Selbstmedikation

Akute Cystitis – wenn die Blase brennt

Wenn 's in den ableitenden Harnwegen brennt und drängt, treiben dort meist E. coli und Co. ihr Unwesen. Eine unkomplizierte Cystitis kann zumindest testweise mit selbstmedikamentösen Maßnahmen angegangen werden. Doch wann wird 's kompliziert und damit ein Arztbesuch notwendig? Welche OTC-Präparate kommen in Frage? Welche Abgabehinweise gehören zum kompetenten Beratungsgespräch dazu? Und mit welchen Tipps kann man Betroffenen zusätzlich helfen?

Entzündungen der ableitenden Harnwege, allen voran die akute Cystitis, zählen nach Infekten des Respirationstrakts zu den häufigsten bakteriell verursachten Erkrankungen. Über die Hälfte aller Frauen wird mindestens einmal im Leben von einem Harnwegsinfekt (HWI) geplagt. Hinsichtlich der pathophysiologischen Vorgänge zeigt die unkomplizierte Cystitis Ähnlichkeit zu den banalen Atemwegsinfekten: Erreger dringen von außen durch die Harnröhre in die Blase ein und vermehren sich dort. Die dadurch irritierte Schleimhaut schwillt an und zeigt typische Entzündungsmerkmale wie Leukozyteneinwanderung, Anstieg von Entzündungsmarkern, Schmerzempfindlichkeit etc. In dieser Situation führt schon ein leichter Dehnungsreiz bei geringem Füllungsgrad zu intensivem Harndrang.

Typische Symptome Die Betroffenen klagen über hochfrequenten, imperativen Harndrang trotz geringer Urinmengen (Pollakisurie). Typisch ist in jedem Fall ein brennendes Gefühl beim Wasserlassen (Dysurie). Leichte Druckschmerzen im Unterbauch können die Blasenentleerung begleiten. Manche Kunden berichten Ihnen vielleicht auch von dem Gefühl, beim kleinen Toilettengang gegen einen Widerstand andrücken zu müssen. Wenn sich am Ende des Miktionsvorgangs die entzündeten Schleimhäute bei der Blasenkontraktion berühren, sind die Beschwerden oft besonders schmerzhaft. Auch eine vorübergehende leichte Inkontinenz mit tropfenweisem Harnverlust beim Husten, Niesen oder Bücken ist keine Seltenheit.

Voraussetzungen für die Selbstmedikation Grundsatz: Nur die unkomplizierte Cystitis ist der Selbstmedikation zugänglich. Unkompliziert heißt: Die Entzündung spielt sich außerhalb der Nieren, also lokal begrenzt in den ableitenden Harnwegen (Urethra, Vesica urinaria, Ureter) ab. Es handelt sich dann um ein relativ mildes Erkrankungsbild ohne allgemeine Schwäche oder Krankheitsgefühl. Fragen Sie im Beratungsgespräch nach der Körpertemperatur, denn eine unkomplizierte Cystitis geht nie mit hohem Fieber einher! Genauso wichtig ist die Dauer der Beschwerden, denn jeder, der sich schon länger als fünf Tage mit Miktionsbeschwerden herumschlägt, sollte zum Arzt geschickt werden! Gleiches gilt für Patienten, die schon mehr als drei Harnwegsinfekte im Jahr hinter sich haben. Ist Ihr Urin übel riechend, stark verfärbt oder blutig rot? ist ebenfalls eine unerlässliche Frage, um die Grenze der Selbstmedikation abzuchecken. Weitere Signale, die eine Selbstmedikation ausschließen, siehe Kasten Ernstzunehmende Alarmsignale . Können Sie nach diesen Sicherheitschecks mit bestem Wissen und Gewissen zu einem Therapieversuch in Eigenregie raten, sollten Sie dennoch einen doppelten Boden einbauen, indem Sie die Selbstmedikation von vornherein auf maximal fünf Tage begrenzen dann sind Sie als Berater auf der sicheren Seite. Übrigens: Im Gegensatz zur chronischen Verlaufsform birgt eine umgehend und richtig behandelte, vollständig auskurierte, unkomplizierte akute Cystitis kaum Gefahren für Folgeschäden.

Männer sind kompliziert Rein statistisch gesehen handelt es sich bei den Kunden mit einem Harnwegsinfekt in der Apotheke überwiegend um jüngere Frauen. Dies hat physiologische Gründe (siehe Kasten). Für Männer erhöht sich das Risiko erst in höherem Lebensalter, wenn infolge einer Prostatahyperplasie der Urinabfluss behindert ist. Im Restharn finden Bakterien dann ein geeignetes Milieu, um sich zu vermehren. In der Offizin ist daher jeder Mann mit Symptomen einer Blasenentzündung auch bei scheinbar harmlosen Beschwerden als komplizierter Fall zu betrachten und somit umgehend einer ärztlichen Untersuchung zuzuführen. Alle Schwangeren, Kinder, Diabetiker, Immunsupprimierte, Patienten mit Dauerkathetern oder Urolithiasis in der Vorgeschichte gelten ebenfalls per se als komplizierte Fälle. Denn hier liegen dem Harnwegsinfekt oft andere Ursachen zugrunde. So können sich im Kindesalter hinter einer vermeintlichen Blasenentzündung anatomische oder funktionelle Anomalien verbergen. Bei Diabetikern drohen wegen der erhöhten Infektanfälligkeit häufiger schwerwiegende Verläufe wie z. B. eine Pyelonephritis. In der Schwangerschaft gilt jeder Infekt in den ableitenden Harnwegen als kompliziert, da die Gefahr von Komplikationen erhöht ist.

Übeltäter aus den eigenen Reihen Im Gegensatz zu Atemwegsinfekten sind für den Schnupfen in der Blase meist nicht Viren, sondern Bakterien verantwortlich. Rund 80% der Fälle werden durch Coli-Bakterien, die aus der Darmflora in die Harnwege gelangt sind, ausgelöst. Seltener sind andere Enterobakterien wie Proteus mirabilis, Enterobacter, Klebsiellen oder Enterokokken die Übeltäter. Allerdings scheinen insbesondere Proteus-Infektionen an praktischer Relevanz zu gewinnen, nicht zuletzt, weil sie auf eine Antibiose oft schlecht ansprechen. Wo habe ich mir meine Blasenentzündung nur geholt? Diese Kundenfrage lässt sich im HV nur selten klären. Jedoch bietet sie einen guten Anknüpfungspunkt, um über blasenprotektive Verhaltensmaßnahmen aufzuklären:

  • Unterkühlung durch nasse Badekleidung, kalte Füße oder Sitzen auf kaltem Untergrund ebnet den Erregern einer Harnwegsinfektion den Weg. Daher die betreffenden Körperteile stets warm halten.
  • Täglich mindestens zwei Liter trinken, um aufsteigende Keime mit dem Urin auszuspülen.
  • Regelmäßig zur Toilette gehen und den Harndrang niemals längere Zeit unterdrücken!
  • Um Restharn zu verhindern, die Blase stets vollständig entleeren; daher beim Wasserlassen auch keine vorgebeugte Haltung einnehmen.
  • Um Schmierinfektionen zu vermeiden, Genital- und Analbereich stets von vorn nach hinten reinigen.
  • Intensive Intimhygiene, Vaginalspermizide und Scheidenspülungen können die physiologische Abwehrfunktion gegen bakterielle Eindringlinge schwächen.
  • Geschlechtsverkehr erhöht die Gefahr einer Infektion der Harnwege (Honeymoon-Cystitis).

Mit dem Toilettengang danach können Frauen die Infektionsgefahr vermindern. Ist es doch zur Blasenentzündung gekommen, empfinden die Betroffenen milde Wärme (z. B. Fußbäder, Kirschkernsäckchen, Wärmflasche) als angenehm. Raten Sie außerdem für einige Tage zum Verzicht auf intensiv gewürzte oder scharfe Speisen, um die Harnwege nicht zusätzlich zu reizen.

Phytotherapie zur Aquarese Um die Durchspülung der Harnwege und damit das Ausschwemmen pathogener Keime zu forcieren, werden Phyto-Aquaretika eingesetzt. Sie greifen im Gegensatz zu den Diuretika nicht in den Elektrolythaushalt ein. Die gängigen Fertigarzneimittel enthalten Goldrutenkraut (umfasst mehrere Solidago-Arten wie S. canadensis, S. gigantea), echtes Goldrutenkraut (Solidago virgaurea), Birkenblätter, Schachtelhalmkraut, Orthosiphonblätter, Hauhechelwurzel, Odermennigkraut, Queckenwurzelstock etc. (z. B. Aqualibra®, Carito® mono, Cystinol®, Cystinol® long, Solidago Steiner®). Die aquaretische Wirkung wird vermutlich von der enthaltenen Flavonoidfraktion vermittelt. Allerdings ist die wissenschaftliche Datenlage dazu nach wie vor recht dünn. Daher wird der Einsatz dieser Phytopharmaka oft kritisiert. Für die meisten der eingesetzten Drogen liegt jedoch eine positive Monographie der Kommission E vor.

Nichts für jeden Nieren-Blasen-Tees mit den oben genannten Drogen haben in der Selbstmedikation in der Apotheke einen hohen Stellenwert. Die gute praktische Erfahrung scheint ihren Einsatz zu rechtfertigen. Kritiker reduzieren den beobachteten Effekt allerdings auf die mit der Teezubereitung zugeführte Flüssigkeitsmenge. Die Empfehlung lautet meist drei bis fünf Tassen pro Tag davon zu trinken. Bei der Abgabe sollte man in jedem Fall daran erinnern, dass ihr Einsatz im Sinne einer Durchspülungstherapie keinesfalls zum eigenmächtigen Dauergebrauch geeignet ist. Bei Personen mit Ödemen infolge von Herz- oder Niereninsuffizienz sind Nieren-Blasen-Tees sogar kontraindiziert! Ebenfalls nichts für jeden sind die an sich bewährten Spasmolytika (z. B. Butylscopolamin). Sie senken zwar den Tonus der überaktiven Blasenwand und bringen bei Blasenkrämpfen Erleichterung. Doch hier ist besonders genau auf die urogenitalen Kontraindikationen wie Blasenentleerungsstörungen zu achten. Außerdem sollten starke Schmerzen im Unterbauch, die die Harnwegsinfektion begleiten, stets ärztlich abgeklärt werden.

Pflanzliches Harndesinfizienz Die Bärentraube (Arctostaphylos uva-ursi) ist ein beliebtes Harnwegs-Antiseptikum. Ihre Blätter enthalten u. a. das Phenolglykosid Arbutin, das im alkalischen Milieu zum antiseptischen Aglykon Hydrochinon umgesetzt wird. Ein wichtiger Abgabehinweis zu entsprechenden Präparaten (z. B. Arctuvan®, Cystinol® akut) ist: Während der Einnahme sollten Sie möglichst viele basische Nahrungsmittel wie Kartoffeln und Gemüse essen oder den Harn mit Basenpräparaten alkalisieren . Damit sich die Wirkstoffe im Harn anreichern können, ist vor allem die Einnahme zur Nacht sinnvoll. Die Anwendung Arbutin-haltiger Zubereitungen sollte jedoch wegen Verdacht auf kanzerogenes Potenzial maximal eine Woche (bis zu fünfmal pro Jahr) betragen. Auch zur Bärentraube liegt nur wenig klinisches Studienmaterial über die Behandlung der akuten Cystitis vor. Die Kommission E und die ESCOP (European Scientific Cooperative on Phytotherapy) haben die Droge jedoch zur Behandlung unkomplizierter Harnweginfekte empfohlen. Wichtiger Tipp bei der Abgabe von Bärentraubenblätter-Tee: Wegen des hohen Gerbstoffgehalts sind mehrstündige Kaltauszüge, die man erst nach dem Abseihen kurz aufkocht, magenschonender. Das Kaltwassermazerat enthält bei fast gleichem Arbutin-Gehalt weniger Gerbstoffe.

Schutz vor Harnwegs–infektionen aus Amerika Der Saft aus der Preiselbeere (Vaccinium vitis-idaea) und der großfruchtigen, aus Nordamerika stammenden Moosbeere (Vaccinium macrocarpon, Cranberry) wird schon lange volksmedizinisch zur Prophylaxe vor rezidivierenden Harnwegsinfektionen eingesetzt. Vor wenigen Jahren haben Studienergebnisse auch ein wissenschaftliches Indiz für diese Wirkung geliefert: Eine finnische Studie hat gezeigt, dass die tägliche Einnahme von 50 ml Cranberry-Saft die HWI-Rezidivwahrscheinlichkeit um 56% senken kann. Vermutlich hemmen bestimmte Tannine die Adhäsion von E. coli an uro–epitheliale Zellen und verhindern so dessen Vermehrung im Harntrakt. Wichtig für die Beratung: Bei einer bereits bestehenden akuten Cystitis scheinen Preiselbeeren dagegen –keinen Nutzen zu haben. Und wer es mit dem Cranberry-Konsum übertreibt, läuft auf Dauer Gefahr, sich Nierensteine einzuhandeln!

Ernstzunehmende Alarmsignale Bei folgenden Begleitsymptomen einer Cystitis handelt es sich um Anzeichen für schwerwiegende Erkrankungen der Harnwege (z.B. Pyelonephritis), die eine Selbstmedikation verbieten:

  • intensive (einseitige) dumpfe Rückenschmerzen in der Nierengegend
  • hohes Fieber und Schüttelfrost
  • starkes allgemeines Krankheitsgefühl
  • Übelkeit und Erbrechen
  • intensiv blutiger Urin
  • extreme Schmerzen und Tenesmen beim Wasserlassen
  • Urinabflussstörung mit Harnverhalt Die akute Cystitis ist weiblich Die akute Cystitis trifft überwiegend Frauen. Der Hauptgrund dafür liegt in den anatomischen Verhältnissen. So ist die Urethra von Frauen 3 bis 4 cm kürzer als beim Mann. Ascendierende Bakterien haben hier also einen viel kürzeren Weg bis zur Blase zu überwinden. Die anatomische Nähe von Harnröhren-, Vagina- und Darmöffnung erhöht außerdem die Gefahr von Schmierinfektionen. Schließlich stammen die Cystitis-Erreger meistens aus der eigenen Darmflora. Aber auch Hormonschwankungen während Schwangerschaft oder im Klimakterium erhöhen die Anfälligkeit des weiblichen Körpers für Blaseninfekte.

    Urin-Check mit Harnteststreifen Als Probenmaterial für die Harnuntersuchung mit Urinteststreifen wird Mittelstrahlurin eingesetzt, das heißt, das erste und letzte Drittel des Harns wird verworfen, der mittlere Teil wird in einem sauberen, trockenen Gefäß aufgefangen. Der Anwender taucht die Testfelder für ca. zwei Sekunden ein und kann das Ergebnis dann anhand der mitgelieferten Farbskala nach ca. einer Minute ablesen. Im Hinblick auf eine Harnwegsinfektion sind dabei folgende Parameter relevant:

    • Leukozyten im Urin sind ein Leitsymptom für infektiöse (aber auch für nicht-infektiöse) Entzündungen.
    • Nitrit gilt als indirekter Bakteriennachweis (E. coli und andere harnpathogenen Keime reduzieren das im Harn vorliegende Nitrat zu Nitrit).
    • Erythrozyten bzw. Hämoglobin können mittels Teststreifen schon in winzigen, visuell nicht wahrnehmbaren Konzentrationen aufgespürt werden (Cave: Bereits drei Tage vor Menstruationsbeginn sowie nach Geschlechtsverkehr können ebenfalls Blutspuren im Urin vorliegen).
    • Der pH-Wert des Urins schwankt physiologischerweise zwischen pH 5 und 7. Bei Harnwegsinfekten ist der Wert oft ins Basische verschoben.

    Besser sauer oder basisch? {te}Den Harn zu alkalisieren kann bei Harn–wegsinfekten kontraproduktiv sein. Insbesondere Keime aus der Gattung Proteus besitzen eine Urease, die Harnstoff in Ammoniak spaltet und damit den Harn-pH-Wert anhebt. Bei zunehmender Alkalisierung kann das Harnwegsepithel angegriffen werden, was der weiteren Erregerausbreitung Vorschub leistet. Ärzte versuchen daher oft gegenzusteuern und den Harn z. B. mit Methionin-Präparaten (Acimethin®) anzusäuern. Die Empfehlung, parallel zur Einnahme von Arbutin-haltigen Präparaten für einen basischen Harn zu sorgen, sollte daher wie die eigentliche Selbstmedikation auf wenige Tage begrenzt werden. Werden keine Bärentraubenblätter eingesetzt, gilt Ansäuern des Harns z. B. durch Vitamin C etc. als nützlich, da das Wachstum vieler pathogener Bakterien im sauren Milieu gehemmt wird.

    Erregerhäufigkeit bei Harnwegsinfekten E. coli: 60 bis 80% Enterokokken: 5% Proteus (v. a. Proteus mirabilis): 5% Klebsiella: 5% Enterobacter: 5% Pseudomonas: 5% andere: 10% Quelle: www.akh-consilium.at

  • Über die Hälfte aller Frauen wird mindestens einmal im Leben von einem Harnwegsinfekt geplagt. Erreger dringen von außen durch die Harnröhre in die Blase ein und vermehren sich dort. Eine unkomplizierte Cystitis kann zumindest testweise mit selbstmedikamentösen Maßnahmen angegangen werden kann. Welche Abgabehinweise gehören zum kompetenten Beratungsgespräch dazu? In unserem Beitrag lesen Sie, mit welchen Tipps man Betroffenen zusätzlich helfen kann. Wichtig: Nur die unkomplizierte Cystitis ist der Selbstmedikation zugänglich.

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