffreie Fälschungen sind in Europa bisher eher selten. In Großbritannien wurden überdosierte Viagra® -Fälschungen mit bis zur dreifachen der Normaldosierung entdeckt. Da könnten bei Risikopatienten schon tödliche Nebenwirkungen auftreten. Außerdem wurden "wilde Stoffgemische", beispielsweise Vardenafil/Sildenafil, aufgefunden, es wurde das verarbeitet, was die Fälscher gerade "da hatten". Solche Mischungen wurden natürlich nie klinisch getestet. Von Giften, wie Arsentrioxid in AIDS-Medikamenten, wie aus Afrika bekannt, habe ich in Europa noch nichts gehört.

DAZ Was muss getan werden, um den Handel mit gefälschten Arzneimitteln über das Internet zu unterbinden?

Schweim: Im Einklang mit vielen Fachleuten bin ich der Meinung, dass die Öffnung des legalen Internethandels der Kardinalfehler war. Die Formel ist einfach: Nicht erlaubt = leichter zu überwachen. Ich habe dazu schon 2004 publiziert [H. G. Schweim, "Ist die Internetapotheke eine Apotheke?", Pharmazeutische Zeitung 18, 1400-1404 (2004)]. Der Verbraucher kann legal und illegal nicht unterscheiden, die Überwachung ist nicht leistbar. Man hätte die Klage der EU gelassen abwarten und mit dem "risk to public health" kontern können. Aber die Verantwortlichen und ihre Berater glaubten ja im tiefen Inneren, die bewährte deutsche Distributionskette über öffentliche Apotheken aus Kostengründen zerstören zu müssen. Und dieser Weg wird ja konsequent weiter verfolgt. Mangelnde Kompetenz, nicht zu Ende denken von Entscheidungen, das alles ist die Ursache. Ich halte die vermutlich ideologisch motivierten, kostendruckgetriebenen Vorstellungen der Gesundheitsministerin und ihrer Berater für mit- bis hauptverantwortlich für die Misere. Und jetzt, wo alles weltweit im Bereich der Fälschungen via Internet immer sichtbarer wird, ist das Wehklagen groß. Wir hatten vor Frau Schmidt das beste und sicherste System (absolute Sicherheit gibt es nie) der Welt. Jetzt sollte zumindest der Versandhandel neu überdacht werden, auch wenn ich den Handelnden das Eingestehen und Rückdrehen eines Fehlers nicht zutraue. Eventuell hat ja Nordrhein-Westfalen mit der geplanten Bundesratsinitiative, den Internethandel mit verschreibungspflichtigen Arzneimitteln zu verbieten, einen (Teil-) Erfolg. Aber auch mangelndes Wissen beim Verbraucher ist ein Problem; deswegen versuchen wir seit Jahren auf allen denkbaren Wegen aufzuklären.

DAZ Herr Prof. Schweim, wir danken Ihnen für das Gespräch!

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