München: Illegaler Handel mit Arzneimitteln aufgedeckt

MÜNCHEN (sam/lka/az). Am 18. Oktober 2007 gelang dem Bayerischen Landeskriminalamt und der Staatsanwaltschaft ein großer Schlag gegen den illegalen Handel mit Arzneimitteln im Internet. Festgenommen wurden der Inhaber einer Arzneimittelvertriebsfirma und mehrere Apothekerinnen und Apotheker, die u. a. eine Versandapotheke in Polen unterhielten.

Zehn Festnahmen, 22 Objekte durchsucht / Viele Kunden aus den USA

Die Staatsanwaltschaft München I und das Bayerische Landeskriminalamt (LKA) durchsuchten insgesamt 19 Objekte in Stadt und Landkreis München sowie am Ammersee. Zeitgleich liefen auch zwei Durchsuchungen in Baden-Württemberg sowie eine weitere in Nordrhein-Westfalen.

Hintergrund ist ein seit Juni 2007 geführtes Ermittlungsverfahren gegen einen umfangreichen Personenkreis u. a. wegen des Verdachts des illegalen gewerbs- und bandenmäßigen Versandhandels über das Internet mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln sowie solchen, die dem Betäubungsmittelrecht unterliegen.

Eine Arzneimittelvertriebsfirma aus dem Landkreis München bot über eine Vielzahl von Internetseiten Kaufinteressenten die Möglichkeit, rezept- und insbesondere auch betäubungsmittelrezeptpflichtige Arzneimittel zu erwerben. Dies geschah ohne, wie dies erforderlich gewesen wäre, bei einem Arzt vorstellig zu werden und sich diese Medikamente verschreiben zu lassen. Die Kaufinteressenten gaben ihre Wünsche online in ein Bestellformular ein und mussten die Medikamente mittels ihrer Kreditkarten bezahlen. Um die Form zu wahren, wurden sie auf sogenannte "Doktorseiten" weitergeleitet, wo allgemeine Angaben zum Gesundheitszustand abgefragt wurden. Nach Ausfüllen eines Formulars wurde ein fingiertes Rezept generiert, das an tatbeteiligte Apotheken im In- und Ausland weitergeleitet wurde. Der Kaufpreis der Medikamente war meist überteuert; für eine Packung "Valium", die im Einkauf ca. 7 Euro kostet, wurden so z. B. 150 US-Dollar und mehr verlangt. Bereits als Zeugen vernommene Kaufinteressenten gaben an, diese Arzneimittel von ihren Ärzten wegen des hohen Suchtpotenzials der Medikamente nicht mehr verschrieben bekommen zu haben.

Versand in die ganze Welt

Die am schwunghaften Medikamentenhandel beteiligten Apotheken, z. B. auch eine von einer 50-jährigen Deutschen in Polen betriebene Apotheke, verschickten die bestellten Medikamente, die sie zuvor von der Münchner Firma u. a. als Kosmetikartikel deklariert geliefert bekommen hatten, in die ganze Welt. Ein Großteil der Kunden, so ergaben die Ermittlungen, kam aus den USA. Nach ersten Schätzungen hatte allein die Versandapotheke in Polen monatlich Tausende von Abnehmern, wobei dort z. B. im Jahr 2007 Ware im Wert von ca. drei Millionen Euro umgesetzt wurde. Die Bezahlung erfolgte über gutgläubige Kartenabrechnungsunternehmen bei einer Firma in Liechtenstein. Von dort wurde ein Teil des Geldes auf die Konten des deutschen Geschäftsgründers in Südafrika weitergeleitet. Der 54-Jährige hat in Kapstadt seinen Hauptwohnsitz.

Zehn Festnahmen

Die umfangreichen Ermittlungen ergaben einen dringenden Tatverdacht gegen bislang 16 Beteiligte. Zehn von ihnen, drei Frauen und sieben Männer im Alter von 32 bis 61 Jahren, wurden bei der Durchsuchungsaktion am vergangenen Donnerstag festgenommen. Gegen neun von ihnen wurden Haftbefehle erlassen. Während ein Großteil der Tatverdächtigen an ihren Wohn- und Arbeitsplätzen festgenommen wurde, befanden sich der aus Südafrika angereiste 54-Jährige Hauptbeschuldigte und Inhaber der Münchner Arzneimittelvertriebsfirma, ein 47-jähriger Betreiber einer der Internetplattformen und ein 32-jähriger Programmierer aus privaten Gründen in Neuss, wo sie in einem Hotel von Kriminalbeamten festgenommen werden konnten. Sogar in einem Flugzeug gelang noch die Festnahme der 50-jährigen deutschen Apothekerin. Sie wollte gerade von Stuttgart zurück nach Polen fliegen, als die Handschellen klickten.

Unterschiedliche Beteiligungen

Die Festgenommenen waren in unterschiedlicher Weise an dem illegalen Vertrieb der Arzneimittel beteiligt, ihr Tatbeitrag erstreckte sich vom Verpacken über das Erstellen von Rechnungen bis hin zur offiziellen Geschäftsführung der Firma.

Neben dem Firmensitz im Raum München wurden weitere 21 Wohnungen und Geschäftsräume in Stadt und Landkreis München, im Landkreis Landsberg/Lech, in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen durchsucht.

In der Münchner Firma wurden neben wenigen Medikamenten zahlreiche Unterlagen sichergestellt, die nach einer ersten vorläufigen Sichtung die Tatvorwürfe weitgehend belegen. In einem Blechschuppen in Hohenbrunn, Lkr. München, der der Firma als Lager diente, konnten darüber hinaus ca. 360.000 verpackte Tabletten eines Codein-Präparates sichergestellt werden.

Bei dem Einsatz waren eine Staatsanwältin, mehr als 100 Kriminalbeamte sowie vier Mitarbeiter der für den Arzneimittelhandel rechtsaufsichtlich zuständigen Regierung von Oberbayern im Einsatz.

Bisher ist nicht bekannt, dass gefälschte Medikamente an Verbraucher ausgegeben worden sind, jedoch ist eine gesundheitliche Gefährdung der Bezieher der Arzneimittel nicht auszuschließen, da eine medizinische Indikation für die Verabreichung nicht ärztlich festgestellt worden war..

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