Arzneimittel und Therapie

Testosteronpflaster Intrinsa®

Lustpflaster mit Nischenindikation

Der Einführung von Intrinsa® , einem Testosteron-haltigen Pflaster zur Libidosteigerung für Frauen, sind viele Schlagzeilen vorausgegangen. Ein Viagra® für Frauen kann und soll dieses Präparat nicht sein. Doch für welche Frauen wurde es entwickelt? Wer kann davon profitieren? Darüber haben wir mit der Gynäkologin Dr. Anneliese Schwenkhagen, Hamburg, gesprochen.

DAZ Das Testosteronpflaster Intrinsa wurde entwickelt, um die Libido der Frau zu steigern. Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA stand diesem Unternehmen mit großer Skepsis gegenüber und hat schon 2004 eine Zulassung von Daten zu Langzeitnebenwirkungen abhängig gemacht. Warum?

Schwenkhagen: Die Reaktion der FDA lässt sich wohl nur vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit der WHI-Studie zur Hormonsubstitution bei Frauen verstehen, bei der sich ja im Östrogen/Gestagen-Arm eine leichte Erhöhung des Brustkrebsrisikos fand. Gerade im Hinblick auf das Thema Brustkrebs ist die Datenlage zu Testosteron widersprüchlich. Während die FDA das Pflaster nicht ohne Ergebnisse aussagekräftiger Langzeitstudien zulassen will, bevorzugt die europäische Zulassungsbehörde EMEA ein anderes Vorgehen. Wie bei der Zulassung von neuen Substanzen üblich, hat sie die Zulassung des Testosteronpflasters an einen Risk-Management-Plan geknüpft, der den Hersteller dazu verpflichtet, die Auswirkungen der Anwendung des Testosteronpflasters auf das Mammakarzinomrisiko und Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu prüfen. Um diese Risiken zu erfassen, wurde die Durchführung einer Langzeitstudie vereinbart, die über fünf bis sieben Jahre laufen soll und in die mehr als 10.000 Patientinnen eingeschlossen werden sollen.

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Werden damit Frauen in Europa einem unkalkulierbaren Risiko ausgesetzt?

Schwenkhagen: Die Studien, die zur Zulassung des Testosteronpflasters durchgeführt wurden, liefen über 24 Wochen. Anschließend wurden sie als Erweiterungsstudie bis zu einer Dauer von drei Jahren weiter fortgeführt. Innerhalb dieser drei Jahre fand sich keine klinisch relevante Zunahme unerwünschter Ereignisse. Wie bei allen anderen Medikamenten auch, können natürlich nach jahrelanger Anwendung mit großen Patientenzahlen dennoch neue Nebenwirkungen beobachtet werden, die vorher nicht aufgefallen sind. Wenn wir aber wissen, dass eine Substanz in einer bestimmten Indikation wirksam ist und Patienten damit geholfen werden kann, erscheint es mir geradezu Patienten-feindlich, mit der Zulassung solange zu warten, bis man auch das letzte Risiko ausgeschlossen hat. Unabhängig davon muss natürlich jede Patientin im Rahmen eines Beratungsgesprächs über die bekannten Nutzen und Risiken der Therapie adäquat aufgeklärt werden.

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Intrinsa® ist bei uns zugelassen, um bei Frauen in der sogenannten chirurgischen Menopause, also nach der Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken, die Libido zu steigern, wenn sie unter mangelndem sexuellen Verlangen leiden. Wie viele Frauen sind das in Deutschland?

Schwenkhagen: Hier gibt es keine eindeutigen Zahlen. Die Zahl der Frauen, denen Gebärmutter und Eierstöcke entfernt werden, liegt einer Schätzung zu Folge in einer Größenordnung von 20.000 Eingriffen pro Jahr. Hinzu kommen noch die Frauen, denen entweder Gebärmutter oder Eierstöcke entfernt werden. Natürlich leidet nicht jede von diesen Frauen unter sexueller Lustlosigkeit. Gerade junge, prämenopausale Patientinnen, die chirurgisch in die Menopause versetzt werden, haben extrem ausgeprägte Beschwerden, zu denen häufig auch ein unbefriedigendes Sexualleben zählt. In dieser Gruppe leidet etwa die Hälfte der betroffenen Frauen sehr unter ihrer sexuellen Lustlosigkeit. Diese sicher kleine Gruppe von Patientinnen wird von dem neuen Testosteronpflaster profitieren.

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Was können diese Frauen von dem Testosteronpflaster konkret erwarten? Den Unterlagen der EMEA ist zu entnehmen, dass Frauen nach einer sechsmonatigen Anwendung des Testosteronpflasters fünf sexuell befriedigende Erlebnisse innerhalb von vier Wochen hatten, nach einer Placebobehandlung immerhin vier im gleichen Zeitraum. Rechtfertigt der auf den ersten Blick geringe Unterschied die Behandlung?

Schwenkhagen: In dieser zitierten Studie gab es einen ausgeprägten Placeboeffekt. Er lässt sich dadurch erklären, dass im Rahmen der Studie das Thema Sexualität bei den Patientinnen und ihren Partnern besonders thematisiert wurde. Das hat schon zu einem anderen Sexualerlebnis geführt. Wie relevant der zunächst geringe, wenn auch statistisch signifikante Unterschied für die Frauen war, hat eine Nachuntersuchung vor Entblindung der Studie an einer repräsentativen Gruppe von 132 Frauen gezeigt. Auf die Frage, ob die Behandlung für sie von bedeutungsvollem Nutzen gewesen sei, beispielsweise hinsichtlich der Häufigkeit sexuell befriedigender Kontakte, besserer Libido oder weniger Stress, antworteten signifikant mehr Patientinnen aus der Verumgruppe mit ja. Statt einem sexuell befriedigendem Ereignis mehr, hatten diese Frauen im Durchschnitt vier positive Erlebnisse mehr. Darüber hinaus muss man sich klar machen, dass für Frauen nicht nur die Quantität sexueller Kontakte, sondern vor allem die Qualität eine entscheidende Rolle zu spielen scheint. All das rechtfertigt meiner Meinung nach eine Testosteronbehandlung.

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Auch vor dem Hintergrund möglicher androgener Nebenwirkungen?

Schwenkhagen: Dazu ist zu sagen, dass in den placebokontrollierten Studien kein statistisch signifikanter Unterschied in der Nebenwirkungshäufigkeit zu finden war. Auf Nachfrage hin gab es in den Verumgruppen eine Tendenz zu mehr androgenen Nebenwirkungen. Doch der Benefit der Therapie war für die Frauen in der Regel wichtiger als ein weiteres Haar am Kinn. Generell ist zu sagen, dass mit dem Testosteronpflaster der Testosteronspiegel nur innerhalb des physiologischen Normbereichs ansteigt und somit schon prinzipiell mit deutlich weniger Nebenwirkungen zu rechnen ist als unter einer schwerer zu dosierenden Therapie mit Testosteronpräparaten, die für Männer entwickelt wurden.

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Wie groß ist Ihrer Meinung nach die Gefahr, dass Intrinsa® nicht doch zum Viagra® für Frauen avanciert? Denn der Wunsch nach einem befriedigenderen Sexualleben ist sicher auch bei vielen anderen Frauen groß.

Schwenkhagen: Die PDE-5- Hemmer, wie Viagra® werden bei Bedarf eingesetzt, das Testosteronpflaster ist hingegen eine Dauermedikation, die wirksam ist, wenn an der Entstehung der sexuellen Lustlosigkeit, unter der die Patientin leidet, ein Testosteronmangel beteiligt ist. Gegen ein Paarproblem, die abnehmende Attraktivität des Partners, Lustkiller wie Stress, Schlafmangel, Depressionen oder die sich in länger andauernden Beziehungen oft einschleichende Lustlosigkeit hilft das Pflaster nicht. Ich glaube daher nicht, dass das Pflaster zu einem "Viagra® für Frauen" avancieren wird.

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Welche Risiken würde eine Anwendung außerhalb der zugelassenen Indikation bergen?

Was die Risiken der Testosteronpflaster bei einer Anwendung außerhalb der Zulassung angeht, muss man sich immer wieder klar machen, dass es sich hierbei um ein niedrig dosiertes für Frauen entwickeltes Pflaster handelt, was nichts mit den Präparaten, die für Männer entwickelt worden sind, zu tun hat, die in der Vergangenheit auch für Frauen eingesetzt worden sind, da es ja kein entsprechendes Präparat für Frauen gab. Die Dosierungen dieser für Männer gedachten Präparate sind natürlich viel zu hoch. Somit ist es nicht verwunderlich, dass oft massive Nebenwirkungen und Vermännlichungssymptome auftraten. So etwas ist bei dem neuen Testosteronpflaster nicht zu erwarten.

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Frau Dr. Schwenkhagen, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Das Gespräch führte Dr. Doris Uhl.

Dr. Anneliese Schwenkhagen

Gynäkologicum Hamburg

Praxis für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin

Altonaerstr. 59

20357 Hamburg
Gestörte Libido nach Radikaloperation: Testosteronpflaster für die Frau soll Lust wieder beleben
DAZ 2006, 48, S. 38 - 41

Dr. Anneliese Schwenkhagen