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Nach der euphorischen Ankündigung unserer Bundesgesundheitsministerin im vergangenen Jahr, dass sich die elektronische Gesundheitskarte (eGK) bereits ab Januar 2006 in den Händen der Bundesbürger befinden solle, dann aber alles weit nach hinten verschoben werden musste, herrschte erstmal Funkstille aus dem Ministerium. Zu viel Unberechenbares tat sich bei dem wohl ehrgeizigsten IT-Projekt weltweit auf, nachdem sich auch die Beteiligten nicht auf ein einheitliches Vorgehen einigen konnten. Seit dieser Woche ist sie wieder in den Schlagzeilen: Die Gesundheitskarte kommt, heißt es da (wieder einmal), und als Termin wird Mitte 2008 genannt. Der Grund für diese Meldungen ist der beginnende große Testlauf in der Region Flensburg mit 10.000 ausgewählten Versicherten, 25 Ärzten und zwei Krankenhäusern. Apotheken sind zunächst noch nicht dabei und sollen erst später eingebunden werden. Weitere Regionen in anderen Bundesländern sollen folgen. In ganz kleinen Schrittchen wird das Kärtchen nun geprüft. Zunächst wird sie wie eine Krankenversichertenkarte behandelt und geprüft, ob sie überhaupt lesbar ist. Im Frühjahr soll sie dann auch als elektronisches Rezept getestet werden, nachdem Apotheken sich dem Test angeschlossen haben. Ob sie dann tatsächlich schon Mitte 2008 für alle Bundesbürger zur Verfügung stehen kann, hängt auch von den Ergebnissen dieser Versuche ab. Und davon, ob sich alle Beteiligten letztendlich auf das gesamte Procedere verständigen können. Klar ist nur, dass sie die meisten Bundesbürger wollen. In einer Umfrage des BKK-Bundesverbands begrüßte jeder zweite Versicherte die Einführung der eGK, 90 Prozent schätzten auch die Möglichkeit, dass auf ihr die verordneten Arz–neimittel und Notfalldaten gespeichert werden können. Mit der eGK tut sich in der Tat eine wundersame neue Welt der Transparenz und Vernetzung auf. Daten könnten nicht nur unmittelbar auf der Karte gespeichert werden, sie könnte vielmehr auch der Schlüssel zu einer umfassenden Patientenakte auf einem zentralen Rechner (wo steht der eigentlich?) sein, auf dem die Gesundheitsdaten des Bürgers von der Wiege bis zur Bahre gespeichert werden. Und da fängt denn auch die Unberechenbarkeit an: Wie viel Transparenz wollen wir? Was ist freiwillig, was muss sein? Wie steht es mit der Sicherheit? Da der Datenverkehr übers Internet abgewickelt wird, vermuten Experten, dass Hacker, Viren und Würmer eine gefährliche Bedrohung darstellen bis jetzt konnte fast jedes System schon geknackt werden. Unberechenbar ist die Karte auch hinsichtlich der Kosten für die Einführung, die das Ministerium mit 1,4 bis 1,6 Milliarden Euro angibt. Hier gehen Experten mittlerweile vom Fünffachen aus. Ob sich da die Planung erfüllt, dass die Karte Ein–sparungen im Gesundheitswesen bringt, steht bei diesen astronomischen Summen in den Sternen. Was uns als Apotheker umtreiben dürfte, ist zudem die Frage, ob dann auch ausländische Versandapotheken, beispielsweise in den Niederlanden, an das System der Gesundheitskarte angeschlossen werden dürfen oder sogar müssen. Wenn dies der Fall ist, dann tut sich hier eine neue Dimension des europaweiten Versandhandels auf. Ein Patient könnte seine Gesundheitskarte mit dem abgespeicherten Rezept in ein Terminal stecken, das beispielsweise im dm-Markt steht, seine bevorzugte Versandapotheke auswählen und auf Senden drücken. Trotz aller Unwägbarkeiten: Die eGK wird kommen, an ihr führt kein Weg vorbei, sie wird aber noch lange unberechenbar bleiben hinsichtlich des Zeitplans, der Sicherheit und der Kosten.

Peter Ditzel

Nicht mehr berechenbar

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