Das Vertrauen der Patienten schwindet

Berlin (ks). Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz wurde seitens der Bundesregierung als eine Reform angepriesen, die den Patienten in den Mittelpunkt stellt. Doch ist dies in der Praxis wirklich der Fall? Und was erwarten die Player im Gesundheitswesen von der Zukunft? Um diese Fragen zu diskutieren, lud der Branchenverband Pro Generika am 30. Oktober zum zweiten Berliner Dialog am Mittag. Mit von der Partie war auch die Präsidentin der Bundesapothekerkammer, Magdalene Linz.

Pro Generika lädt zum Dialog über sieben Monate Gesundheitsreform

Gleich zu Beginn der Diskussion machte Manfred Pfeiffer, der Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Versicherte und Patienten, deutlich: Für den Patienten ist mit der jüngsten Reform nichts besser geworden. Wer in das Gesundheitssystem eintritt, geht nach wie vor in eine "Dunkelkammer", unwissend, was ihn erwartet und mit ständigen Änderungen konfrontiert – so auch bei Arzneimittelverordnungen. In der Apothekerschaft ist der Zweifel ebenfalls groß, dass die Patienten bislang von der Reform profitieren konnten. Schließlich waren in den Apotheken die Schwierigkeiten mit den Rabattverträgen das beherrschende Thema der vergangenen sieben Monate. Linz betonte, dass ein verstärkter Dialog zwischen Apotheker und Patient zwar gut sei – nur sei es an der Zeit, diesen wieder konstruktiv zu führen. Dazu wünscht sie sich künftig Verträge, die Apothekern einen Korridor mit Wahlmöglichkeiten eröffnen. Müssten sich die Patienten nicht fragen, warum sie statt einer weißen nun eine rote Tablette einnehmen sollen, wäre viel für die Compliance der Patienten erreicht, so Linz – und diese sei letztlich auch Geld wert. Ratiopharm-Chef Philipp Daniel Merckle, würdigte die Beratung der Apotheker zu Rabattarzneimitteln. Doch wenn sie am Ende den Kunden kein Mittel mitgeben könnten, sei es nicht verwunderlich, wenn der Patient denke, auf dieses System könne er sich nicht verlassen. Der Politik warf Merckle Ignoranz vor: Sie habe eine "entlastende Regelung auf Kosten von Vertrauen und Glaubwürdigkeit" geschaffen – "und das können wir uns am wenigsten leisten".

Thematisiert wurde auch die Zukunft der Apotheken. Linz räumte ein, dass der Markt sich bewege. So sind etwa Discount- und Franchise-Modelle im Kommen – für die BAK-Präsidentin ist dies so lange in Ordnung, wie sichergestellt ist, dass der Apotheker wirtschaftlich unabhängig bleibt und seinen Patienten gegebenenfalls auch von einem Arzneimittel abraten kann. Kritischer betrachtet sie Bestell- und Abholstellen für Arzneimittel außerhalb von Apotheken. Was in nordrhein-westfälischen dm-Märkten begann, soll nun schon manch eine Tankstelle nachahmen, berichtete Linz. "Diese Beliebigkeit muss korrigiert werden", forderte sie. Dennoch sieht die BAK-Präsidentin nicht schwarz für die Apotheker: "Wer flexibel und patientenorientiert ist, muss sich nicht fürchten". Was die Diskussion um Apothekenketten betrifft, räumte sie ein, das eine reine "Passivstrategie", wie sie der organisierten Apothekerschaft zuweilen vorgehalten wird, "sicherlich falsch" sei. Aber Linz bleibt dabei: Noch hat niemand den Beweis erbracht, dass die Aufhebung des Fremd- und Mehrbesitzes Nutzen bringt. Befragungen zeigten immer wieder, dass die Bevölkerung mit dem Apothekensystem zufrieden sei. Änderungsbedarf bestehe daher nicht. Und: "Liberalisierung um der Liberalisierung Willen, ist für mich kein Argument", betonte Linz. Der Gesundheitsökonom Prof. Peter Oberender von der Universität Bayreuth, hätte mit Apothekenketten hingegen kein Problem: "Das ist die Evolution, da kann man nichts machen", erläutert er schlicht. Der Apotheker sei sehr wichtig – "er wird aber nicht gestärkt, wenn er vor jeder Veränderung geschützt wird". Wenig Verständnis hat er vor allem für das Argument, die Erlaubnis von Ketten könne die flächendeckende Versorgung gefährden. Das habe man bereits in den 1970er Jahren im Lebensmittelhandel befürchtet, so Oberender – und zwar zu unrecht. Apotheker müssten sich überlegen, was wirklich relevant sei – und das ist aus Sicht des Volkswirtschaftlers die Bindung des Apothekenvertriebs. Er gab zu bedenken, dass es hier bald ganz neue Probleme für Apotheker geben könnte, etwa wenn sich Medizinische Versorgungszentren so weit durchsetzten, dass auch das Dispensierrecht für Ärzte wieder zur Debatte stehe. .

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