Arzneimittel und Therapie

Antidepressiva versus Psychotherapie

Nach einem Herzinfarkt Zeigen Koronarpatienten depressive Symptome, so sollten sie mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern behandelt werden: Antidepressiva erhöhten den Überlebensvorteil, während eine zusätzliche Psychotherapie keinen weiteren Nutzen zu bringen scheint.

Depressionen bei Koronarpatienten erfolgreich behandeln

Nach der Diagnose koronare Herzkrankheit fallen viele Patienten in eine Depression. Diese sollte behandelt werden! In einer aktuellen Studie wurden der selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer Citalopram und eine individuelle Psychotherapie verglichen, wobei das Antidepressivum im Vergleich zu Placebo wirksam war, der Erfolg der Psychotherapie aber ausblieb.

Depressionen beeinträchtigen die Lebensqualität und auch die Fähigkeit, den Alltag zu bewältigen, ganz erheblich. Studiendaten belegen sogar, dass Koronarpatienten mit Depressionen eine kürzere Lebenserwartung haben als Herzpatienten ohne depressive Verstimmungen. Dies ist möglicherweise auf eine mangelnde Compliance und die fehlende Bereitschaft der Patienten, kardiale Risikofaktoren zu vermeiden, zurückzuführen. Der Umkehrschluss, dass eine antidepressive Therapie die Mortalität bei depressiven Koronarpatienten senkt, ist aber bislang nicht erwiesen.

Zunächst musste die Sicherheit von Antidepressiva bei den komorbiden Koronarpatienten, die meist mehrere weitere Arzneimittel einnehmen, gezeigt werden. Zwei große Studien befassten sich bislang speziell mit dem Thema: In der einen Studie wurde bei Patienten nach akutem Koronarsyndrom für Sertralin gezeigt, dass die depressiven Symptome sicher und erfolgreich behandelt werden können, eine Reduktion der Sterblichkeit wurde nicht erreicht, was bei einer Patientenzahl von rund 370 aber statistisch auch kaum möglich ist.

In einer weiteren Studie wurde die Wirkung einer Verhaltenstherapie bei fast 2000 depressiven Patienten nach Herzinfarkt untersucht, wobei Patienten mit schweren Depressionen zusätzlich Antidepressiva bekamen. Im Ergebnis linderte die Verhaltenstherapie zwar die depressiven Symptome, führte aber nicht zu einer Reduktion der Sterblichkeit. Eine Untergruppenanalyse der Patienten, die zusätzlich ein Antidepressivum erhalten hatten, ergab einen hoch signifikanten Überlebensvorteil für die Patienten mit Antidepressivum. Da dieser Vergleich aber nicht auf randomisierten Gruppen beruht, ist die Aussagekraft limitiert.

Neue Studie: Citalopram versus Psychotherapie

Ziel der Studie war, die Therapie mit einem Antidepressivum mit einer Psychotherapie zu vergleichen. Dazu wurden 284 Patienten mit koronarer Herzerkrankung in vier Gruppen randomisiert:

  • Psychotherapie plus Citalopram
  • Psychotherapie plus Placebo
  • Citalopram
  • Placebo

Alle Patienten wurden zusätzlich in wöchentlichen Sitzungen à 20 Minuten medizinisch betreut und beraten.

Im Ergebnis zeigte sich, dass die depressiven Symptome mit Citalopram (zunächst 10 mg/Tag, später bis 40 mg/Tag) signifikant gebessert wurden. Bereits nach sechs Wochen war der Unterschied im Vergleich zu Placebo signifikant. Dagegen ergab sich für die interpersonelle Psychotherapie kein Vorteil im Vergleich zu Placebo. An dieser Stelle geben die Studienautoren zu bedenken, dass die medizinische Betreuung und Aufmerksamkeit, die den Patienten in der Studie zuteil wurde, einen Effekt, den die Psychotherapie in der realen Praxissituation möglicherweise hat, überdeckt haben könnte.

Schwelle zur antidepressiven Therapie senken

Die Studienautoren und begleitende Kommentatoren im Journal of the American Medical Association fordern, dass Koronarpatienten mit depressiven Symptomen mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (z. B. Citalopram, Sertralin) behandelt werden, außerdem sollten sie medizinisch betreut und beraten werden. Eine zusätzliche interpersonelle Psychotherapie scheint keinen weiteren Nutzen zu bringen.

Wünschenswert wären große randomisierte Studien mit längerem Beobachtungszeitraum, um möglicherweise den vermuteten Effekt der Antidepressiva auf die Sterblichkeit zu zeigen. Im Kommentar wird darauf hingewiesen, dass ironischerweise eine Herabsetzung der Schwelle zur antidepressiven Therapie bei Koronarpatienten basierend auf den bisherigen Daten, auch dazu führen kann, dass eine solche größere Studie nie durchgeführt wird.

Quelle

Lespérance F, et al.: Effects of citalopram and interpersonal psychotherapy on depression in patients with coronary artery disease. The Canadian cardiac randomized evaluation of antidepressant and psychotherapy efficacy (CREATE) trial. J. Am. Med. Assoc. 297 , 367-379 (2007).

Glassman A, et al. Antidepressants in coronary heart disease. SSRIs reduce depression, but do they save lives? J. Am. Med. Assoc. 297 , 411-412 (2007).

Apothekerin Bettina Martini
Erst Herzinfarkt dann Depression
Die Diagnose koronare Herzerkrankung trifft vermeintlich gesunde Menschen häufig unerwartet. Es folgt die Angst, den Aufgaben des Lebens nicht mehr in vollem Umfang gewachsen zu sein oder sogar zu sterben. Statistiken zeigen, dass 17 bis 27% der Patienten nach einem Herzinfarkt bereits im Krankenhaus eine Depression entwickeln. Bei etwa jedem zehnten entwickeln sich schwere depressive Episoden. Das ist kontraproduktiv, denn die Depression selbst ist ein schlechter prognostischer Faktor für Koronarpatienten.

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