Nahrungsergänzungsmittel

  • Energiebereitstellung (z. B. Fette und Kohlenhydrate),
  • Bausubstanzen für Zellen und Gewebe (z. B. Proteine, verschiedene Mineralstoffe),
  • Bestandteile von Hormonen und anderen Regulationsfaktoren (z. B. Jod, Zink)
  • Cofaktoren von enzymkatalysierten Reaktionen (z. B. B-Vitamine, Magnesium, Zink),
  • Endokrine Wirkungen (z. B. Vitamin D, Phytoöstrogene),
  • Beteiligung an Biotransformation und Detoxifikation (z. B. Polyphenole, Vitamin C)
  • Modulation der Zellkommunikation (z. B. Carotinoide),
  • Inhibierung von Tumorwachstum und -infiltration (z. B. Polyphenole)
  • Regulation gastrointestinaler Funktionen (z. B. Ballaststoffe),
  • Bestandteile antioxidativer Systeme (z. B. Vitamine E, C, Carotinoide, Polyphenole, Selen)
  • Beeinflussung von Signaltransduktion und Genexpression (z. B. Vitamin A, D, B6)
Abb. 1: Physiologische Bedeutung von Nährstoffen [Hahn et al. 2004]
Tab. 1: Kritische Mikronährstoffe in der Allgemein-

bevölkerung [Hahn et al. 2004]:
Nährstoff
Tägliche Zufuhrempfehlung (19 – 65 Jährige)
Anteil der Bevölkerung der die empfohlene
Zufuhr nicht erreicht
Calcium
1000 mg
33 (m) bzw. 41 (w) %
Jod
200 µg1
k.A.2
Vitamin E
12 (w) bzw. 15 (m) TÄ3
55 (m) bzw. 58 (w) %
Vitamin D
5 µg/d
82 (m) bzw. 90 (w) %
Folsäure
400 µg FÄ4,5
83 (m) bzw. 90 (w) %

1 ab 51 Jahre 180 µg/d
2 k.A.: keine Angabe: Aufgrund der verbreiteten Verwendung von jodiertem Speisesalz im Haushalt nicht abschätzbar
3 Tocopherol-Äquivalente
4 Folsäure-Äquivalente
5 Frauen im gebärfähigen Alter wird geraten zusätzlich 400 µg FÄ/d in Form von Nahrungsergänzungsmitteln zuzuführen, um Neuralrohrdefekten vorzubeugen.
Tab. 2: Bevölkerungsgruppen, bei welchen eine Supplementierung bestimmter Mikronährstoffe sinnvoll sein kann.
Personenkreis
Ursachen/(Patho)physiologische
Veränderungen
Kritische
Mikronährstoffe
Literatur
(multimorbide) Senioren
  • Pharmakotherapie
  • Atrophische Gastritis
  • Eingeschränkte Nahrungsauswahl und Nahrungsaufnahme
Häufig:

Cobalamin; Folsäure,
Vitamin D, Calcium, Jod, Vitamin E
Seltener:

Vitamin B6 , Eisen, Zink,
Ströhle et al. 2005a;
Wolters et al. 2004;
Hahn 2006
Schwangere und Stillende
Neubildung fetalen und
mütterlichen Gewebes
Verluste über die Muttermilch
Pharmakotherapie
Folsäure, Vitamine B1 und B6 , Eisen, Jod Calcium
Hahn 2006
Leistungssportler
Schweißverluste
Oxidative Belastung
Enzyminduktion
Hämatopoese
Eisen, Zink, Vitamine B1 und B6
Hahn 2006, Hülsmann und Hahn 2006
Veganer
Eingeschränkte
Nahrungsauswahl
Häufig:

Vitamin B12 , Jod
Seltener:

Vitamin B6 , Eisen
Ströhle et al.
Tab. 3: Übersicht von Studien zum Effekt einzelner Vitamine und Mineralstoffe in der Primärprävention
Assoziation
Studientyp
Ergebnisse
Folsäure und
Koronare
Herzkrankheit
(KHK)
Kohortenstudien
  • Retrospektive Kohortenstudie: Assoziation zwischen niedrigen Serumfolatspiegeln und erhöhtem KHK-Risiko [Morrison et al. 2000].
  • Prospektive Kohortenstudie: Inverse Assoziation zwischen der Aufnahme von Folat und und dem KHK-Risiko [Rimm et al. 1998].
Metaanalysen
  • Folat senkt Plasma-Homocysteinspiegel um 25%; in Kombination mit B12 um weitere 7% [NN 1998],
  • Senkung des HC-Serum-Spiegels um 3 µmol/l lässt bei KHK eine Risikoreduktion um 16% erwarten [Wald et al. 2002]. Risikoreduktion ist umso ausgeprägter, je stärker die HC-Senkung ist [Wald et al. 2006]
laufende Studien
Derzeit werden einige große klinische Studien zur Primärprävention der KHK durchgeführt [Bostom et al. 2000].
Folsäure und
kolorektales
Karzinom
Kohortenstudien
Vermindertes Risiko bei Personen, die langjährig folsäurehaltige Multivitaminpräparate einnehmen [Ströhle et al. 2005b].
Metaanalyse
  • Fall-Kontroll- bzw. Kohortenstudien: Hohe Folsäureaufnahme über die Nahrung vermindert das Erkrankungsrisiko um 24 bzw. 25% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr. Dagegen ist die Gesamtfolatzufuhr (Nahrung und Supplemte) nur mit einem geringen Schutzeffekt assoziiert (Risikoreduktion 19 bzw. 5%) [Sanjoaquin et al. 2005].
Folsäure und
Mammakarzinom
Kohortenstudien
Inverse Korrelation zwischen der Folatzufuhr und dem Brustkrebsrisiko bei Frauen mit Alkoholzufuhr, nicht aber bei Frauen, die keinen Alkohol zu sich nehmen [Zhang et al. 1999, Rohan et al. 2000, Sellers et al. 2001].
Metaanalyse
  • Fall-Kontroll-Studien: Hohe Folsäureaufnahme vermindert das Erkrankungsrisiko um 20% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr [Larsson et al. 2007].
  • Kohortenstudien: Kein genereller Schutzeffekt nachgewiesen; Ausnahme: Personen mit moderatem und hohem Alkoholkonsum [Larsson et al. 2007].
Folsäure und
Lungenkrebs
Metaanalyse
Kohortenstudien: Hohe Folsäureaufnahme über die Nahrung vermindert das Erkrankungsrisiko um 12% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr. Dagegen ist die Gesamtfolatzufuhr (Nahrung und Supplemte) mit keinen Schutzeffekten assoziiert [Cho et al. 2006].
Folsäure
und Neural-
rohrdefekte
Kohortenstudie
Einnahme von folsäurehaltigen Multivitaminen während der ersten 6 Wochen der Schwangerschaft reduziert das Risiko für Neuralrohrdefekte deutlich [Milunsky et al. 1989].
Randomisierte
Studien
Perikonzeptionelle Folsäuresupplementierung senkt das Risiko für Neuralrohrdefekte [MRC Vitamin Study Research Group 1991].
Vitamin E und
koronare
Herzkrankheit
(KHK)
Kohortenstudien
Langjährige Einnahme Vitamin-E-haltiger Supplemente scheint das KHK-Risiko zu vermindern, wenngleich die Datenlage uneinheitlich ist [Literatur bei Siekmeier et al. 2006].
Randomisierte
Studien
Mehrzahl der Studien zeigt keinen kardiovaskulär-protektiven Effekt Vitamin-E-haltiger Supplemente [Literatur bei Siekmeier et al. 2006].
Metaanalyse
  • Kohortenstudien: Hohe Vitamin-E-Aufnahme über die Nahrung vermindert das Erkrankungsrisiko um 16% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr. Dagegen scheint von höher dosierten Vitamin-E-Supplementen kein protektiver Effekt auszugehen [Knekt et al. 2004].
  • Interventionsstudien: Protektiver Effekt von Vitamin-E-Supplementen unwahrscheinlich [Vivekananthan et al. 2003; Eidelman et al. 2004]
Vitamin E und Prostatakrebs
Kohortenstudien
Inverse Assoziation zwischen der Vitamin-E-Zufuhr und dem Prostatakrebsrisiko speziell bei Rauchern [Chan et al. 1999, Gann et al. 1999].
Randomisierte
Studie
Vitamin E bewirkt geringere Morbidität bzw. Mortalität bei Prostatakrebs [Beta Carotene Cancer Prevention Study Group 1994].
Vitamin E und Lungenkrebs
Metaanalyse
  • Kohortenstudien: Hohe Vitamin-E-Aufnahme über die Nahrung vermindert das Erkrankungsrisiko um 14% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr. Dagegen ist die Gesamt-Vitamin-E-Zufuhr (Nahrung und Supplemente) mit keinen Schutzeffekten assoziiert [Cho et al. 2006].
Vitamin E und gastrointestinale Krebserkrankungen
Metaanalyse
Kein Schutzeffekt Vitamin-E-haltiger Supplemente [Bjelakovic et al. 2004].
Vitamin E und Morbus Parkinson
Metaanalyse
Kohortenstudien: Hohe Vitamin-E-Aufnahme über die Nahrung vermindert das Erkrankungsrisiko um 22% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr [Etminan et al. 2005].
Vitamin D und Krebserkrankungen des
Kolons und der Brust
Beobachtungs-
studien
Vermehrte Sonnenexposition ist mit einem verminderten Erkrankungsrisiko assoziiert [Krause et al. 2006].
Inverse Assoziation zwischen Vitamin-D-Aufnahme bzw. Vitamin-D-Status und dem Erkrankungsrisiko [Chui et al. 2006].
Vitamin D und Knochenmasse
Metaanalyse
  • Vitamin D, insbesondere seine hydroxylierten Derivate, erhöht die Knochendichte bei postmenopausalen Frauen
  • Vitamin D vermindert das Frakturrisiko insbesondere im vertebralen Bereich. [Papadimitropoulos et al. 2002].
Vitamin D und Stürze im Alter
Randomisierte
Studien
Vitamin D kann das Risiko für Stürze im Alter um mehr als 20% reduzieren [Bischoff-Ferrari et al 2004].
Vitamin C und Krebserkrankungen
Fall-Kontroll-
Studien und
Kohortenstudien
Inverse Assoziation zwischen der Vitamin-C-Aufnahme über die Nahrung und dem Risiko verschiedener Organtumore [Carr und Frei 1999].
Vitamin C und Lungenkrebs
Metaanalyse
  • Kohortenstudien: Hohe Vitamin-C-Aufnahme über die Nahrung vermindert das Erkrankungsrisiko um 14% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr. Dagegen ist die Gesamt-Vitamin-C-Zufuhr (Nahrung und Supplemente) mit keinen Schutzeffekten assoziiert [Cho et al. 2006].
Vitamin C und gastrointestinale Krebserkrankungen
Metaanalyse
Kein Schutzeffekt Vitamin-C-haltiger Supplemente [Bjelakovic et al. 2004].
Vitamin C und Koronare Herzkrankheit
Fall-Kontroll-
Studien und
Kohortenstudien
Inverse Assoziation zwischen der Vitamin-C-Zufuhr und dem KHK-Risiko [Carr und Frei 1999].
Metaanalyse
Kohortenstudien: Langjährige Einnahme Vitamin-C-haltiger Supplemente (>700 mg/Tag) vermindert das Erkrankungsrisiko um 25% [Knekt et al. 2004].
Vitamin C und Morbus Parkinson
Metaanalyse
Kohortenstudien: Kein Schutzeffekt von Vitamin C aus der Nahrung [Etminan et al. 2005].
Selen und Krebserkrankungen
Beobachtungs-
studien
Inverser Zusammenhang zwischen Selenzufuhr und dem Auftreten von Krebserkrankungen, insbesondere der Verdauungsorgane und der Prostata [Hülsmann et al. 2005; Brinkman et al. 2006]]
Intervention
sstudien
Langjährige Zufuhr eines Selensupplements (200µg/Tag) senkt Gesamtsterblichkeit an Krebs um 50%, das Auftreten von Prostatakrebs um 63%, das von Dick- bzw. Lungenkrebs um 58% bzw. 46% [Clark et al. 2006]
Metaanalyse
Kohortenstudien: Hohe Selenaufnahme über die Nahrung vermindert das Risiko für Prostatatumoren um 28% im Vergleich zu einer niedrigen Zufuhr. [Etminan et al. 2005]].
Tabelle 4a: Gegenüberstellung der Kenndaten von Nährstoffen (EFSA/SCF, 2006; Vitamine DACH; IOM, 1997 / 1998 / 2000 / 2001)
Nährstoff
(Vitamine)
Einheit
Referenzwert zur Nährwertkennzeichnung der
Anlage 1 NKV*
Empfohlene Zufuhr
(25 – 51 Jahre DACH)
UL1 (EFSA/SCF)
UL1 (IOM)
m
w
Vitamin A
mg RÄ2
0,8
1,0
0,8
3,0
3,0
Vitamin D
µg
5
5
50
50
Vitamin E
mg TÄ3
10
14
12
300
1000
Vitamin K
µg
70
60
Vitamin B1
mg
1,4
1,
1,0
Vitamin B2
mg
1,6
1,4
1,2
Vitamin B6
mg
2
1,5
1,2
25
100
Vitamin B12
µg
1
3
Folsäure
µg FÄ4
200
400
1000
1000
Niacin
mg
18
16
13
35
Nicotinsäure
mg
10
Nicotinsäureamid
mg
900
Biotin
µg
150
30 – 60
Pantothensäure
mg
6
6
Vitamin C
mg
60
100
2000
Tabelle 4b: Gegenüberstellung der Kenndaten von Nährstoffen (EFSA/SCF, 2006; Vitamine DACH; IOM, 1997 / 1998 / 2000 / 2001)
Nährstoff
(Mineralstoffe)
Einheit
Empfohlene Tagesdosis der Anlage 1 NKV
Empfohlene Zufuhr
(25 – 51 Jahre DACH)
UL1 (EFSA/SCF)
UL1 (IOM)
m
w
Calcium
mg
800
1000
2500
2500
Magnesium
mg
300
400
310
2505
3506
Phosphor
mg
800
700
4000
Kalium
mg
2000
Eisen
mg
14
10
15
45
Kupfer
mg
1 – 1,5
5
10
Zink
mg
15
10
7
25
40
Mangan
mg
2 – 5
11
Jod
µg
150
200
600
1100
Chrom
µg
30 – 100
7
Molybdän
µg
50 – 100
600
2000
Selen
µg
30 – 70
300
400
Fluorid
mg
3,8
3,1
7
10

*Werte auch abgedruckt in der amtlichen Mitteilung des ALS, JVL 2006, 169
1 Tolerable Upper Intake Level.
2 Retinoläquivalent.
3 Tocopheroläquivalent.
4 Folsäureäquivalent.
5 Für den Zusatz von Magnesiumverbindungen zu Lebensmitteln des allgemeinen Verzehrs einschließlich Nahrungsergänzungsmitteln.
6 Wert nur für Zufuhr aus Supplementen und angereicherten Lebensmitteln
7 WHO: 250 µg/Tag aus Supplementen
Tab. 5: Denkbare Einsatzgebiete für ergänzende bilanzierte Diäten (die Aufführung berücksichtigt nicht die exakte diätetische Zweckbestimmung und erfolgt ohne Wertung der jeweiligen wissenschaftlichen Evidenz)
Erhöhte Cholesterolspiegel
Erhöhte Homocysteinspiegel
Diabetes mellitus Typ 1 / Typ 2
"atherosklerosebedingten Gefäßschäden"
Reduzierte Immunabwehr nach Operationen
Vitamin-B12-Mangel durch chronisch atrophische Gastritis
Rheumatoide Arthritis
Altersbedingte Makuladegeneration
Osteoporose
Konsumierende Erkrankungen mit Hypermetabolismus
Nierenfunktionsstörungen
Malabsorption und Maldigestion
Malnutrition und Kachexie
Lebererkrankungen
Tab. 6: Mögliche Beurteilungskriterien für ergänzende
bilanzierte Diäten.
  • Ist die deklarierte Indikation eindeutig und existiert diese überhaupt?
  • Kann diese Krankheit, Störung oder das Beschwerdebild nach allgemeiner Auffassung überhaupt diätetisch unterstützt werden?
  • Wenn grundsätzlich ein diätetisch beeinflussbarer Zustand vorliegt: Ist das Produkt von seinen Inhaltsstoffen und deren Dosierung geeignet, nutzbringend eingesetzt zu werden?
  • Wird auf dem Produkt oder im Beipackzettel plausibel erklärt, warum es so zusammengesetzt ist?
  • Ist der Hersteller in der Lage, den Nutzen des Präparates für die Zielgruppe zu belegen?
  • Bietet der Hersteller weitergehende (und ausgewogene) Informationen zum Thema an?
Infokasten 1: Nährstoffbedarf und Nährstoffempfehlungen
Nährstoffbedarf:
Bezeichnet die Menge eines Nährstoffs, die bei einem Individuum zugeführt werden muss, um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen (Aufrechterhaltung aller Körperfunktionen, keine biochemisch oder klinisch nachweisbaren Mangelerscheinungen). Der Bedarf für die einzelnen Nährstoffe ist eine individuelle, auf den einzelnen Menschen in seiner jeweiligen Situation bezogene Größe, die daher zahlreichen exogenen und endogenen Einflüssen (u. a. Lebensalter, Geschlecht, Gesundheitszustand, Einnahme von Medikamenten) unterliegt und bereits von Tag zu Tag schwanken kann. Eine genaue Bestimmung ist daher nur unter exakt definierten experimentellen Bedingungen möglich und in vielen Fällen bis heute nur ansatzweise realisiert. Ein wesentlicher Grund hierfür besteht in experimentellen und methodischen Limitationen. So wäre z. B. hierzu vielfach ein gezieltes Mangelexperiment notwendig, was sich schon aus ethischen Erwägungen beim Menschen verbietet. Aus diesem Grund werden neben experimentellen Daten auch Ergebnisse epidemiologischer Untersuchungen berücksichtigt. Hierbei wird an größeren Bevölkerungsgruppen der biochemische oder klinische Ernährungszustand erfasst und versucht, dies mit der ermittelten Nahrungsaufnahme in Verbindung zu setzen. Dadurch lassen sich für eine Bevölkerungsgruppe Anhaltspunkte dafür gewinnen, welche Nährstoffmenge bedarfsdeckend ist.
Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr:
Von wissenschaftlichen Fachgremien herausgegebene Vorgaben, die dazu dienen, der Bevölkerung eine Orientierungshilfe zur wünschenswerten Nährstoffzufuhr zu geben. In Deutschland werden diese von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Kooperation mit den österreichischen und schweizerischen Fachgremien erarbeitet und in Form der "Referenzwerte für die Nährstoffzufuhr" ausgegeben. Die Werte sind dabei so bemessen, dass sie die Nährstoffversorgung nahezu aller Personen (97,5%) der jeweiligen Bevölkerungsgruppe sicherstellen sollen. Sie liegen deshalb höher als der durchschnittliche Nährstoffbedarf. Grundsätzlich gelten die Empfehlungen für die Nährstoffzufuhr für gesunde Personen. Ein erhöhter Nährstoffbedarf, wie er sich unter bestimmten physiologischen Anforderungen (schwere physische Belastungen, extreme Klimabedingungen, chronische Erkrankungen oder starke Fremdstoffbelastungen) ergibt, wird nicht oder nur teilweise berücksichtigt.
Infokasten 2: Wichtige Studientypen der Ernährungsepidemiologie; vereinfacht [Hahn et al. 2004]
Deskriptive Studien:
Sie dienen dazu, das Ernährungsverhalten sowie die Nährstoffaufnahme bzw. die Häufigkeit bestimmter Erkrankungen eines definierten Kollektivs zu beschreiben. Dies geschieht z.B. mit Hilfe von Querschnittsstudien, die einen repräsentativen Überblick über die Ernährungssituation einer definierten Population vermitteln.
Rein deskriptiven Charakter besitzen auch ökologische Studien (Korrelationsstudien). Hierbei wird z. B. der aus nationalen Konsumdaten ermittelte durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch eines Lebensmittels in Beziehung gesetzt zu den Mortalitätsraten einer definierten Erkrankung. Mittels statistischer Verfahren lassen sich Korrelationen ermitteln, die Hinweise darauf geben, inwieweit der Pro-Kopf-Verzehr eines Lebensmittels (z. B. Fleisch) mit der Sterblichkeit an bestimmten Erkrankungen (z. B. Kolorektales Karzinom) in Verbindung steht. Generell ist die Validität und Aussagekraft ökologischer Studien gering, so dass sie sich ausschließlich zur Hypothesenbildung eignen.
Analytische Studien:
Mit ihrer Hilfe wird versucht zu ermitteln, in welchem Maße das Ernährungsverhalten bzw. einzelne Ernährungsfaktoren ursächlich mit bestimmten Erkrankungen in Verbindung stehen. Dabei kommen vor allem zwei Studientypen zum Einsatz. Fall-Kontroll-Studien überprüfen, wie sich die Ernährungsweise erkrankter Personen (Gruppe der Fälle) von denen Gesunder (Gruppe der Kontrollen) in der Vergangenheit unterschieden hat. Das Studiendesign bzw. der Einsatz statistischer Verfahren macht es möglich, eine Aussage darüber zu treffen, inwieweit einzelne Ernährungsfaktoren das Erkrankungsrisiko beeinflussen. Allerdings ist die Aussagekraft solcher Studien eingeschränkt, da ihr retrospektives Design anfällig ist gegenüber Störgrößen.
Demgegenüber sind die prospektiv angelegten Kohortenstudien von vergleichsweise hoher Aussagekraft. Hiermit lässt sich der Zusammenhang zwischen einer bestimmten Ernährungsweise und dem Erkrankungsrisiko gesunder Personen ermitteln. Geeignete statistische Verfahren (Multivarianz-Analyse) machen es möglich, potentielle Störgrößen zu eliminieren und erhöhen damit die Validität und Aussagekraft derart gewonnener Daten. Problematisch ist allerdings die Schwierigkeit, alle Störgrößen zu beachten und das Ernährungsverhalten langfristig genau zu erfassen.
Experimentelle Studien:
Der Beweis für die kausale Beziehung zwischen Ernährungsfaktoren und dem Erkrankungsrisiko kann nur mit Hilfe von randomisierten kontrollierten klinischen Interventionsstudien eindeutig erbracht werden. Durch die als Randomisierung bezeichnete Zufallszuteilung der Probanden in die unterschiedlichen Interventionsgruppen (z. B. Verum oder Placebo) lassen sich mögliche Strukturungleichheiten und Störgrößen weitest gehend eliminieren. Studien ohne Randomisierung besitzen eine geringere Aussagekraft, da der beobachtete Effekt auch auf andere Einflussgrößen zurückgehen kann.
Infokasten 3: Ableitung der toxikologischen Eckdaten von Nährstoffen
Mit steigender Aufnahme eines Nährstoffes verringert sich innerhalb einer Bevölkerungsgruppe zunächst das Risiko einer unzureichenden Versorgung (siehe Abb. 2) Der EAR (estimated average requirement) gibt die Zufuhrmenge an, bei der 50 % einer Population nach allgemeiner Auffassung ausreichende Mengen des Nährstoffs erhalten. Die empfohlene Nährstoffzufuhr (RDA = Recommended Dietary Allowance) ist dagegen so beschaffen, dass "nahezu die gesamte Bevölkerung" (statistisch 97,5 % eines Kollektivs) ausreichend mit Nährstoffen versorgt wird. Mit weiter steigender Dosis wird dann ein Indifferenzbereich durchschritten, innerhalb dessen sich nach klassischem Verständnis keine weitere Funktionsverbesserung ergibt, aber auch keine unerwünschten Wirkungen auftreten. Noch höhere Zufuhren führen schließlich zu einem sukzessiv zunehmenden Risiko für unerwünschte Effekte und Nebenwirkungen.
Erste unerwünschte Wirkungen werden im Bereich des LOAEL (lowest observed adverse effect level) beobachtet. Dieser ist allerdings für viele Vitamine nicht bestimmt. Daher erfolgt eine Orientierung am NOAEL (no observed adverse effect level), der Dosis eines Vitamins, bei der keine Nebenwirkungen beobachtet wurden. Aufgrund der unterschiedlichen Qualität der vorliegenden Daten und vor dem Hintergrund, dass die beobachteten Nebenwirkungen einen unterschiedlichen Schweregrad besitzen, werden die NOAEL-Werte durch einen Faktor dividiert, der diesen Unsicherheiten Rechnung trägt. Die resultierenden Werte werden als Tolerable Level of Upper Intake (UL) bezeichnet. Sie geben Vitamindosierungen an, die insgesamt langfristig vom Gesunden nicht überschritten werden sollte. Zu berücksichtigen ist also die Zufuhr aus allen Quellen ("normale" Lebensmittel, angereicherte Produkte, Getränke, Nahrungsergänzungsmittel). Grundsätzlich ist deshalb dringend davon abzuraten, Vitamine in Dosierungen aufzunehmen, die den UL übersteigen. Kritisch zu bewerten und auch im Sinne der lebensmittelrechtlichen Vorgaben abzulehnen sind deshalb z. B. Nahrungsergänzungsmittel, die solche extremen Dosierungen aufweisen.

Tab. 3 (Fortsetzung)
Assoziation
Studientyp
Ergebnisse

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