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Insekt des Jahres: Marienkäfer

Der Siebenpunktmarienkäfer ist vom Kuratorium "Insekt des Jahres" in Deutschland und Österreich für das Jahr 2006 erkoren worden. Das niedliche Krabbeltier steht symbolhaft für die vielgestaltige Funktion der Käfer in Natur und Kultur.

Mit dem Siebenpunktmarienkäfer (Coccinella septempunctata) hat das Kuratorium, dem unter anderem die Entomologische Gesellschaft Österreichs und das Deutsche Entomologische Institut angehören, ein Insekt gewählt, das jeder kennt und liebt. Das kleine rote Kerbtier ist in Stadt und Land weit verbreitet und setzt sich scheinbar zutraulich auf die Hände des Menschen. Die rote Farbe der Deckflügel und die charakteristischen sieben Punkte darauf kennt jedes Kind. Das Krabbeltierchen ist weder selten noch bedroht, sondern im Gegenteil weltweit verbreitet und reagiert nicht empfindlich auf ökologische Eingriffe des Menschen.

Eine große Familie

Carl von Linné hatte 1758 in der 10. Auflage seines Werkes "Systema naturae" schon 36 Marienkäferarten unterschieden und dem Siebenpunkt seinen heutigen Namen gegeben. Mehr als 5000 Marienkäferarten in der Familie der Coccinellidae soll es weltweit geben. In Mitteleuropa sind heute mehr als 200 Arten beschrieben, in Deutschland alleine über 80. Dazu gehören der Zweipunktmarienkäfer (Adalia bipunctata), von dem es mindestens 80 Zeichnungsvarianten mit meistens roter oder schwarzer Grundfarbe gibt, und der rote Fünfpunktmarienkäfer (Coccinella quinquepunctata).

Der Siebenpunktmarienkäfer sticht beide an Beliebtheit aus. Sein auffälliges Rot zeigt seinen Feinden, dass er nicht besonders gut schmeckt. Die halbkugelige Form wirkt niedlich. Dem Menschen ist er ein Symbol für Liebe und Glück. Schon die alten Germanen brachten ihn in Verbindung mit Freya, der germanischen Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit. Nach der Christianisierung trat Maria an Freyas Stelle und wurde die Namenspatin des Käfers.

Gefräßiger Blattlauslöwe

Der Marienkäfer ist von großer praktischer Bedeutung für den Menschen, da er riesige Mengen an Blattläusen verschiedener Arten vertilgt. Er lebt vorwiegend in deren Nähe in der Krautschicht der Pflanzen. Für Larvenentwicklung und Fortpflanzungsfähigkeit benötigt er allerdings bestimmte Arten auf dem Speiseplan. Andere einheimische Marienkäfer nehmen auch gerne Schildläuse, Mottenschildläuse, Blattflöhe, Spinnmilben, Wanzen, Blasenfüße, Larven von Schmetterlingen, Käfern und Blattwespen, grüne Pflanzen, Pollen und Mehltaupilze als Haupt- oder Nebennahrung. Außerdem ist Kannibalismus bei den Larven weit verbreitet.

In Mitteleuropa ernähren sich zwei Drittel der Arten vorwiegend von Blattläusen, weltweit stehen aber die Schildläuse an der Spitze des Speiseplanes. Da der Käfer damit in Konkurrenz zu Ameisen steht, die sich die Blattläuse wie Nutzvieh als Nahrungsquelle halten, muss er sich wehren. Das tut er mit dem stark riechenden gelben Alkaloid Coccinellin, das er aus kleinen Poren der Kniegelenkhaut ausscheidet. Bei Bedrohung kann er sich auch tot stellen. Wird er dennoch gefressen, spuckt ihn der Fresser häufig wegen des bitteren Geschmacks wieder aus.

Sein naher Verwandter Coccinella magnifica bevorzugt sogar die Nähe gefährlicher Feinde. Er lebt neben den großen Haufen der Roten Waldameise (Formica rubra) und tut sich an deren sorgfältig gehüteten Blattlausherden gütlich. Wegen des reichlich gedeckten Tisches hat er eine um zwölf Wochen längere Fortpflanzungszeit. Doch hat dieser Vorteil seinen Preis: Der Käfer wird stärker von den sexuell übertragenen Coccipolipus-Milben befallen. Da einige Käfer durch die gute Ernährung bereits vor dem Ende der Saison die Geschlechtsreife erreichen und sich mit Individuen der Elterngeneration paaren, kann die parasitische Milbe auf die junge Generation überspringen und mit ihr überwintern.

Überwinterung und Fortpflanzung

Im Winter dienen den Marienkäfern Laubhaufen, modrige Baumstümpfe und Spalten in Mauern oder im Dachboden als Unterschlupf. Sie haben ein körpereigenes Frostschutzmittel aus Glycerin und anderen Alkoholen, das das Ausfrieren des kleinen Körpers verhindert.

Der Siebenpunkt paart sich nach überstandener Winterstarre und klebt, sobald es warm genug ist, seine 1,3 mm langen, gelben Eier in die Nähe von Blattlauskolonien, in der Regel auf die Unterseite von Blättern. Jedes Weibchen legt um die 800 Eier. Nach fünf bis zehn Tagen, je nach Temperatur und Luftfeuchte, schlüpfen die Larven, die sich über vier Stadien zum adulten Tier auswachsen. Jede Larve frisst bis zur Verpuppung meistens deutlich mehr als 400 Blattläuse; ihr Name Blattlauslöwe hat deshalb seine Berechtigung.

Die Larve verpuppt sich nach etwa 14 Tagen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Käferarten bildet der Marienkäfer eine Mumienpuppe, die sich dadurch auszeichnet, dass die Beine und Fühler nicht aus der Puppe herausschauen, sondern fest mit dem Körper verklebt sind. Nach dem Schlüpfen des fertigen Käfers dauert es zwei Tage bis zur vollen Ausprägung der roten Farbe. Seine Lebensspanne beträgt ein Jahr.

Begründer der biologischen Schädlingsbekämpfung

Die Marienkäfer stehen am Beginn der gezielten biologischen Schädlingsbekämpfung. Als 1889 die australische Wollschildlaus Icerya purchasi nach Kalifornien und ein Jahr später nach Hawaii eingeschleppt worden war, stand der Zitrusanbau vor dem Aus. Erst mit der erfolgreichen Einführung des australischen Marienkäfers Rodolia cardinalis in die Plantagen gelang es, des Schädlings Herr zu werden. Seitdem hat R. cardinalis den Zitrusanbau in mehr als 30 Ländern gerettet. Sie wurde der sich weltweit ausbreitenden I. purchasi gewissermaßen hinterhergeschickt. Das war der erste große Erfolg der biologischen Schädlingsbekämpfung weltweit! Allerdings führte er zu übersteigerten Erwartungen an Marienkäfer im biologischen und integrierten Pflanzenschutz.

Heute arbeitet auch der Siebenpunkt im Erwerbsgartenbau. Er wird in großen Mengen gezüchtet und an Kunden verschickt. Leider wird auch der aus dem nördlichen Ostasien stammende Asiatische Marienkäfer Harmonia axyridis als gewerblicher Nützling eingesetzt. Der Neuling schädigt die einheimische Marienkäferfauna erheblich, da er sich stärker vermehrt und andere Arten verdrängt. In den USA wird er seit 1908 freigesetzt. Mit seinem verstärkten Einsatz seit dem Ende der 1970er-Jahre hat er sich vom Golf von Mexiko bis nach Kanada ausgebreitet. Seit einigen Jahren treten dichte Schwärme als Landplage auf. In wenigen Fällen kam es schon zu Missernten im Weinbau, da die bitteren Käfer mitgeerntet worden waren.

Trotz dieser Schäden wird der Asiatische Marienkäfer bis heute auch in Europa kommerziell vertrieben und eingesetzt (in Deutschland nur mit einzelrechtlicher Genehmigung). Es ist wohl zu spät, um ihn aus der Umwelt zurückzuholen. Da seine Färbung von orangerot bis fast völlig schwarz variiert, ist er nur schwierig zu bestimmen. Man findet ihn insbesondere im Herbst in großen Mengen an Hausmauern, wo er sich zur Winterruhe zusammenfindet.

Der Siebenpunkt hat im Gegenzug die neue Welt erobert. 1973 war er an der Ostküste Nordamerikas angesiedelt worden. Schon nach wenigen Jahren hatte er die Rocky Mountains überquert. Noch in 3500 Metern Höhe scheint er sich wohl zu fühlen. Er ist heute eine fest etablierte Art des nördlichen Amerikas.

Die Feinde des Käfers

Marienkäfer haben auch Feinde. Dazu gehören vor allem Parasiten wie die Marienkäfer-Brackwespe (Perilitus coccinellae) und die Rennfliegen (Phalacrotophora). Der Parasitierungsgrad der Larven und Puppen von Marienkäferpopulationen kann 80 Prozent und mehr betragen. Die Brackwespe legt ihre Eier an verpuppungsreife Larven oder an die frischen, noch hellen Puppen.

Die Larven schlüpfen nach zwei Tagen, bohren sich in den Wirt und fressen ihn aus. Erstaunlicherweise fressen auch Grizzlybären Marienkäfer, insbesondere wenn sie im Herbst niedergelassene Schwärme der nordamerikanischen Art Hippodamia convergens finden.

Die Marienkäfer zeigen sehr anschaulich, dass auch kleine Tiere sehr vielschichtig in das Räderwerk von Flora und Fauna eingewoben sind.

Punktzahl

Die Anzahl der Punkte hat nichts mit dem Alter der Tiere zu tun. Sie ist artspezifisch. Die Käfer bilden zudem jedes Jahr eine neue Generation. In den warmen Regionen Südeuropas können es auch zwei sein. Im tropischen Indien ist die Generationenfolge schon nicht mehr jahreszeitlich zu differenzieren, da permanent neue Käfer heranwachsen.

Schwärme

Unter besonders günstigen Bedingungen kann der Siebenpunkt in ungeheuren Mengen auftreten. An einem fünf Kilometer langen Ostseestrand wurde ein Schwarm von mehr als 25 Millionen Käfern beobachtet. Auf einem Getreidefeld in Schleswig-Holstein sind 235.000 Individuen je Hektar gefunden worden. Eines der faszinierendsten Phänomene aus der Biologie der Coccinellidae ist die Bildung von Schwärmen für die Überwinterung. Für einen einzigen solchen Überwinterungsplatz von Hippodamia convergens in Kalifornien wurde die Zahl von 42 Millionen Käfern berechnet.

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